Morbus ignorantia – Die Krankheit Unwissen

“Wenn die Deutschen zusammenhalten, so schlagen sie den Teufel aus der Hölle!” Otto von Bismarck

Der Untergang des 3. Reichs – Teil 1 – Der Chef des Planungsamtes


Leider kam diese Serie etwas ins Stocken, daher nochmals die zwei, bereits vor einigen Wochen veröffentlichten Teile. Insgesamt hat diese Serie 6 Teile; sie spiegeln realistisch den Untergang des Deutschen Reiches wieder. Nach dem Sie die 6 Teile gelesen haben, können Sie Schuld/Unschuld dieser Katastrophe erkennen, werden von vielen heute behaupteten Dingen eine vollkommen andere Sicht erhalten. Aber bitte lesen Sie aufmerksam die Aussagen des Herrn Kehrl über den Rohstoffbedarf. Es ist von außerordentlicher Wichtigkeit! Ich werde Sie im passenden Moment darauf hinweisen!

Nochmals viel Erkenntnis bei dieser kleinen Serie!

Von Hans Kehrl

Im Hochsommer 1943 von der zweiten Hälfte Juli an, hatte sich die militärische Lage für das Reich überall zugespitzt. Im Juli 1943 war an der Ostfront die letzte große deutsche Offensive, bei der auf unserer Seite über tausend Panzer eingesetzt worden waren, festgefahren und damit gescheitert. Ende August mußte Charkow zum zweiten Male und nunmehr endgültig geräumt werden. Der Brückenkopf in Kertsch und das Donezbecken wurden Anfang September 1943 aufgegeben. Das Gesetz des Handelns schien mehr und mehr auf die Sowjets über zugehen.

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Um die gleiche Zeit wurde Mussolini in Italien gestürzt. In die Tage seiner Absetzung fiel auch der Luftgroßangriff auf Hamburg vom 24.Juli bis 3.August 1943. Quadratkilometerweise waren ganze Stadtviertel durch Spreng- und Brandbomben vollständig zerstört worden. Etwa 50 bis 60.000 Tote lagen unter den Trümmern. Ich begann zu fürchten, daß die Zerstörung des Reichsgebietes aus der Luft dem Krieg sogar noch weit eher ein Ende bereiten würde als die Kampfhandlungen an der Front dazu führen würden. Das war zeitlich der politisch-militärische Hintergrund, vor dem damals Speer Besprechungen mit mir begann darüber, daß ich die Hauptabteilung II des Reichswirtschaftsministeriums (RWM) auf das Speer-Ministerium überführen und eine übergeordnete Gesamtplanung für das deutsche Reich über Rohstoffeinsatz, Steuerung der gesamten Industrie- und Rüstungsproduktion sowie Bedarfsdeckung der Bevölkerung und Sicherung des unentbehrlichen Exportes organisieren und leiten sollte. Ein erschreckendes Angebot!

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Die Möglichkeit zu alledem sollte dadurch geschaffen werden, daß alle diesbezüglichen Aufgaben in einem bisher nicht bestehenden Planungsamt zusammengefaßt würden, dessen Aufbau und Leitung mir übertragen werden sollte. Hierüber sprach Speer mit mir und seinen vier bisherigen Amtschefs am 27.Juli 1943 und verfaßte darüber eine kurze Protokollnotiz, in der es zum Schluß hieß:

„Eine von Präsident Kehrl als wünschenswert bezeichnete Äußerung des Ministers über die allgemeinpolitische Lage und die aus den Ereignissen in Italien (Sturz des Duce durch Badoglio am 25.7.1943) sich ergebenden etwaigen Veränderungen wurde vom Minister als untunlich und nicht zur Sache gehörend abgelehnt. Kehrl wurde später darüber belehrt, daß es völlig abwegig sei zu glauben, der Minister mache bei seiner jeweiligen Rückkehr aus dem Führer-Hauptquartier seinen Mitarbeitern Mitteilungen über die politische Lage oder gar über seine Besprechung mit dem Führer.“

