Eine Analyse: Reichskristallnacht, wegen Mord an einem Schwulen?

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12. November 2013 von UBasser


Thema

Thema: Mordanschlag auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath am 07.11.1938 in Paris.
Quellen:
a) Presse-Buchrezension: Nazis nutzten den Tod eines schwulen Diplomaten. Im November 1938 wurde der Diplomat Ernst vom Rath Opfer eines Attentats. Rettung wäre möglich gewesen. Aber Hitlers Leibarzt ließ ihn sterben. Nutzte man Raths Tod als Vorwand für das große Pogrom?
In: Tageszeitung „Die Welt“, 18.10.2013, Internet-Ausgabe
http://www.welt.de/geschichte/article121014676/Nazis-nutzten-den-Tod-eines-schwulen-Diplomaten.html
b) Buchveröffentlichung: Herschel: Das Attentat des Herschel Grynszpan am 7. November 1938 und der Beginn des Holocaust. Berlin 2013
Urheber:
a) Rezension: Antonia Kleikamp, Redakteurin für Zeitgeschichte in verschiedenen deutschen Medienorganen
b) Buchautor: Armin Fuhrer – betitelt als „Historiker“, tatsächlich Berliner Redakteur ohne Graduierungsnachweis

Aussagen

buchDie Buchrezension informiert: „Wirklich wichtig dagegen sind die Ausführungen zum Sterben des Opfers. Denn gestützt auf bislang übersehene Informationssplitter aus Memoiren und eine kurze Studie eines Medizinhistorikers von 2011 kommt Fuhrer zu einer völlig neuen Deutung des Geschehens.
Demnach verweigerte Hitlers Leibarzt Karl Brandt, unmittelbar nach dem Attentat mit einem Kollegen nach Paris geschickt, dem angeschossenen Opfer notwendige medizinische Hilfe. Er stellte fest, dass der aktiv homosexuelle Ernst vom Rath an einer schweren Magen- und Darmtuberkulose litt. Man hätte diese Erkrankung durchaus mit den damaligen Mitteln auch bei einem durch Schussverletzungen schwer verwundeten Patienten behandeln können – doch das unterblieb.“

Ein Attentatsopfer mit Einschüssen eines Revolvers, das kurz darauf im Hospital verstirbt, sei also unnötig verstorben. Gewissenlose Nazi-Ärzte hätten einfach nur seine chronische Infektion kurieren müssen, dann wäre das nicht passiert. Es war aber Absicht – der böse Hitler wollte Schwule sterben lassen. Vor allem diesen, damit endlich die Pogromnacht steigen konnte gegen Juden wie seinen Attentäter.

Oh ihr staunenswerten Wunder Alter Welt!

wunder Ehe man sich ihren Herausforderungen stellt, sollte ermessen werden, welche unauslotbar dunklen Abgründe in dieser Materie generell lauern und das Hirn umdünsten möchten. Kostproben exquisiter Ungereimtheiten aus einer Fülle fachlicher Literatur kurz nach der Recherche zu diesem Thema:
a) Der Attentäter wollte den deutschen Botschafter erschießen als Rache für geknechtete Juden. Aber am Morgen des Mordes hatte er mit dem vor der Tür schon gesprochen, ehe er sich von ihm zu Pförtner Mathes schicken ließ für die weitere Suche. – Klasse der Mann: Weitermachen!(1)
b) Beim Pförtner angekommen, erinnerte er sich wieder, daß er eigentlich seinen Kneipenkumpel Ernst Eduard sucht, mit dem er Rechnungen offen hatte. Das sagte er aber nicht und fragte im Vertrauen auf die Hellsicht des Pförtners nur nach „einem Legationssekretär“, also Leuten zum Abstempeln von Papieren.(2)
c) Dafür zuständig war eigentlich der alte Achenbach, jener aber verspätet und noch nicht im Dienst. So konnte Mathes den Besucher nur zu dessen Ersatzmann schicken – bei dem der Attentäter sofort erkannte, daß es genau jener Kumpel ist, den er schon seit dem Morgengrauen sucht. Da war die Kaffeekanne auf dem Schreibtisch aber sicher froh, daß nicht auch sie noch zufällig mit dem verwechselt wurde.(3)
d) Der eigentlich nicht Gesuchte, vom Attentäter trotzdem noch Gefundene, hatte unfaßbare Fähigkeiten. Er hatte sich nämlich in seiner Freizeit nach Dienst auf Kneipentouren in Berlin mit einer Seuche angesteckt, während er in Frankreich und Indien auf Schulung war. Vorbildlich: so könnten Angestellte jederzeit ihren Einsatzkalender zwischen Dienstorten beherrschen, wenn sie es nur wollten.(4)

A) Das Pariser Waffengeschäft. Auch IHR Attentäter würde bei Carpe kaufen – nicht billig, aber prominent: „zur edlen Klinge“ – mit Reparaturdienst für Schmusepuppen!carpe

e) Selbst wenn man aus Hannover kommt und ein 17-jähriger Attentäter ist, sollte es leicht fallen, einen sitzenden 29-Jährigen zu erschießen, zwei Schritte daneben und mit voll geladenem Revolver. Wenn aber bis zur letzten Patrone erst ein Schuß getroffen hatte, war die Seuche das geringste Problem an der Sache, weshalb Rache doch besser Waffenhändler Carpe in Paris treffen sollte.(5)
f) Eine Reklamation in seinem Laden für edles Tafelbesteck mit Munition wäre aber zwecklos gewesen. Denn der teure Vorteil von Carpes noblen Revolvern für jeden gepflegten Sonntagstisch lag nicht in Zielsicherheit, sondern in einer neuen subtraktionsgedämpften Ladungsalgebra. Wer mit der fünfschüssigen Trommel fünfmal geschossen hatte, behielt immer noch fünf Schüsse geladen. Das ist sehr sparsam und war allemale seine 210 Francs wert.(6)
g) Der gefaßte Mörder wurde noch vor 1942 im KZ Sachsenhausen geköpft, aber Januar 1945 wegen vieler russischer Touristen in der Gegend westwärts verlegt in andere Gefängnisse. Die Mithäftlinge am neuen Ort waren mit der vergammelten Leiche auf dem Bett nebenan echt nicht zu beneiden, hatten sich aber vielleicht noch damit getröstet, daß diese neue Stubenbelegung wenigstens nicht schnarcht.(7)

Tatsachen

Zusammenfassung
Nach Jahrzehnten Erforschung und mehrerer gerichtlicher Behandlungen des Attentats bietet der neue Buchbeitrag nicht mehr als eine Neufassung alter Gerüchte. Das Attentat konnte kein Nazi-Schwulenmord gewesen sein, weil bis zu seinem Tod weder das Regime noch der Diplomat etwas wußten von seiner angeblichen delikaten Neigung, zumal der Attentäter nicht ihn speziell ausgewählt hatte. Das Homo-Gerücht war eine Erfindung der Anklageverteidigung von 1939. Die angebliche Homo-Seuche des Diplomaten war eine Infektion verschiedener Übertragungsformen, und ständig Reisende wie vom Rath in Kalkutta besonders gefährdet. Selbst wenn die Ärzte nicht Hitlers Nazis gewesen wären, hätten sie gegen die Infektion nichts tun können, weil der erste pharmazeutische Wirkstoff dagegen erst 1943 gefunden wurde. Auch ohne die Infektion waren vom Raths Schußverletzungen lebensgefährlich und sein Tod keine überraschende Folge des Attentats.

1) Die ganz neue Sensation
Die unterhaltsame Spannung an Morden liegt in der Regel bei Fragen nach dem Mörder. Hier aber ist der schon so lange bekannt wie seine Tat, wobei mit ihm die Fragen erst anfangen, und der Kriminalfall nicht nur in der Tat liegt, sondern auch in dem, was daraus gemacht wurde. Das Ereignis ist zum Zeitpunkt der Nominierung seit 75 Jahren vergangen. Sperrfristen der meisten Behördenakten sind vor fünf Jahren ausgelaufen. Was in dieser Sache dokumentiert wurde, ist seitdem zugänglich. So war zu hoffen, offene Fragen an das undurchsichtige Ereignis endlich klären zu können, wie Details zum Tathergang, die etwa Rückschlüsse auf Motive und Zusammenhänge offenbaren. Sensationen waren dabei aber schwer zu finden, denn die Akten-Sperrfrist kann in Ausnahmefällen aufgehoben werden und gilt grundsätzlich nicht für die Justiz.(8) Der Mord war lange zuvor Gegenstand gerichtlicher Untersuchungen und Verfahren:
a) 07.11.38 – Ermittlungen der Pariser StA,
b) 08.07.40 – Mordanklage der frz. Justiz, Paris,
c) 16.10.41 – Anklage durch Oberreichsanwalt, Berlin
d) 24.06.60 – Todeserklärung zum 08.05.45 durch AG Hannover
e) 16.11.60 – Andenkensklage, LG München.

C) Vom Raths Dienstzimmer im zweiten Stock der Botschaft nach dem Attentatzimmer

Die vier Untersuchungen zum Fall bilden heute Aktengruppen: französische Vorkriegsermittlungen, das NS-Vorverfahren 1942, dessen Material unter solchem ist, das in den Nürnberger Tribunalen verwendet wurde, und eine nach dem Krieg 1960 regulär in München verhandelte Zivilklage. Auch als diese Unterlagen noch nicht offiziell öffentlich waren, wurden sie bereits für Studien und Untersuchungen ausgewertet, deren Ergebnis dann veröffentlicht wurde.(9) Noch nicht systematisch untersucht sind Pressemeldungen aus der Ereigniszeit, wobei Hinweise auftauchen könnten, die später nicht mehr in Behördenakten kamen. Aber speziell dieses Material ist, soweit archiviert, schon immer öffentlich freigestellt und verfügbar gewesen. Da es für die Tat keine Zeugen gibt und beide Beteiligten keine Auskunft mehr geben können, ist auch auf diese Weise nichts Neues in der Sache mehr zu entdecken. Die Frage nach dem Verbleib des Mörders wurde ein spezielles Thema, als die damals noch in Hamburg ansässigen Eltern des Attentäters seinen Tod beurkunden ließen.(10)

Bemerkung: Der lange vergangene Vorfall war bereits durch Behörden verschiedener Länder untersucht und in vielen Studienbeiträgen aus diesem Material diskutiert worden. Die vermeintliche Sensation kann auch in ihren Teilaspekten keine belegbare neue Information bieten und ist damit nur eine neue Interpretation bekannter Fakten. Es werden Gründe zu zeigen sein, warum das gerade jetzt dringend benötigt wird.

2) Eindeutige Attentatsmotive
Bis heute andauernde Diskussionen um die Tat ranken sich um Einzelheiten des Tathergangs, was in Verbindung gesetzt wird mit Tatmotiven. Wenn vermeintliche Widersprüche entdeckt werden bei Faktenangaben zum Attentat, öffnen sich Freiräume für Neudeutungen des Motivs. Daraus könnten mancherlei wunderliche Geschichten abgeleitet werden, wie etwa die jüngste über den Diplomaten-Arbeitgeber als Nazi-Bakterienkiller seiner schwulen Sekretäre.

D) Herschel Feibel Grünspan (1921-?) PaßfotoGrünspan

Der Attentäter stammte aus einer von Polen eingewanderten Familie im niedersächsischen Hannover, wo er geboren war. Ohne Schulabschluß war er seit dem 14. Lebensjahr unterwegs, wollte nach Palästina auswandern, und lebte nach verschiedenen Mißerfolgen dieser Bemühungen schließlich in Paris bei seinem Onkel Abraham und Tante Chava in der Rue Martel Nr.8. Seine Lage wurde schwierig, als Polen ab April 1938 seinen im Ausland lebenden Bürgern, vor allem Juden, die Staatsbürgerschaft entzog. Der Staat fürchtete, daß NS-Repressalien gegen Juden diese nach Polen zurücktreiben könnten. Wenige Tage vor seinem Attentat erreichte Grünspan eine Postkarte, wonach seine Eltern in Hannover von deutschen Behörden nach Polen abgeschoben worden waren, von wo man sie ebenfalls wieder vertrieben hatte. Im Ergebnis konnte diese Personengruppe nirgendwo mehr offiziell ansässig werden und blieb heimatlos. Von solchen Vorgängen erfuhr Grünspan durch die jiddische Tageszeitung „La journée Parisienne“.(11) Nach einem Streit hatte Grünspan seine Unterkunft bei den Verwandten aufgegeben und war in das Hotel de Suez gezogen unter dem Namen „Heini Alter“, wo er insgesamt aber nur eine Übernachtung mit Frühstück verbrachte (22,50 Francs). Seine französische Aufenthaltsgenehmigung war abgelaufen, und neue Papiere konnte er nicht bekommen. Diese Lebensumstände könnten in Details aufgefächert werden wie Formalitäten von Aufenthaltsregelungen. Für die Tatbewertung genügt es jedoch, zu wissen, daß nicht nur der Täter, sondern seine ganze Familie als verfemte Gruppe durch die politische Entwicklung in akute existenzielle Not geraten waren.

E) Zeittypische Taschen-Revolver der beim Attentat verwendeten Konstruktionsartwaffe

Grünspan hatte von seinem Onkel ein Abschiedsgeld von drei Hundertfrancs-Scheinen erhalten, aber keinen Lebensunterhalt und auch kein Ziel oder Chancen, ihn zu finden. Weil dieser Zeitpunkt am Ende jahrelanger aber vergeblicher Bemühungen stand, irgendwo ein Leben zu beginnen, war hier ein Abschluß erreicht. Dieser Täter hatte keine Zukunftserwartungen mehr.
So investierte er nach wenigen Tagen noch verbleibende 245 Francs in den Kauf der „bronzierten“ Tatwaffe mit Munition.(12) Dann besorgte er eine Botschaft, worin er Gründe der beabsichtigten Tat erklärte und das Motiv selbst machte es für ihn sogar wichtig, daß es bekannt wird. Am Morgen kurz vor Ausführung der Tat hatte Grünspan einen Abschiedsgruß geschrieben an seine Eltern in Deutschland auf der Deko-Postkarte eines Pariser Portraitisten, der Kunden vor Bildvorhängen fotographierte (Bild-L).(13) Anschließend nach der Tat gaben Vernehmungen ihm Gelegenheit, die Angaben auf der nicht abgesandten und sichergestellten Postkarte zu erläutern.

F1) Tagesmeldung NY Times, 07.11.38NY-Times

F2) Tagesmeldung LA Times, 08.11.38

LA-Times

Die ersten Pressemeldungen kurz nach der Tat (Bilder) geben insgesamt die zuverlässigste Auskunft über das Tatmotiv. Der letztlich lebensmüde Attentäter ohne Zukunft und in aussichtsloser Lage hatte in der Hektik der auf ihn einstürzenden Tatfolgen noch keine Taktik bei der Darstellung seiner Absichten. Über Tage ab der Tat findet man bei den Auslandskorrespondenten verschiedener Medienorgane keine Abweichungen in der Darstellung des Geschehenen und seiner Motive. Letztere stimmen dabei, abgesehen von Ergänzungen, inhaltlich überein mit Grünspans Abschiedspostkarte an die Angehörigen.(14) Demnach wollte Grünspan den Botschafter töten, um sein Rachezeichen deutlich genug zu machen. Daß er ihn als ersten vor dem Haus traf und nicht erkannte, ist bei seinen mangelnden Vorbereitungen und Möglichkeiten kaum verwunderlich. Es konnte für ihn genügen, daß Botschaftspersonal wußte, wer der Botschafter ist. Später ging möglicherweise eine begriffliche Feinheit verloren, welche die NYT noch festhält: Grünspan fragte den Pförtner nicht mit dem Fachbegriff „Legationssekretär“, sondern er wollte zu DEM Sekretär des Botschafters („Ambassador´s secretary“). Deshalb durfte der Spezialbrief für DEN Botschafter auch nicht einfach in der Pforte bleiben. Weil natürlich keine Story Unbekannte direkt zum Chef führt, sollte das ein mystischer Brief über den Sekretär. Laut Version der Anklageschrift wurde er in einem Wartezimmer des Erdgeschosses von Hauswart Nagorka („pageboy“, Page, nicht Sicherheitsbeamter) abgeholt und vielleicht ohne genaue Erläuterungen in vom Raths Zimmer abgeliefert, dessen jugendliches Alter klarstellte, daß hier nicht der Botschafter war. Und als nach wenigen Sätzen und Sekunden deutlich wurde, daß es auch dabei bleibt, wurde vom Rath das höchstrangigste Opfer, welches Grünspan mit seinem neuen Revolver erreichen konnte, „glücklich, wenigstens einen Deutschen erwischt zu haben, obschon etwas unterhalb der Oberklasse“. Daß er mit seinen 25 Patrönchen Kaliber 6 mm Hasenfurz das ganze Haus ausrotten wollte, wie die NYT meldete, drückte eher Gemütsstimmung aus als ernsthafte Pläne. Denn Grünspan brauchte die Hilfe des Waffenverkäufers beim Laden und fünf Schüsse nur für einen, der ihm dann auch noch eine scheuerte.(15) Zur Meldung LAT vom nächsten Tag ist bemerkenswert, daß sie wie der Arztbericht einen Lungenschuß erwähnt (der heute zum Streifschuß geworden ist) sowie die operative Entfernung der Projektile.

G) Erste Vernehmung bei J. Monnoretvernehmung

Ergänzend zur Postkarte mit dem Abschiedsgruß an Angehörige hatte Attentäter Grünspan klare und insgesamt unmißverständliche Angaben zu seinen Tatmotiven geboten, die im Einklang mit Details der Tat stehen. Und er ist, wie im nächsten Abschnitt zu zeigen, während der Haft in Paris auch unter bedrängendem Einfluß bei diesen Motiven geblieben. Seine Tat verstand er als Zeichen an alle
a) „Mein Herz blutet, wenn ich von der Tragödie der 12.000 Juden höre“ (Postkarte, NYT 7.11.) gemeint: Ausweisung nach Polen, aus eigenem Schaden Parteinahme für Viele;
b) „Ich muß dagegen aufschreien, damit die ganze Welt meinen Ruf hört“ (Postkarte) gemeint: plakatives Zeichen als Protest, der aufrüttelt, Stellvertretungsposition für gleichmotivierte Interessen anderer;
c) „(Göttliche Mission für) Rache wegen Verfolgung und Unterdrückung“ (NYT 7.11., LAT 8.11.) gemeint: nach der Tat Einordnung von Gewalt und Mord in das Spektrum eigener Optionen des Protestes;
d) Protest für ein Lebensrecht als Jude, der überall wie ein Tier gejagt werde (NYT 10.11.) gemeint: präzisierend zu a) Anklage wegen selbst erlittenem Unrecht.

Grünspan war Talmudschüler gewesen und Mitglied der 1902 im litauischen Wilna von einem Rabbi gegründeten jüdischen Bewegung „Misrachi“.(16) Bei dieser Gruppe wird politischer Zionismus verbunden mit orthodoxer Religiosität zum religiösen Nationalismus. In dessen Mittelpunkt steht „Eretz Israel“, das Leben auf dem Boden Palästinas als Lebensmotiv „Am Yisrael B’Eretz Israel al pi Torat Israel“ gemeint als Landnahme und Arbeit im Geist der Tora. Diesem Programm folgend hatte der Attentäter nach Palästina auswandern wollen, was die zunehmende Notlage der aktuellen Umstände aber nicht mehr erlaubte.

Bemerkung: Der Attentäter kannte sein Opfer – aber erst seit wenigen Sekunden vor der Tat. Es war nur Ersatzmann für ein Personenziel als aufrüttelndes Fanal, das Grünspan unerreichbar blieb. Motive der Tat als Parteinahme und Vergeltung für Unrecht und Verfolgung wurden klar formuliert und definieren damit Grenzen gegen die erst später aufgebrachten Umdeutungen und Komplottgeschichten.

Option-D: Verteidigung

Man kann Grünspan glauben, daß er vor der Tat nicht geplant hatte, wie es anschließend weitergehen könnte, denn für ihn war damit alles beendet. Nun kam die Bewertung des Geschehenen auf ihn zu und die Folgen. Dabei wurde jene abwegige Schwulengeschichte konstruiert, die bis heute noch als Ausgangspunkt zweckgeleiteter Deutungen für innovative Thesen genutzt wird.

H) Nach dem Attentat: Grünspan wird von franz. Polizei abtransportiertverhaftung

Die Tatortuntersuchung fand Einschüsse in den Wänden, womit drei Fehlschüsse erklärt sind. So konnten aber Vermutung entstehen, sinnlose Knallerei sei Einschüchterung einer Erpressung geworden mit dem Ziel, Ausweise zu bekommen – also: niedere Nutzenmotive, die strafverschärfend bewertet werden. Grünspans vermeintlicher Auftrag als göttlicher Welträcher befreite ihn davon, bot sogar Auswege in die Unzurechnungsfähigkeit, warf aber dringende Verständnis-Fragen auf, warum denn gerade die Ermordung dieses Opfers seine Welt hätte retten können. Wie immer seine Antwort auch ausfiel, bediente sie Propaganda-Interessen des Dritten Reiches, was insgesamt seine Lage als Angeklagter nicht besserte. Vor allem, als er nach der Kriegsniederlage Frankreichs im Westfeldzug 1940 Häftling der deutschen Justiz wurde.

I) Vincent de Moro-Giafferi (1878-1956)moro-giafferi

Das rächende Kind mit rauchendem Colt über gemetzeltem Feind war ein zu schönes Bild für US-amerikanischen Rezeptionsgeschmack, um dort unbeachtet zu bleiben. Die New Yorker Radiomoderatorin Thompson konnte durch entsprechende Darstellung des Falles in ihren Rundfunksendungen schon innerhalb von Wochen nach der Tat weit mehr als 30 Tsd. Dollar Spenden zur Verteidigung Grünspans sammeln, also mehr als zwei durchschnittliche Jahresgehälter.(17) Damit war Budget vorhanden, um eine wirkungsvolle Strategie mit versierten Strafverteidigern ernsthaft zu planen, wobei die zunächst beauftragten Szwarc und Vesinne Larue ersetzt wurden. Etwa ein Dutzend neue französische Anwälte sind namentlich bekannt, die vom Geld der Stiftung angezogen wurden. Schließlich durchsetzen konnte sich der bekannte Starverteidiger korsischer Abstammung, Vincent de Moro-Giafferi. Er glänzte mit einer langen Liste prominenter Mandate, unter denen Eugène Weidmann die Ehre hatte, an seiner Seite der letzte Kunde einer Pariser Guillotine geworden zu sein. Der Anwalt verteidigte zunächst Onkel und Tante Grünspan als beherbergende Helfer der Tat vor einem französischen Gericht (Bild J). Es war nicht schwer zu erraten, daß Grünspans Tat von Vertretern der deutschen Justiz in Paris als Angriff eines gefährlichen Weltjudentums aufgebauscht worden wäre, womit für die öffentliche Wahrnehmung Judenverfolgungen nachträglich eine Begründung als berechtigte Gefahrenabwehr gefunden hätten. Damit war nicht nur das Recht des angeklagten Täters zu bedenken, sondern auch die weitreichenden Folgen öffentlicher Wirkung eines möglichen Prozeßverlaufs.

Gegen diese leicht absehbaren Komplikationen fand Moro-Giafferi eine reiche Auswahl an Ideen, obwohl die am meisten betroffenen jüdischen Verbände vor Gegenreaktionen oder gar Widerstand zurückschreckten, um keine neuen NS-Vergeltungen zu provozieren.(18) Aber speziell sozialistische Parteigruppierungen waren an einer Nutzung des Vorfalls aktiv interessiert. So erhielt der Anwalt den Brief eines vor stalinistischer Verfolgung nach Frankreich geflohenen kommunistischen Funktionärs und ehemaligen Offiziers der Roten Armee, Wollenberg, der darin überzeugt war, daß Grünspan ebenso ein heimliches Werkzeug der Nazis sei, wie van der Lubbe beim Reichstagsbrand in Berlin 1933. Das sei damit erwiesen, daß Nazis propagandistischen Nutzen aus den Taten ziehen konnten. Diese Vermutung war in linken Kreisen populär, auch Hannah Arendt, die Grünspan als „Psychopathen“ bezeichnete, kolportierte sie noch weit nach dem Weltkrieg.(19)

J) Moro-Giafferi verteidigt Grünspan-Verwandte, 29.11.38, 17. Strafkammer, Seine: Geldstrafegericht

Somit boten sich insgesamt drei Optionen zur Erklärung der Tat an:
a) Erpressung von Ausweispapieren
b) Rache für Verfolgung (Tierjagd), jüdischer Widerstand
c) Grünspan als Instrument einer Naziverschwörung, die Vorwände für Gewaltaktionen produziert.

Der Pariser Starjurist war vermutlich professionell genug, um zu erkennen, daß hierin keine sinnvollen Perspektiven lagen. Mit a) hätten niedere Motive zur Maximalstrafe für Mord geführt und b) wäre Beweis gewesen für staatsfeindliche Verschwörungen mit selbem Resultat. Bei c) aber hätte man konkurrieren müssen mit der besseren Fähigkeit von Himmlers Sicherheitsapparat, Verschwörungslinien bei Bedarf auch kreativ selbst anzulegen. Ein solcher Versuch war schon gesehen worden bei erwähntem Reichstagsbrandprozeß 1934, den der politisch aktive Anwalt selbst schon kommentiert hatte in einer Rede. Im Ergebnis waren die vom NS-Staat konstruierten KP-Verschwörer freigesprochen, Einzeltäter van der Lubbe aber zum Tode verurteilt worden, trotz Zweifel am Geisteszustand.

Der Anwalt entschied sich schließlich für eine ganz neue Option-D zur Verteidigung. Während der Anklage-Erhebung der Pariser Staatsanwaltschaft und des seit Juli 1940 gegen Grünspan laufenden französischen Mordprozesses hatte er versucht, seinen Mandanten davon zu überzeugen, Motive der Tat nachträglich aufzugeben und statt dessen eine willkürliche Geschichte zu produzieren, die den Mord aus persönlicher Feindschaft erklärt, sehr schön vielleicht eine Homo-Beziehung, denn „in solchen Fällen (Verführung Minderjähriger) hätten – nach Moro-Giafferi und seinen Hintermännern – die französischen Gerichte geringe Strafen, auch mit Bewährungsfrist (in Frankreich kann bis einschliesslich 5 Jahren Gefängnis Bewährungsfrist bewilligt werden) verhängen können. Aber auch dieses Argument hat, wie mir Moro-Giafferi klagte, auf Grünspan keinen Eindruck gemacht.“ Der halsstarrige Angeklagte sei deshalb auch „schuld an den Judenverfolgungen, die seine Tat ausgelöst habe, das Blut dieser Juden komme auf ihn.“(20)
Die so recht eindrücklich aufgedrängte Verteidigungstaktik wäre auch Bedürfnissen des französischen Staates entgegengekommen, der in einer Zeit, wo es überall nach neuem Krieg roch, jedes Interesse daran hatte, den inzwischen international ideologisch aufgeheizten Fall auf eine möglichst simple Streiterei zu reduzieren. Daß der Beginn aktueller Kriege gerne an Skandal-Ereignissen angeknüpft wurde, war da schon nicht mehr neu. Das für einen künftigen Konflikt strategisch defensiv aufgestellte Frankreich hatte bis zur Zeit des Attentats Unsummen in eine Bunkerlinie an der Ostgrenze investiert und kein Interesse daran, daß sich Sarajewo 1914 mit einem Attentäter Gavrilo Princip als Kriegsauslöser wiederholt.(21)
Grünspan hatte sich der friedensstiftend schlanken Lösung seines Anwalts jedoch verweigert und weiterhin seine zionistisch-politischen Rachemotive betont. Vielleicht lag es an diesem Konflikt mit dem eigenen Verteidiger, daß er knapp zwei Monate nach Prozeßbeginn an den französischen Justizminister den Antrag richtete, sich mit seinem „Blut loszukaufen von der Tat“, indem er in die Fremdenlegion eintritt.(22)
KP-Funktionär Wollenberg (Bild K), dem Bedürfnisse des französischen Staates vielleicht nicht allzu nahe standen, konfrontierte den Anwalt mit der Frage, ob bei seinen Tricks nicht auch die Ehre seines Mandanten zu beachten sei. Dazu habe er die wütende Gegenfrage erhalten, was denn „die Ehre dieses kleinen dummen Judenjungen“ wert sei „gegenüber dem Kampf gegen das verbrecherische Hitlerpack?“(23)

K) Erich Wollenberg (1892-1973) war Beobachter der Verfahrenstricks, die er 1964 in einem Brief offenlegteE. Wollenberg

Alle genannten Optionen sind bis heute in immer neuen Variationen publizistisch wiederbelebt worden. Die nominierte Sensation ist eine feinsublimierte Mischvariante aus d/Homo-Diplomat mit c/Naziverschwörung, indem die Verschwörung nicht mehr durch den Attentäter vollbracht worden sein soll, sondern durch das, was mit dem schwerverwundeten Opfer nicht getan wurde. Die Reinform c/Naziverschwörung existiert aber weiterhin. Aktuell findet man sie bei einem promovierten Schweizer Sensationsforscher. Er erkannte, daß der Attentäter nach den Sicherheitsregeln der Botschaft nicht einmal bis zu einem Bürozimmer gekommen wäre, wenn er nicht als Nazi-Agent die Hilfe dazu gehabt hätte. Als stichhaltigen Beweis präsentiert er die Sicherheitsregeln des Hauses, wie sie nach dem Attentat geändert worden waren. Einem anderen fällt auf, daß in der Zeit, die vom Rath im Hospital nach den Schüssen noch lebte, ihn niemand nach dem Tathergang befragt hat, was nur heißen kann, daß sein Staat auch sein Mörder war, der nicht mehr herausfinden mußte, was er selbst in Auftrag gegeben hatte. Die Befragung hatte es aber gegeben, mit Rücksicht auf die Umstände nur nicht so spektakulär, wie es sich Literaturkommentatoren vielleicht wünschen.(24)

Bei der deutschen Besetzung von Paris im Sommer 1940 wurde das Büro von Anwalt Moro-Giafferi geplündert und die Akten der Grünspan-Verteidigung. Der Jurist selbst hatte sich rechtzeitig in den unbesetzten Südteil Vichy abgesetzt. Als Aktivist und Politiker radikaler Sozialisten sowie eines Verbands gegen Antisemitismus war abzusehen, wie schnell er in das Fadenkreuz von NS-Sicherheitsdiensten geraten würde. Damit endete anscheinend sein offizieller Anteil am weiteren Verlauf des Geschehens.(25)

Bemerkung: Sehr bald nach der Tat war das tragische Ereignis kein Kriminalfall mehr sondern ein internationales Politikum. Neben dem mit den politischen Motiven der Tat begründeten Pogrom in Deutschland trug dazu auch bei, daß linke Publizistik und ein Starjurist dieser Netzwerke weniger Mensch und Tat sahen als das, wofür man den Fall verwenden könnte. Darin hatten sie beste Gemeinsamkeit mit der NS-Sicht des Attentats.

Abgestorbener Schauprozeß

L) Bildseite der Postkarte eines Pariser Studios mit Abschiedsbotschaft an die Elternpostkarte

Nach einer dramatischen Odyssee in Kriegswirren des im Westfeldzugs untergehenden Frankreich während seiner Gefängnisverlegung in den Süden war Grünspan schließlich aus dem unbesetzten Vichy-Südfrankreich an deutsche Behörden ausgeliefert worden, die schon gezielt nach ihm suchten.(26) Rechtliche Grundlage war das Waffenstillstandsabkommen, worin auch Auslieferungen geregelt wurden. Der formell Staatenlose mußte nicht ausgeliefert werden, konnte es aber nach eigenem Ermessen von Vichy, zumal seine letztgültige Staatsbürgerschaft die deutsche gewesen war.(27)

Vermutlich hatte es an der inzwischen längeren Phase intensiver Presseschlachten um die politische Deutung des Ereignisses gelegen, daß nach Pogrom, Kriegsbeginn und französischer Kriegsniederlage sowie Übergabe in deutsche Haft Grünspans Haltung wankend wurde. In seiner ersten Vernehmung vor deutschen Beamten bot er als durchsichtige Schutzbehauptung, er habe in der Botschaft niemanden töten wollen, sondern die Waffe vielmehr mitgebracht, um sich dort selbst umzubringen und erst auf vom Rath geschossen als er von dem beleidigt wurde.(28)
Das tragische Kuriosum daran ist, daß dabei nicht alles gelogen war. Daß Grünspan in Amokstimmung bei vom Rath alles provozieren konnte, und der Diplomat sicher auch klare Antworten gegeben hatte, ist nicht schwer vorzustellen. Es wurden bereits Indizien genannt, wie Grünspan vor der Tat mit seinem Leben abgeschlossen hatte, was auch die Abschiedsbotschaft an die Eltern in seiner Tasche belegt. Warum es nachher anders gekommen war, ob wegen der letzten Ohrfeige eines Erschossenen oder aus anderen Gründen, bleibt müßige Spekulation. Jedenfalls war aus dem wilden Rächer in goldener Rüstung mit der Ehre unantastbarer Motive und den prahlerischen Mordplänen nun ein Taktierer geworden, der seine Haut retten wollte und log. Dazu gehörte schließlich auch die Behauptung homosexueller Beziehung mit dem Attentatsopfer.

Ab Anfang 1941 begannen die Vorbereitung zu einem Schauprozeß in Berlin, was am 16.10.41 zur formellen Anklage der Staatsanwaltschaft führte (E. Lautz: Az. B J 393/41 g). Seit März 1941 waren diese Aktivitäten bereits in der Auslandspresse bekannt, was zeigt, welch internationale Aufmerksamkeit dauerhaft hinter dem weiteren Verlauf des Falles stand.(29) Die Anklage faßte die Eckmarken der bisherigen Erkenntnisse zusammen einschließlich des Aktenmaterials der französischen Polizei. Hinweise auf einen Prozeßtermin sind unübersichtlichen Dokumenten der NS-Staatsführung in verschiedenen Ministerien zu entnehmen mit Angaben zu Terminen Anfang 1942.(30)
Der Anklage war bekannt, daß in Vernehmungen des Täters in Berlin-Moabit (Beweis H 8/9) bereits das Argument angeblich homosexueller Beziehungen aufgetaucht war. Indem dies als Verleumdungsvorwurf Teil der Anklage wurde, wurde ein Drohmittel der Verteidigung mit einem Angriff der Anklage beantwortet, womit daraus beiderseits ein offensives Verfahrensargument wurde, für das die Verteidigung anschließend Beweise produzieren mußte, in diesem Fall windige Zeugen mit meineidigen Aussagen. So war es letztlich die Anklage, die Grünspan zum letzten Schritt in die Lüge getrieben hatte, was später auch von NS-Beamten kritisiert wurde. Vor diesem Zeitpunkt war in Archivdokumenten des Falles nichts dergleichen nachweisbar, und Grünspan hatte noch in Sachsenhausen gegenüber Mithäftlingen 1941 die Homo-Geschichte als erfunden bezeichnete.(31)

M) Dorothy Thompson (1893-1961)Thompson

Ob die Homo-Märchengeschichte als perfide Verfahrenstaktik alleinige Idee des Pariser Juristen war, ist unsicher. „Moro-Giafferi handelte im Auftrag des unter Leitung der Dorothy Thompson gebildeten Grünspan-Kommittees, als er Grünspan veranlassen wollte, seine Tat aus der Sphäre des Politischen, des Antinazismus, in die Sitten-Sphäre zu verlagern.“(32)
Die bereits erwähnte Spendensammlerin in New York hatte bei ihrem wohltätigen Wirken für einen Angeklagten eine eigene Vorgeschichte mitgebracht. Dorothy Thompson hatte als Auslandskorrespondentin der New York Evening Post in einem Interview mit Hitler im Berliner Hotel Kaiserhof, Frühjahr 1932, und durch herabsetzende Bewertungen in ihrem daraus entstandenen Buch die Feindschaft der NS-Partei provoziert. Sie war deshalb nach deren Machtergreifung am 25. August 1934 als erste solcher Journalisten überhaupt aus Deutschland ausgewiesen worden mit einer Frist von 24 Stunden und war anschließend auch in den USA 1939 als Störerin deutscher Versammlungs-Redner aufgefallen.(33)
Daß eine Homo-Story über Krankheitsbefunde möglich wäre, mußte dem Aktionskreis um die Journalistin nicht unbekannt sein. Schon am Tag nach dem Attentat hatten ein paar Straßen weiter in New York ihre Kollegen von der Times erwähnt, daß vom Rath gerade nach Paris versetzt worden war, weil er sich auf Posten im indischen Kalkutta eine „tropische Krankheit“ zugezogen hatte. Die gut informierten Kollegen klärten schon bei dieser Gelegenheit, warum auf der Suche nach dem Botschafter der Sekretär erschossen wurde.(34)
Immerhin war es bei Thompsons Mitstreiter, dem französischen Anwalt Moro-Giafferi, nicht selten, in speziellen Lagen Homos aus dem Hut zu zaubern: „Ob Herr vom Rath homosexuell ist oder nicht, weiss ich nicht, das interessiert mich auch gar nicht. Aber seine Homosexualität kauft man mir in der ganzen Welt ab: er ist Deutscher und dazu noch deutscher Diplomat!“
Der so belehrte Zeuge seiner Aktivitäten Wollenberg erinnerte sich bei dieser Gelegenheit, „dass Moro-Giafferi auf einer Massenkundgebung im Sports d’hiver über das Thema: ‚Der Päderast Hitler‘ gesprochen hat.“ (35)

N) Palais Beauharnais, Eingang der Botschaftbotschaft

Insgesamt ist die Frage naheliegend, wieviel Dummheit nötig ist, um glauben zu können, daß ein endzwanziger Beamter
– im diplomatischen Dienst in Paris,
– wo sein Onkel Vorgänger des amtierenden Botschafters war,
– und er gerade seine berufliche Karriere aufbauen will,
– sich während der Judenverfolgung mit einem jüdischen Homo-Freund unter fröhlichem Publikum beim Tanz amüsiert
– in Spelunken der Stadt, wo zwischen zwei Kriegen die Spitzel des französischen Deuxième Bureau alles interessiert, was einen feindlichen „Nazi-Diplomaten“ erpreßbar macht.

Die zeitlich nachfolgenden Verwaltungsvorgänge bei deutschen Behörden zur Vorbereitung des Schauprozesses sind bis heute immer wieder verwendet worden für generelle Deutungen des Attentats, seiner Umstände und Hintergründe. Wenn man dabei die Formel findet „neu gefundene Dokumente zeigen“, wie in den nominierten Beiträgen, dann stammen sie fast immer aus diesem Zusammenhang. Ein Beispiel sind Beiträge eines Osnabrücker Historikers, der die These vom homosexuellen Diplomaten vertritt als Basis, auf der dann Theorien von Nazi-Komplotten kreativ aufgesattelt werden können. Als seine Publikation von 1988 in der Sache nicht mehr überzeugte, legte er nach mit der Enthüllung von Kenntnissen deutscher Sicherheitspolizei aus dem Grünspan-Vorverfahren, was in deutscher Presse schnell aufgegriffen und nur auf diese Sicht reduziert wird. Typischerweise hat dabei dann ein Informant der Gestapo Berichte über solche homosexuellen Verbindungen, oder es wird aus Material der Grünspan-Verteidiger jener Zeit zitiert mit eidesstattlichen Versicherungen von Ärzten oder Arzthelferinnen mit angeblichen Befunden solcher Art. Aus diesen publizistischen Aktivitäten ist inzwischen ein unübersichtliches Feld entstanden. Stichproben zu den dabei gebotenen Erkenntnissen sind typischerweise unbefriedigend: die vermeintlich sichere Kenntnis des homosexuellen französischen Schriftstellers Gide über den Kollegen gleicher Art vom Rath ist beim Schrifsteller bislang nicht zu finden, nur bei einer Exegetin seiner Texte.(36)

Und ehe man noch die nächste Arzthelferin überprüft hat, die von ihrem Chef gewußt haben will, daß der einen Homo-Patienten vom Rath hatte, liest man im unvollständig offengelegten Behördenmaterial von 41/42 die interessante Bemerkung über den „… Hinweis auf die angebliche Aussage eines nach Palästina emigrierten Juden, wonach der Ermordete mit dem Mörder in unerlaubten Beziehungen gestanden haben soll und dabei auch erkrankt sein soll.“(37) Man liest schnell darüber hinweg. Es heißt aber praktisch: ein Zeuge gibt während der Kriegszeit eine eidesstattliche Versicherung ab für ein deutsches Gericht, ist dann aber verschwunden im Palästina unter der Besatzung von England als Gegner desselben Krieges. Dieser Zeuge kann also nicht mehr befragt werden zu seinen Kenntnissen. Und wenn er mit seiner Aussage gelogen haben sollte, kann er dafür nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden. Und weil ihr Urheber das selbst weiß, brauchte er keine besondere Sorgfalt zu beachten bei der Wahrhaftigkeit seiner Angaben. Vor allem dann nicht wenn sie auf der Grenzlinie politischer Feindschaften, Gewalt und Verfolgung stand. Es macht einen nicht automatisch zum Nazi, wenn man solche vermeintlichen Sachbeweise als durchsichtigen Trick einer Verfahrenspartei erkennt. Ein Trick wird auch dann nicht glaubhafter, wenn der Reichsrundfunkleiter ihn ebenfalls als solchen erkennt, der durch seine Funktion im Propagandaministerium ein Nazi war. Ein vermeintlicher Zeuge besagten Tricks konnte also behaupten, was er wollte, und es war alles ziemlich egal. Und wer heute seine Aussage findet, dem sollte sie auch egal sein, wenn es sonst keine überprüfbaren Fakten daran gibt.
Ein zweites Beispiel dieser Art sind aktuelle Behauptungen, die Homo-Beziehung sei durch Mediziner bewiesen (wie natürlich jüngst gerade erst entdeckt). Bei einer Stichprobe stellte sich heraus, daß der Mediziner als Psychater Zeuge für das Verfahren werden sollte, es also nicht war, da es nie stattfand. Er hatte also nur vom Angeklagten während der psychatrischen Untersuchung von dieser Beziehung gehört, was ansonsten nicht faktisch überprüft war. Und dieses ärztliche Zeugnis war noch nicht einmal Teil der Behördenakten, sondern kam erst zutage während seiner Vernehmung durch Amerikaner bei der Zuarbeit für den Nürnberger Prozeß 1947. Also sechs Jahre nach der angeblichen Untersuchung konnte der gedächtniskräftige Zeuge Datum und wörtliche Inhalte seiner Untersuchung bieten ohne schriftliche Unterlagen.(38)

