Realitäten im Dritten Reich – Teil 5 – Wirtschaft und Aufrüstung

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26. November 2013 von UBasser


Von Hans Kehrl

In einem früheren Teil dieser Serie wurde bereits dargelegt , daß weder die Wirtschaftsadministration noch die Industrie über die beabsichtigten außenpolitischen Aktivitäten Hitlers und über seine langfristigen außenpolitischen Ziele, wenn es solche überhaupt gegeben hätte, unterrichtet waren. Eine Aussöhnung mit Frankreich wurde auf den verschiedensten Ebenen auch in der Parteiorganisation betrieben: Ein endgültiger Verzicht auf Elsaß – Lothringen, nicht aber auf das Saargebiet wurde vorbereitet, auch propagandistisch entsprechend. Großbritannien, Belgien und Holland galten außenpolitisch und militärisch, so viel man wußte, als tabu. Den einzigen echten, weil nicht zu verheimlichenden Hinweis auf Möglichkeiten künftiger kriegerischer Verwicklungen gaben Remilitarisierung und Aufrüstung.

Jeder aufmerksame Beobachter in Wirtschaftsadministration und Industrie konnte aus Kasernen – und Flugzeugbau, aus der Garnisonvermehrung, aus den neuerrichteten Flugzeugwerken und ihrem Ausstoß so wie aus den Bestellungen von Bekleidung und Ausrüstung einerseits und aus Waffenaufträgen andererseits seine Schlüsse ziehen.

Der durch das 100.000 Mann-Heer bedingte Nachholbedarf bei allen Waffengattungen war so groß , daß mindestens bis 1938 nichts Auffallendes in Erscheinung trat , was auf weit gesteckte Ziele hätte schließen lassen.

Wohl wurde Dr. Schacht 1936 in seiner Eigenschaft als Reichswirtschaftsminister „für den Fall drohender Kriegsgefahr“ – so genannter MOB-Fall ( Mobilisierungsfall) – zum “ Generalbevollmächtigten für die Wirtschaft “ (GBW – inklusiv Agrar-, Finanz- und Arbeitsressort) bestellt und ein System von Mobilmachungsvorbereitungen in allen Ministerien institutionalisiert, doch war dies nicht Aufsehen erregend. Das 100.000 Mann – Berufsheer hatte Mobilmachungsvorbereitungen nicht nötig gehabt: Es war ein Kader-Heer gewesen. Als Funk in der Nachfolge von Schacht 1938 Reichswirtschaftsminister wurde, wurde auch er GBW; Funk war sicher keine martialische Gestalt, wie man sich einen Generalbevollmächtigten im Kriege vorstellen konnte. In seiner Eigenschaft als GBW wurde ihm ein Staatssekretär nur für die Mob-Vorbereitungen zunächst mit dem beamteten Staatssekretär Dr. Posse beigegeben . Im RWM und in militärischen Dienststellen witzelte man, daß diese beiden Personalentscheidungen „ein überzeugender Friedensbeweis“ Hitlers wären. Beide waren als „Krisenmanager“ im Kriege schwer vorstellbar.

Im Programm des Vierjahresplanes, der mir in seiner Gesamtheit, auch des militärischen Sektors, damals bekannt wurde, war nichts enthalten, was nicht sinnvollerweise auch in denselben Größenordnungen ohnehin aufgrund des Devisenmangels und des Rohstoffeinfuhrbedarfs unserer Industriewirtschaft hätte getan werden müssen, wenn auch gleichzeitig die im Amt für Deutsche Roh- und Werkstoffe und im Wirtschafts- und Rüstungsstab des Generals Thomas tätigen Offiziere nicht müde wurden, sogenannte „Forderungen der Wehrmacht“ auf allen Gebieten als vordringlich zu repräsentieren. Aber eigentlich wären nur die Kapazitäten für Flugtreibstoff und Sprengstoffe und ihre Vorprodukte und vielleicht Aluminium für die Luftwaffe für die erwartete gesamtwirtschaftliche Entwicklung im Friedensfall in dieser Größenordnung nicht nötig gewesen.