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Diese „Belehrung“ befriedigte mich nicht und konnte von mir nicht akzeptiert werden. Letztlich war es auf der Ebene, auf der ich als Leiter der Hauptabteilung II des RWM und ebenso die Amtschefs bei Speer tätig waren, praktisch nicht möglich, sinnvoll zu arbeiten, wenn wir nicht wenigstens in groben Zügen über die allgemeine Lage unterrichtet waren. Ein Arbeiten gleichsam im luftleeren Raum war dabei unzumutbar und sicher auch nicht zweckentsprechend. Ich war entschlossen, gerade dieses Problem durch eine grundsätzliche Aussprache mit Speer zu klären. Ich wollte sie aber nicht vor allen seinen Mitarbeitern führen. Als ich Speer das 1. Mal nach dieser Amtschefbesprechung unter vier Augen sprach, kam ich auf seine Antwort wegen des Sturzes von Mussolini zurück und sagte ihm, es sei mir unmöglich, die Konsequenzen, die sich aus dem Plan der Konzentration der Kriegswirtschaft ergaben, mit ihm zu erörtern und einen Entschluß zu fassen, wenn ich nicht die Möglichkeit hätte, die Gesamtlage mit ihm zu besprechen.

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„Wir sind – in diesem Krieg schon sehr spät am Abend – ich weiß nicht, ob es fünf Minuten vor oder fünf Minuten nach Mitternacht ist.“ Den Gedanken, zu diesem Zeitpunkt eine Planung aufzuziehen, wie sie ihm vorschwebe, fände ich beinahe gespenstisch. Ich hielt Speer vor:

„Wie soll ich ein Planungsamt aufbauen und leiten vier Jahre nach Ausbruch des Krieges?! Wir hätten zwar im September 1936 mit dem sogenannten Vierjahresplan begonnen, aber ein Planungsamt und eine Planungsfunktion in dem Sinne, wie ich gesamtwirtschaftliche Planung ansähe, habe es beileibe nicht gegeben und gäbe es auch jetzt noch nicht. Das Gespenst der Niederlage stehe hinter uns und ich könne mir nur eine einzige Sache vorstellen, die uns noch vor der totalen Niederlage gegenwärtig retten könnte. Darüber müsse ich zunächst mit ihm sprechen.“

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Speer war dazu durchaus bereit und ermunterte mich, mit der „einzigen Sache“ herauszurücken. Ich sagte: „Sonderfriede mit Rußland!“ Seine spontane Antwort war: „Wieso mit Rußland?“ Ich erwiderte ebenso prompt: „Ich sehe zu meiner Genugtuung, daß Sie sich auch mit der Notwendigkeit eines Sonderfriedens schon beschäftigt haben. Die Chance eines Sonderfriedens mit dem Westen sähe ich aber gleich Null an.“

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Meine Argumente waren:

Es wären die USA auf eine siegreiche Beendigung des Krieges und Beseitigung der Herrschaft des Nationalsozialismus weltanschaulich festgelegt. Wie schon im ersten Kriege fühlten sie sich als Apostel der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit, der Rassengleichheit. Gegen alle drei Grundsätze hätten wir schwer in ihren Augen verstoßen. Mindestens solange Roosevelt lebe, schiene mir ein Einlenken ausgeschlossen. Darüber hinaus aber arbeitete die Zeit eindeutig für die USA und ihre englischen Verbündeten. Eine Wende des Krieges im pazifischen Raum bahnte sich an. Die ersten militärischen Expeditionen der Westalliierten in Europa, an der nordafrikanischen Küste und in Italien wären erfolgreich verlaufen. Militärisch hätten also die Anglo-Amerikaner nichts zu befürchten und alles zu erhoffen, da ihre Rüstungs- und Mannschaftskraft ständig zunähme. Die USA wären daher nicht gezwungen, einen baldigen militärischen Sieg zu suchen. Sie müßten höchstens die Russen bei einigermaßen guter Laune halten, damit diese nicht vorzeitig aufgäben.

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Der Krieg im Osten aber wäre rein militärisch gesehen ein Alptraum nicht nur für uns, sondern auch für die Russen. Die Sowjets und wir würden täglich schwächer, die Westalliierten täglich stärker. Unter diesen Umständen brauchten die Westmächte eigentlich nur abzuwarten, könnten entsprechend ihrer militärischen und strategischen Stärke nur militärisch „mündelsichere“ – wie ich mich ausdrückte – Operationen zu dem Zeitpunkt in Gang setzen, in dem sie es für richtig hielten und im übrigen sich auf die Zersetzung unserer Kampfkraft an allen Fronten, durch Bombenkrieg im Heimatgebiet und durch Blockade verlassen, bis ihnen der Sieg beinahe in den Schoß fiele.

