Kraft durch Freude

1

13. September 2013 von UBasser


Dr. Fritz Stenzel

Massentourismus und kulturelle „Events“ für das breite Publikum sind heute selbstverständlich. Im ersten Drittel des 20. Jahrhundert waren sie es noch nicht. Arbeiter und „kleine“ Abgestellte verfügte weder über längeren Urlaub noch über ausreichende finanzielle Mittel, um sich des öfteren Konzertbesuch oder gar eine Ozean-Kreuzfahrt zu können. Man war vollauf mit der Existenzsicherung beschäftigt. Erst Weltkrieg 1, dann Massenarbeitslosigkeit und wirtschaftliche Not- da blieb für Zerstreuungen außerhalb des engeren Umfeldes wenig Raum. Eine „Freizeit-Industrie“ gab es nicht.

gustloffDas änderte sich jedoch nachhaltig: Am 27. November 1933 wurde in Berlin die Organisation „Kraft durch Freude“ (KdF) ins Leben gerufen. Mit der Aufgabe, auch den weniger begüterten Deutschen Freizeitvergnügungen und kulturelle Erbauungen anzubieten, die sich bis dahin finanziell Bessergestellte zu leisten vermochten. Von der neuen Arbeitsmoral, mehr allgemeine Lebensqualität und eine Überwindung der Klassenschranken. Zugleich verdoppelte man die Urlaubstage.

Beginn des Massentourismus

„Kraft durch Freude“ wurde der Deutschen Arbeitsfront (DAF) unterstellt und gliederte sich in mehrere Ämter, wobei jenes für Reisen, Wandern und Urlaub zum größten deutschen Tourismus-Veranstalter aufstieg. 43 Millionen KdF-Reisen wurden bis 1939 verkauft, überwiegend Tagesausflüge. Unter den sieben Millionen Urlaubsreisen waren 690 000 Hochseefahren nach Norwegen, Madeira oder Italien. Dazu Preise, die heute sagenhaft klingen: Eine siebentägige Reise durch den Thüringer Wald mit Unterkunft und Vollpension für 25 Reichsmark. Nicht ganz 60 Mark kostete die einwöchige Schiffstour nach Norwegen. Für 150 Reichsmark (dem durchschnittlichen Monatslohn eines Arbeiters) konnte man 12 Tage lang im Mittelmeer schippern – voll verpflegt und umsorgt, wie es zuvor nur reichen Mitmenschen vergönnt war.
„Spiegel“-Historiker Heinz Höhne spricht vom „Beginn eines Massentourismus, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte“. Für die KdF-Urlauber sei es ein „phantastisches Erlebnis“ gewesen. Reisen war für Arbeiter bis dahin unüblich: Von den 42.000 im Winter 1933/34 befragten Arbeitnehmern der Berliner Siemenswerke waren 68 Prozent noch nie verreist. Selbst die in geringem Umfang angebotenen gewerkschaftlichen „Billigreisen“, darunter fünf Auslandsfahrten zu je 350 Reichsmark, lagen außerhalb der finanziellen Reichweite eins normalen Arbeiters. Höhne bezeichnet es als Treppenwitz der Geschichte, daß ausgerechnet eine antidemokratische Bewegung den Tourismus quasi demokratisiert und Chancengleichheit bewirkt habe.

Neue und moderne Kreuzfahrtschiffe wurden eigens für KdF-Zwecke gebaut. Eines erhielt den Namen „Robert Ley“, nach dem Führer der Deutschen Arbeitsfront. Ein anderes, die „Wilhelm Gustloff“, kam kurz vor Kriegsende zu schrecklicher Berühmtheit: Von einem Sowjetischen U-Boot torpediert, riß das 1937 in Dienst gestellte Schiff tausende von Ost-Flüchtlingen in den Tod. Die „weiße Flotte des Friedens“, wie man sie genannt hatte, ging mit dem Dritten Reich buchstäblich unter.

Infrastruktur aus dem Nichts

Auf Rügen zog man ab 1936 das KdF-Seebad Prora hoch, eine imponierende 20 000-Betten-Hotelanlage, die zwar wegen des Kriegsausbruchs nicht fertiggestellt werden konnte, aber schon in der Planungsphase internationales Aufsehen erregte. Das Prora-Modell erhielt 1937 bei der Weltausstellung in Paris den Gran Prix. Was heute oft als „NS-Gigantomanie“ bespöttelt wird, war damals ein auch vom Ausland bewunderten Versuch, aus dem Nichts massentouristische Infrastruktur zu schaffen. Zu den Olympischen Spielen 1936 wurde in Berlin eigens eine „KdF-Stadt“ errichtet, um die zahlreichen Besucher der Wettkämpfe aufnehmen zu können. Die namhaftesten Architekten beteiligten sich an solchen Projekten.

Zu den weniger spektakulären, aber breitenwirksamen KdF-Aktivitäten zählten Betriebskonzerte, Singstunden, Bunte Abende, Schachturniere, Gymnastik- und Schwimmkurse. Ein weiterer Schwerpunkt lag bei der Erwachsenenbildung. Auch der noch heute übliche „Wettbewerb um das schönste Dort“ geht auf KdF-Initiative zurück. Das Amt „Schönheit der Arbeit“ kümmerte sich um die ansprechende Ausgestaltung betrieblicher Unterkünfte, Kantinen, Grün- und Sportanlagen. Was insbesondere die marxistischen Parteien den Arbeitern jahrzehntelang versprochen, aber vorenthalten wurde, nahm in „Kraft durch Freude“ Gestalt an und sicherte dem Regime die Zuneigung auch derer, die zunächst skeptisch bis ablehnend waren. Der Historiker Götz Aly prägte dafür das Wort von der Wohlfühl-Diktatur“.

