Morbus ignorantia – Die Krankheit Unwissen

Die Meinung ist frei – und die Wahrheit ist Macht

NEMMERSDORF (Kr. Gumbinnen) – OKTOBER 1944


Dieser Artikel ist von 1997. Man kann nur immer wieder darauf hinweisen, welches Grauen auch unserem Volke zuteil wurde. Wir dürfen es nicht vergessen! Der Mahnung wegen!

Was in Ostpreußen wirklich geschah

Von Joachim Reisch

Nachdem politisch verantwortliche Kräfte der Bundesrepublik Deutschland zugelassen haben, daß reine Zweckpropaganda, zumeist auch noch von auswärts herangetragen, weithin der wissenschaftlichen Zunft der Geschichtsschreibung triumphieren darf, sind gesicherte historische  Fakten gleichsam binnen weniger Jahre verdrängt oder mit völlig neuer Wertung in das Licht der Öffentlichkeit zurückgeführt worden.

So sanken die Opferzahlen des Bombenmassakers von Dresden ebenso wie die der Vertriebenen aus  dem Sudetenland auf schaurig wundersame Weise. Es nimmt daher auch kaum wunder, daß die bestialische Schlächterei im ostpreußischem Nemmersdorf durch Angehörige der Sowjetarmee Gegenstand einer ersten Retuschearbeit wurden.

 Bernhard Fisch hat sich nun daran versucht. Doch nachdem das Buch von einem süddeutschen Verlag verworfen und auch Marion Gräfin Dönhoff das Vorwort verweigert hat, ist es dann in einem Berliner Verlag erschienen.

Kein Ereignis  im letzten Weltkrieg hat mich so ergriffen wie Nemmersdorf in meiner ostpreußischen Heimat. Wir sind zwar mit unserem großen Treck dem grauenvollen Schicksal knapp entkommen, haben aber wenige Stunden danach die Opfer der Zivilbevölkerung selbst dort gesehen.

Es bleiben trotz aller Mitteilungen in Presse, Rundfunk und Fernsehen noch viele Fragen offen, weil ja kein Einziger lebend aus dieser Hölle herausgekommen ist.

So kann auch das eben  erschienene Büchlein von Bernhard Fisch “Nemmersdorf Oktober 1944″, (ed. ost., Berlin 1997) die Wunden neu aufreißen und nur die Tatsachen bezweifeln, aber trotz umfangreicher Studien nicht grundlegend korrigieren.

 Heute, nach 50 Jahren, beginnt zunehmend bei uns die schonungslose Abrechnung mit der Vergangenheit. Es vergeht kaum ein Tag, wo wir nicht mit unserer Geschichte konfrontiert werden: Judenverfolgung, Konzentrationslager, Naziregime  und der Zweite Weltkrieg, vielfach als Gemeinschaftssendung aus- und inländischer Rundfunkanstalten.

Solange es bei der Wahrheit bleibt, ist die Aufklärung sicherlich nützlich, um Wiederholungen zu vermeiden. Aber der  Wahrheitsgehalt nach über 50 Jahren ist sehr schwierig nachzuprüfen. Die Zeitzeugen werden immer rarer und stiller. Unversehens kann plötzlich eine Geschichtsfälschung entstehen, die gar nicht gewollt wurde. Oder doch?

Die  Aussöhnung zwischen den ehemaligen Gegnern kann aber nur auf der Basis der reinen Wahrheit dauerhaft wirken. Zahlreiche Sendungen in Rundfunk und Fernsehen sowie Schriften reißen die Wunden wieder auf, erzeugen erneut Zwietracht  und Haß zwischen den Generationen bis zu den einzelnen Familienmitgliedern. Hierzu gehören auch die umstrittene Antiwehrmachtsausstellung in vielen deutschen Städten und tendenziöse Filme über den 2.Weltkrieg.