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Für die Sowjets müßte das alles ganz anders aussehen: Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Rassengleichheit wären für sie keine Ideale, für die sie kämpften, ganz im Gegenteil. Sie wären bestimmt von Mißtrauen gegen alle kapitalistischen Staaten erfüllt, und die USA wären schließlich die Inkarnation des Kapitalismus schlechthin. Die Russen hätten auch keine Gewähr dafür, daß die Alliierten mit einer wirklich großen Front im Westen durch eine Invasion Ernst machen würden. Sie müßten immer noch fürchten, daß die Zerschlagung der deutschen Wehrmacht bis zur totalen Erschöpfung allein ihnen (den Sowjets) überlassen würde, ohne daß sie das ändern könnten. Wir ständen immer noch tief im russischen Gebiet. Wenn, was ich nicht wüßte, Stalin von rationalenÜberlegungen und nicht allein von Emotionen geleitet wäre, müßte es für ihn eine große Versuchung sein, sein Staatsgebiet mit allen Folgen der Zerstörung nicht in möglicherweise noch langfristigem Krieg freikämpfen zu müssen, sondern den Sieg durch einen Siegfrieden zu erringen, der dann die militärische und damit politische Kraft Rußlands sowohl gegenüber uns als gegenüber den Westalliierten als intakt oder jedenfalls noch höchst bedrohlich erscheinen ließe.

Wie schon damals, als ich Speer kennenlernte, bat ich ihn auch diesmal, seine Aufgabe und Pflicht als Reichsminister gegenüber dem deutschen Volk nicht so eng auszulegen, wie ihm das Hitler vorschreiben wolle. Meine Arbeit und schließlich auch seine Arbeit hätte doch nur einen Sinn, wenn durch einen politischen Entschluß mindestens eine totale Niederlage vermieden werden könne. Dabei wies ich auch auf die Unmöglichkeit hin, daß eine solche politische Linie von dem sturen Ribbentrop akzeptiert würde. Er hätte seit eh und je ein völlig falsches Weltbild gehabt. Ich wäre schon lange der Meinung, daß die Beseitigung von Ribbentrop dringend notwendig wäre. Natürlich müsse nach einer Alternative gesucht werden, die für Hitler akzeptabel sei.

Speer ging auf diese Wendung des Gesprächs mit Interesse ein. Ich wußte damals noch nicht, daß Speer auch schon mit Goebbels über die Notwendigkeit einer Wachablösung im Auswärtigen Amt gesprochen hatte, vielleicht aus anderen Motiven, vielleicht aber auch aus denselben, wie ich sie hatte. Speer fragte mich, ob ich mir schon in personeller Hinsicht Gedanken gemacht hätte. Ich hatte. Für mich kamen nur zwei Kandidaten in Frage: Dr. Seys-Inquart, gegenwärtig Reichskommissar in den Niederlanden, und der frühere Oberbürgermeister von Wien, Neubacher.

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In Hitlers späterem sogenannten „Testament“ wurde – unendlich viel zu spät – Seys – Inquart als Außenminister vorgesehen. Nach dieser aufregenden Unterhaltung mit Speer nahm ich mir einige Tage Bedenkzeit, blieb aus dem Reichswirtschaftsministerium – dem ich damals noch angehörte – weg und hielt mich auch von Speer fern. Ich versuchte, mit mir ins Reine zu kommen. Stundenlang ging ich im Garten meines Hauses auf und ab und dachte dabei auch zurück an die Zeit nach dem beinahe spielend gewonnenen Westfeldzug 1940, als ich als politischer „Anfänger“ versucht hatte, allen politischen Figuren in Berlin, die etwas zu bedeuten schienen und an alle, an die ich damals herankommen konnte, klarzumachen, daß das Schlimmste uns noch bevorstände. (Nach dem Sieg über Frankreich!).