O) Herschel in der Schule von Hannoverschule

Nach dem Muster dieser Beispiele könnte man nun seinerseits die erreichbaren Fragmente des Archivmaterials auswerten und sie gegen den Strich bürsten, mit dem man sie findet. Aber auch das ist fremdgeleitet, wenn man nicht weiß, wie authentisch und vollständig das Quellenmaterial ist, und wie vielleicht die Grenzen des Erkenntnishorizonts durch Reduzierung abgesteckt wurden durch Arrangeure, die das Material zur Verfügung stellen.
Geschichtsforschung nennt es innerhalb ihrer Methodologie der Quellenkritik „auf Strich bürsten“, wenn Bewertungen von Ereignissen auf Quellen basieren, die beherrscht werden von Interessen, unter denen lediglich ausgewählte Stücke eines Gesamtzusammenhangs offengelegt werden. Fehlende Stücke könnten in der Untersuchung einem anscheinend eindeutigen Beleg eine andere Bedeutung geben. Ähnlich wie bei dem, was die Öffentlichkeit erfährt über das Vorverfahren Grünspan 1941/42, wofür auch hier jetzt nur Stücke des Zusammenhangs verfügbar waren.(39) Solches Material hat keineswegs als letzte Herkunft, was als deutsche Dienststelle im Briefkopf steht. Es stammt vielmehr aus dem Nürnberger Tribual durch die Hände von Gerald Schwab. Er war wegen seiner Sprachkenntnisse vom US-Kriegsministerium nach Kriegsende damit beauftragt, die Grünspan-Akten zu übersetzen und auszuwerten. Hintergrund dürften erwähnte Tribunale gewesen sein, die vom 9. Dezember 1946 bis 20. August 1947 Ärzte anklagten, und vom 4. November 1947 bis 13. April 1949 Ministerialbeamte, auch das Außenministerium mit seinem Attentatsopfer von 1938. Als Schwab 1947 in die USA zurückkehrte, gab er das Grünspan-Material an Dorothy Thompson in New York, deren Rolle in der Sache kein Musterbeispiel nüchterner Sachlichkeit ist. Und er nutzte es selbst als Thema seiner Magisterarbeit von 1958 an einer US-Verwaltungsschule, später auch für Buchpublikationen, wobei seine Beiträge als fachlich seriös gelten.(40) Nachdem Schwab in den Dokumenten Verschwendung von Stiftungsvermögen fand durch die Verteidiger Grünspans mit Geldern aus der Spendensammlung von Thompson im Grünspan-Kommittee, erscheint es naheliegend, daß er sie darüber informierte.(41) Das kann alles so seine Richtigkeit haben, aber man kann es nicht wissen und in Material zweifelhafter Herkunft nachträglich auch nur noch schwer überprüfen. Man kann es dann also letztlich nur glauben, und das sollte man speziell bei Themen wie diesem grundsätzlich nie, ehe es nicht mindestens zweimal überprüft ist. Solange keine quellenkritische Edition des fraglichen Archivmaterials verfügbar ist, kann man sich bis auf Stichproben begrenzter Aussagekraft eine Gesamtbeurteilung der Vorgänge sparen.
Mit Sicherheit läßt sich nur sagen, daß die Bedeutung des Homo-Arguments überschätzt wird als Ursache für den Verzicht des NS-Regimes auf den Prozeß. Sein Beginn hing ab von der Prüfung von insgesamt drei Faktoren, darunter ein Parallelprojekt, worin Franzosen ihre Kriegsniederlage 1940 untersuchen wollten.(42)

Bemerkung: Das NS-Regime konnte keine bösartigen Vorurteile gegen seinen ermordeten schwulen Diplomaten haben, weil es bis zu seinem Tod von seiner Homosexualität ebensowenig etwas wußte wie jener selbst. Dieses Wissen spendete erst der angeklagte Attentäter, als er nach der Kriegsniederlage Frankreichs 1940 in deutsche Haft kam und seitdem widersprüchliche Behauptungen verschiedener Art lieferte. Die Behauptung einer homosexuellen Beziehung zum Attentatsopfer war dem Angeklagten schon 1939 von seinem Verteidiger als Rettungsidee aufgedrängt worden, was er aber lange zurückwies.

Es leben die Zeugen

Die vom anwaltlichen Verteidiger des Attentäters anfangs gegen den Willen seines Mandanten prozeßtaktisch eingeführte Geschichte vom homosexuellen Diplomaten mit jüdischem Freund wäre vielleicht vergessen worden nach dem Untergang des letzten Prozeßversuchs und dem Verschwinden des Täters. Das war aber nicht der Fall und die Überlebenskraft des Gerüchts dürfte an seiner Eigenschaft liegen, Andockpunkte zu bieten für kreative Deutungen, mit deren Hilfe sich aus dem Attentat nachträglich das machen läßt, wofür man es gerade braucht. So tauchten schon bald nach Gründung eines Nachkriegsdeutschland erstaunliche Zeugen auf, welche sich auf die eine oder andere Weise Vorteile damit verschafften, den 1938 ermordeten Diplomaten vom Rath als Homosexuellen zu bestätigen mit Material, gefischt aus dunklen Tümpeln der Kriegsakten. Diese frühe Nutzung ist das Erbe, aus dem bis heute Gerüchtebeiträge wie die Nominierten ihr Sensationspotential beziehen.

P) Leopold Gutterer (1902-1996)gutterer

Im Herbst 1953 wurde aus Wuppertal ein sehr merkwürdiger Brief geschrieben durch den ehemaligen Staatssekretär im Reichspropagandaministerium und Goebbels-Vertrauten Gutterer, inzwischen geschäftlich engagiert. Er war in leitender Funktion an der Vorbereitung des Berliner Schauverfahrens beteiligt und ist in Verteilerlisten sowie unter Sitzungsteilnehmern in den Akten genannt. Er antwortete im September 1953 auf eine mehr als drei Wochen vorher erhaltene Anfrage eines gleichaltrigen Publizisten zur Grünspansache. Gutterer bot an, erstaunliche Hintergrundkenntnisse „auf den Eid zu nehmen“. Laut denen habe er damals in französischen Akten gefunden,
– daß Grünspan in Paris wegen des Mordes schon verurteilt war,
– daß die Tat ein Streit unter Schwulen war,
– was auch die französische Polizei gewußt habe, die ihn dann unter Druck setzte, alternativ ein politisches Motiv zu erfinden.
Mit diesem Wissen habe er Propaganda-Minister Goebbels überzeugen können, und der anschließend Hitler, weshalb seine Initiative letztlich zur Einstellung des Grünspan-Verfahrens in Berlin führte.(43)

Sensationell daran ist fast noch weniger, daß Grünspan anscheinend einen 19 Jahre älteren noch viel höhergestellten und wesentlich nationalsozialistischeren Intimfreund und Helfer hatte als den Sekretär vom Rath, einer, von dem selbst er noch nichts wußte. Die Sensation liegt eher darin, daß Glaube an Gutterers Enthüllung voraussetzt, daß jemand bis dahin blind und taub in einer Besenkammer geschlafen haben mußte.
– Denn um der Pariser Polizei die Chance zu bieten, einem schwulen Grünspan ganz neue und vor allem kompliziertere Tatmotive einzubläuen bis sie mikrophonfähig wurden, hatte sie sehr wenig Zeit. Zwischen Grünspans Tat und den ersten Meldungen der Weltpresse über seine politischen Rachemotive waren keine 24 Stunden vergangen (siehe oben Bild F1: New York Times vom 07.11.38). Im Grunde hatte Grünspan schon beim Schießen über ein neues Motiv nachdenken müssen. Viel spannender wäre auch die Frage, warum gerade deutsche Beamte ihm wieder gnädig sein ursprüngliches Homo-Motiv erlaubt haben sollten, nachdem die fiesen Franzosen mit ihrem politischen Zeugs endlich weg waren.
– Es fördert den Glauben an Gutterers Offenbarung, wenn man nie einen Blick in die Behördenakten wirft, in denen er genannt wird. Dort beklagen sich eher Beamte seines Ministeriums darüber, daß aus dem Justizministerium ständig die Arbeit am Grünspan-Prozeß behindert wird durch Warnungen vor dem Homo-Argument. Hier werden glatt die Rollen vertauscht, umfassend und gründlich.(44)
– Oder wäre es möglich, daß der Erfinder des gelben Judensterns in Nürnberg am 14. Dezember 1948 zu Vermögens- und Pensionsverlust, einem Jahr Arbeitslager und acht Jahren Berufsverbot verurteilt worden war? Dann wäre das Verbot zum Zeitpunkt seiner Briefschrift 1953 noch weitere drei Jahre gültig gewesen. In seinem Briefkopf firmierte Gutterer als „Staatssekretär z.D.„, was vielleicht abkürzt „zu Diensten“? Diese Dienste wurden offenbar gerne genommen: 1985 wurde er Geschichtszeuge für den US-Historiker Stolzfuß und einen Aufstand jüdischer Frauen, sowie Mitte der 1960er Jahre Verwaltungsdirektor des Aachener Theaters.(45)

Q) Walter Richard Max Bennecke (1902-1984)Bennecke-Soltikow

Der Empfänger des Briefs war eigentlich selbst Zeuge. Als enger Vertrauter von Abwehrchef Canaris und seinem Vorgänger Hans Oster hatte er unter Widerstandskämpfern den deutschen Angriff auf Holland an die Alliierten verraten und den deutschen Einmarsch in die Schweiz verhindert. Beim Spruchkammerverfahren („Entnazifizierung“) wurden für diese Leistungen allerdings keine Zeugen gefunden – allenfalls solche, die sie bestritten. Anstelle von seinem antifaschistischen Journalismus fand man ihn als Verfasser von zwei judenfeindlichen Büchern – natürlich nur zur Tarnung geschrieben, damit er nicht als Widerstandskämpfer entdeckt wird.(46)
Sicher scheint nur, daß Walter R.M. Bennecke, Sohn eines Potsdamer Lehrers, durch Gefälligkeitsadoption von Flüchtlingen der russischen Oktoberrevolution zu „Graf Soltikow“ wurde (Bild Q: 1959), der immerhin 1929 in Bonn als Jurist promoviert wurde, und auch tatsächlich 1934 als Informant der Berliner Gestapo eingesetzt war zur Observierung entlassener politischer Gefangener.(47)

Soltikow hatte 1952 in einer Nürnberger Illustrierten über den Fall Grünspan berichtet, und Aufmerksamkeit gefunden mit der sensationellen Enthüllung einer Homo-Geschichte um das Attentat. Gutterers Eides-Angebot zu unmittelbarer Kenntnis der Aktenlage scheint Soltikow so beeindruckt zu haben, daß er tatsächlich darauf zurückkam. Denn Aufmerksamkeit hatte die Sensation ebenfalls gefunden bei einem Bruder des Ermordeten, der auch Jurist war. Er erhob vor dem Münchener Landgericht Verleumdungsklage gegen Soltikow, die ab 1960 verhandelt wurde.(48)

R) Haftbefehl 05.09.1940 wegen §175haftbefehl

a) Homosexualität war vom 01.01.1872 bis 11.06.1994 im Paragraphen 175 StGB des deutschen Rechts unter Strafe gestellt. Diese Rechtsnorm war also älter als der Nationalsozialismus und nicht von dem eingeführt worden. Die NS-Justizetappe der 122 Jahre Gültigkeitsdauer hat nur ein Zehntel Anteil. Es haben also viele Menschen vor und nach der NS-Zeit wegen §175 in Gefängnissen gesessen – nicht nur in Deutschland.
b) Diese Rechtsnorm wirkt wie behördliche Bevormundung von Privatem, was niemanden etwas angeht. Behörden können von dieser privaten Eigenart einer Person aber nur etwas wissen, wenn zur Privatheit noch etwas hinzukommt.
c) Das ergänzende Etwas sind Handlungen, die andere betreffen oder von ihnen erlebt werden. Das kann deren Privatheit beeinträchtigen. Formen von Belästigung ohne Einvernehmen sind auch heute weiterhin rechtlich sanktioniert.
d) Relevant ist dann also nicht die Privatsache einer Person, sondern, wenn diese nicht mehr privat geblieben war mit Einfluß auf die öffentliche Ordnung. Dieser Art scheinen auch Fälle von §175 in Haft während der NS-Zeit gewesen zu sein (Bild R).

xWenn jemand einen anderen durch öffentliche Behauptungen ungerechtfertigt in die Nähe solcher Tatbestände brachte, konnte das eine justiziable Beleidigung sein. Auch in Fällen wie dem ermordeten Diplomaten vom Rath konnte berechtigter Schutz des Persönlichkeitsandenkens verletzt worden sein, wenn Soltikow nicht nachweisen konnte, daß seine Sensationsgeschichte über die Person auch überprüfbar stimmt.
Während des Verfahrens war er ernsthaft davon überzeugt, daß Grünspan unter den Zuschauern des Gerichtsverfahrens gesessen hatte, war verärgert, als der Richter dazu kommentierte, daß er dann zu verhaften sei, und bot ihn im Laufe des Verfahrens noch förmlich aber vergeblich als Zeugen auf. Auch Familienangehörige vom Raths hatten als Prozeßgegner dieselbe Überzeugung zum Verbleib des verschwundenen Mörders.(49)
Als Ergebnis des Verfahrens wurde der Beschuldigte verurteilt. Neben vierlei verfahrensirrelevanten Aufwänden hatte er als Nachweis seiner Behauptung Zeugen, unter denen Gutterer das vortrug, was er in seinem Brief skizziert hatte. Nur folgte ihm darin alleine noch ein Ben Zahdeck, früher Gestapo, während Prominenz widersprach. Die Zeugen hatten Soltikow verlassen, am Ende des Verfahrens unter Eid wollte schließlich keiner mehr seine Gerüchte um den ermordeten Diplomaten bestätigen, weshalb das Gerichtsurteil entsprechend ausfiel.(50)
Einen frühen französischen Polizei-Hinweis auf einen homosexuellen Hintergrund der Tat, wie von Gutterer erwähnt, gab es tatsächlich. Nur war es lediglich die Aktennotiz eines Kommissars Valentini, der diesen Hinweis seinerseits gehört hatte von einem Kollegen, der dies gehört hatte beim Verhör eines gewissen Segall. Wie Valentini aber auch hinzugefügt hatte, kannte Segall keinen der am Attentat Beteiligten und war schon zweimal in der Psychatrie gewesen.(51) Daß im Verfahren unter Eid dann schließlich auch Gutterer nicht mehr an dem Gerücht festhalten mochte, ist naheliegend.
Über Motive seiner Sensationspublizistik in dieser Sache erklärte Soltikow: „Es ist eine Notwendigkeit und mir eine Freude zu zeigen, daß das Weltjudentum nichts mit dem Attentat zu tun hatte“.(52)
Damit hatte er zweifellos Recht, nur war dieser Nachweis 15 Jahre nach Ende des Dritten Reiches und seiner antijüdischen Publizistik, an der er Anteil hatte, nicht mehr notwendig. Und es dürfte kaum dieser noble Nachweis gewesen sein, der Leser von Illustrierten zu seinen delikaten Enthüllungen über einen ermordeten Diplomaten hingezogen hatte.

Bemerkung: Daß ehemalige Technokraten eines Regimes nach Umsturz der Machtverhältnisse für das Gegenteil arbeiten wie zuvor, ist auch bei „Soltikow“ keine Neuigkeit. Er hatte Verbindungen in einem Milieu Gleichgesinnter, das trotz belasteter Kriegsvergangenheit erstaunlich gut neu etabliert war und mit einem Gewissen wenig Probleme hatte. Ihr Mut zur Verdrehung von Tatsachen bis in ihr Gegenteil war bemerkenswert. Natürlich hatte „das Weltjudentum“ mit Grünspans Tat nichts zu tun, nur wurde das nicht bewiesen durch seine Sensationsgerüchte. Die durch sie auf ihn gefallene Klage nutzte er in einer Ego-Show als Marketing im Dienst eigener Veröffentlichungen.

Eine harmlose Erschießung

Mit dem auch im Ausland kommentierten Münchner Gerichtsverfahren von 1960 war ein wichtiges Element demontiert worden für Umdeutungen des Attentats durch vermeintliche Motive. Doch schon in den 1980er Jahren begannen dieselben Versuche erneut, weil mangels öffentlichem Zugang zu den Aktendokumenten jede Behauptung möglich und nicht widerlegbar war. Das änderte sich in Etappen bis schließlich zur Öffnung der Münchner Verfahrensunterlagen. Doch es durfte nicht sein, daß der Attentäter nur willkürlich nach haßgelenkten nationalistischen Kriterien sein Mordopfer gesucht hatte, und damit das Täter/Opfer Schema des historischen Zusammenhangs umdrehte. Eine edlere Neufassung seiner Tatmotive wurde also dringend benötigt.

S) Paris: Clinique de l´AlmaAlma

Der verletzte Diplomat wurde sofort nach dem Anschlag in der deutschen Botschaft am 07.11.38 gegen 10h in das 500 Meter entfernte Pariser Hospital de l´Alma gebracht nahe dem Eifelturm. Der schmächtige Patient traf ein mit zwei Steckschüssen des Pistolenkalibers Browning 6,35 mm.

Der nominierte Buchkommentar weist freiwillig darauf hin, woher die Neufassung alter Gerüchte seinen Ausgang nahm: „eine kurze Studie eines Medizinhistorikers von 2011“ habe den Weg zu neuen Ufern gebahnt.
An der medizingeschichtlichen Abteilung des Wolper-Hospitals in einem östlichen Vorort des australischen Sydney widmete zwei Jahre nach Ablauf der Archivfrist für Akten der Kriegszeit ein Mediziner George M. Weisz diesem Thema einen Aufsatz, publiziert in einem Magazin der israelischen Medizinergesellschaft.x(53)

WolperDie Klinik hat aber keine themenbezogene Spezialisierung, die zu diesem Fall geführt haben könnte, wie z.B. Traumatologie. Sie arbeitet eher pflegerisch (Reha, Palliativ) für gehobenes Ambiente mit kosherer Küche. Der Verfasser ist öffentlich weniger profiliert in medizinischen Themen, sondern Geschichtsthemen in Kooperation mit Erinnerungsgruppen wie dem jüdischen Museum von Sydney, was sein Interesse am Fall besser erklärt.x(54)
In seiner dreiseitigen Abhandlung formuliert er abschließend folgende These: vom Rath sei wegen drei „Sünden“ von Nazis umgebracht worden:
– Homosexualität,
– Aufsuchen jüdischer Arzthilfe und
– Gegenspionage.
Sein Tod sei bewerkstelligt worden von Hitlers Arzt Brandt in Paris, der die wahre Lebensgefährdung des Erschossenen verschwieg, die Behandlung seiner tödlichen Schwindsucht verhinderte, und ihn so sterben ließ, damit das Progrom-Programm starten konnte. Indem die angebliche Homosexualität des Falles als Ursache einer gefährlichen bakteriellen Infektion ausgebaut wird, gewinnt sie für Publikum wieder an Plausibilität. Um aber den angeblichen Arztmord glaubhaft zu machen, muß seine These die Bedeutung der Infektionskrankheit so übertreiben, daß man meinen könnte, die Erschießung sei eine fast harmlose Nebensache.