Aus KdF wurde VW

vw1Ein besonders wegweisendes Projekt war der „KdF-Wagen“, für dessen Produktion 1938 die „Stadt der KdF-Wagen bei Fallersleben“ gegründet wurde (nach dem Krieg auf britische Weisung in „Wolfsburg“ umbenannt). Das Auto sollte mit einem Kaufpreis von nur 990 Reichsmark für jedermann erschwinglich sein. Der Interessent erwarb Woche für Woche Sparmarken im Wert von jeweils fünf Reichsmark, wofür ihm nach knapp vier Jahren das auch „Volkswagen“ (VW) genannte Gefährt ausgeliefert worden wäre.

Die deutsche Kriegsniederlage machte einen Strich durch die Rechnung. Im August 1945 wurde die „Bank der Deutschen Arbeit“, bei der die Sparguthaben auf dieses Fahrzeug lagen, von der sowjetischen Militärregierung aufgelöst. Andere Vermögensteile der Deutschen Arbeiterfront gingen an die wiedergegründeten Gewerkschaften. Erst 1961 gewährte die VW-AG den Sparern auf freiwilliger Grundlage einen Rabatt von 600 Mark beim Kauf eines Neufahrzeugs (100 Mark Entschädigung bekam, wer zwar angespart hatte, sich dann aber keinen VW mehr leisten konnte oder wollte.)

Immerhin wurde aus dem KdF-Wagen eines der erfolgreichsten Automodelle der Welt, an dem die „Entnazifizierung“ gewissermaßen abprallte. „Das Volkswagenwerk bietet ein anschauliches Beispiel für das Problem historischer Kontinuität zwischen dem Dritten Reich und der Bundesrepublik“, meint der Historiker Prof. Dr. Hans Mommsen. Zugespitzt: Mit jedem VW fährt ein Stück KdF-Tradition auf den Straßen dieser Welt – neuerdings sogar mit dem Totalitätsanspruch, nicht nur ein Fahrzeug unter vielen zu sein, sondern „Das Auto“.

hitler_vw_zeichnung

So stellte sich Adolf Hitler das KdF-Auto vor

Selbst für Kommunisten bot „Kraft durch Freude“ ein – allerdings nie erreichtes – Vorbild. Der nationalsozialistische Kulturpolitiker und KdF-Amtsleiter Horst Dreßler-Andreß, der zudem in Goebbels Propagandaministerium führende Funktionen bekleidet hatte, machte als Mitbegründer und Vorstandsmitglied der Nationaldemokratischen (Block) Partei auch in der DDR politische Karriere. Aber die linkssozialistische Urlaubsplanung und Freizeitgestaltung war zu zwanghaft und primitiv, um an KdF-Standard anknüpfen zu können. Man blieb – wie im Automobilbau – auf Trabant-Niveau. Gereist werden durfte fast ausschließlich in „sozialistisch Bruderstaaten“, wo die Fluchtgefahr gering war. KdF-Touristen pflegten sich nicht im Ausland abzusetzen, sie waren offenkundig mit den heimlichen Verhältnissen zufrieden.

Konturen der späteren Bundesrepublik

Professor Götz Aly sieht im „national Sozialismus“ des Dritten Reiches „die Konturen der späteren Bundesrepublik Deutschland durchscheinen“. Das trifft nicht nur, für jedermann augenspringend, auf die Käfer-Konturen des KdF-Wagens zu. Auch die meisten der 1933 eingeleiteten sozialpolitischen Fortschritte wurden trotz „antifaschistischer“ Nachkriegsempörung nicht angetastet. Was mit „Kraft durch Freude“ damals einsetzte, schrieb sich unter den Bedingungen der sozialen Marktwirtschaft fort. Über solche Ursprünge und Kontinuitäten wird heute nur ungern gesprochen. Aber kann Tabuisierung dem geschichtlichen Verständnis dienen? Aly: „Wer von den Vorteilen für die Millionen einfacher Deutscher nicht reden will, der sollte vom Nationalsozialismus und vom Holocaust schweigen“

Zur „Wohlfühldiktatur“ Götz Aly: Dem heutigen Zeitgenossen ist kaum bewußt, was die Historiker wissen, aber verschweigen: Das Dritte Reich war vor allem Dienst an der Gemeinschaft des Deutschen Volkes. Sozialgesetzgebung, nachhaltige Förderung der Familien, Mutterschutz, Jugendschutz, verdoppelter Urlaub, Tag der Arbeit zum ersten Mal Feiertag, Duschen auf jeder Baustelle, Existenzsicherung für Bauern, Förderung der Volksgesundheit (zB Sport, Vermeiden von Rauchen und Alkohol), das waren nur einzelne Errungenschaften. Eine andere war die Idee, ärmere Volksgenossen an extrem billigen Fernreisen teilnehmen zu lassen. Das war noch nie dagewesen! In vielen europäischen Häfen durften die KdF-Schiffe nicht anlegen, damit die einheimischen Arbeiter nicht auf die Idee kämen, Ähnliches zu wünschen.

..

Ubasser

Ein Kommentar zu “Kraft durch Freude

  1. neuesdeutschesreich sagt:

    Hat dies auf neuesdeutschesreich rebloggt.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

Archiv

Zugriffe gesamt

  • 4.132.140 Zugriffe
%d Bloggern gefällt das: