Realitäten im Dritten Reich – Teil 7 – Autarkie; Teil der NS-Weltanschauung?

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2. Dezember 2013 von UBasser


Von Hans Kehrl

Im Jahre 1968 hat Dieter Petzina – wohl als erster – eine gründliche Arbeit vorgelegt, die unter sorgfältiger Auswertung aller damals verfügbaren Quellen und vor allem auch Statistiken die Landwirtschaftspolitik, die Rohstoffpolitik, die Devisenpolitik und zum Teil die Außenhandelspolitik des Dritten Reiches in den Jahren 1 933-1939 im großen und ganzen durchaus zutreffend nachzeichnet.

Dazu möchte ich aber mit einigen kurzen Ergänzungen und zusätzlichen Betrachtungen beitragen:

1. Mir ist keine Führungspersönlichkeit im Dritten Reich bekannt, die „Autarkie“ als Schlagwort propagiert oder als unverzichtbaren Teil einer NS-Lebensraumpolitik ausgegeben hätte.

2. Einige beiläufige Bemerkungen von Herrn Petzina könnten den Eindruck erwecken, als ob Autarkiepolitik Teil irgendwelcher Bestrebungen gewesen wäre, „ein antiliberales Wirtschaftssystem zu errichten“ (Seite 10). An anderer Stelle heißt es kurz: „…daß der Vierjahresplan Deutschland aus dem weltwirtschaftlichen Verbund herauslösen sollte“ (Seite 18). Die Lockerung eines weltwirtschaftlichen Verbundes – wenn von einem solchen nach der katastrophalen Wirtschaftskrise überhaupt in dieser konkreten Form in den (19hundert)Dreißiger Jahren die Rede sein konnte – war höchstens die zwangsläufige Folge von Devisenmangel und Exportrückgang, nicht aber ein etwa angestrebtes Ziel.

3. Petzina weist selbst darauf hin, daß die mangels anderen Dokumentenmaterials „wichtige Quelle seiner Untersuchungen“ Material des ehemaligen Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes gewesen sei, welches Oberst Thomas leitete. Dieses Material darf für historische Untersuchungen nur mit einer gewissen Vorsicht benutzt werden. Mir war Oberst Thomas persönlich gut bekannt, zumal er verwandtschaftlich mit der Niederlausitzer Tuchindustrie verbunden war, daher weiß ich auch zuverlässig, daß er damals und später eng mit Schacht liiert war. Das erklärt vielleicht zum Teil, daß Thomas in seinen umfangreichen Ausarbeitungen, Vermerken und Protokollen vieles einfach durch die Brille Schachts sah, und Schacht neigte – vorsichtig ausgedrückt – beileibe nicht zu großer Objektivität, wenn er argumentierte.

4. Mindestens in drei wichtigen Punkten hatte Schacht eindeutig völlig Unrecht:

a) Er maßte sich mit großer Überheblichkeit und in einem unmöglichen Stil an, die Landwirtschaftspolitik des Reichsernährungsministers Darres zu kritisieren und Abänderungen zu verlangen, obwohl Darre ihm keinesfalls unterstellt, sondern nur gleichgestellt war. Ich erhielt zur damaligen Zeit laufend Kopien der gewechselten Briefe über diese Zusammenhänge von beiden Seiten.

b) Schacht verweigerte die Zuteilung von Devisen an das REM, die diese zu Recht angefordert hatten, um den ihm, Schacht, unterstellten Wirtschaftsbereich mit Devisen ausreichend versorgen zu können. Er wollte also als Richter in eigener Sache fungieren.

c ) Die Tatsache, daß Schacht als Reichsbankpräsident die Devisen verwaltete, bedeutete keineswegs den Besitz einer Verfügungsgewalt. Einigten sich zwei Ressorts nicht, so stand die Entscheidung nur dem Reichskanzler zu. Hitler übertrug daher auch folgerichtig die Entscheidungsbefugnis über die Devisen für die Zukunft an Göring, als seinen, quasi Reichskanzler-Stellvertreter.

d) Gegenüber Keppler und später auch Göring, nahm Schacht den Standpunkt ein, die Herstellung von Ersatzstoffen (wie er das zu nennen beliebte, obgleich diese Bezeichnung verpönt war) wäre nur „wirtschaftlich vertretbar“, wenn sie nicht teurer wären als ausländische Rohstoffe. Diese Behauptung war ebenso willkürlich wie unlogisch. Sie richtete sich vorwiegend gegen Buna, gegen deutsches Eisenerz und chemische Fasern. Wenn wir nicht genug Devisen zur Verfügung hatten, um unseren Bedarf an diesen Rohstoffen decken zu können, so konnte unmöglich daraus der Schluß gezogen werden, kein teures Buna oder teure chemische Fasern zu verwenden.