Bei einer solchen  Sendung des ZDF vom 29.7.1994 “Das Jahr des Widerstandes – Damals 1994″ wurden u.a. auch die Greultaten der Roten Armee beim Einmarsch in Ostpreußen, speziell in “Nemmersdorf gezeigt und mit Vergeltung und Rache für deutsche Schandtaten in der Sowjetunion erklärt.

Maßgebend für solche Handlungsweise sollte auch der Anblick des Vernichtungslagers Majdansk in Polen gewesen sein. Von Katyn bis Smolensk und den dort entdeckten Massengräbern von  4.100 polnischen Offizieren wurde nichts erwähnt. Erst durch Gorbatschow wurde in den letzten Jahren die Wahrheit zugegeben: nicht deutsche Soldaten, sondern die sowjetische NKWD war der Täter.

Bis heute rätsele ich an der Ursache des Massakers von Nemmersdorf am 20./21. Oktober 1944 und was sich in den anderen Orten Alt-Wusterlitz, Schweizerau, Schluzenwalde, Lützen und Springdorf abgespielt hatte.

Auch die Schrift von B. Fisch: “Nemmersdorf  Oktober 1944″ bringt kein Licht in das Dunkel. Er selbst, als gebürtiger Ostpreuße, damals Oberschüler und zum Hilfsdienst bei der leichten Artillerie in Insterburg eingesetzt, fühlt sich dazu berufen, nach über 50 Jahren das  Massaker von Nemmersdorf aufzuklären.

Er studierte die alten Quellen, sicherte Archivmaterial aus St. Petersburg und Moskau, was neu ist, knüpfte Kontakte zu ehemaligen Einwohnern von Nemmersdorf und besuchte auch die Stätte  selbst.

Das Ergebnis ist allerdings trübe, wenn mehr oder weniger alles der Goebbelschen Propaganda-Maschine zugeschoben wird, Aussagen von maßgeblichen deutschen Offizieren und Soldaten, die an diesem Kampf teilgenommen haben,  angezweifelt werden.

Die Angaben vom damaligen sowjetischen General Galizki bzw. Gefechtsberichte von seinem Oberst Bulygin als Kader der in Nemmersdorf eingesetzten 25. Gardepanzerbrigade sind hinsichtlich der Zeitangaben und  deutschen Verluste vielfach nicht den Tatsachen entsprechend. Nemmersdorf war von ihnen nicht mehrere Tage besetzt, sondem nur einige Stunden, was ich ja selbst erlebt habe.

In dieser Zeit habe ich nicht ein einziges deutsches Kampfflugzeug in dieser Gegend gesehen. Wie können dann deutsche Flugzeuge die besagte Brigade schwer bombardiert haben?

In der allgemeinen Hast, Kopflosigkeit und Verwirrung hat es hier sicher auf beiden Seiten manche falsche  Meldung gegeben. Schon bei einem Verkehrsunfall wird ja die Beweisaufnahme schwierig!

So ist mir bekannt der Beschuß der eigenen Linien durch unsere Artillerie wie auch der Zusammenbruch eines sowjetischen Gegenstoßes durch deren Schlachtflieger. Angehörige der “Fallschirmpanzer-division Hermann Göring” könnten darüber noch ganz genau berichten und haben vieles im Bild festgehalten.

Der Autor stolpert dann selbst über Nachrichten des  “Times”-Korrespondenten Urch vom November 1944, wonach Nemmersdorf niemals von Russen besetzt und die Morde an der Zivilbevölkerung von Deutschen selbst verübt worden waren.

Geradezu unerhört erscheint ihm auch eine  Publikation des Kaliningrader Kollektivs von 1989, worin behauptet wird, daß nach Angaben eines gefangenen deutschen Infanteristen des 43. Infanterieregiments der Ersten Ost-preußischen Division das gesamte Massaker von Nemmersdorf von deutschen Soldaten in russischer Uniform in einem streng bewachten Platz für Propagandafilme nachgestellt wurde.