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Vor allem dem damaligen Rüstungsminister Todt hatte ich eindringlich auseinandergesetzt, daß im Gegensatz zur offenbaren Meinung Hitlers, Görings, Goebbels und anderen, die USA entschlossen und fähig wären, die Rüstungskraft der gesamten Welt und vor allem riesige Luftstreitkräfte gegen uns zu mobilisieren. Was ich damals – 1940 – nur am Horizont gefürchtet hatte, war inzwischen längst bittere Wahrheit geworden. Es wollte mir einfach nicht einleuchten, daß bei dieser offenkundigen Situation der Einfluß Speers jetzt nicht ausreichen sollte, um Hitler für die Notwendigkeit eines Sonderfriedens mit Rußland zu gewinnen. Offenbar traute sich Speer aber kaum, mit ihm darüber zu reden.

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Für mich aber schien es keine andere Alternative zu geben, denn es müßte unter allen Umständen, meiner Meinung nach, vermieden werden, daß auch nur im Ansatz durch Hitler, Goebbels oder wen immer eine Parole derart in breiter Front aufkäme, oder gar propagiert würde, die auf „Sieg oder Untergang“ hinausliefe. Die aufregenden Überlegungen, die ich anstellte, ergaben schließlich für mich bei aller Skepsis darüber, ob und was in diesem Stadium des Krieges überhaupt noch zu erreichen sein würde, daß ich kein Recht hätte, vor dem Schicksal wegzulaufen. Stattdessen entschied ich mich hier auf oberster Ebene, einen Gesamtüberblick – soweit möglich – ständig zu erarbeiten und für mich und meine Mitarbeiter Arbeitsweise und Vollmachten in allen Ebenen sicherzustellen, die wenigstens ermöglichen sollten und müßten, das pure Überleben unseres Volkes sichern zu helfen. Dazu schien es mir nötig – wenn es denn zum Ende ginge – alles auf allen Bereichen zu wissen, was irgendwie von Interesse war und darüber hinaus mir in der vorgesehenen neuen Stellung in möglichst unauffälliger Form Weisungsbefugnisse sicherzustellen, die schnelles Handeln und schnelles Verhindern wo auch immer, wie auch immer und für was auch immer ermöglichen würden. Denn aus dem Einblick, den ich insbesondere in den vertraulichen Besprechungen mit Speer gewonnen hatte, ergab sich für mich und zu meinem Entsetzen, daß Hitler offenbar in seiner Eigenschaft als oberster Befehlshaber der Wehrmacht zeitlich, sachlich und nach manchen privaten Informationen gesundheitlich so absorbiert wäre, daß er andere zusätzliche und unerläßliche Funktionen als Regierungsoberhaupt nicht mehr wahrnehmen könnte.

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Göring hatte nur noch dem Namen nach die bisherige Funktion eines „Reichskanzler-Stellvertreters“ inne. Zeitlich und nervlich nahm ihm aber die alliierte Luftoffensive auf fast das gesamte Reichsgebiet, die zu immer größerer Heftigkeit anstieg, die Möglichkeit, als Reichskanzler-Stellvertreter tätig zu werden. Denn vom Luftkrieg waren inzwischen die Großstädte nahezu alle erfaßt. Von den Mittelstädten blieben nur wenige verschont. Seit dem Abfall Italiens im September 1943 gerieten die Alliierten zusätzlich in den Besitz italienischer Flugplätze, von denen aus auch Österreich und die Tschechoslowakei für Luftangriffe erreichbar wurden. Ziel dieser Angriffe waren Industrieanlagen aller Art, ohne daß sich – erstaunlicherweise – eine Schwerpunktbildung auf bestimmte Ziele entwickelt hätte. Der einzige Angriff auf einen entscheidenden, strategisch wichtigen Rohstoffengpaß hatte sich im Juli 1943 gegen das Buna-Werk Hüls im Ruhrgebiet gerichtet, bei dem mittlere Schäden entstanden waren, die sich aber in einigen Monaten überwinden ließen.