Verfasser Weisz hat in seinem Aufsatz sichtliche Mühe mit der Sprache deutschen Quellenmaterials, wobei zu hoffen ist, daß seine nächste Studie Aufklärung bieten wird über die neue Partei „NSDASP“ und ihre „Helfshelfer“.(55) Die Ungereimtheiten seiner These beginnen in der Darlegung schon früh mit der Bestimmung von Vorerkrankungen. Weisz unterscheidet dabei Infektion mit Lungentuberkulose durch den diplomatischen Dienst in Indien und eine weitere homosexuell provozierte während des Berliner Aufenhalts 1935/1936.x(56) Letzteres ist aber schwerlich möglich, weil vom Rath zu dieser Zeit auf beruflicher Ausbildung in Indien und Frankreich war, worin Biographien übereinstimmen. In einem Satz kann Weisz klären, daß der Diplomat 1938 in Paris in Schwulenkneipen unterwegs gewesen sei und für den französischen Geheimdienst Gegenspionage betrieb, belegt mit zwei randständigen Publikationen, die seit ihrer Veröffentlichung 1995 und 2005 genügend Zeit hatten, mit neuen Entdeckungen die Grünspanforschung zu beflügeln, was jedoch ausgeblieben ist.x(57) Wenn an dem Gebotenen bis dahin etwas stimmen würde, wäre das schon die Sensation an sich, es verblaßt aber vor der Lässigkeit, mit der Weisz dies lediglich beiläufig notiert als Unterbau für weiterführende Konstrukte.

Die neue These von Weisz legt die Todesursache fest auf Tuberkulose, deren infektiöse Schwächung des Gesamtorganismus eine ansonsten handhabbare Schußverletzung fatal machte. Diese Ansicht benötigt folgende nachweisbare Voraussetzungen zur Plausibilität:
a) es muß nachgewiesen werden, daß die Schußverletzungen innerhalb des relevanten Zeitraums, hier zwei Tage, typischerweise nicht tödlich waren;
b) die schadenserschwerende Infektion mußte unter Bedingungen der Schußverletzungen schneller kurierbar sein als eine eventuell spätere Todesfolge der Schüsse.
C) die Infektion hätte behandelbar sein müssen, weshalb das Versäumnis von Behandlung eine Schuld behandelnder Ärzte belegt, die einläd zur Frage nach Absicht oder Motiven.
Bereits vor genauerer Prüfung ist der Unfug an der Thesenidee offensichtlich: eine chronische Infektion wie Tuberkulose ist ein langfristiger Schädigungsprozeß, Schußverletzungen sind akut. Es wäre sicher nett, einen Infizierten von der Infektion zu heilen, was dem aber wenig nützt, wenn er vorher an Erschießung stirbt.

T) medizinischer Befund vom Rath nach Notfalloperation: „Eine klaffende Wunde in der oberen rechten Thoraxpartie (Brust) und ein Projektil in der rechten Schulter, 2) eine klaffende Wunde in der rechten Weiche mit einem Projektil vor dem X. Dorsal.“ Vermerkt wurde die operative Entfernung der Milz (Spleenotomie) und das Nähen der doppelten Durchbohrungen des Magens.befund

Deshalb unterstellt die These unausgesprochen, die Kombination Seuche+Schüsse seien ein spezielles neues Syndrom gewesen, dessen tödliche Wirkung aufgehalten worden wäre durch vorrangige Behandlung der Seuche. Damit verlagert sich eine Prüfung auf die eigentlich simplen Fragen, ob es diese Syndromverkettung tatsächlich gibt, ob sie damals der Medizin bekannt und behandelbar war, und wenn nicht, welche Gesundheitsstörung zeitlich akuter war: Schüsse oder Seuche.

Hier scheitert die von Weisz gebotene Abhandlung, obwohl man von einem Mediziner doch erwarten würde, daß er gerade hier seinen fachlichen Schwerpunkt findet. Lediglich in zwei Literaturbelegen wird gezeigt, daß man 1904 bereits Schußverletzungen der Milz operieren konnte. Weisz nimmt an, daß in diesem Fall der Einschuß in den Bauch ohne Operation der geschädigten Pankreas blieb und das Projektil noch am Platz, wobei er anzunehmen scheint, das Geschoß sei nur einfach nicht gefunden worden, weshalb „simple Röntgenaufnahmen die Lokalisierung des Projektils ermöglicht hätten“. Doch wenige Sätze vorher hatte er noch kritisiert, daß bei vom Rath direkt zur Einlieferung in die Klinik „trotz seines schlechten Zustands eine Röntgenuntersuchung des Bauches vorgenommen wurde, noch vor der Notfalloperation“.(58) Wenn aber das Röntgen bei Weisz beides zugleich ist: sowohl richtig als auch falsch, bleibt eigentlich nicht mehr viel übrig an medizinischen Möglichkeiten, die er richtig finden würde. Vielleicht würde es aber genügen, daß ein behandelnder Arzt nicht Hitlers Arzt ist, und am Hospital in Sydney arbeitet, damit ihm gleich alles richtig wird, was er tut. Ansonsten bleibt dies das einzige medizinfachliche Argument seiner Studie. Die eben definierten Schlüsselfragen, die zur Bestätigung seiner These notwendig wären, werden weder gefragt noch erörtert.

Eigentlich könnte man sich aber auch jede weitere Prüfung an diesem Beitrag sparen. Die Voraussetzungen der neuen sensationellen These, die keine neuen Fakten bietet, liegen nicht vor:
a) Schußverletzung:
Damalige Medizin hatte natürlich Erfahrungen mit der Operation von Bauchschüssen. Man benötigt dazu aber keine Studie von 1904, um zu erfahren, daß Ärzte im Ersten Weltkrieg, gut 20 Jahre vor dem Attentat, die mittelfristigen Überlebenschancen solcher Verletzten in der Behandlung als ziemlich schlecht erfahren hatten.x(59)
b) Seuchenbehandlung:
Die bakteriell infizierte Tuberkulose (Schwindsucht), ist eine Krankheit mit chronischem Verlauf und wurde erst ab 1943 behandelbar durch das Antibiotikum Streptomycin.(60) Bis dahin konnte nur Vorbeugung und die Eindämmung von Symptomen geleistet werden. Die Schadenswirkung der Krankheit besteht in der Ausbreitung von Entzündungen, auch auf Organe, womit der Organismus allmählich geschwächt wird. Diese Schwächung schafft den sekundären Hintergrund, der über Jahre der Auszehrung bis zu einer anderen primären Todesursache führt. Bei einem Beamten im aktiven Bürodienst im Ausland wie dem Attentatsopfer kann ausgeschlossen werden, daß die Krankheit bei ihm schon im Endstadium war, das vorrangig vor Schußverletzungen Behandlung erfordert hätte.

Deshalb ist am medizinischen Befund der Ärzte zur Todesursache nichts auszusetzen, jedenfalls ist es nicht Weisz, der in seinem Beitrag dagegen etwas Stichhaltiges entdeckt hätte.(61) Sicherlich hatte die Tuberkulose die Gefahr der Schußverletzungen erhöht und möglicherweise auch eine syndromartige Kombination erzeugt. Nur konnte gegen deren Folgen wie Fieber mit Herz- und Kreislaufschwäche zunächst nur nach üblichen Verfahren angegangen werden. Für eine Symptombehandlung der damals unheilbaren Tuberkulose blieb in diesem Fall keine Zeit mehr bis zum Tod.

Bemerkung: Die vermeintlich sensationelle Entdeckung eines gewollten ärztlichen Kunstfehlers bei der Behandlung des angeschossenen vom Rath krankt schon am mangelnden Nachweis des Kunstfehlers, womit sich Fragen nach Motiven einer Absichtlichkeit erübrigen. Bauchschüsse wie in diesem schweren Fall galten als sehr kritisch, und die Tuberkulose war nur symptomatisch eingrenzbar, aber vor 1943 und dem Streptomycin nicht heilbar.

Fazit

Wenn Grünspan heute noch leben und mit einem langen Bart von der Autorität der Sharia sprechen würde, käme bald eine Killerdrohne zu seiner Hinrichtung oder ein paar nette Mossad-Agenten mit falschen Kölner Pässen in sein Pariser Hotelzimmer. Denn Grünspan war nach heutiger Definition ein Terrorist und Selbstmordattentäter. Er war zwar in keiner Koranschule, aber in einer Talmudschule, in der die Sharia eben Tora heißt. Er war nicht unter radikalen Islamisten aber bei ansonsten ähnlich engagierten Zionisten. Sein politisches Tatmotiv schließt keineswegs aus, daß daran persönliches Leid und Not bei ihm und nahen Angehörigen beteiligt waren, im Gegenteil.

Die nominierte Pseudo-Sensation ist eine Spezialkonstruktion innerhalb traditioneller Versuche, aus dem Attentat nachträglich eine Nazi-Verschwörung zu machen, um von den tatsächlichen politischen Motiven des Attentäters abzulenken. Zuvor war es letztlich nicht gelungen, aus ihm einen geheimen Nazi-Agenten zu machen, weil Motive und Vorgeschichte Grünspans inzwischen zu gut bekannt sind. Ablenkung von unbequemen Fakten boten anschließend eine Zeit lang noch Fortsetzungsgeschichten zum 1939 konstruierten Homo-Märchen. Nachdem 1961 ein Münchner Gerichtsurteil keine hinreichenden Belege dafür finden konnte, wurde die Legende immer unplausibler und war im Ausland schon vor Jahren verworfen worden.

So folgt als jüngste Konstruktion nun die Geschichte, ein Naziverschwörungsmord am angeschossenen Diplomaten nach dem Attentat habe eine zufällige günstige Gelegenheit genutzt. Eine mit Absicht unbehandelte Seuche des Angeschossenen sei letzte Todesursache und eine homosexuell erworbene Infektion gewesen. Ausdrücklich beruft sich die nominierte These dazu auf die neuere Studie eines Arztes nach Öffnung der Archivalien des Außenministeriums 2008 mit medizinischen Berichten.

Auf die Wahrheit (Nutzung einer Gelegenheit zum Pogrom) wird also eine Komplottgeschichte aufgesattelt, mit deren Hilfe das Attentat von 1938 wieder jenen Nutzen für politische Propaganda bietet, den das Ereignis sonst nicht hätte – oder jedenfalls nicht in gewünschter Richtung. Das Buch zur nominierten Rezension mußte dann nur noch die bisherigen Kenntnisse über das Ereignis in die zur angeblich neuen Entdeckung passende Richtung bürsten durch selektive Auswahl von Fakten und deren zweckgeleitete Komposition.

Dieses Konzept wäre auch umsetzbar gewesen, wenn man es für jenen angeblich willentlich provozierten Seuchentod bei der seit 1939 publizistisch etablierten „Tropenkrankheit“ vom Raths belassen hätte. Unnötig und ohne nachvollziehbaren Grund wird für die Seuche aber wieder die längst widerlegte Homo-Geschichte in die Konstruktion eingebaut. Indem bereits geklärt ist, daß diese Behauptung nicht stimmt, verliert die Gesamtkonstruktion ihre Begründungsautorität durch den Nachweis von entweder fehlerhafter Arbeit oder sogar absichtlicher Fehldeutung. Hinzu kommt, daß auch ohne Infektion die Schußverletzungen nach damaligem Stand der Medizin lebensgefährlich waren und ein anschließender Tod des Patienten nicht grundsätzlich ungewöhnlich.

Derartige Inkompetenz wie bei den nominierten Beiträgen kann man sich heute nur noch vor deutschem Publikum leisten. Die Sensation fährt auf der Schiene einer DDR-Interpretation wie bei Fa. Kaul&Döscher, um Veteranen eines politischen Milieus rechtfertigend gefällig zu sein. Diese waren zur Attentatszeit medienleitend und hatten das Ereignis für ihre Propaganda auf eine Weise mißbraucht, die Opfer und Täter gleichermaßen beleidigt.

Belege

x(1)Unterirdisch-1, übersehene Zielperson:
LAT/Assassin,S.1: „Die Polizei nimmt an, daß Grünspan zur Botschaft ging, um den deutschen Botschafter, Graf Johannes von Welczek umzubringen.“
Aber Heiber/Fall,S.135: „Grünspan erkundigte sich nämlich bei diesem Herren (…) wie er zum Botschafter gelangen könnte. Der Angesprochene verwies ihn an den Pförtner, und vermutlich hat die Abneigung dagegen, sich auf der Straße ansprechen zu lassen, dem Botschafter, Graf Welczek, das Leben gerettet. Denn dieser war es, der gerade von dem gewohnten Morgenspaziergang zurückkehrte.“
Heiber hatte die damals noch gesperrten Akten des Außenministeriums einsehen können und zugleich Augenzeugen der Botschaft gehört. Da diese in ihrem Bericht an das Ministerium nicht jedes mündlich überlieferte Detail erwähnt hatten, entschied er sich im Zweifel für die mündliche Information. Besser wäre es aber gewesen, die Pressemeldungen am Tag des Attentats zur Auswertung hinzuziehen. Dann wäre erkennbar gewesen, daß der Attentäter zwar den Botschafter töten wollte, aber in der Verzweiflung seiner Notlage dafür keine systematischen Vorbereitungen aufwandte.

x(2)Unterirdisch-2, der Weg den man nicht will, führt zum Ziel:
Wikipedia/vom Rath unter Verwendung von Döscher/Die,S.72: „Es ist nicht auszuschließen, dass vom Rath und Grynszpan sich tatsächlich kannten und dem Mord an vom Rath eine Erpressung – z.B. um Geld oder Reisedokumente – vorausgegangen sein könnte, was auch Hinweise der Eltern von Grynszpan nahelegen.“
Aber Heiber/Fall,S.135,Fn1: „In dem zusammenfassenden Bericht des Botschafters Graf Welczek an das AA vom 8.11.38 (Polit. Archiv AA) heißt es, Grünspan habe beim Pförtner ‚einen Legationssekretär‘ zu sprechen verlangt.“
In der Regel ist es für solche Erpressungen hilfreich, beim Pförtner eines Bürohauses gerade jene Person zu verlangen, die man erpressen will, und sich nicht überraschen zu lassen, wen der Pförtner dafür aussucht. Sonst landet man am Ende bei Dr. Ernst Achenbach, der mit der Sache nichts zu tun hatte.
Tatsächlich wollte Grünspan über irgendeinen Sekretär zum Botschafter kommen, indem er einen angeblich wichtigen Brief als Eintrittskarte verwendet.

x(3)Unterirdisch-3, der Attentäter war mit der Pförtnerwahl zufrieden:
Man höre Kleikamp/Nazis: „Was in den folgenden Sekunden geschah, konnte nie genau geklärt werden. Fragte der Diplomat zuerst höflich nach dem Begehr seines Besuchers? Oder zog Grynszpan tatsächlich mit den Worten ‚Im Namen von 12.000 Juden übergebe ich hiermit die Dokumente‘ sofort seinen Revolver und drückte ab? Sicher ist: Keine halbe Minute hielt sich der junge Mann in dem Raum auf. In dieser Zeit schoss er aus etwa zwei Metern Entfernung fünfmal auf vom Rath, verfehlte dreimal, traf aber eben doch zweimal und verletzte ihn schwer.“
Es hat sich aus Erfahrung als nützlich für den Erfolg von Erpressungen erwiesen, wenn man seinen Kunden erklärt, wozu man sie zwingen will, und dafür etwas mehr als 30 Sekunden Zeit verwendet. Oder man macht es wie dieser Attentäter: als vom Rath Grünspan nicht zum Botschafter weiterleiten wollte, blieb dem kein höherer Dienstgrad als Opfer als jener Sekretär.

x(4)Unterirdisch-4, ein vorbildlicher Beamter ist überall zugleich tätig:
Weisz/Conspiracy,S.266 unter Verwendung von Kaul/Fall,S.130: „Zwischen 1935/36 während seines Aufenthaltes in Berlin zog er (vom Rath) sich eine homosexuell übertragene Infektionskrankheit zu.“
Aber DHM/Ernst
1935/Februar: Rath beginnt seine Laufbahn als persönlicher Sekretär seines Onkels Roland Köster (1870-1935), des deutschen Botschafters in Paris.
1936/24. Juni: Rath besteht die diplomatisch-konsularische Prüfung und wird danach am Generalkonsulat in Kalkutta (Indien) eingesetzt.“
Wenn man die Distanzen bedenkt und damalige Reisemöglichkeiten, kann es erstaunen, wie vom Rath in Paris und Kalkutta arbeiten, und sich währenddessen in Berlin nach Feierabend anstecken konnte. Vermutlich sind seitdem Spesenerstattungen für Beamte deutlich eingeschränkt worden.

x(5)Unterirdisch-5, zielsicherer Revolverschütze:
Obwohl es für den Zeitpunkt des Attentats keine Zeugen gibt außer Opfer und Täter alleine im Bürozimmer, gilt die in ersten Berichten von Botschaft und Polizei etablierte Ansicht des Vorgangs wie Heiber/Fall,S.135: „… von hinten schießt Grünspan in dem kleinen Zimmer fünfmal auf den vor ihm sitzenden Legationssekretär. Es spricht nicht gerade für seine Eignung zum Pistolenschützen, daß er sein Opfer bei fünf Schüssen aus etwa zwei Meter Entfernung dreimal verfehlte und einmal nur streifte.“
Diese Schießbeschreibung stammt von Grünspan selbst aus Vernehmungen. Bei diesem Befund ist es bis heute geblieben. Die Pariser Polizei fand Einschüsse in den Wänden. Zur Erklärung der Fehlschüsse kann man nur spekulieren. Es gibt Hinweise, daß vom Rath sich gewehrt hatte (Faustschlag), was die Fehlschüsse vielleicht erklärt. Auch Grünspan erwähnte in ersten Vernehmungen, daß vom Rath sofort aus dem Sitz aufsprang – wie in folgender Anmerkung, zweites Zitat.

x(6)Unterirdisch-6, der unerschöpfliche Spezialrevolver:
Kaul/Fall,S.8: „Bei der sofort vorgenommenen Besichtigung des Tatorts fand der Kommissar im Dienstzimmer Raths auf dem Boden rechts von dessen Tür in einem durch das Wandrelief gebildeten Winkel einen bronzierten Trommelrevolver Kaliber 6,35 mm, an dessen Abzugsbügel sich noch ein roter Bindfaden der Preisetikette befand. Die Trommel der Waffe enthielt noch 5 Patronen.“
Aber der Attentäter in der ersten Vernehmung – ebenfalls laut Kaul/Fall: „Ich zog den Revolver, den ich in der Innentasche meines Rockes versteckt hatte, und schoß; in dem Augenblick, wo ich die Waffe zog, erhob sich der Attaché von seinem Sessel. Ich feuerte jedoch alle Kugeln ab.“ Monnoret
Zu Details der Waffenbeschaffung Anmerkung-12.
Die Lösung des Rätsels dürfte sein, daß es vom DDR-Juristen Kaul in Ostberlin stammt, dessen Sprachkenntnis für französische Dokumente unklar ist. Der Pariser Ermittler J. Monnoret (Bild) wird wohl eher die leeren Hülsen in der Trommel gemeint haben (cartouche/douille), woraus folgerte, daß der Attentäter nicht nachgeladen und also keine weiteren Anschlagsabsichten gehabt hatte. Diese Absichten, „alle umzubringen“, hatte er aber noch behauptet in ersten Vernehmungen wie NYT/Reich,S.1, zitiert in Anmerkung-14.
Daß die Pariser Ermittler entspannt gearbeitet hatten, zeigt auch die Obduktion der Leiche. Wie Hoffmann/Mord zurecht bemerkt, sei dabei ein Schußkaliber 6,5 mm festgestellt worden, obwohl die Projektile angeblich operativ entfernt waren. Dieses Kaliber gab es nur als 6,5 mm Mauser Gewehrmunition, deren Ogival-Geschoß mehr als doppelte Länge hat als das Kaliber 6,35 mm Browning des Tatrevolvers. Immerhin mochte es Grund legerer Arbeit gewesen sein, daß der Täter auf der Tat abgeholt wurde und diese nicht bestritt, womit der Fall ermittlungstechnisch keine Aufwände mehr erforderte. Am Aufspüren eventueller Hintermänner der Tat konnte Frankreich kein Interesse haben, selbst wenn es sie gegeben hätte.

x(7)Unterirdisch-7, Haftleiche auf Reisen:
Die älteste Behauptung über einen Tod von Attentäter Grünspan oder gar dessen Hinrichtung vor 1942 scheint einer seiner Verteidigungsanwälte zu sein, kurz nach Kriegsende 1949 in Weill-Goudchaux/fin. Demnach sei der Mörder gleich nach der Übergabe an deutsche Behörden 1940 „geköpft“ worden, was schon als Idee französische Herkunft verrät und Unkenntnis deutscher Sitten.
Bald darauf folgte 1965 Counot/Case,S.152f der mit Fritz Dahms einen dt. Beamten im Außenministerium der Kriegszeit mit Kontakt zum Fall so zitierte: „The death of Grynszpan occurred shortly before the end of the war, but I am no longer able to say if he died of natural causes or if he lost his life by violence. At the time, the Foreign Affairs Ministry received no precise details on the manner in which he died.“ Dieser Aussagefund stamme aus einem Brief mit Heiber/Fall.
Zu Recherchen über den weiteren Lebensweg des Attentäters und Indizien seines weiteren Weges siehe Anmerkung-10.
Die Gefängnisverlegung im Januar 1945 laut Transportlisten zum Zuchthaus Brandenburg, Staatsarchiv Potsdam, Registrat Pr. Br. Rep. 29 D 10.
Behauptungen eines Hinrichtungstods bleiben ebenso unbelegtes Gerücht wie Angaben über seinen späteren Aufenthalt. Insgesamt bietet letztere Version zu viele Details und aus Behördenquellen, um gänzlich abwegig zu sein. Im Gegensatz zur ersten Version, die dem Täter dient, sind Angaben über seinen späteren Aufenthalt bei Paris konträr zu herrschenden politischen Interessen. Daß sie nur diskret gehandelt werden, liegt in der Natur ihrer Sache und hat darin keinen Beweiswert. So hat die Annahme, daß der Attentäter nach dem Krieg unerkannt untertauchen konnte, bessere Plausibilität.