Das erinnert an den “Fackelmänner-Befehl” von Stalin vom 17. November 1941, wo gerade umgekehrt sowjetische Soldaten in deutschen Beuteuniformen im Hinterland des besetzten Gebietes Greueltaten vortäuschen sollten (Stalins “Taktik der verbrannten Erde”) – enth. Nr. 0428, Archiv Serie 429, RoUe 461, Generalstab  des Heeres, Abtl. Frernde Heere Ost II H 3/70 Fr. 6439568, Lagerstätte: Nationalarchiv Washington.

Zum Schluß muß Fisch jedenfalls zugeben: “In Nemmersdorf fanden Verbrechen statt.” Sie waren aber nicht  “marginal” und nicht “inszeniert”.

Als Zeitzeuge muß ich im Anhang auf meinen Bericht im Ostpreußenblatt vom 26.11.1994 (s. auch Sigrid Reisch v. Wagner: “Baltisch-ostpreußische Erinnerungen”, PIAG  Baden-Baden 1979) zurückgreifen:

“Als Verwundeter von der Invasionsfront im Westen ließ ich mich angesichts des bedrohlichen Vormarsches der Roten Armee auf Ostpreußen. 0ktober 1944 vom Lazarett Wildbad i. Schwarzwald in  meine heimatlichen Gefilde Husarenberg (Perkallen) bei Gumbinnen zur ambulanten Behandlung entlassen.

Zwei Tage später begleitete ich schon unter Kanonendonner unseren Treck Richtung Nemmersdorf. Trecken war noch immer ohne Räumungsbefehl unter Todesstrafe verboten.

Es waren 133 Menschen, unsere Gutsarbeiter mit ihren Familien, französische/belgische Kriegsgefangene und etwa 50 Pferde unseres Gestüts für die Fahrzeuge.

Als die Sonne schon  unterging, erreichten wir mühsam und erschöpft Nemmersdorf. Ich bildete mit unserem Auto den Schluß und sah, wie die vorderen Fahrzeuge bereits eine Scheune vor der Angerapp-Brücke ansteuerten, um dort Nachtquartier zu beziehen.

Die Gefahr des Flusses im Rücken zur Nachtzeit wurde mir sofort bewußt, aber nur unter großen Schwierigkeiten gelang es mir schließlich, unsere Leute zur Weiterfahrt über die noch heile Brücke zu bewegen.

Es wurde unsere  Rettung! So entgingen wir dem berüchtigten Massaker von Nemmersdorf, wovon wir später erfahren sollten.

Mein Vater, damals Kader eines Landesschutzbataillons in Goldap, hatte nämlich den sowjetischen Durchbruch bei  Großwaltersdorf beobachtet und suchte nun den Treck.

In den frühen Morgenstunden des 21. Oktobers erkannte er im Nebel am Wiehern unsere Stute Tilly und fand uns in einer Scheune einige Kilometer weiter nördlich von Nemmersdorf.

Er berichtete, daß eine russische Panzerspitze bis nach Nemmersdorf vorgedrungen wäre und ein furchtbares Blutbad angerichtet hätte. Durch einen deutschen Gegenstoß wäre die Front wieder bereinigt und die Sowjets hinter die Rominte zurückgedrängt worden.

Husarenberg mußte also auch wieder frei sein. Daher machten wir uns gegen 11.00 Uhr (21. Oktober 1944) unverzüglich auf den Weg dorthin.

In Nemmersdorf sahen wir nun selbst die Geschehnisse.  Angerapp-Brücke war gesprengt und zwischen den Bruchstücken schwebte ein sowjetischer T-34 Panzer.

Auf den umliegenden Feldern lagen reihenweise Tote. Kinder wie Greise, Mädchen und Frauen geschändet und verstümmelt bis zur  Unkenntlichkeit. Darunter waren auch zahlreiche Treckflüchtlinge und sogar französische Kriegsgefangene.

