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Wird eine Leiche maximal zerlegt, lässt sich mit ihren Teilen in den USA ein Erlös von 250’000 Dollar erzielen. Die globale Gewebebranche profitiert von laschen Kontrollen, und sie zieht obskure Händler an.

Als ein Mann aus dem US-Bundesstaat Kentucky bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, rettete er drei Leben. Denn seine Leber und seine Nieren wurden drei sterbenden Menschen eingesetzt. Der Leiche des Unfalltoten entnahmen die Ärzte auch Gewebe, etwa Teile von Haut, Gefässen und Knochen. Dank Transplantationen sollte damit die Lebensqualität von 15 Patienten verbessert werden. Zumindest schien dies so.

Denn kurz nach den Organ- und Gewebetransplantationen stellte eine Gesundheitsbehörde fest, dass der Spender der Leichenteile an Hepatitis C erkrankt gewesen war. Es dauerte einen Monat, bis die Behörde die Chirurgen identifiziert hatte, die Gewebe des Hepatitis-C-Trägers transplantiert hatten. Ein operiertes Kind war bereits an Hepatitis C erkrankt.

Keine saubere Registrierung von Gewebeteilen

Dieser Fall ist dokumentiert in einer grossen Recherche der ICIJ, einer internationalen Gruppe von Investigativjournalisten, die gemeinsam brisante Themen aufarbeiten. Die Journalisten sind aber auf noch grössere Missstände gestossen. Beispielsweise berichten sie von einem Fall aus dem Jahr 2006, als das US-Gesundheitsministerium den Rückruf von 25’000 Gewebeteilen veranlasste, die illegal von mehreren Leichen entnommen worden waren. Rund 800 Gewebeteile waren aber bereits exportiert worden und konnten nicht mehr aufgespürt werden. Fazit der Recherchen: Mangels sauberer Registrierung gestaltet es sich sehr schwierig, den Weg vom Spender zum Empfänger von Gewebeteilen zu rekonstruieren. Beim Handel mit Gewebeteilen sind die Kontrollen offensichtlich zu lasch.

Während die Organe eines Spenders einer Handvoll Patienten zugute kommen und in der Regel «lebendfrisch» entnommen und unmittelbar verpflanzt werden, können Gewebeprodukte aus einer einzigen Leiche an 60 und mehr Empfänger verpflanzt werden. «Zudem bearbeiten Gewebebanken oder pharmazeutische Hersteller die Leichenteile teils aufwendig und konservieren sie über Monate oder Jahre», betont die deutsche Wissenschaftsjournalistin Martina Keller, die seit Jahren über Transplantationsmedizin publiziert, in einem «Stern»-Beitrag. Keller wirkte auch an den ICIJ-Recherchen mit.

Markt mit starken Zuwachsraten und satten Renditen

Die im Verborgenen arbeitende Gewebebranche versorgt die Medizin mit Hornhäuten von Augen, mit Achillessehnen, Schrauben und Zapfen aus Knochen, mit Hautflicken und vielem anderen mehr. Die Gewebetransplantation ist ein Medizinmarkt mit starken Zuwachsraten und satten Renditen. In den USA wird mehr als eine Milliarde Dollar umgesetzt. «Würde eine einzige Leiche in all ihre Einzelteile zerlegt und verkauft, käme man in Amerika leicht auf einen Erlös von 250’000 Dollar», berichtet Keller. Und weil im Westen nur eine Minderheit bereit ist, Leichenteile zu spenden, besorgen sich teils obskure Händler ihren Nachschub in Osteuropa. Die Gewebebranche zieht auch Leute an, die sich sowohl um rechtliche wie auch ethische Grenzen foutieren.

Gerade aus Moldawien und der Ukraine sind erschütternde Fälle dokumentiert. «Die Armen werden zu Ersatzteillagern für reiche Kranke», heisst es in einem 2004 veröffentlichten Bericht des Europarats, an dem auch die damalige Schweizer Europaparlamentarierin Ruth Gaby Vermot-Mangold (SP) mitgewirkt hatte.

Amerikanische Firmen dominieren die Gewebebranche

Gemäss den ICIJ sind die USA der grösste Player in der Gewebebranche, amerikanische Firmen decken zwei Drittel des weltweiten Angebots ab. Die US-Regierung weiss aber weder, woher das importierte Gewebe herkommt, noch, wohin das exportierte Gewebe geht. Offenbar hat die Regierung wenig Interesse daran, mehr Transparenz und Kontrolle in der Gewebebranche zu schaffen. In dieser Sache will nun die Weltgesundheitsorganisation (WHO) tätig werden. Wenn die US-Regierung nicht mitmacht, wird sich an den Missständen aber nichts ändern.

In progressiven Staaten wie Deutschland ist die Gewebespende überwiegend gemeinnützig organisiert. Damit sind dem Gewinnstreben Grenzen gesetzt. In der Schweiz gibt es Swisstransplant, eine Nationale Stiftung für Organspende und Transplantation.

Quelle: Tagesanzeiger (Schweiz)

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Ubasser

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