x(8)Aktenzugang:
Gesperrt waren die Akten des deutschen „Auswärtigen Amtes“ (=Außenministerium) im Dritten Reich während der Archivfrist von 70 Jahren nach Abschluß des Ereignisses. Das Ministerium hält selbst diese Aktenbestände, die Unterlagen des Attentats im Bereich „AA Politisches Archiv Berlin“. Ersten öffentlich belegten Gebrauch machte 1956 Helmut Heiber am Münchner Institut für Zeitgeschichte im Rahmen einer Forschungsstudie Heiber/Fall. Bei der Voruntersuchung für das Andenkenverfahren LG München hatte auch dessen Verfahrensvorsitzender 1959 Zugang zu den Akten.

x(9)Frühe Informationen und Beiträge nach den unmittelbaren Pressemeldungen um die Tatzeit chronologisch:
Weill-Goudchaux/fin 1949 – Heiber/Fall 1957 – Freund/revenant 1959 – Schwab/Affair 1958 – Larson/Boy 1959 – Spiegel/Tote drei Artikel ab Sommer 1960.
Die Auswertung von Kenntnissen aus Ermittlungen der Pariser Polizei ist früh zu finden bei Kaul/Fall 1965, in geringerem Umfang wie bei Frank/Mord 2008 und zuletzt umfassend bei Kirsch/Short 2013.

x(10)Untot bei Paris:
Wohnort der Eltern belegt in Grimme/Vater. Zum weiteren Verbleib Grünspans nach 1945 ist offensichtlich, daß ein erwiesener und noch unverurteilter Täter kein Interesse daran haben konnte, wiedergefunden zu werden. Ebenso, daß Angehörigen und Parteigänger wie Anwälte (z.B. Weill-Goudchaux/fin) zweckgeleitete Störbeiträge plazieren. Typisch für Hinrichtungsmeldungen ist, daß sie sich auf mündliche Behauptungen von Zeitzeugen beschränken. Exemplarisch dazu ein Brief durch den Intendanten des Nordwestdeutschen Rundfunks in Grimme/Vater. Der sei selbst Häftling in Sachsenhausen gewesen, wo Grünspan sich im Juli 1942 zur Hinrichtung bei Mithäftlingen verabschiedet habe. Das klingt offiziell und verläßlich. Der verschwiegene Name des Intendanten: A. Grimme, der während des Kriegs zum Umfeld des Moskauer Spionage-Rings „Rote Kapelle“ Harnack/Schulze-Boysen gehörte, und nach dessen Enttarnung mit angeklagt und bestraft wurde.
Zu frühen Nachforschungen eines Grünspan-Verbleibs Roizen/Fate,Fn30f. Eine größere und präziser belegte Übersicht in Miedzianagora/Quelques.
(Zeit – Referent wie Publikationsliste – Information):
Jul 1940 – Grimm/Denkschrift – Frz. Übergabe in Paris
Mrz 1941 – Schwab/Affair – UP Meldung Vichy über Prozeßvorbereitung mit Angeklagtem
— 1941 – Anonym/forgotten – G. Häftling Nr. 35181 in Isoliergefängnis Sachsenhausen (nicht KZ) 18.01.41-Sommer 41
— 1941 – Schwab/Odyssey,S.183 – G. in Sachsenhausen erklärt Homogeschichte als Täuschung
Sep 1942 – Schwab/Odyssey,S.143 – Verlegung ins Zuchthaus Magdeburg
Jan 1945 – Roizen/Fate,Fn42 – Miedzianagora/Quelques,Fn29: Brief Walter Uhlmann an Walter Hammer 26.07.1954, Archiv Walter Hammer, ED 106, Bd. 47 Institut fuer Zeitgeschichte, Muenchen – Transport Otto Schneider=Grünspan, Transportlisten zum Zuchthaus Brandenburg, Registratur (Pr. Br. Rep. 29 D 10), Staatsarchiv Potsdam.
Apr 1954 – Miedzianagora/Quelques,Fn20-22: Fernschreiben des Bundeskriminalamtes Wiesbaden Nr 407 vom 11 6.1955 an das Bayer. LKA Muenchen: „… Interpol Paris teilt mit, dass Grynszpan, Vorname Herschel, geb. 28.3.1921 in Hannover, zur Zeit nicht in Paris wohnt. Er ist bei der Sitten und Auslaenderpolizei in Paris unbekannt. Seit 1938 konnte keine Spur eines eventuellen Aufenthalts festgestellt werden. Nach gewissen Auskuenften die in Paris vorliegen sollte, lebte Genanter 1954 unter falschen Personalien in Hamburg (=damaliger Wohnort der Eltern).“
„Auf die … Ihrem Ersuchen entsprechend an Interpol Paris gerichtete Anfrage ist unter dem 11.1.1960 folgende Funkantwort eingegangen : Die Angaben nach dem der Obengenannte in Hamburg unter falschen Namen wohne, stuetzt sich auf eine im April 1954 vom in Baden Baden stationierten franzoesischen Sicherheitsdienst (Service Sûreté Francaise) durchgebenen, nicht ueberprueften Informationen.“
Genannte Einträge zum Aufenthaltsjahr 1954 sind Antworten an Anfragen des AG in Hannover.
Mrz 1959 – Roizen/Fate,Fn42 – AG Hannover: das LG München wisse durch Interpol von Parisanwesenheit
Nov 1959 – Larson/Boy – Automechaniker bei Paris, verheiratet, zwei Kinder
Dez 1959 – Magazin l´Arche – Larson wurde bestätigt durch jüd. Presse-Agentur in London
24. Juni 1960: Amtsgericht Hannover – Todeserklärung für 08.05.45
25. Nov 1960 – Anonym/Lebt,S.8 – LG Gerichtszeuge Ben-Zahdeck weiß vom Überleben
Freund/Revenant: Der Publizist und ehem. Auslandskorrespondenten der Agence France Press hatte in seinem Beitrag 1959 als neue Information nur gefunden, daß Grünspans Vater Sindel ohne Begründung von der dt. Regierung in Bonn abgewiesen wurde, als er eine Entschädigung für den angeblich hingerichteten Sohn verlangte, wobei sich die Hinrichtung auf unbelegte aber publizierte Behauptungen des Anwalts stützte.
Daß laut Roizen/Fate,Fn49 der Richter des Verfahrens LG München 1960 mit exklusivem Zugang zu den gesperrten Akten des Vorverfahrens 1942 in Bonn kein Aktenstück zum Verbleib des Angeklagten fand, besagt nichts, denn der Vorgang war wohl im selben Jahr abgeschlossen und bis Kriegsende nicht wieder bearbeitet worden. Es gab keine Notwendigkeit, in das Konvolut die Aktualisierung zum Standort des Häftlings nachzupflegen.
Die Recherche des Hamburger Magazins nach dem Verbleib des Attentäters von 1960 wie genannt in Spiegel/Tote,S.25. nutzte wohl Informationen des befragten Heiber, ergänzt um solche der Pariser l´Arche. Zusammengefaßt sei Grünspan demnach zuletzt am 28.Jan.45 als Verlegungsnummer 3.520/44 aus dem Zuchthaus Sonneburg/Th. in das von Brandenburg verlegt worden als der im März 1921 geborene „Otto Schneider“. Nach Angaben des Hamburger Archivars sei er am 30.01. zum RSHA nach Magdeburg gekommen, wo US-Truppen ihn freisetzten.

x(11)Polenvertreibung:
Heiber/Fall,S.136f. unter Bezug auf Nürnberger Dokumente NG 1995, 2010-2014, etc. im Münchner Institut für ZG, sowie die Publikation Tenenbaum/Race,S.239-242. Thematischer Zusammenhang waren 1938 globale Umsiedlungspläne für alle Juden in der von 32 Staaten beschickten Konferenz von Evian im Zusammenhang mit dem „Madagaskar-Plan“. Damit sollte eine Lösung gefunden werden für die seit dem ersten zionistischen Kongreß aufgeworfene Frage nach einem eigenen Staat. Konkret befürchtete Polen, daß durch die sich ausbreitende NS-Herrschaft alleine aus Österreich bis zu 20 Tsd. ehemals polnische Juden wieder zu ihnen in den Osten zurückkehren könnten. In der ersten Aktion des Dritten Reiches wurden bis zum Ende Oktober 1938 ca. 17 Tsd. Juden nach Polen abgeschoben, darunter auch Grünspans Angehörige in Hannover. Schon nach wenigen Tagen wurden die Vertriebenen auch von polnischen Grenzposten vertrieben und irrten im Niemandsland der Grenze umher.
Grünspans Zeitungsquelle wie Lautz/Anklage,Beweis S III 3/4,34 als deutsche Abschiebungen in Oktobermeldungen und polnische Vertreibungen als Meldungen 4. oder 5. November 1938.
waffe
x(12)Planungsende mit Revolverkauf:
Entsprechende Angaben dürften aus dem Bericht der Pariser Polizei stammen und gingen über die frühe Rezeption Kaul/Fall von 1965 in die weitere Diskussion ein. Wie im Detail, fast episch, geschildert bei Kirsch/Short,S.8f, erwarb Grünspan auf Anraten von Händler Carpe keinen großkalibrigen Colt .45, sondern einen fünfschüssigen hammerlosen Revolver des Kalibers 6,35 mm Browning, dessen Optik von der Polizei als „bronziert“ bezeichnet wurde, also „Bräunierung“ als Oberfläche oder Anlauffarben durch Hitze-Oxydation als Rostschutz, wie damals modisch (Bild). Wegen der Konstruktion ohne Zündhammer war die Waffe komplizierter nachzuladen aber bequem zu tragen als Taschenpistole. Diese Bauart war ab den 1920er Jahren im Handel gängig aus belgischer Produktion in Lüttich als schlichte Qualität industrieller Massenserie für Kaufhäuser durch namenlose, unbekannt gebliebene Kleinbetriebe. Grünspan zahlte in Carpes „fine lame“ jedoch 63 Stundenlöhne (3,30 FF/h) alleine für die Waffe, plus 25 Patronen zu 35 Francs – fast ein halber Monatslohn, was er in Noten zu 100 Francs bar bezahlte.

x(13)Tatmotiv:
Text der Abschiedsnachricht auf der Rückseite einer Postkarte mit seinem Bild: „Meine lieben Eltern, ich kann nicht anders handeln. Gott möge mit verzeihen. Mein Herz blutet, wenn ich von der Tragödie der 12.000 Juden höre. Ich muß dagegen aufschreien, damit die ganze Welt meinen Ruf hört, und das muß ich tun. Verzeiht mir, Euer Herschel“ Kirsch/Short,S.7. Gleichlautend in der Anklageschrift 1941 Lautz/Anklage,B3

x(14)Pressemeldungen zu Tatumständen:
– F1 = NYT/Reich,S.1, die fehlende Fortsetzung mit Bildbeleg in Anmerkung-34 mit folgender Information zur Zielperson des Attentäters:
„… A preliminary inquiry established that it was just a chance that the Ambassador himself, Count Johannes von Welczeck, escaped because Grynszpan declared he was out to kill all in the German embassy in retaliation for the ‚Polish Jews just expelled from Germany‘. He added that he was satisfied and ‚lucky to get one German anyway, although a bit removed from the top‘. (…) It was just 9:30 o´clock this morning, when the boyish-looking Grynszpan, hardly more than five feet tall, neatly dressed and wearing a raincoat, asked the embassy concierge if he could see the „Ambassador´s secretary“ on the pretext that he had a letter for Count von Welczeck. Told that he could leave the letter, Grynszpan replied that it was too important. He was told to go upstairs, where he asked a pageboy for the Ambassador personally. However, he was steered into Herr vom Rath´s office where he was received by Herr vom Rath himself. Grynszpan had been in the office only thirty seconds when five shots rang out …“
– F2 = LAT/Assassin,S.1 gestützt auf die 1907 von Edward W. Scripps gegründete US-Nachrichtenagentur U.P., später UP+IPS=UPI, im Jahr 2000 durch Verkauf an eine Kirche eingestellt.
– Ohne Bild = NYT/Raids,S.1 ergänzte am 10.11.38 immer noch gleichlautend zum Motiv: „Being a Jew is not a crime. I am not a dog. I have a right to live and the Jewish people have a right to exist on this earth. Wherever I have been I have been chased like an animal.“ Zitiert bei Roizen/Fate,Fn9.
– Ebenfalls keine Abweichungen in den Ereignisfakten bei J. Goebbels im Völkischen Beobachter vom 12.11.38 (Goebbels/Fall), was auch mit Zeitabstand keine neuen Erkenntnisse zur Tat zusammenfaßt : „Am 7. November dringt in Paris in die deutsche Botschaft ein siebzehnjähriger polnischer Judenjunge ein und verlangt, einen der massgebenden Herren zu sprechen. Als er vor den Legationssekretär von Rath geführt wird, erhebt er seine Pistole und gibt, ohne dass ein Wortwechsel oder eine Auseinandersetzung vorangegangen wäre, auf den deutschen Diplomaten mehrere Schüsse ab. Bei seiner späteren Vernehmung erklärt er, er habe den Legationssekretär von Rath persönlich überhaupt nicht gekannt. Es sei ihm auch gleichgültig gewesen, auf wen er geschossen habe. Er habe nur Rache nehmen wollen für seine jüdischen Brüder in Deutschland. Die Nachforschungen in Paris ergeben, dass Grünspan vor drei Monaten aus Frankreich ausgewiesen worden war. Über seinen Aufenthalt bis zum Tage der Mordtat hüllt er sich bis zum heutigen Tage in Schweigen.“

x(15)Waffenkünste:
Die Tatumstände ohne Abweichung zu den Pressemeldungen reflektiert bei Heiber/Fall,S.135f auf der Grundlage des Berichts von Botschafter Welczeck an das Ministerium sowie ergänzenden mündlichen Angaben der von Heiber befragten Botschaftsmitarbeiter.
In Details abweichend zum Pressebericht NYT 07.11. ist die Anklageschrift vom 16.11.41: „Auf die Aufforderung des Nagorka, ihm den Brief zur Weiterleitung auszuhändigen, bestand der Angeschuldigte darauf, den Brief persönlich übergeben zu müssen. Nagorka führte ihn darauf in ein im Erdgeschoss befindliches Wartezimmer und begab sich dann in die Diensträume der Botschaftssekretäre, um den Wunsch des Angeschuldigten zu übermitteln. Zu dieser Zeit – es war etwa 8 1/2 Uhr – war von den Botschaftssekretären jedoch lediglich der Gesandtschaftsrat vom Rath anwesend. Diesem teilte Nagorka das Begehren des Angeschuldigten mit und erhielt darauf den Auftrag, den Angeschuldigten in das Dienstzimmer des Gesandtschaftsrats vom Rath zu bringen. Dementsprechend führte Nagorka den Angeschuldigten in dieses Dienstzimmer, zog sich selbst sofort zurück und begab sich auf dem Flur in Richtung des Vorzimmers des Botschafters, wo er dienstlich zu tun hatte. Der Gesandtschaftsrat vom Rath bot dem eingetretenen Angeschuldigten einen in der Nähe des Schreibtischs befindlichen Sessel zum Platznehmen an und forderte ihn auf, ihm den angekündigten Brief zu übergeben.“ Lautz/Anklage,B22.
Kirsch/Short,S.8f nimmt bei Grünspan motorisches Geschick an, weiß aber auch, daß er bei Waffen keine Einschätzung hatte und daß jenes verkaufte Modell schwierig nachzuladen war: „(…) set a few a few handguns on the counter for inspection by the customer, who plainly knew nothing about firearms and looked in confusion from one to another (…) the (hammerless) weapon was a bit cumbersome to empty and load after firing“
Die Anklageschrift wußte, daß Grünspan die Hilfe des Verkäufers benötigte, um den Revolver zu laden: „Den erworbenen Revolver liess er sich von dem Waffenhändler laden“ Lautz/Anklage,S III 6, A2 u.4
Freches Opfer: „Von mehreren Kugeln getroffen, versuchte der Gesandtschaftsrat vom Rath noch, zur Abwehr dem Angeschuldigten einen Faustschlag ins Gesicht zu versetzen, und stürzte dann mit Hilferufen zur Tür.“ Lautz/Anklage,S III 7/8

U) Ballistik des Tatwaffenkalibersballistik

Die Behauptung der Anklage zur Gegenwehr vom Raths ist nicht unplausibel. Der verwendete Munitionstyp Browning (rechts aus B. Madea: Basiswissen Rechtsmedizin, Springer 2007, S.138 mit ergänztem Bild des Patronentyps) zählt wegen geringer ballistischer Leistung zur Kategorie der „Damenwaffen“, bzw. wurde als Offizierswaffe getragen, die mit bequemem Format eher einen Rang dekorierte als praktischen Anforderungen genügte. Als Generaloberst Ludwig Beck nach dem mißlungenen Hitler-Attentat 1944 erlaubt wurde, sich mit seiner Mauserpistole dieses Kalibers selbst zu erschießen, gelang ihm dies auch nach zwei Versuchen am Kopf nicht (Leiter des Einsatzkommandos: „Helfen sie dem alten Herren“). Die niedrige Geschwindigkeit des Vollmantel-Projektils unter 300 m/s bei geringer kinetischer Energie erzeugt untypisch kleine, durch niedrigen Querschnitt aber tief reichende Wundkanäle. Bei diesem Munitionstyp ist die Schädigung innerer Organe erheblich, aber die schwache Energieeinwirkung auf den Körper beläßt Getroffene lange reaktionsfähig, also das Gegenteil von dem, was Waffeneinsatz erreichen will, weshalb er für Sicherheitsaufgaben nicht mehr verwendet wird.

x(16)Aktivistenvergangenheit:
Biographie DHM/Herschel: Mitglied der Zionistengruppe „Misrachi“ von 1926-1935, Talmudschule bis 1936.

x(17)Unterstützungskampagne für Grünspan:
Roizen/Fate,Fn14 – Moderatorin Dorothy Thompson wie Thompson/Record,Sn.25-60. Ihre Schwierigkeiten mit der Angst jüdischer Gruppen vor Protest wie in Anmerkung-18
lohnDurchschnittliche Jahresgehälter der USA nach Statistik http://www.ritholtz.com/blog/2011/03/average-income-in-the-united-states-1913-2006/
Aus den Thompson Rundfunkansprachen wie publiziert in Thompson/Record: „I am speaking of this boy. Soon he will go on trial. The news is that on top of all this terror, this horror, one more must pay. They say he will go to the guillotine, without a trial by jury, with the rights that any common murderer has… Who is on trial in this case? I say we are all on trial. I say the men of Munich are on trial, who signed a pact without one word of protection for helpless minorities. Whether Herschel Grynszpan lives or not won’t matter much to Herschel. He was prepared to die when he fired those shots. His young life was already ruined. Since then, his heart has been broken into bits by the results of his deed.“They say a man is entitled to a trial by a jury of his peers, and a man’s kinsmen rally around him, when he is in trouble. But no kinsman of Herschel’s can defend him. The Nazi government has announced that if any Jews, anywhere in the world, protest at anything that is happening, further oppressive measures will be taken. They are holding every Jew in Germany as a hostage. Therefore, we who are not Jews must speak, speak our sorrow and indignation and disgust in so many voices that they will be heard. This boy has become a symbol, and the responsibility for his deed must be shared by those who caused it.“

x(18)Zurückhaltung mit Kritik:
Roizen/Fate,Fn19f nennt dazu verschiedene jüdische Verbandsquellen wie zitiert über Counot/Affair,S.76f. sowie ein aus diesen Kreisen am 19. November an die US-Botschaft in Berlin gerichtetes Telegramm. Darin wird Distanz erklärt zur Spendensammlung für Grünspans Verteidigung, da dies als feindlicher Akt mißzuverstehen sei. Prentice Gilbert – telegram No.638; NARS 862.4016/1856 in Foreign Relations of the United States Diplomatic Papers 1938, Vol. II (Washington, D.C.: United States Government Printing Office, 1955), Sn.403f.