Manche (Wehrmachtsangehörige) berichteten uns dort auch von  gekreuzigten nackten Frauen an Scheunentoren und einem niedergewalzten Treck. Beides haben wir aber nicht gesehen.

Auf unserem Gelände entlang der Reichsstraße 132 lag überall sowjetisches Kriegsgerät: Lastwagen, abgeschossene  Panzer und Kanonen. Die Gefallenen waren noch nicht fortgeschafft. An einer sowjetischen Pak kauerte der Richtschütze mit zerfetztem Gesicht, ein schrecklicher Anblick. Trotz des zuvor gesehenen Greuel empfand besonders mein Vater Mitleid für die Mutter jenes Soldaten fernab der Heimat.

Das Ostpreußenblatt, 13.12.1997 – Folge 50, Seite 19

Bericht über russische Greueltaten in
Nemmersdorf / Ostpreußen

»Meine Volkssturmkompanie erhielt dann den Befehl, in Nemmersdorf aufzuräumen…

An dem ersten Gehöft, links von dieser Straße, stand ein Leiterwagen. An diesem waren 4 nackte Frauen in gekreuzigter Stellung durch die Hände genagelt.

Hinter dem >Weißen Krug< in Richtung Gumbinnen ist ein freier Platz mit dem Denkmal des Unbekannten Soldaten.

Hinter diesem freien Platz steht wiederum ein großes Gasthaus >Roter Krug<. An diesem Gasthaus stand längs der  Straße eine Scheune. An den beiden Scheunentüren waren je eine Frau, nackt in gekreuzigter Stellung, durch die Hände angenagelt.

Weiter fanden wir dann in den Wohnungen insgesamt 72 Frauen einschließlich Kinder und einen alten Mann von 74 Jahren, die sämtlich tot waren, fast ausschließlich bestialisch ermordet bis auf nur wenige, die Genickschüsse aufwiesen.

Unter den Toten befanden sich auch Kinder im Windelalter; denen mit  einem harten Gegenstand der Schädel eingeschlagen war.

In einer Stube fanden wir auf einem Sofa in sitzender Stellung eine alte Frau von 84 Jahren vor, die vollkommen erblindet (gewesen) und bereits tot war. Dieser Toten fehlte der halbe Kopf, der anscheinend mit einer Axt oder Spaten von oben nach dem Halse weggespalten war.

Diese Leichen mußten wir auf den Dorffriedhof tragen, wo sie dann liegen blieben, weil eine ausländische Ärzte-Kommission sich zur Besichtigung der Leichen angemeldet hatte. So lagen diese Leichen dann 3 Tage, ohne daß diese Kommission erschien.

Inzwischen kam eine krankenschwester aus lnsterburg, die in Nemmersdorf beheimatet war und hier ihre Eltern suchte. Unter den  Ermordeten fand sie ihre Mutter von 72 Jahren und auch ihren alten schwachen Vater von 74 Jahren, der als einziger Mann zu diesen Toten gehörte. Diese Schwester stellte dann fest, daß alle Toten Nemmersdorfer waren.

Am 4. Tage wurden dann die Leichen in zwei Gräbern beigesetzt. Erst am nächsten Tage erschien die Ärzte-Kommission, und die Gräber mußten noch einmal geöffnet werden. Es wurden Scheunentore und  Böcke herbeigeschafft, um die Leichen aufzubahren, damit die Kommission sie untersuchen konnte.