Es wäre etwa ebenso logisch gewesen, wenn Schacht sich auf den Standpunkt gestellt hätte: Wenn wir nicht gewinnbringend exportieren könnten, müßte eben der Export unterbleiben, weil ein Exportverlust wirtschaftlich „nicht vertretbar“ wäre. Hier nahm aber Schacht eine völlig andere Stellung ein. Im „neuen Plan“ wurden u. a. der Export massiv durch Exportzuschüsse gefördert, die bis zu 60% der erzielbaren Verkaufspreise gingen. Die Motive Schachts waren also offensichtlich andere als „wirtschaftliche Vertretbarkeit“.

5 . Petzina schreibt über die Zeit der Devisenkrise 1936 u.a.: „Göring versuchte zunächst einer Entscheidung auszuweichen, indem er die Erfassung aller „in deutschem Besitz befindlichen ausländischen Wertpapiere, sowie die beschleunigte Eintreibung deutscher Warenaußenstände und die mögliche Realisierung deutscher Auslandsbeteiligungen anordnete.“

Es wird hier verkannt, daß die „Devisenkrise“ ganz überwiegend darauf zurückzuführen war, daß die exportierende Wirtschaft, besonders in den letzten zwölf Monaten, eine Tendenz an den Tag gelegt hatte, nicht auf schnelle Bezahlung der Außenstände zu drängen; ihr war es vielfach lieber, auf alle Fälle frei verfügbare Devisenguthaben im Ausland zu wissen und daher auf ihre prompte Bezahlung nicht nur nicht zu drängen, sondern – wie es schien – sie in manchen Fällen sogar ausfallen zu lassen.

Ich selbst hatte diesen Tatbestand durch Stichproben in meinem Handelskammerbezirk ermittelt und Keppler eine entsprechende Aktion der Reichsbank angeraten, die auch prompt ausreichenden Erfolg hatte. Es handelte sich daher keineswegs um die „Ausschöpfung der letzten Ressourcen“, wie Petzina meint, sondern um die Beseitigung einer Fehlentwicklung.

Was hatte es also mit der Autarkie tatsächlich auf sich? Petzina weist mit Recht darauf hin, daß der Begriff -Autarkie- eine weit zurückreichende Geschichte hat. Im „Ploetz – Auszug aus der Geschichte -“ wird das Wort „Autarkie“ im Sachregisterverzeichnis auf fünf Seiten aufgeführt, zum ersten Mal in archaischer Zeit, zum zweiten Mal wird das Wort erwähnt in der ägyptischen Geschichte unter den Ptolomäern, dann im Rahmen der Wirtschaftspolitik Mexiko’s während des zweiten Weltkrieges und schließlich im Zusammenhang mit der Wirtschaftspolitik Argentiniens zwischen 1944 und 1946. Der Brockhaus 1921; definiert Autarkie „als Wirtschaftsform eines Staates, der infolge des Besitzes von fruchtbarem Boden , Bodenschätzen und Kraftquellen (Kohle und Wasser) vom Ausland wirtschaftlich unabhängig ist „.

Das alles waren wir leider nicht. Was fälschlicherweise als Autarkiepolitik angegriffen wird oder wurde, war nichts anderes als durchdachtes, intensives, umfassendes, pragmatisches Handeln in einer wirtschaftlichen Krisenlage. Das hatte mit Weltanschauung oder nationalsozialistischem Gedankengut überhaupt nichts zu tun. Dies ist vielleicht der geeignete Platz, noch einigen anderen Irrtümern entgegenzutreten:

Ich bin z.B. von Historikern gefragt worden, ob die Wirtschaftsadministration in ihrem Handeln durch nationalsozialistische Philosophien oder weltanschauliche Zielsetzungen beeinflußt oder behindert wurde. Das wurde sie nicht. Politische Begriffe wie Rassismus, Lebenraumerweiterungen oder gar Germanisierung, waren im wirtschaftspolitischen Bereich einfach nicht vorhanden. Die Germanisierung war eher eine Privatphilosophie Himmlers im SS-Bereich, von der verschwommenen Idee ausgehend, daß germanische Erbrassen wertvoller wären als andere Rassen und daher Beziehungen zu Völkern germanischen Ursprungs besonders eng geknüpft werden müßten. In der Wirtschaftspolitik hatten solche Träume keinen Platz. Es wurde auch in keiner Weise an die in der Wirtschaftspolitik Tätigen herangetreten, um Einfluß zu gewinnen. Die Wirtschaft und die Wirtschaftspolitik hatten im Dritten Reich auch in der Außenpolitik nichts zu suchen!