V) Lew David Bronstein (1879-1940)Leo Trotzki

x(19)Funktionärsbrief an Anwalt:
In Spiegel/Tote,S.23. Hannah Ahrendt: Eichmann in Jerusalem: A Report on the Banality of Evil. New York 1963, S.206f: „Herschel Grynszpan was a psychopath, unable to finish school, who for years had knocked about Paris and Brussels, being expelled from both places.“
Wollenbergs Erklärung von Grünspan als gekauftem Nazi-Agent für einen neuen Mord-Reichstagsbrand scheint zu dieser Zeit so prominent in linken Kreisen verbreitet gewesen zu sein, daß sich im Februar 1939 kein Geringerer als Urkommunist Leo Trotzki (=Lew Bronstein, rechts) aus dem mexikanischen Exil genötigt sah, sie in einer französisch-trotzkistischen Zeitung (rechts) als politische Dummheit abzukanzeln. Wollenberg hatte seine Ansicht später revidiert (Wollenberg/Brief) und verstand sowohl vom Rath als auch seinen Attentäter als Opfer ideologischen Mißbrauchs durch Deutungspublizistik.
Trotzki/Für,Anfang: „Am empörendsten in ihrem polizeihaften Stumpfsinn und ihrer unaussprechlichen Heftigkeit ist die jetzt auf Befehl des Kreml in der internationalen stalinistischen Presse gegen Grynszpan geführte Kampagne. Man versucht, ihn als Nazi oder als einen mit den Nazis verbundenen trotzkistischen Agenten hinzustellen. Indem die Stalinisten so den Provokateur und sein Opfer in den selben Sack stecken, unterschieben sie Grynszpan die Absicht, er habe einen günstigen Vorwand für Hitlers Pogromtreiben schaffen wollen.zeitung Was soll man von diesen bestechlichen Journalisten halten, die nicht mehr die geringste Spur von Scham besitzen? Seit dem Beginn der sozialistischen Bewegung hat die Bourgeoisie jederzeit alle gewaltmäßigen Empörungsäußerungen, insbesondere die terroristischen Akte, dem verderblichen Einfluß des Marxismus zugeschrieben. In diesen wie in anderen Punkten haben die Stalinisten die schändlichsten Traditionen der Reaktion geerbt.“

x(20)Unbeeindruckt:
Berichtet von Erich Wollenberger wie Wollenberg/Brief, vollständige Quelle in Anmerkung-23

x(21)Defensives Frankreich:
Das Attentat geschah auf der Nahtstelle zwischen früheren und absehbar künftigen Kriegsgegnern in einer spannungsgeladenen Endphase vor dem neuen Krieg. Frankreichs seit 1871 bestehende Dritte Republik wurde durch Premier Édouard Daladier geleitet aus der Partei der „radikalen Sozialisten“, die von der politischen Orientierung Deutschlands seit 1933 nicht begeistert waren. Der von Finanzkrisen gebeutelte französische Staat hatte von 1930 bis 1936 für umgerechnet rund 8 Mrd. Euro tausend Kilometer Bunker der Maginot-Linie gegen einen künftigen deutschen Angriff entlang seiner Ostgrenze gebaut. Daten zur Maginot-Linie: Pariser Tageszeitung, Jg. 1. 1936, Nr. 148 (6. November 1936), S. 2, Spalte e. Die Baukosten von 5 Mrd. Altfrancs umgerechnet über den lat. Goldmünzstandard 900 für 1928-36 stabilisiert 10 fr. = 589½ mg und aktuellem Tageskurs Okt13 = 25.69€/g.

x(22)Zur Fremdenlegion:
Lautz/Anklage,B 21, Antrag Grünspan an den frz. Justizminister vom 28. August 1939 in Übersetzung: „Ich weiss, dass Frankreich tragische Stunden durchlebt. Ich erlaube mir also, Sie zu bitten, mir gestatten zu wollen, als Freiwilliger in die französische Armee einzutreten. Ich möchte mit meinem Blute mich von der Tat loskaufen, die ich begangen habe und so die Schwierigkeiten wieder gutmachen, die ich dem Lande bereitet habe, da es mir seine Gastfreundschaft gewährt hat. Nehmen Sie, Herr Minister, mit meinem Dank den Ausdruck meiner vorzüglichsten Hochachtung. gez. Herschel Grynszpan“

x(23) Option-D:
Erich Wollenberg berichtete als Zeuge der Vorgänge in Paris brieflich an den Bruder des Ermordeten. Die engl. Übersetzung in Auszügen bei Schwab/Odyssey, die Archivalie unter Wollenberg/Brief im Jüdischen Dokumentationszentrum Paris. Die von ihm hier erwähnte Autobiographie wurde entweder nie vollendet oder nicht publiziert. In gleichem Sinne wie hier im Brief berichtet, hatte sich Anwalt Moro-Giafferi auch nach dem Krieg 1947 gegenüber einem US-Ermittler geäußert: er habe die Homo-Prozeßtaktik dem Angeklagten nahegebracht Heiber/Fall,S.149. Der Ungenannte dürfte Schwab gewesen sein, vergl. Schwab/Affair.

W) Erich Wollenberg (1892-1973) hier: 1919 als stellvertretender Kommandeur der Roten Armee der Bayerischen RäterepublikE. Wollenberg

„München, 3. Mai 1964
Sehr geehrter Herr vom Rath,
ich hatte seit Jahren schon die Absicht, Ihnen im Zusammenhang mit der Verleumdungskampagne gegen Ihren Bruder und gegen den jungen Grünspan zu schreiben hatte aber Ihre Adresse nicht, die ich vergebens im Frankfurter Telefonbuch suchte, es kam auch stets etwas dazwischen: Krankheit, Auslandsreisen.
Zunächst kurz zu meiner Person: Jahrgang 1892, Königsberg/Pr., stud.med., Kriegsfreiwilliger 1914, seit 1917 Leutnant der Res. Teilnahme an der Novemberrevolution in Königsberg, dann an der bayerischen Räterepublik. Kommunistischer Funktionär und Militant. 1924-1930 Moskau. 1932 Redakteur der Roten Fahne/Berlin, wegen Opposition gemassregelt, April 1933 in Moskau aus der Komintern ausgeschlossen. 1934 Flucht von Moskau nach Prag, August 1938 von Prag nach Paris.
Ich war also in Paris, als Ihr Bruder von dem jungen Grünspan erschossen wurde. Grünspan wollte auf diese Weise die Weltöffentlichkeit auf das grausige Schicksal seiner Eltern aufmerksam machen, die im Niemandsland zwischen dem Dritten Reich und Polen dahinvegetierten. Als er Ihren Bruder erschoss, glaubte er, den deutschen Botschafter vor sich zu haben.
Wie entstand nun die verleumderische Legende von den homosexuellen Beziehungen zwischen Ihrem Bruder und Grünspan?
Ich kannte den Advokaten Moro-Giafferi, der mir in politischen Kundgebungen von gemeinsamen Freunden vorgestellt war. Eines Tages – wenn ich nicht irre, im Frühjahr 1939 – traf ich Moro-Giafferi auf dem Boulevard St. Michel. Ich erkundigte mich nach Grünspan, dessen Verteidiger Moro-Giafferi war und den er gerade in seiner Gefängniszelle besucht hatte.
Moro war empört über das Verhalten Grünspans. Dieser „dumme, eingebildete Junge“ – sagte er mir – weigert sich, seiner Tat einen unpolitischen Charakter zu geben, und zu erklären, er habe Rath erschossen, weil er mit ihm Gelddifferenzen aufgrund homosexueller Beziehungen gehabt habe. Ein solches Verhalten erfordere das Lebensinteresse der im Dritten Reich wegen der Erschiessung des Herrn vom Rath in Eigentum, Gesundheit und Leben bedrohten Juden. Er, Moro-Giafferi, habe Grünspan ins Gewissen geredet: er sei schuld an den Judenverfolgungen, die seine Tat ausgelöst habe, das Blut dieser Juden komme auf ihn. Nur dann, wenn er die politischen Motive seiner Tat leugnen und die Angelegenheit als individuellen Racheakt eines von einem Homosexuellen Verführten darstellen würde, würde den Nazis der Vorwand für die Repressalien an den deutschen Juden, „Opfer der Wahnsinnstat und jetzt der Halsstarrigkeit“ Grünspans, genommen werden.
Auf meine Frage, ob Grünspan tatsächlich Herrn vom Rath gekannt habe, erwiderte er: „Natürlich nicht!“ Darauf sagte ich, Moro-Giafferi sei als Verteidiger Grünspans verpflichtet, die Interessen seines Klienten, also auch seine persönliche Ehre wahrzunehmen. Darauf schrie Moro-Giafferi: „L‘ honneur! L’honneur! Was ist die Ehre dieses kleinen dummen Judenjungen gegenüber dem Kampf gegen das verbrecherische Hitlerpack?! Was wiegt die „Ehre“ Grünspans gegenüber dem Schicksal von hundertausenden Juden?!“
Inbezug auf Ihren Bruder sagte Moro-Giafferi: „Ob Herr vom Rath homosexuell ist oder nicht, weiss ich nicht, das interessiert mich auch gar nicht. Aber seine Homosexualität kauft man mir in der ganzen Welt ab: er ist Deutscher und dazu noch deutscher Diplomat!“
In Paranthese möchte ich erwähnen, dass Moro-Giafferi auf einer Massenkundgebung im Sports d’hiver über das Thema: „Der Päderast Hitler!“ gesprochen hat.
Moro-Giafferi handelte im Auftrag des unter Leitung der Dorothe Tompson gebildeten „Grünspan-Kommites“, als er Grünspan veranlassen wollte, seine Tat aus der Sphäre des Politischen, des Antinazismus, in die Sitten-Sphäre zu verlagern. In solchen Fällen (Verführung Minderjähriger) hätten – nach Moro-Giafferi und seinen Hintermännern – die französischen Gerichte geringe Strafen, auch mit Bewährungsfrist (in Frankreich kann bis einschliesslich 5 Jahren Gefängnis Bewährungsfrist bewilligt werden) verhängen können. Aber auch dieses Argument hat, wie mir Moro-Giafferi klagte, auf Grünspan keinen Eindruck gemacht.
Ich bedauere es, mich nicht bereits früher aufgerafft zu haben, um Ihnen diesen Tatbestand mitzuteilen. Ich schreibe an meinen Memoiren, die infolge meiner durch Emigration und Verfolgung geschwächten Gesundheit und Arbeitskraft nur qualvoll langsam vorwärtskommen. In meinen Memoiren erwähne ich natürlich den „Fall vom Rath-Grünspan“.
Ich gebe Ihnen für die Verwendung dieses Briefes freies Verfügungsrecht, bin natürlich auch bereit, meine Aussage unter Eid zu wiederholen.“

x(24)Naziverschwörung:
Fehlende Befragung bemerkt von Hoffmann/Mord, wohingegen Heiber/Fall erfahren hatte, daß der Kollege vom Raths, Dr. Ernst Achenbach, dies erledigt hatte, was auch in die Ermittlungsakten einging. Dafür gab es nur wenige Stunden Zeit zwischen dem Nachmittag des Attentatstages nach der Notfalloperation und dem Vormittag des folgenden Tages, als vom Rath ins Koma fiel.
Schweizer Sensationsforscher zu Hausregeln: „3.1. Zugang zur Deutschen Botschaft in Paris. Verschiedentlich wurde gefragt, wie es möglich war, dass ein völlig unbekannter Mann ohne Vorweisen seines Passes, der ihn seines Namens wegen sogleich als Juden ausgewiesen hätte, Zugang zu einem Botschaftsangestellten erhält, und ob dies nicht unüblich war und den damals in einer deutschen Botschaft geltenden Sicherheitsvorschriften widersprach? Diese Frage wurde nie zufriedenstellend beantwortet.“
Der rote Pfeil im Bildbeleg der Internetseite markiert den Hyperlink-Verweistext, welcher zum Dokumentenbeleg der Haus-Sicherheitsregel vom 19.Dezember 1938 führt wie Botschaft/Verfahren.

x

x(25)Aktenbeschlagnahmung:
Dies ebenso wie die Flucht wird berichtet durch den DDR-Juristen Kaul/Fall.
Die Beschlagnahme der Verteidiger-Akten geschah auf Anweisung Hitlers vom 15.06.40 durch Staatsanwalt Grimm, zuvor Vertreter der Hinterbliebenen vom Rath im Pariser Prozeß. Grimm erstattete entsprechenden Bericht Grimm/Brief an Goebbels am 06.04.42, er sei beauftragt gewesen: „b) für die Beschlagnahme aller für den Grünspanprozess und seine Hintergründe wichtigen Akten bei jüdischen Organisationen, Agenten und Anwälten in Paris. Die Akten wurden in den damals leerstehenden Nebengebäuden der Deutschen Botschaft in Paris gelagert und von mir einer ersten Bearbeitung unterzogen.“
Die Akten des französischen Gerichts wurden von Geheimer Feldpolizei aus Orléans geholt.Heiber/Fall,S.145.
Anwalt Moro-Giafferi gehörte zur französischen Parteigruppierung der „Radikalen Sozialisten“ und war Aktivist in der 1927 in Paris von einem Sozialisten gegründeten LICA (Ligue internationale Contre l’Antisémitisme), die heute LICRA heißt. Hinzu kamen Parlamentsmandate für Sozialisten vor und nach dem Krieg.

x(26)Dramareise:
Die genauesten Informationen zur Verlegung und Auslieferung Grünspans waren archiviert in Wehrmacht-Dokumenten DZA Potsdam, Nr. 988, überwiegend Material des Armee Oberkommando 6 aus den Kämpfen des Westfeldzugs. Deshalb verfügte der DDR-Jurist Kaul/Fall 1965 auch über die besten Informationen hierzu. Grünspan war demnach vom Pariser Jugendgefängnis Fresnes nach Orleans verlegt worden, wie Geheime Feldpolizei erfuhr. Der Trupp war schließlich zufuß unterwegs und durch dt. Artillerie zerstreut worden. Am 18 Juli 1940 meldete der Justizminister von Vichy-Frankreich an dt. Auswärtiges Amt in Paris, daß Grünspan sich freiwillig im Gefängnis von Toulouse gemeldet habe. Miedzianagora/Quelques,Fn6f.

x(27)Überstellung des Täters:
Sie war legitimiert durch das Waffenstillstandsabkommen zwischen Deutschland und Frankreich 1940 Art.19 Abs.2, wie verwaltet von einer eigenen Kommission. Dazu Stüdemann/Rechtshilfe,S.449,Fn2014 unter Bezug auf Kaul/Fall,S.116.
Die gegenteilige Ansicht von Döscher/Die,S.162 dürfte auf mangelnder Kenntnis der juristischen Details beruhen.

x(28)Selbstmordversion:
Aus der Anklageschrift: „Nach seiner Überstellung an die deutsche Sicherheitspolizei hat der Angeschuldigte dann bei seiner ersten staatspolizeilichen Vernehmung am 20. Juli 1940 behauptet, niemals die Absicht gehabt zu haben, einen Beamten der Deutschen Botschaft zu töten, und erklärt, sich lediglich mit Selbstmordgedanken getragen und auch nur zu diesem Zweck die Schusswaffe erworben zu haben. Er habe sich in die Deutsche Botschaft begeben, um dort aus Protest gegen die seinen Eltern widerfahrene Behandlung vor den Augen eines Beamten der Botschaft Selbstmord zu begehen, sei dann aber über schwere Beschimpfungen, die ihm gegenüber der Gesandtschaftsrat vom Rath geäussert habe, in eine derartige Wut geraten, dass er blindlings ohne jede Überlegung auf diesen die Schüsse abgegeben habe. Diese Einlassung hat der Angeschuldigte auch bei seiner weiteren staatspolizeilichen Vernehmung am 23. Juli 1940 aufrechterhalten und sie ferner in einer umfangreichen eigenhändigen Niederschrift von demselben Tage wiederholt.“ Lautz/Anklage,S III 9/11. Laut Heiber/Fall,S.142Fn17 entnahm er diesen Hinweis dem Bericht Grimm/Denkschrift,S.29f

x(29)span>Hinweise auf kommenden Schauprozeß:
Roizen/Fate,Fn30 fand in der Wiener Bibliothek zum Fall Grünspan einen nur teilweise leserlichen Zeitungsbeitrag in Xeroxkopie mit folgendem Wortlaut: Gestapo to Stage „Big Plot“ at Young Jew’s Trial – 24 March 1941, Vichy – Germans will attempt to depict a big assassination plot against prominent Germans when Herschel Grynszpan the young Jew, whose shooting of vom Rath, Counsellor to the German Embassy in Paris in 1938 precipitated a vast anti-Jewish pogrom in Germany, is brought to trial soon, it is learned in Vichy. Maitre Moro-Giaffen, the Paris criminal lawyer, and others will be depicted as being involved, it is said. Grynszpan is reported to have confessed to having been a tool of a ‚Jewish masonic plot‘, after two months‘ questioning by a special Himmler (Gestapo) commission, reports British United Press.“

x(30)Anklageschrift:
Die Anklage wie Lautz/Anklage. Die Behördenkorrespondenz dazu in BA, vornehmlich Aktengruppe NJ2215.

x(31)Keine frühen Homo-Geschichten:
Roizen/Fate,Fn28 hatte dabei eine Reihe von Auswertungen der Dokumente des Vorverfahrens 1942 geprüft wie Cuenot/affaire,S.35f, Schwab/Affair,Sn.22,52,72, und Steinberg/Documents,Sn.17-25. Die Aussage Grünspans gegenüber Mithäftlingen in Sachsenhausen laut Schwab/Odyssey,S.183
Ankläger Lautz und Propagandabeamter Diewerge bestätigten 1960 im Gerichtsverfahren LG Müchen gegen Soltikow, daß auch nach ihrer Kenntnis Grünspan vor der Auslieferung in deutsche Haft keine Behauptungen einer homosexuellen Beziehung zum Attentatsopfer geäußert hatte: Anonym/Lebt,S.8
Bei dem Mithäftling handelt es sich vermutlich um den Zeugen Wittig aus selbem Verfahren wie zitiert in Anmerkung-50. Allerdings erwähnt Heiber/Fall,S.165Fn90 zusätzlich noch einen chiffrierten Grünspankassiber in Haft mit gleichlautendem Widerruf als Aktenstück AA NG-1028 vom 29.04.42 im Hinweis an das Institut durch Fritz Dahms vom 12.08.55.

x(32)Grünspan unbeeindruckt:
Aus der Aussage Wollenberg/Brief, wie vollständig zitiert in Anmerkung-23

x(33)Thompsons Vorgeschichte:
Das Buch nach dem Hitler-Interview = Dorothy Thompson: I Saw Hitler! Farrar and Rinehart, 1932. Zur Biographie Kurth, Peter: All American Cassandra: The Life of Dorothy Thompson. Boston 1990. Nach ihrer Ausweisung war sie noch einmal aufgefallen als Störerin auf einer Redeversammlung des US-Bundes von Nationalsozialisten wie etwa in der Zeitungsmeldung New York Herald Tribune, February 21, 1939: „Bund Rallies Amid Tumult at The Garden“. isreview.org/issue/87/it-cant-happen-here

X) New York Times, 07.11.38, S.4NYT

x(34)Tropische Krankheit:
Berichtet in NYT/Reich,S.4 wie im Beleg rechts. Daß unter den Tropenkrankheiten auch solche waren, die wie Tuberkulose auch sexuell übertragen werden, war medizinisches Schulwissen.
Der Zeitungsreport betont im Leitartikel auf S.1 mehrfach die aus Quellen Pariser Polizei mitgeteilten Absichten Grünspans, eigentlich den Botschafter zu erschießen. Den betreffenden Text als Zitat und in den Darlegungen, verbunden mit Anmerkung-14

x(35)Anwaltliche Gewohnheiten:
ausführlich berichtet im Brief Wollenberg/Brief an den Bruder des Ermordeten wie vollständig zitiert in Anmerkung-23.