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Warum die verwundbarsten Stellen unserer Kriegsproduktion – Treibstoff- , Stickstoff- und Bunawerke*) – nicht konsequent angegriffen wurden, war mir damals zunächst noch unerfindlich. Es gelang mir, einen direkten Draht zum Chef der Luftflotte Reich, Feldmarschall Stumpf, herzustellen, der nächst Göring die Verantwortung für die Abwehr der Luftangriffe, soweit möglich, trug. Einer meiner Mitarbeiter knüpfte enge persönliche Beziehungen zu einem Angehörigen des Generalstabs der Luftwaffe an. Nach den Angaben, die ich damals erhielt, wurden im Durchschnitt der letzten Monate des Jahres 1943 etwa 30.000 Bomben und zusätzlich riesige Mengen Brandbomben pro Monat auf das Reichsgebiet abgeworfen.

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Im vierten Quartal 1943 **) konzentrierten sich die Luftangriffe stark auf Berlin. Nachdem die Stadt schon am 21.November 1943 erhebliche Schäden erlitten hatte, folgte am Abend des 22.11.1943 ein besonders schwerer Angriff bei dichter Wolkendecke, Regen und vollkommener Finsternis. Es war der folgenschwerste Angriff bisher. 3.500 Tote waren als Opfer zu beklagen. Es gab 400.000 Obdachlose, immerhin durch nur zwei Angriffe!! Verkehr und Telefon waren unterbrochen. Räume, die das Ministerium Speer in den Zoobaracken hatte, waren überwiegend zerstört oder ausgebrannt. Ich befand mich selber gerade dort zu einer Sitzung in der Zentralen Planung, als mein lieber alter Mercedes, der mir seit Wien treu gedient hatte, derweil vor dem Portal verkohlte. Auch das Reichswirtschaftsministerium „Unter den Linden“ und in der „Rehrenstraße“ war schwer getroffen. Ich hatte dort zum damaligen Zeitpunkt noch meine Diensträume mit einem großen Teil meiner Mitarbeiter. In den frühen Morgenstunden des nächsten Tages fuhr ich, da öffentliche Verkehrsmittel noch nicht wieder in Gang waren, vom Grunewald mit dem Fahrrad ins Ministerium.

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Da mein Zimmer mit Holz getäfelt war, war die Brandwirkung hier besonders heftig gewesen, so daß Papiere und Unterlagen selbst in dem schweren Geldschrank, der in meinem Zimmer stand, überwiegend verkohlt waren. Bei einem Rundgang durch das ausgebrannte Ministerium war ich mir bewußt, daß durch die Zerstörung unserer Arbeitsplätze auch das letzte Band durchschnitten war, das mich noch mit dem Reichswirtschaftsministerium verband.

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In zahlreichen Fällen war früher der sehr tatkräftige Dr. Goebbels als quasi Innenminister von Zeit zu Zeit eingesprungen, ohne dazu eigentlich legitimiert zu sein und ohne dauernde Wirkungen sozusagen als Helfer im Nebenberuf erzielen zu können. Bei diesem Großangriff auf Berlin war Goebbels aber als Gauleiter von Berlin nun wirklich zuständig und tat sein Möglichstes. Berlin lebte weiter. Um der quasi Regierungslosigkeit wenigstens auf gewissen Gebieten Abhilfe zu schaffen, hatte Göring als Noteinrichtung vor einiger Zeit unter Benutzung seiner weitgehenden allgemeinen Vollmachten als Beauftragter für den Vierjahresplan eine Art Beschlußgremium gebildet, das „die Zentrale Planung“ genannt wurde. Ihr gehörte Speer als Vorsitzender, Funk als Wirtschaftsminister, Staatssekretär Körner als Vertreter Görings und Staatssekretär Milch teils als Vertrauensmann von Göring, teils als stellvertretender Kommandeur der Luftwaffe an.

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Speer führte den Vorsitz und ein Beauftragter Görings führte das Protokoll. Da dieses Gremium aber weder über eine Apparatur zur Vorbereitung noch zur Durchführung etwaiger Beschlüsse besaß, war es nur von äußerst beschränkter Wirkung. Ich vereinbarte daher mit Speer, daß die Exekutive der „Zentralen Planung“ auf mich als Leiter des Planungsamtes übergehen sollte. Das geschah intern zunächst mit dem Planungsamtserlaß vom 16.9.1943. Er wurde später als Anlage zum Erlaß des Reichsministeriums für Rüstung und Kriegsproduktion vom 29.10.1943 veröffentlicht. Die wichtigsten Aufgaben des Planungsamtes lauteten auszugsweise:

1. Das Planungsamt bereitet die Entscheidungen der Zentralen Planung vor und überwacht deren Durchführung… Die Aufgaben des Büros der Zentralen Planung gemäß Erlaß vom 22.10.1942 gehen im Einvernehmen mit der Zentralen Planung auf das Planungsamt über.