Einstimmig wurde dann festgestellt, daß sämtliche Frauen wie Mädchen  von 8 – 12 Jahren vergewaltigt waren, auch die alte blinde Frau von 84 Jahren. Nach der Besichtigung durch die Kommission wurden die Leichen endgültig beigesetzt.«

Quelle: Heinz Nawratil: Schwarzbuch der Vertreibung 1945 bis 1948

Ostpreußen: Ein Augenzeuge erinnert sich an das Massaker von Nemmersdorf
Ein Storchennest als Mahnmal
von Joachim Reisch

Ostpreußen: Ein Augenzeuge erinnert sich an das Massaker von Nemmersdorf
Ein Storchennest als Mahnmal
von Joachim Reisch

Wie oft habe ich an der französischen Kanalküste Wache geschoben und nach Dover herübergeschaut, wo der Feind sein sollte. Ich empfand keinen Haß und kein Rachegefühl. Warum auch? Niemand hatte mir etwas getan. Diese Einstellung sollte sich erst später ändern, als liebe Kameraden oder gar Angehörige im Hagel der Geschosse oder Bomben umkamen.

Im Jahre 1939 fiel gleich zu Beginn des Polenfeldzuges mein Bruder, 1944 traf ein Bombensplitter meinen Burschen tödlich. Im selben Jahr fiel im Nahkampf mein noch ganz junger Melder neben mir im Schützengraben. Eben hatten wir noch gemeinsam eine Büchse Rindfleisch gegessen, als plötzlich ein unbeschreibliches Artillerie-Trommelfeuer und Jagdbomber-Angriffe begannen, daß die Erde erzitterte. Mein junger Kamerad hatte so etwas noch nicht erlebt, da traf ihn auch schon die tödliche Kugel eines amerikanischen Scharfschützen aus dem nahen Waldrand. Er sank neben mir hin. Die Amerikaner kamen wie bei der Hasenjagd auf uns zu. Es knallte in allernächster Nähe. Ich sprang heraus und erhielt auch gleich einen Oberschenkelschuß. Mein MG-Trupp kam heran und trug mich schnell bergunter, abseits der herannahenden Sherman-Panzer. Noch in der gleichen Nacht wurden wir Verwundeten versorgt und verladen und in ein Lazarett nach Wildbad im Schwarzwald gebracht. Fast die ganze Batterie hatten wir verloren.

Im Lazarett hatte ich genügend Zeit, über alles nachzudenken. Ich dachte an meine ostpreußische Heimat, die durch die immer näher rückende russische Front gefährdet war. Ich dachte aber auch daran, daß ein Teil meiner Vorfahren nach Rußland gerufen worden waren, um beim Zaren Dienst zu tun; sie fühlten sich als Russen und liebten Rußland.

Ende September 1944 mehrten sich die Nachrichten vom Heranrücken der Roten Armee. Kurzerhand bat ich den leitenden Stabsarzt, mich zur ambulanten Behandlung in meine ostpreußische Heimat zu entlassen. Am 18. Oktober 1944 bestieg ich den Zug in Richtung Berlin und traf am Vormittag des nächsten Tages auf Umwegen in Gumbinnen ein. Eine Weiterfahrt nach Eydtkau war wegen der Frontnähe nicht möglich. Der Buchhändler in der Königstraße fegte gerade die Glassplitter des nächtlichen russischen Bombenangriffs zusammen und machte einen pessimistischen Eindruck. Ich humpelte die alte Reichsstraße 132 in Richtung Goldap sieben Kilometer weit bis Husarenberg. Als ich die Haustür unseres Gutshauses öffnete, erblickte ich meine Eltern an der Treppe, und sie waren überhaupt nicht erstaunt, daß ich plötzlich vor ihnen stand. Als wenn sie es geahnt hätten, schwenkte mein Vater das gefüllte Sektglas und sagte: “Mein Sohn, gut, daß du kommst, denn es wird der letzte Schluck in Perkallen sein. In wenigen Stunden sind die Russen da!”