x(36) Genese des Homo-Märchens:
Die von Döscher/Die 1988 postulierten Nachweise der Sexualität vom Raths waren Übernahmen von Soltikow und angeblichen Einträgen in Tagebüchern des französischen linksorientierten (homosexuellen) Schriftstellers André Gide, die bislang unbestätigt sind.
– Die Behauptungen Soltikows sind obsolet, seit Smeets/wanhoopsdaad durch Auswertung der Prozeßakten LG München belegt, daß dessen Homo-Zeugen unter Eid bestritten, Kenntnisse von der Sexualität vom Raths zu haben.
– Woher Schriftsteller Guide, in der Normandie isoliert aufgewachsen, unmittelbare Kenntnisse von einem schwulen deutschen Diplomaten in Paris bezogen haben will, bleibt fraglich. Gides Lebensweg als Erwachsener liest sich als Liste von Reisen. Im relevanten Zeitraum: 1934/Jan-Aug=Berlin, 1935/~=Span+Marokko, 1936/Feb-Aug=Senegal+Moskau, 1938/Jan-Apr=Westafrika. So wurden Gides Angaben schon als „Klatsch aus zweiter Hand“ richtig eingeschätzt. Ob seine angebliche Äußerung überhaupt authentisch ist, ist jüngst ebenfalls infrage gestellt worden bei der Diskussionsbearbeitung im Lexikon Wikipedia: „Diverse Ergänzungen, Korrekturen: Ich habe die Quellen überprüft und den Artikel entsprechend ergänzt/korrigiert. André Gide hat sich selbst m.W. nicht zum Thema geäußert, wie im Artikel bisher behauptet, lediglich Maria an Rysselberghe in einem Buch über Gide. (…) LG –Dr. Alexander Mayer 18:25, 18. Jun. 2010 (CEST)“. Die positive Gide-Behauptung aber zu finden z.B. bei Flocken/Geheimnis im Magazin Focus.
– Sofern unspezifische Literatur-Angaben über „Quellen“ aus Reichsjustizministerium und RSHA Hoffnungen auf belastbare Belege für die Sexualität vom Raths wecken, begegnet man immer nur Verweisen auf den ewigen Döscher, der sie nur behauptet aber nicht substanziiert.
Argumente gegen die schon länger als „Homo-These“ bezeichnete Unterstellung sind besser belegt:
1) Grünspan sagt 1941 in Sachsenhausen Mithäftlingen, daß die Homo-Geschichte für den Prozeß erfunden sei. (Schwab/,S.183: Akten der Prozeßvorbereitung)
2) Prozeßplaner und Propaganda-Minister Josef Goebbels wurde vom Homo-Argument des Angeklagten überrascht.
3) Anwalt Moro-Giafferi erläuterte 1947 warum er das Homo-Märchen aus prozeßtaktischen Gründen erfunden hatte (Marrus/Strange,S.69) wie auch bezeugt durch Exilkommunist Erich Wollenberg wie Schwab/Odyssey (siehe vorherige Anmerkung) und als Briefarchivalie Wollenberg/Brief wie vollständig zitiert in Anmerkung-23.

x(37)Der Rundfunkleiter bewertet:
Aus dem Schreiben von Alfred-Ingemar Berndt vom 2. April 1942 an Propagandaminister J. Goebbels wie Berndt/Bevollmächtigter: „Denn damals behinderte Staatssekretär Freisler die Vorarbeiten mit dem Hinweis auf die angebliche Aussage eines nach Palästina emigrierten Juden, wonach der Ermordete mit dem Mörder in unerlaubten Beziehungen gestanden haben soll und dabei auch erkrankt sein soll. Es war von vornherein klar, dass es sich hierbei um ein ganz schmutziges jüdisches Manöver handelte, denn es
1) hat der Mörder noch bei jeder Vernehmung ausgesagt, dass er den Ermordeten nicht gekannt habe und dass er in ihm nur den Nationalsozialismus treffen wollte,
2) ist er ja nur durch einen Zufall zu Herrn vom Rath geführt worden, während an sich ein anderer Beamter für die Bearbeitung dieser Angelegenheit zuständig war,
3) hätten es sich die französischen Judenanwälte vom Schlage eines Giafferri niemals entgehen lassen, dieses Motiv vor aller Öffentlichkeit breitzutreten.
Staatssekretär Freisler wollte nun deswegen den Prozess nicht öffentlich durchführen, weil er fürchtete, der Jude könnte eine Andeutung in dieser Hinsicht machen. Eine solche Beschmutzung des Toten zwei Jahre nach seiner Ermordung aber würde meiner Ansicht nach nur gegen den Mörder und seine Clique sich auswirken, da der Gegenbeweis einwandfrei geführt werden kann. Ausserdem bestand meiner Ansicht nach garkein Anlass zu der Annahme, dass der Mörder erst sich der Gefahr einer solchen Aussage aussetzen würde.“

x(38)Ärztliches Erinnerungsvermögen:
In seiner zweiten Publikation von 1990 verwendete Schwab/Odyssey,S.172 diesen merkwürdigen Beleg als Zeugnis Müller-Heß zu einer Untersuchung vom 15.10.41 relativ unkritisch als glaubhaft: „Dr. Mueller-Hess, the German psychiatrist due to be called as a witness in the trial, recalled in 1947 that he had been asked to examine Grynszpan on October 15, 1941, probably before a definite decision had been made to try the youth. In any event, the indictment was being drawn up at that time and could not have been available to the defendant. Dr. Mueller-Hess recalled that Grynszpan had told him: A man stopped (Grynszpan) on the street – either in front of a news stand or a public toilet – and had in the course of the conversation persuaded him to have homosexual relations. At the same time he gave his name and said that he was counsellor of embassy (sic) at the German legation. Since the man promised to use his position to help (Grynszpans‘) parents, he agreed and had relations with him on several occasions. How and in what manner this occurred I do not recall any more. Despite his pleas for positive action on behalf of his parents, Herr vom Rath repeatedly put him off. Infuriated by this, he committed the murder.“

x(39)Erreichbares Aktenmaterial Vorverfahren:
12.01.39 Grimm – Brief an Diewerge Grimm/Diewerge,wg170
18.01.39 Diewerge – Brief an Goebbels u.a. Diewerge/Brief,wg132
16.10.41 Lautz – Anklageschrift Lautz/Anklage,wg139_2
23.01.42 Konferenz – Prozeßplanung Freisler/Niederschrift,wg109
02.04.42 Berndt – Brief an Goebbels Berndt/Bevollmächtigter,wg107_2
03.04.42 Lammers – Brief an Thierack Lammers/Strafverfahren,wg110
06.04.42 Grimm – Tätigkeitsbericht an Goebbels Grimm/Brief,wg160
14.04.42 Diewerge – Brief an Tießler Diewerge/Tießler,wg133
16.04.42 Konferenz – Prozeßplanung Voss/Niederschrift,wg111
17.04.42 Krümmer – Brief an Grimm u.a. Krümmer/Aufzeichnung,wg112
09.05.42 Thierack – Brief an Lammers Thierack/Strafverfahren,wg113
Eine Übersicht zur Entwicklung der Vorgänge aus diesen Akten schon früh in Heiber/Fall,S.146f.

x(40)Quellenmoderator Schwab:
Titel von Schwabs Auswertung als universitäre Arbeit: ‚The Grynszpan Affair‘, M.A. thesis, School of Government, The George Washington University, 22 February 1958. Auf S.17 gab er eine Übersicht zur Art des vorgefundenen Materials. Es folgte 1990 sein Buch Schwab/Odyssey. Ein Beispiel für unbefriedigende Sorgfalt in der Publikation von 1990 in Anmerkung-38.

x(41)Geldstreit:
Roizen/Fate. Eine ausführliche Skizze, daß anwidernder Raffstreit um die Verteilung der Spendenmittel schon ab der Bestallung neuer Anwälte einsetzte, wobei auch die Familienkreise Grünspan versuchten, an solches Geld zu kommen bei Heiber/Fall,S.143f
Der Mißbrauch der Gelder war Thompson aber frühzeitig bekannt. Schon am 04.08.39 schrieb sie an Moro-Giafferi, daß sie „peinlich berührt“ sei von der Geldgier in einer ursprünglich helfenden Aktion. Heiber/Fall,S.144, zitiert über Grimm/Denkschrift

x(42)Prüfbedingungen für das Verfahren:
Freislers Prüfpunkte wie in Freisler/Niederschrift behandeln Risiken für den Erfolg einer Anklage:
a) Anzweifelung der Rechtsgrundlage von Grünspans Auslieferung an Deutschland, damit Angriff auf Vichy-Frankreich und Zweifel an seiner Legitimität.
b) „angebliche homosexuelle Beziehungen des Gesandtschaftsrats vom Rath“
c) Unter Az. III g10a 1295/41 g lief noch ein französisches Projekt, das nach Schuldigen suchte für die Kriegsniederlage gegen Deutschland 1940. Sein Prozeßstart hätte die deutschen Ressourcen so inanspruch genommen, daß nicht zugleich noch der Grünspan-Prozeß möglich gewesen wäre.
In allen drei Punkten wurde beschlossen, daß die notwendigen Informationen bekannt seien und auch bei b) eine ausdrückliche Genehmigung Hitlers vorlag, den Grünspan-Prozeß unter diesen Umständen zu beginnen.
Obwohl die Freisler-Sitzung den Prozeß ausdrücklich als propagandistisches Projekt verstand, hatte erst Monate später, mit Schreiben vom 02.04.42, Rundfunkleiter Berndt (Berndt/Bevollmächtigter)“durch Zufall“ davon erfahren. Er fing an, die Planung neu aufzurollen und Personalien infrage zu stellen. In der gründlichen frühen Studie Heiber/Fall nach Einsicht in das Aktenmaterial wird in der zweiten Hälfte seiner Erörterung das Absterben des Prozesses erklärt mit den Rivalitäten zwischen Propagandaministerium und Justizministerium, sowie (S.166f) die zunehmenden politischen Differenzen mit Vichy-Frankreich, weshalb das Interesse daran schwand, Franzosen für die deutsche Sache einnehmen zu wollen mit Hilfe eines Grünspanprozesses, der ihnen jüdische Kriegstreiber nachweisen sollte.

x(43)Würde der Beamten-Eide:
Brief von Leopold Gutterer an Bennecke-Soltikow laut Archivalie Gutterer/Soltikow:

Staatssekretär z.D. L. Gutterergutterer

„Wuppertal, 29.09.1953

Sehr geehrter Graf Soltikow !
(…) Ich erinnere mich zwar nicht mehr genau an das Datum, jedoch kann es im Mai 42 gewesen sein, als Dr. Goebbels auf Grund wiederholter Anregungen seitens des Reichsleiters Bormann beabsichtigte, einen grossen Schauprozess gegen den Juden Herschel Grynspan aufzuziehen. Wir sprachen unter Hinzuziehung verschiedener Fachabteilungsleiter (Presse, Rundfunk, Film) wiederholt über dieses Vorhaben.

Ich riet zunächst von der Durchführung dieses Prozesses ab, da mir bekannt war, dass Grynspan bereits in Frankreich wegen der Erschiessung des Herrn vom Rath rechtskräftig bestraft war und der allgemein in der Welt gültig Grundsatz „ne bis in Idem“ von uns nicht einfach beiseite geschoben werden konnte. Wie sollten wir der Weltöffentlichkeit die Berechtigung zu diesem Prozess klar machen?

Ich setzte mich daher mit dem damaligen Oberreichsanwalt Dr. Lautz in Verbindung und liess mir die französischen Akten kommen, die ich sorgfältig durchstudierte und dabei zu jener Zeit erst zur Kenntnis nahm, dass es sich bei der Erschiessung des Herrn vom Rath durch Grynspan nicht um eine Politische Aktion gehandelt hat, sondern dass zwischen vom Rath und Grynspan homosexuelle Beziehungen bestanden hatten und es sich bei der Ermordung um persönliche Rache handelte.

Die Kenntnisnahme dieser tatsächlichen Zusammenhänge war für mich geradezu erschütternd, da ich bis dato angenommen hatte, dass Grynspan mit der Erschiessung des Herrn vom Rath eine Demonstration des Weltjudentums gegen das nationalsozialistische Deutschland im Sinne gehabt hätte.

Da aus den Akten hervorging, dass ihm bei der Gerichtsverhandlung dieser Vorsatz sozusagen aufoktruiert werden sollte, er aber es strikte ablehnte, seine Tat mit dem Mäntelchen politischer Märtyrerschaft zu umhüllen, war für mich klar, dass es nicht zu verhindern gewesen wäre, dass Grynspan bei einem neuerlichen Monstre-Prozess in Deutschland diese Zusammenhänge erneut zur Kenntnis des Gerichts und damit der Weltöffentlichkeit brachte.

Da man sozusagen seit 38 Herrn vom Rath zu einem politischen Märtyrer in Deutschland gestempelt hatte, musste die Durchführung eines Prozesses zu unglaublichen Folgerungen sowohl in Deutschland als auch in der Welt führen. Das damalige Regime hätte sich bis auf die Knochen blamiert, und ich bot daher, nachdem ich die Zusammenhänge erkannt hatte, meinen ganzen Einfluss auf, um die Durchführung des Schauprozesses gegen Grynspan zu verhindern, wobei ich von den verschiedensten Abteilungsleitern des Ministeriums unterstützt wurde und es mir auch gelang, Dr. Goebbels zu überzeugen, der dann seinerseits seinen Einfluss bei Adolf Hitler dahingehend gelten machte, die ostentativen Forderungen der Parteikanzlei nach Durchführung dieses Prozesses zu Fall zu bringen.
Den oben dargelegten Sachverhalt bin ich bereit, jederzeit auf meinen Eid zu nehmen.“

x(44)Vertauschte Rollen:
Berndt/Bevollmächtigter Propagandaministerium, Alfred-Ingemar Berndt, 02.04.42: „… und dass das Propaganda-Ministerium über jeden propagandistisch wichtigen Vorgang unterrichtet werden sollte. Denn damals behinderte Staatssekretär Freisler [=Justizministerium] die Vorarbeiten mit dem Hinweis auf die angebliche Aussage eines nach Palästina emigrierten Juden, wonach der Ermordete mit dem Mörder in unerlaubten Beziehungen gestanden haben soll und dabei auch erkrankt sein soll.“
Diewerge/Tießler Propagandaministerium, Wolfgang Diewerge, 14.04.42: „Nach einer Mitteilung von Herrn Prof. Grimm ist auch der Reichsaussenminister über die Möglichkeit [=Homo-Argument] unterrichtet und soll sich dahin geäussert haben, dass diese offensichtliche Lüge auf die Durchführung des Prozesses keine Wirkung haben könne. Aus Ihnen bekannten Gründen aber bringt das Reichsjustizministerium diesen Einwand immer wieder vor. (…) Ich wäre sehr dankbar, wenn ich die entsprechende Entscheidung schriftlich erhalten könnte, damit endlich diese dauernde Beunruhigung der laufenden Prozessvorbereitungen abgestoppt werden kann.“

x(45)zu Diensten:
Für Gutterers Verwaltungsdirektion im Stadttheater Aachen nennt das Lexikon Wikipedia keinen Beleg, es wäre dann aber unter der Generalintendantur von Paul Mundorf (1950–1968) gewesen.
Zeuge für den Aufstand = Nathan Stoltzfus: Widerstand des Herzens. Der Aufstand der Berliner Frauen in der Rosenstraße 1943, München et al. 1999, S. 13, 51f.

x(46)Zeugenausfall:
Anonym/Graf: „… will hier engster Vertrauter des Amtschefs Canaris, Intimus des Abteilungsleiters General Oster und Mitglied des Verschwörungskreises um diese beiden Männer geworden sein. Keiner von ihnen lebt heute mehr. Frau Canaris bestätigt Soltikows Aussagen nicht … Und was sagt die Schweiz dazu? Soltikow will in jenen Tagen Schweizer Diplomaten gewarnt haben. Müßten sie nicht aus übervollem, dankbarem Herzen bereit sein, als Zeugen aufzutreten? Bisher hat man nichts von ihnen gehört … Jedenfalls stellten sie fest, daß er 1932/33 in einem Betrugsprozeß mit eineinhalb Jahren Gefängnis bestraft wurde. … In Journalistenkreisen, in denen Soltikow auf seine antifaschistische Tätigkeit pochte, entdeckte man 1949 zwei antisemitische Bücher, die im Goebbels-Jargon geschrieben waren … Dann kamen Anschuldigungen von Bekannten des Soltikow aus der Kriegszeit, wonach er neben seiner Abwehrtätigkeit auch der Gestapo Spitzeldienste geleistet und mehrere Leute ins Gefängnis gebracht habe.“

Y) Soltikows Dienstschreiben an die Gestapo Berlin

gestapo

x(47)Gräflicher Denunziant:
laut Dienstschreiben Gestapo Berlin-Tegel vom Frühjahr 1934 rechts zur Observierung des Gefangenen Nr. 444 durch „Soltikow-Bennecke“ in Peter-Ferdinand Koch: Enttarnt – Doppelagenten: Namen, Fakten, Beweise. Salzburg 2011 https://eleboo.e-bookshelf.de/products/reading-epub/product-id/724927/title/Enttarnt.%2BDoppelagenten%253A%2BNamen%252C%2BFakten%252C%2BBeweise.html
Möglicherweise war Soltikow für die Gestapo angeworben worden durch seine eigene Haftstrafe wegen Betrug 1932/33, da deren Ende zeitlich zusammenfällt mit diesem Dokument über seine Informantentätigkeit.

x(48)Andenkensklage München:
wie Spiegel/Tote und Spiegel/Soltikow. In letzterem Fall Beleg für den Namen des Bruders in Wiesbaden als Kläger. Zur Familie des Vaters, Regierungsrat a.D. Gustav gehörten also die Söhne
– Ernst Eduard, ermordet November 1938 in Paris,
– Gustav, Oberleutnant, gefallen in Rußland Dezember 1942,
– Erich, beim Begräbnis in UFA Nr.429 23.11.1938, Beitrag2
http://www.cine-holocaust.de/cgi-bin/gdq?efw00fbw000840.gd, sowie
– Günther, Dr.iur., als späterer Kläger mit Wohnsitz in Wiesbaden.
Der Vater erwähnte am 7. Januar 1939 vor dem Pariser Gericht nur drei Söhne (Hoffmann/Mord,Vorspann). Entweder irrte sich die UFA-Reportage im Bruder Erich, oder dieser hatte wie der Ermordete einen doppelten Vornamen wie „Erich Günther“.

x(49)Familiäre Verbleibsüberzeugung:
Die ansonsten unüberprüfbare Berufung auf die Angehörigen des Attentatsopfers gehörte zu den wenigen konkreten Resultaten in der Recherche von Freund/revenant (Ergebnis Nr.3) im Jahr 1959, kurz vor dem Münchener Prozeß.

x(50)Zeugenflucht:
In einer neuen Untersuchung Smeets/wanhoopsdaad zeigte die Prüfung der jetzt freigegebenen Prozeßakten, daß unter Eid kein Zeuge mehr Soltikows Behauptungen bestätigte.
Anonym/Lebt: „Dagegen standen freilich die Aussagen des früheren Oberreichsanwaltes Dr. Lautz, der den Prozeß gegen Grünspan durchführen sollte, und des ehemaligen Ministerialrats im Reichspropagandaministerium, Diewerge, der den Prozeß im Auftrage Goebbels vorbereitet hatte. Beide sagten aus, daß Grünspan erst in Deutschland – und zwar vor der Gestapo – das homosexuelle Motiv bekundet habe. Daraufhin habe Goebbels den beabsichtigten Schauprozeß abgesagt, weil zu befürchten gewesen sei, daß man Grünspan in einer öffentlichen Verhandlung nicht schnell genug daran hindern könnte, dieses für Propagandazwecke so ungeeignete Tatmotiv vorzubringen. (…)
Ein weiterer Zeuge der Verteidigung, der ehemalige Staatssekretär im Reichspropagandaministerium, Gutterer, gab an, er habe große Teile der französischen Originalakten selbst gelesen. In der Tat sei das homosexuelle Motiv dort wiederholt aufgetaucht, woraufhin er Goebbels beeinflußt habe, den Prozeß ‚abzublasen‘, denn ‚das hätte ja ins Auge gehen können‘.
Im krassen Gegensatz zu dieser Aussage stehen hier wiederum die schriftlichen eidlichen Äußerungen des verstorbenen Professors Dr. Grimm, der im Auftrage Goebbels die ‚Hintermänner‘ des Herschel Feibel Grünspan ausfindig machen sollte. Er bestreitet, daß Grünspan schon vor der französischen Polizei private Motive für seine Tat angegeben habe. (…)
Das Maß der Verwirrung machte dann schließlich der Zeuge Wittig voll, ein ehemaliger Mithäftling Grünspans im Konzentrationslager Sachsenhausen. Er nämlich gab den Sachverhalt so wieder, wie er ihm angeblich von Grünspan geschildert wurde: danach habe die französische Polizei Grünspan mißhandelt und ihn zu der Aussage gezwungen, daß seiner Tat homosexuelle Motive zugrunde lagen. In Wirklichkeit habe er die Tat jedoch verübt, um dagegen zu protestieren, daß seine Eltern aus Deutschland abgeschoben wurden.“

Y) OMGUS: Vernehmung Ben Zahdeckgestapo

Ein ehemaliger NS-Sicherheitsbeamter Ben Zahdeck konnte nicht zuverlässig identifiziert werden. Ein „Rocca Ben Zahdeck“ wurde gefunden in einem US-Verhör 1945 unter „Repatriierten“, also typischerweise deutschen Sonderbeamten im Auslandsdienst. Diese Person kam aus Spanien zurück und wurde von der US-Militärverwaltung verhört zu Fragen deutscher Vermögenswerte im Ausland. OMGUS External Assets Investigation Section of the Property Division, 1945-1949, Lot M1922, Roll 43, National Archives Catalogue ID 2990221 (rechts). Von Gutterer ist bekannt, daß er während seiner NS-Dienstzeit mit illegalen Vermögensgeschäften aufgefallen war.

x(51)Frankreichs Valentini:
Heiber/Fall,S.150 erwähnt die Aktennotiz Valentini vom 13.12.38, zitiert über Grimm/Denkschrift,S.85.