Wir wurden an der Gestaltung der Außenpolitik in keiner Weise beteiligt. Wenn Entscheidungen getroffen waren, wurden wir nur spät und unvollkommen informiert. Zuständig für die Außenpolitik war natürlich theoretisch das Auswärtige Amt, aber das war mehr Theorie. Denn die echte Außenpolitik spielte sich im kleinsten Kreise auf hoher Ebene ab: Hitler, Reichsaußenminister, sein Staatssekretär, einige Ministerialdirektoren des AA und wichtige Botschafter. Das Auswärtige Amt war in seiner Ministerialbürokratie etwa in gleicher Weise besetzt wie eh und je. Daran hat auch von Ribbentrop nichts geändert, obwohl er mit drastischen Plänen umging. Es gab nur einen Teil der Außenpolitik, auf dem die Bürokratie des Auswärtigen Amtes eine Priorität beanspruchte und weitgehend durchsetzte, und das war der Abschluß von Außenhandelsverträgen. Hier wachte die Leitung und Bürokratie des Auswärtigen Amtes eifersüchtig darüber, daß sie die Richtlinien der Außenhandelsverträge zu bestimmen hätten, was immer man sich darunter vorstellte. Die Richtlinien ergaben sich fast zwangsläufig aus dem Klima, das mit den einzelnen Staaten bestand, aber im übrigen ist die Aushandlung von Außenhandelsverträgen ja eine ganz pragmatische Sache.

Das Auswärtige Amt konnte beim Wirtschaftsministerium zwar darauf drängen, daß die nie enden wollenden Wünsche Italiens einigermaßen befriedigt oder Spanien bedeutende Zusagen für Lieferungen gegeben würden, falls es auf unserer Seite in den Krieg einträte (was nicht möglich war ) oder daß schließlich die Handelsvertragswünsche Südeuropas möglichst pfleglich behandelt werden sollten. Hier aber endete schon der politische Einfluß. Wenn ich im vorhergehenden von „Wirtschaftsadministration“ gesprochen habe, so meine ich damit nicht nur das Reichswirtschaftsministerium, sondern auch die ministerielle Organisation des Vierjahresplanes. Sie war nicht sehr umfangreich, und ich kannte so ziemlich alle dort Tätigen. Aber ich kann mich an keinen einzigen entsinnen, der behauptet hätte, er wäre aus Überzeugung Anhänger des Nationalsozialismus, oder dem es, hätte er dies behauptet, geglaubt worden wäre.

Auch im Reichswirtschaftsministerium waren engagierte Nationalsozialisten eine absolute Minderheit. Es ist schon möglich, daß neu eintretende Assessoren oder Regierungsräte ein Parteibuch hatten, aber eine Rolle spielte das eigentlich nicht, denn wir waren ja nicht im eigentlichen Sinne mit Politik befaßt. Die Unterschiede lagen mehr im Temperament:

Wir Nationalsozialisten legten weniger Vorsicht, weniger Ängstlichkeit, weniger Bürokratismus an den Tag und wir besaßen möglicherweise mehr Verantwortungsfreudigkeit, mehr Durchsetzungsfähigkeit, mehr Tempo, vielleicht auch mehr sachliches Engagement.

Schließlich und wohl hauptsächlich waren wir Nationalsozialisten optimistisch, die Bürokratie von eh und je und jetzt noch mehr eher pessimistisch und skeptisch. Der Bewegungsspielraum für die Wirtschaftsadministration war gering. Alles drehte sich um die „Ressourcen“, ihre Vergrößerung, so weit es in unserer Möglichkeit lag, das sparsame Umgehen mit ihnen, das sinnvolle Verteilen in der Gegenwart und Vorbereitung für eine schwärzer werdende Zukunft.

Über die zuständigen Militärbefehlshaber berieten wir die Administration in den besetzten Gebieten. 1943 fuhr ich mit meinem Minister Funk nach Italien, um mit unseren Bundesgenossen zu beraten, wie er mit seinen Ressourcen besser haushalten könnte. Im Laufe der letzten Kriegsjahre war natürlich immer das Hauptproblem, Ressourcen für die Rüstung frei zu machen und trotzdem das Wirtschaftsleben aufrecht zu erhalten, so gut es ging. Für uns war das nicht Politik. Es war Krisenmanagement im wahrsten Sinne des Wortes. Deswegen habe ich auch mein Buch „Krisenmanager im Dritten Reich“ genannt.

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Ubasser

3 Kommentare zu “Realitäten im Dritten Reich – Teil 7 – Autarkie; Teil der NS-Weltanschauung?

  1. […] Realitäten im Dritten Reich – Teil 7 – Autarkie; Teil der NS-Weltanschauung? […]

  2. […] Hans Kehrl – Erstveröffentlicht bei morbusignorantia – Mein Dank an Frank für den Hinweis, sagt Maria […]

  3. neuesdeutschesreich sagt:

    Hat dies auf neuesdeutschesreich rebloggt.

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