Er sollte recht behalten. Als Kommandeur eines Landesschützenbataillons in Goldap hatte er kurzfristig Urlaub zur Regelung des Trecks erhalten und mußte sogleich wieder fort. Er legte mir nur noch schnell die Sorge um meine Mutter und den Treck ans Herz. Am Abend nahm der Geschützdonner in Richtung Großwaltersdorf zu. Das Hausmädchen meldete Treckfahrzeuge und deutsches Militär zur Übernachtung. Pausenlos war nun das Hauspersonal, voran unsere liebe alte Wirtschafterin, damit beschäftigt, Kaffee und Tee zu kochen und Brote zu schmieren.

Draußen standen schon die gepackten Treckfahrzeuge in der Parkallee, da ja jederzeit mit der Räumung gerechnet werden mußte. Noch in den frühen Morgenstunden des 20. Oktober hatte der Ortsgruppenleiter meiner Mutter schwere Vorwürfe gemacht und mit Erhängen meines Vaters gedroht. Die Kuhherde mit hundert Schwarzbunten war schon am Vortag mit unserem sehr tüchtigen Schweizer davongezogen. Wohin, wußte niemand, und wir sollten auch nie mehr etwas von ihm hören.

Über Nacht hatte es pausenlos geregnet und in den Morgenstunden herrschte dichter Nebel. Als sich die Nebelschwaden aufzulösen begannen, überstürzten sich die Ereignisse. Russische Schlachtflieger vom Typ IL 2 warfen Bomben und schossen mit Bordwaffen auf unsere Gehöfte. Eine Stute wurde direkt vor den Füßen meiner Mutter tödlich getroffen. Das war dann allerdings das Zeichen zum Aufbruch. Genau vor 30 Jahren,nämlich am 20. Oktober 1914, mußte mein Onkel Konrad Reisch als damaliger Besitzer von Perkallen (Husarenberg) vor dem Einfall der Russen fliehen. Damals war das Dorf unbehelligt geblieben. Diesmal sah es anders aus. Eine ganze Wagenkolonne aus zehn langen Leiterwagen, zwei gummibereiften Wagen und einem Coupé mit 133 Personen – unsere Arbeiterfamilien, französische und belgische Kriegsgefangene, Hauspersonal –, gezogen von etwa fünfzig Pferden, setzte sich bangen Herzens eine völlig ungewisse Zukunft vor Augen, in Bewegung. Die Rote Armee stand allen Dorfbewohnern als Schreckgespenst im Nacken. An Abschiedstränen dachte kaum einer. Nur mein jüngster Bruder Winfried, damals noch Schüler, zeigte seinen Schmerz und vergaß dadurch alles.

Ich sollte noch Kriegsgefangene für den Abtransport unserer etwa 300 Pferde aus Gumbinnen beschaffen. In einem Militärfahrzeug der Panzergrenadiere gelangten wir nach Gumbinnen und wurden weitergeleitet nach Trakehnen. Doch russische Panzer fuhren gerade von der entgegengesetzten Seite in die Ortschaft ein. Wie durch ein Wunder gelangten wir nicht in ihre Hand. Mein Kraftfahrer hatte sehr schnell reagiert, denn sekundenlang standen wir uns unerkannt gegenüber. Schon drehte er um und verschwand hinter der nächsten Mauer.

Strahlendblauer Himmel leitete den Herbst über dem fast ebenen Gelände ein, wo früher die weltbekannten Flachrennen und Jagdreiten des Staatsgestüts Trakehnen stattfanden. Die verschiedenen Dörfer standen in Flammen, und senkrechte Rauchschwaden züngelten wie Kartoffelfeuer hoch. Wir fuhren also schnell zurück. Zu Hause angelangt, setzte mich mein Fahrer ab und fuhr gleich weiter, um seine Einheit zu suchen. Ich war allein, es herrschte Totenstille. Die Ruhe vor dem Sturm.

Ich eilte ins Haus, die Treppen hoch, riß die Schubladen auf und entnahm aus dem Gewehrschrank Waffen und Munition. Im Musikzimmer stand noch am Flügel gelehnt das Cello meiner Mutter, was ich dann auch in den Opel im Park tat, den ich wohlweislich dort geparkt und dessen Schlüssel ich mitgenommen hatte. Denn schon war ein deutscher Landser dran und versuchte das Fahrzeug zu öffnen, erschrak dann aber, als unerwartet neben ihm der Besitzer stand.

Bis heute weiß ich nicht, wie ich zufällig in die richtige Richtung Gertenau-Plicken unserem Treck nachfuhr. Gerade bog ich auf die Reichsstraße 132, als ich einen Trupp Hitlerjungen mit Panzerfäusten, angeführt von einem SA-Mann hinter unserem Remontestall verschwinden sah. Ich dachte noch: Welche Freveltat, Kinder in den Krieg zu schicken. Im wahrsten Sinne des Wortes dampfte ich ab, denn der Treibstoff war wohl für Traktoren bestimmt, jedenfalls kochte nach kurzer Zeit der Benzinmotor, und ich mußte stehend fahren, da die Frontscheibe ständig beschlug. Eine Kuh lief mir brüllend in die linke Wagentür, was aber glimpflich abging. Endlich hinter dem Gutshof Plicken hatte ich den Treck gefunden, an der Spitze meine Mutter auf dem Jagdwagen, hoch oben auf dem Bock, neben ihr die Tochter unseres Marienthaler Kämmerers. Unerschrocken und vorbildlich lenkte sie das Gespann durch dick und dünn. Selbst sowjetischen Jagdflugzeugen wich sie geschickt aus und verstand es, die Kolonne zusammenzuhalten.

In den späten Abendstunden kamen wir in Nemmersdorf an, wo sich unsere Leute schon ganz ermüdet vor der Angerapp-Brücke in einer Scheune zur Ruhe legen wollten. Da schoß es mir durch den Kopf: Niemals mit dem Fluß im Rücken übernachten – so hieß der Leitsatz unseres Taktiklehrers. Es war sehr schwer, alle wieder zur Weiterfahrt anzutreiben. Freudige Gesichter sah ich natürlich nicht, erntete dann später aber großen Dank. Denn das sollte unsere Rettung sein. So entgingen wir dem berüchtigten Massaker von Nemmersdorf, von dem wir später erfahren sollten. Mein Vater hatte nämlich den Durchbruch der sowjetischen Panzer bei Großwaltersdorf beobachtet und suchte nun den Treck. In den frühen Morgenstunden des 21. Oktober erkannte er in dichtem Nebel das Wiehern unserer Stute Tilly und fand uns in einer Scheune einige Kilometer weiter. Er berichtete, daß eine sowjetische Panzerspitze bis nach Nemmersdorf vorgedrungen wäre und ein furchtbares Blutbad angerichtet hätte. Durch einen deutschen Gegenstoß wäre die Front wieder bereinigt und die Sowjets hinter den Romintefluß zurückgedrängt. Husarenberg mußte also auch wieder frei sein.

Unverzüglich machten wir uns gegen 11 Uhr mit seinem Militärfahrzeug auf den Weg. Die Angerapp-Brücke war zersprengt, und zwischen den Brückenteilen schwebte ein sowjetischer T 34-Panzer. Auf den umliegenden Feldern lagen reihenweise Tote, Kinder wie Greise, Mädchen und Frauen geschändet und verstümmelt bis zur Unkenntlichkeit. Darunter waren auch zahlreiche Treckflüchtlinge und sogar französische Kriegsgefangene. Man berichtete uns von gekreuzigten Frauen an Scheunentoren und einem niedergewalzten Treck. Beides haben wir aber nicht gesehen. Auf unserem Gelände entlang der Reichsstraße 132 lag überall sowjetisches Kriegsgerät: Lastwagen, abgeschossene Panzer und Kanonen. Die Gefallenen waren noch nicht fortgeschafft. An einer Panzerabwehrkanone kauerte der Richtschütze mit zerfetztem Gesicht. Trotz des zuvor gesehenen Greuels empfand besonders mein Vater Mitleid für die Mutter jenes Soldaten fernab der Heimat.