x(52)Soltikows Motive:
Gefunden von Roizen/Fate,Fn31 in Soltikow/Wochenend: „According to newspaper accounts published later on, Soltikow felt he was doing Jews a service by ‚revealing‘ Grynszpan’s homosexuality. ‚It is a necessity and a pleasure‘, he is quoted to have said,32 ‚for me here to be able to show that world Jewry had nothing to do with this deed [i.e. the killing of vom Rath].'“

x(53)Die Medizinstudie:
George M. Weisz: Conspiracy in Paris, November 1938: Medical Fraud as Pretext for the Kristallnacht Pogrom. In: Perspective Nr. 13, Mai 2011, S.266-269. Weisz/Conspiracy http://www.ima.org.il/FilesUpload/IMAJ/0/39/19795.pdf

x(54)Aktivitäten des Enthüllers:
G.M. Weisz: Nazi medicine and racial policy. In: Hektoen international journal of medical humanities http://www.hektoeninternational.org/Nazi_medicine_&_racial_policy.html dort gewürdigt als Mitarbeiter einer Ausstellung im jüdischen Museum Sydneys 2007. Das Journal wird in Chicago/Illinois verlegt. Der publizierte Artikel aus Ausstellungsbeitrag auch übernommen in „Fold-3“ http://www.fold3.com/page/285875667_nazi_medicine_and_nazi_doctors/ Der Netzdienst ist eigentlich ein Datenarchiv für US-Militärgeschichte. Die Genauigkeit des Gebotenen läßt zu wünschen übrig, wenn als Augenspezialist der Medizinexperimente im Dritten Reich etwa Prof. Otmar von Verschuer genannt wird, dessen wissenschaftlicher Assistent Josef Mengele war, der weniger durch die genannte Zwergenforschung in heutiger Medizinforschung präsent ist, sondern durch Zwillingsdaten.

x(55)Schreibfehler:
Die Fundausbeute im kurzen Text ist üppig – Weisz/Conspiracy,S.268: Otto Brautigam / Abschrift aus einem deutschen Dokument: „… wenn er nicht an einer schweren Magen- und Darmtuberkulose gelitten werde“ / Gerichtsartz / Novemberprogromme
ebd./S.269: Fn12: (Otto) Bräuttigam / Fn21: Berlinr Klin Woch. (=Berliner Klinische Wochenzeitschrift) / Fn23: „Eine Gelbbuch ubre Grunspan und seine Helfshelfer. Zentral Verlag der NSDASP“

x(56)Berlinseuche:
Weisz/Conspiracy,S.266: „During 1935-36, while in Berlin, he contracted a homosexually transmitted infectious desease“.
Als Beleg für diese wichtige Faktenfeststellung mit Bedeutung für seine These ist aber kein neuer Sachbefund zu finden, sondern nur ein Verweis auf Kaul/Fall,S.130.

x(57)Thesen-Unterbau:
Marino, A.: Herschel – The boy who started World War II. London 1995, S.78-79+144-146 / Greene, H.: The German Officer´s Boy. University of Wisconsin Press 2005, S.198-205

x(58)Widersprüchliche Röntgenmaßstäbe:
Weisz/Conspiracy,S.267: „Where could the bullet finally have lodged? The near-horizontal line of abdominal penetration would end up in the left half of the pancreas. Plain X-rays would have been shown the location of the bullet.“
Ebd.: „Immediately after the shooting, vom Rath was taken to a nearby hospital and despite his desperate condition, X-ray examination of his abdomen was undertaken before the emergency surgery.“

x(59)Bauchschußerfahrungen:
Oberarzt d. R. Carl Jacobs – „z. Z. bei einer Sanitätskompagnie“: Die Aussichten der konservativen Behandlung Bauchverletzter im Bewegungskrieg. In: Deutsche medizinische Wochenschrift 1917; 43(1), S.15-18.
„Meine Erfahrungen als Chirurg bei einer Sanitätskompagnie, als der ersten für eine Sammelstatistik in Frage kommenden Feldsanitätsformation, berechtigen mich auf Grund von Beobachtungen vieler Hunderte von frischen Bauchverletzten, von denen mehrere Hundert endgültig verfolgt sind, zu dem Schlusse, daß die Prognose der Bauchschüsse bei konservativer Behandlung recht trüb ist, da man dann mit einer Mortalität Von 90—95% rechnen muß. Wenn ich, obwohl ganz entschiedener Anhänger einer aktiven chirurgischen Therapie, mich in den meisten Fällen trotzdem zur konservativen Behandlung, entschlossen habe, so geschah es schweren Herzens unter dem Zwange der äußeren Verhältnisse. Die gänzlich unbefriedigenden Resultate, die ich dabei erzielt habe, haben in mir die Ueberzeugung gefestigt, daß die möglichst frühzeitige Operation dort, wo Zeit und Ort sie gestatten, nicht nur erlaubt, sondern direkte Pflicht ist.“

x(60)Streptomycin:
Schatz, Albert: The True Story of the Discovery of Streptomycin. In: Actinomycetes: Vol. IV, Part 2: 27-39: August, 1993 http://www.albertschatzphd.com/?cat=articles&subcat=streptomycin&itemnum=001

x(61)Arztbericht zur Todesursache:
Zitiert über Hoffmann/Mord:
„Paris, 9. November 1938. Gesandtschaftsrat I. Klasse Parteigenosse vom Rath ist seinen am 7. November erlittenen Verletzungen erlegen. Im Laufe des Vormittags trat eine weitere Verschlechterung seines Zustandes ein. Eine nochmalige Blutübertragung hatte nur vorübergehende Wirkung. Der Kreislauf reagierte auf Herzmittel ungenügend. Das Wundfieber blieb hoch. Gegen Mittag zeigte sich entscheidend der Einfluß der Magenverletzung in Verbindung mit dem Milzverlust. Der Kräfteverfall ließ sich nicht aufhalten, so daß um 16.30 Uhr der Tod eintrat. Der französische Chirurg Dr. Baumgartner hat nach kunstgerechter Operation auch die weitere Behandlung sorgfältig durchgeführt. Die Klinik de l’Alma stellte ihre guten Einrichtungen zur Verfügung, das pflegende Personal hat sich aufopfernd eingesetzt. Der trotzdem erfolgte Tod des Gesandtschaftsrats Erster Klasse vom Rath ist allein durch die Schwere der Schußverletzungen verursacht worden. Gez. Dr. Magnus Gez. Dr. Brandt.“

Publikationen

•• Anonym: Herschel Grynszpan – the forgotten Jewish assassin. In: Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen, Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, 05.07.2013
sachsenhausenprojekte.wordpress.com/2013/07/05/herschel-grynszpan-the-forgotten-jewish-assassin/

•• Anonym, (Observator): Graf Soltikow ans Telefon. Widerstand vor dem falschen Tribunal – Der Schwanengesang der Münchener Spruchkammer. In: Die Zeit Nr. 1, Hamburg 03.01.1952 – S.2
(Personenskizze Bennecke, keine Belege für seine militärischen Dienste)
http://www.zeit.de/1952/01/graf-soltikow-ans-telefon/komplettansicht

•• Anonym, (P-y): Lebt Herschel Grünspan noch? Der Münchner Prozeß – Zweiundzwanzig Jahre nach den Pariser Schüssen. In: Die Zeit Nr. 48, Hamburg 25. November 1960 – S.8
(Beobachtungen aus dem Gerichtsverfahren mit wichtigen Angaben zu den Zeugen)
http://www.zeit.de/1960/48/lebt-herschel-gruenspan-noch

•• Cuenot, Alain: L‘affaire Grynszpan vom Rath. Paris 1965, unpubliziert in: Centre de Documentation Juive Contemporaine
(Die mehr als 300 Seiten umfangreiche detaillierte Arbeit des frz. Arztes als engl. Übersetzung genannten Titels durch Joan Redmont, Privatdruck David Rome: The Herschel Grynszpan Case. Beverly Hills, California, Juli 1982)

•• DHM, Deutsches Historisches Museum Berlin: Ernst vom Rath, Diplomat
(Biographie)
http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/RathErnst/index.html

•• DHM, Deutsches Historisches Museum Berlin: Herschel Grynszpan
(Biographie)
http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/GrynszpanHerschel/

•• Döscher, Hans-Jürgen: „Reichskristallnacht“ – Die Novemberpogrome 1938. München 1988
(Der Verfasser konstruiert die Homo-These nur durch Nacherzählung von Soltikow/Wochenend und unbelegbare Gerüchte des frz. Schriftstellers André Gide)

•• Flocken, Jan von: Grynszpans Geheimnis. In: Focus Nr. 44, 2001
(Zusammenfassung der Hauptargumente Döscher mit seinen neuen Belegen aus Ministerien)
http://www.focus.de/politik/deutschland/zeitgeschichte-grynszpans-geheimnis_aid_190309.html

•• Frank, Vincent C.: Der mysteriöse Mord an Ernst vom Rath – Vorwand für die Pogromnacht. In: AshkenazHouse.org Juedisches Kulturerbe in Deutschland, Juli 2008
http://www.ashkenazhouse.org/pogromnacht.html

•• Freund, Andreas: Herschel Grynszpan le revenant„. In: l’Arche Nr.36, Paris 1959
(Der Verfasser war ehemaliger Auslandskorrespondent der AFP)

•• Freund, Andreas: Herschel Grynszpan – Man or Phantom? In: Jewish Digest, September 1961

•• Grossmann, Kurt R.: Herschel Grünspan lebt! Aufbau, New York, 10. Mai 1957
(Der Text referiert lediglich Inhalte bei Heiber/Fall)

•• Grimm, Friedrich Wilhelm: Denkschrift über die in Paris im Juni-Juli 1940 von der Deutschen Geheimen Feldpolizei in der Grünspan-Sache beschlagnahmten Akten. 194? Typoskript, Mikrofilm Hoover Institution Library, Stanford University, Stanford, California
(Der Verfasser war Strafverteidiger und Klagevertreter für die Familie des Ermordeten im Pariser Ermittlungsverfahren)

•• Heiber, Helmut: Der Fall Grünspan. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte Jg.5, 1957, H2, S.135-172
(Universitätsbeitrag unter Auswertung der Dokumente 1942 Vorverfahren)
http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1957_2_2_heiber.pdf

•• Hoffmann, Rudolf: Mord oder Mordvortäuschung? Der historische Kriminalfall vom Rath / Grynszpan im Lichte von Schlüssigkeitsprüfung und Sachbeweisforschung. Zu den Vorgängen, die 1938 Hitler Vorwand und Anlaß lieferten zum organisierten Verbrechen der „Reichskristallnacht“. SKRIPTUM FS 109 Lüdenscheid 1988
(Mit allergetischer Sprachmühe dienen zutreffende Hinweise auf Versäumnisse der Pariser Kriminalermittlung der These einer Naziverschwörung, überwiegend als Auswertung von Kaul/Fall)
http://www.kritisches-zur-zeitgeschichte.ch/Grynspan/wg144_2.html

•• Kaul, Friedrich Karl: Der Fall des Herschel Grynszpan. Berlin 1965
(Der Verfasser war DDR-Jurist für den Aufbau-Verlag in Ost-Berlin und hatte die franz. Ermittlungsakten aus der Vorkriegszeit ausgewertet)

•• Kirsch, Jonathan: The Short, Strange Life of Herschel Grynszpan: A Boy Avenger, a Nazi Diplomat, and a Murder in Paris. London Mai 2013, eBook
(Der Verfasser wertet den Pariser Polizeibericht aus und lehnt die Homo-These ab)
books.google.de/books?id=2REqbmvyAC8C&pg=RA1-PA9&lpg=RA1-PA9&f=false

•• Kleikamp, Antonia: Nazis nutzten den Tod eines schwulen Diplomaten. In: Tageszeitung „Die Welt“, 18. Oktober 2013
(wie Nominierung)
http://www.welt.de/geschichte/article121014676/Nazis-nutzten-den-Tod-eines-schwulen-Diplomaten.html

•• Larson, Egon: The Boy Who Pulled the Trigger; German Documents Reveal How Feibel Grynszpan Survived It All. In: World Jewry 11(1959) S.10-11
(Der Verfasser war deutscher Journalist mit einem Gastbeitrag im Londoner jüdischen Magazin)

•• Marrus, Michael: The Strange Story of Herschel Grynszpan. In: American Scholar, Winter 1988
http://www.kritisches-zur-zeitgeschichte.ch/Grynspan/wg186.html

•• Miedzianagora,Georges/Jofer,Gabrielle: Quelques précisions quant au voyage d’un fantome historique … H. F. Grynszpan. In: Bulletin trimestriel de la Fondation Auschwitz, No. 30 Oktober/Dezember 1991, Editions du Centre d’Etudes et de Documentation, Bruxelles X.
(sehr gute Dokumentation zentraler Quellen)
http://www.kritisches-zur-zeitgeschichte.ch/Grynspan/wg149.html

•• Roizen, Ron: Herschel Grynszpan – the Fate of A Forgotten Assassin. In: Holocaust and Genocide Studies, Vol.1 Nr.2, 1986, S.217-228
(US-Historiker mit frühen fundierten Erkenntnissen zur Sache)
http://www.roizen.com/ron/grynszpan.htm

•• Schwab, Gerald: The Grynszpan Affair. Magisterarbeit School of Government, George Washington University, 22. Februar 1958
(Der Verfasser war zum Kriegsende Ermittler der US-Armee für deutsche Kriegsakten)

•• Schwab, Gerald: The Day the Holocaust began. The Odyssey of Herschel Grynszpan. New York 1990

•• Smeets, Sidney: De wanhoopsdaad – hoe een zeventienjarige jongen de Kristallnacht ontketende. Amsterdam 2013
(Auswertung der jüngst freigegebenen Prozeßakten LG München Rath vs. Solikow)
dewanhoopsdaad.com/English/

•• Soltikow-Bennecke, Walter Michael: Illustrierte Wochenschrft „Wochenend„, Nürnberg Nrn.2 und 9, April 1952

•• Spiegel, Magazin: Grünspan-Attentat – Der Tote lebt. Ausgabe 36/1960 vom 31.08.1960, S.22-25
(Hintergrund des prozessualen Gegenstands)
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43066693.html

•• Spiegel, Magazin: Soltikow-Prozeß – Bis zum bitteren Ende. Ausgabe 1/1961 vom 01.01.1961, S.20-21
(Nachlese zum Prozeßergebnis)
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43159202.html

•• Steinberg, Lucien: Documents allemands sur l´affaire Grynszpan. In: Le Monde Juif(n.s.) Nr.19 1964

•• Stüdemann, Andreas: Die Entwicklung der zwischenstaatlichen Rechtshilfe in Strafsachen im nationalsozialistischen Deutschland zwischen 1933 und 1945: Kontinuität und Diskontinuität im Auslieferungsrecht am Beispiel der Rechtsentwicklung im NS-Staat. Diss. iur. Frankfurt/M. 2008
books.google.de/books?id=ifzicvHF3xoC&pg=PA449&lpg=PA449&f=false

•• Tenenbaum, Joseph: Race and Reich. New York 1956

•• Thompson, Dorothy: Let the Record Speak. Boston 1939.
(Die Verfasserin war US-Radiomoderatorin mit Berichten über das Attentat und Spendensammlung für den Täter)

•• Trotzki, Leo: Für Grynszpan. In: Socialist Appeal, New York 14. Februar 1939
(plus andere Periodika)
http://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1939/02/grynspan.htm

•• Weill-Goudchaux, Serge: La fin de Gruenspan. In: Evidences (Paris) 1. May 1949, S.19-20
(Der Verfasser war anwaltlicher Verteidiger des Mörders)

•• Weisz, George M.: Conspiracy in Paris, November 1938 – Medical Fraud as Pretext for the Kristallnacht Pogrom. In: Perspective Nr. 13, Mai 2011, S.266-269.
http://www.ima.org.il/FilesUpload/IMAJ/0/39/19795.pdf

Archivalien

•• Berndt, Alfred-Ingemar: Brief an Goebbels – Juristischer Bevollmächtigter für den Mordprozess Grünspan, 2. April 1942 In: BA Akten NJ2215
http://www.kritisches-zur-zeitgeschichte.ch/Grynspan/wg107_2.html

•• Botschaft, Paris: Verfahren bei der Anmeldung von Besuchern und Antragstellern. B 6017/3/4 01 Auf den Erlaß vom 19.Dezember 1938 Pers.D 3917/38 In: BA Akten NJ2215
http://www.kritisches-zur-zeitgeschichte.ch/Grynspan/wg140.html

•• Diewerge, Wolfgang: Brief an Goebbels u.a. – Vernehmung des Arztes des Führers, Dr.Brandt, in der Hauptverhandlung 18. Januar 1939 In: BA Akten R3001
http://www.kritisches-zur-zeitgeschichte.ch/Grynspan/wg132.html

•• Diewerge, Wolfgang: Brief an Walter Tießler – Verhalten bei Lüge des Mörders über angebliche homosexuelle Beziehungen mit dem Ermordeten. 14. April 1942 In: BA Akten R3001
http://www.kritisches-zur-zeitgeschichte.ch/Grynspan/wg133.html

•• Freisler, Roland: Niederschrift, 23.1.1942 Zu III g10a 1295/41 g In: BA Akten NJ2215
http://www.kritisches-zur-zeitgeschichte.ch/Grynspan/wg109.html

•• Goebbels, Joseph: Der Fall Grünspan. In: Völkischer Beobachter/Wiener Ausgabe: 12. November 1938, S.1
http://www.kritisches-zur-zeitgeschichte.ch/Grynspan/wg118.html

•• Grimm, Friedrich Wilhelm: Brief an Diewerge, 12. Januar 1939 In: BA Akten NJ2215
http://www.kritisches-zur-zeitgeschichte.ch/Grynspan/wg170.html

•• Grimm, Friedrich Wilhelm: Brief an Goebbels, 6. April 1942 In: BA Akten NJ2215
http://www.kritisches-zur-zeitgeschichte.ch/Grynspan/wg160.html

•• Grimme, Adolf: Brief an Vater Grünspan in Hamburg, Fu/3, 3. März 1949
http://www.kritisches-zur-zeitgeschichte.ch/Grynspan/wg174_2.html

•• Gutterer, Leopold: Brief an Soltikow 29. September 1953 In: Archives du Centre de Documentation Juive Contemporaine, 75004 Paris, Archivalie CDXLVI-57
http://www.kritisches-zur-zeitgeschichte.ch/Grynspan/wg115.html

•• Lammers, Hans Heinrich: Brief an Thierack – Strafverfahren gegen Grünspan, Rk. 4726 B, 3. April 1942 In: BA Akten NJ2215
http://www.kritisches-zur-zeitgeschichte.ch/Grynspan/wg110.html

•• LAT, Los Angeles Times, Tageszeitung Kalifornien: Assassin shoots Nazi envoy aide; Hitler stirred by Paris affair. Ausgabe 08. November 1938
latimesblogs.latimes.com/thedailymirror/files/1938_1108_cover.jpg

•• Lautz, Ernst: Anklage 16.10.1941, Az. B J 393/41 In: BA Akten NJ2215
http://www.kritisches-zur-zeitgeschichte.ch/Grynspan/wg139_2.html

•• NYT, New York Times, Tageszeitung NY: Reich Embassy Aids in Paris Shot To Avenge Expulsions by the Nazis – 17-Year-Old Polish Jew Fires Five Shots at Third Secretary, Two Taking Effect–Youth Tried to Reach Ambassador. Ausgabe 08. November 1938
http://www.nytimes.com/ref/membercenter/nytarchive.html

•• NYT, New York Times, Tageszeitung NY: Berlin Raids Reply to Death of Envoy. Ausgabe 10. November 1938
http://www.nytimes.com/ref/membercenter/nytarchive.html

•• Soltikow-Bennecke: Brief an Le Monde Juif, Paris, In: Archives du Centre de Documentation Juive Contemporaine, 75004 Paris, Archivalie CDXLVI_57
http://www.kritisches-zur-zeitgeschichte.ch/Grynspan/wg103.html

•• Thierack, Otto: Brief an Lammers – Strafverfahren gegen Grünspan, Rk. 4726 B, 9. Mai 1942 In: BA Akten NJ2215
http://www.kritisches-zur-zeitgeschichte.ch/Grynspan/wg113.html

•• Voss, ?: Niederschrift über die Sitzung beim Chefpräsidenten des Volksgerichtshofs, 16. April 1942
http://www.kritisches-zur-zeitgeschichte.ch/Grynspan/wg111.html

•• Wollenberg, Erich: Brief an vom Rath – München, 3. Mai 1964. In: Archives du Centre de Documentation Juive Contemporaine, 75004 Paris, Archivalie CDXLVI-57a
http://www.kritisches-zur-zeitgeschichte.ch/Grynspan/wg106.html

Quelle: Histor.ws

..

Ubasser

Ein Kommentar zu “Eine Analyse: Reichskristallnacht, wegen Mord an einem Schwulen?

  1. neuesdeutschesreich sagt:

    Hat dies auf neuesdeutschesreich rebloggt.

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