Von einem echten methodischen Gesamtplan für die Wehrmacht, die einen großen Krieg hätte führen sollen, war damals nichts wahrnehmbar. Es gab viele, oft nicht zusammenhängende Einzelplanungen zahlreicher Dienststellen (nach dem bewährten militärischen Grundsatz: Zuviel fordern schadet nie, Unterdeckung macht Ärger ). Von einer durchdachten, auf einen großen Krieg abgestellten Planung aber konnte überhaupt keine Rede sein. Noch nicht einmal über den echten Bedarf war man sich auch nur einigermaßen klar. In dem über Erwarten kurzen Polenkrieg 1939 hatte sich z.B. die Luftwaffe an Bomben total verworfen , d.h. man war am Ende des Krieges fast ohne Bestände. Für den Frankreich-Krieg aber war das Vielfache des Munitionsbedarfes der Artillerie vorhanden (im „Blitzkrieg“ kam die Artillerie weniger zum Schießen, als man errechnet hatte).

Aus den Rüstungsplanungen konnte weder die Wirtschaftsadministration noch die Rüstungsindustrie das Bevorstehen eines großen Krieges, geschweige denn eines Weltkrieges ablesen oder auch nur erahnen. Nicht zuviel ist behauptet , wenn ich sage: die eigentliche echte Aufrüstung für den Krieg begann Notgedrungenermaßen  erst im Krieg. Auch die militärischen Tatsachen beweisen dieses eindrucksvoll!

Ende August 1939, unmittelbar kurz vor Ausbruch des PolenKrieges, wurden in großer Breite über Nacht Angehörige der Jahrgänge 1896- 1900 zur Wehrmacht eingezogen, um die aktive Truppe mit Soldaten auf zufüllen, die aus dem Ersten Weltkrieg über Kriegserfahrungen verfügten. Die Mannschaften, Unteroffiziere und Feldwebel sollten die aktiven Einheiten sozusagen durch ein Korsett Kriegserfahrener abstützen. Diese Jahrgänge wurden bald nach Beendigung des Polen-Krieges wieder entlassen.

Bei Beginn des Krieges im August 1939 waren die Nachbarn des Deutschen Reiches ihm an militärischen Einheiten und Zahl der kriegsbereiten Soldaten weit überlegen, auch wenn man nur Frankreich und Polen berücksichtigt. Nach dem Aufmarsch gegen Polen verbleiben für die Westfront ganze 18 Reservedivisionen, acht aktive Divisionen und keine einzige Panzerdivision.

Ihnen standen 110 französische Divisionen gegenüber! Unsere Treibstoffvorräte deckten bei Kriegsausbruch einen angenommenen Bedarf von 4 bis 5 Monaten bei voller Mobilisierung.

Remilitarisierung und Rüstung waren bei Ausbruch des Weltkrieges zwar in vollem Umfang angelaufen, hatten aber bei weitem noch nicht die Stärke der uns umgebenden Streitkräfte erreicht. Es war daher nur natürlich, daß Wirtschaftsadministration und Industrie rein gefühlsmäßig, ohne Kenntnis der exakten militärischen Zahlen, die Entwicklung seit dem Münchener Abkommen mit großer Sorge und tiefer Skepsis verfolgten.

Hier war die Entwaffnung der Tschechoslowakei durch militärische Erpressung der eigentliche Wendepunkt. Hitler hatte in München eine Garantie für die Rest-Tschechei zwar nicht schriftlich abgegeben, aber eindeutig in Aussicht gestellt; erstmalig wurden Nichtdeutsche der Souveränität des Reiches unterstellt. Beides mußte uns – so unsere Meinung – das Vertrauen der Welt kosten. Die Eröffnung des Krieges gegen Polen und die Kriegserklärung Englands und Frankreichs stießen dann die Tore zu einer gefahrbringenden Zukunft weit auf.

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Ubasser

3 Kommentare zu “Realitäten im Dritten Reich – Teil 5 – Wirtschaft und Aufrüstung

  1. […] Hans Kehrl – Erstveröffentlicht bei morbusignorantia, Mein Dank an Frank für den Hinweis, sagt Maria […]

  2. Friedland sagt:

    One den Vier-Jahresplan wäre eine umfassende Wiederaufrüstung nicht möglich gewesen.
    Siehe auch Dieter Petzina, Autarkiepolitik im Dritten Reich, Der nationalsozialistische Vierjahresplan, dva 1968.

  3. neuesdeutschesreich sagt:

    Hat dies auf neuesdeutschesreich rebloggt.

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