Unser Haus war unversehrt, nurmehr vom Stab einer Panzereinheit besetzt. Die Tasten des Klaviers hatte man herausgerissen, und in allen Räumen roch es nach Chloroform, wohl von den Verbänden Verwundeter. Von den Tieren war nur noch eine Schar Gänse zu sehen. Mein Vater holte aus stehengebliebenen Güterwaggons auf unserem Bahnhof verpackte Ehrenpreise für unsere Pferdezucht, von denen heute noch ein Bernsteinkasten im berühmten Verdener Pferdemuseum zu sehen ist.

Durch feindlichen Beschuß wurden wir nun doch zum Rückmarsch gezwungen. In Marienthal feuerte unsere Artillerie eine Salve nach der anderen auf sowjetische Bereitstellungen in Großwaltersdorf. Unter Begleitung der berüchtigten Stalinorgel verschwanden wir in den Kallner Bergen.

Aber mir ließ bis auf den heutigen Tag diese Bestialität keine Ruhe. Ich konnte mir nicht denken, daß Menschen zu solchen Taten fähig wären. Erst später erfuhr ich auch von einem beherzten russischen Kommandanten eines Panzerspähwagens, der die Frau des Ortsgendarmes von Nemmersdorf mit ihren beiden Töchtern mitnahm und sie an einer gefahrlosen Stelle absetzte.

Unbegreiflich, was diese Bestialität ausgelöst haben mochte. Es mußte ein schreckliches Ereignis vorangegangen sein. Vielleicht die unvermutete Sprengung der Angerapp-Brücke mitten bei der Panzerüberquerung. Wer weiß es? Denn keiner entkam lebend diesem Inferno. Schuld daran trugen aber sicher auch die Propagandastellen hier und dort. Die schreckliche Wirkung der Artikel Ilja Ehrenburgs mit ihrer Aufforderung zu Plünderung, Mord und Totschlag an Deutschen hat insbesondere der kürzlich verstorbene russische Schriftsteller Lew Kopelew in seinem Buch “Aufbewahren für alle Zeit” beschrieben, der sich gegen Gewaltakte an Deutschen gewandt hatte, was er jahrelang in Strafgefangenenlagern zu büßen hatte. Zweifellos zog auch Goebbels’ Propagandaministerium alle Register. Heute wird schonungslos mit der Vergangenheit abgerechnet. Das ist sicherlich gut, solange es bei der Wahrheit bleibt. Aber wo ist die Wahrheit nach über einem halben Jahrhundert?

Nach fünfzig Jahren die Schreckenstat von Nemmersdorf zu leugnen oder anzuzweifeln und gar uns Deutschen anzulasten, erscheint einfach grotesk. Ähnlich wie der “Fackelmänner-Befehl” Stalins vom 17. November 1941 mutet der neuerliche Versuch eines Kaliningrader Kollektivs von 1989 an, wonach das gesamte Massaker von Nemmersdorf auf deutsche Soldaten, verkleidet in sowjetische Uniformen, geschoben wird (B. Fisch, Nemmersdorf – Oktober 1944, Edition Ost 1997; JF berichtete).

Anfang Januar 1945 hatte ich Gelegenheit, unseren Gutshof wiederzusehen. Alles war zertrümmert. Vor unserem Wohnhaus war ein Friedhof mit fünf Kreuzen dort Gefallener errichtet worden. Erst in den neunziger Jahren war es durch die Politik Gorbatschows wieder möglich, das nördliche Ostpreußen aufzusuchen. Von allen Gebäuden war kaum mehr ein Mauerstein übriggeblieben. Nur das barocke Tor mit dem Storchennest stand als Ruine und Mahnmal an Krieg und Verderbnis.

Quelle: Joachim Reisch

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