2. Das Planungsamt hat insbesondere die Verteilung der Grundstoffe, z.B. Eisen, Metalle, Kohle, Mineralöle, Stickstoff und anderer wichtiger Rohstoffe auf die Bedarfsträger vorzubereiten.

3. Das Planungsamt hat – als Arbeitsgrundlage für die Zentrale Planung – für die gesamte Kriegswirtschaft Erzeugungs- und Verteilungsplanungen aufzustellen, wobei die Bedarfsplanungen für den gesamten deutschen Machtbereich die Grundlage bilden sollen. Hierzu ist die Ein- und Ausfuhr zu berücksichtigen. Die Gesamtplanung ist unter Berücksichtigung der Produktionsvoraussetzungen vorher zwischen den beteiligten Ressorts und Dienststellen abzustimmen. Das Planungsamt hat laufend das notwendige statistische Material zusammenzufassen und auszuwerten.

4. Das Planungsamt hat die Zuweisung aller Arbeitskräfte im großdeutschen Raum auf die einzelnen Großsektoren: Kriegswirtschaft, Verkehr, Ernährung usw. der Zentralen Planung zur Entscheidung vorzuschlagen und deren Durchführung statistisch zu erfassen.

5. Das Planungsamt hat weiter Gefahrenmomente, die den Ablauf der allgemeinen deutschen Kriegswirtschaft stören könnten, frühzeitig zur Kenntnis der zentralen Planung zu bringen.

Es folgten dann sehr ins einzelne gehende Bestimmungen über die statistischen und ähnlichen Aufgaben des Planungsamtes. Schließlich hieß es zum Schluß:

„Die Reichsstellen und Reichsvereinigungen sind hierbei an die Weisungen des Planungsamtes gebunden… Das Planungsamt hat das Recht, von allen deutschen Dienststellen und Organisationen auch außerhalb des Reichsgebietes Auskünfte über wirtschaftliche Verhältnisse zu verlangen.“

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In diesem Stadium gelang es mir auch noch nach Beendigung der Umorganisation des Speer-Ministeriums das Planungsamt formal in der Zentralen Planung als oberstes Beschlußgremium zu verankern und ihm zusätzlich damit generelle Vollmachten allgemeiner Art zuzuweisen. Mit dieser Verankerung hatte es folgende Bewandtnis: Göring hatte sehr bald nach Speers Ernennung zum Reichsminister für Bewaffnung und Munition ihn gleichzeitig zu seinem „Generalbevollmächtigten für Rüstungsaufgaben im Vierjahresplan“ ernannt. Auf dem Umweg über diese Generalvollmacht stellte Göring also Speer seine umfassenden Vollmachten sozusagen lehensweise zur Verfügung. Da das Planungsamt zahlreiche Aufgaben wahrnehmen sollte, die die Kompetenzen anderer Ministerien einbezogen, wurde das Planungsamt durch einen „Erlaß des Reichsmarschalls des Großdeutschen Reiches vom 4.September 1943“ errichtet. Speer hielt es nunmehr auch für notwendig, daß meine Ernennung zum Leiter des Planungsamtes durch Göring selbst bestätigt wurde, damit die Vollmachten des Vierjahresplanes auch auf das Planungsamt ausstrahlten. Bevor Speer zur Besprechung mit Göring hinausfuhr, sagte er zu mir:

„Ich war mir am Anfang unserer Besprechungen nicht be wußt, daß das Planungsamt auch ein Organ des Vierjahresplanes sein müßte. Ich habe daher auch mit Göring nie darüber gesprochen, daß Sie Leiter des Planungsamtes werden sollten, denn ich dachte, ich könnte Sie selbst ernennen. Nun muß ich diese Ernennung natürlich mit Göring absprechen. Wie stehen Sie eigentlich mit Göring?“

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Ich meinte, nicht direkt schlecht, aber bestimmt auch nicht gut. Hin und wieder hätte ich kleinere Zusammenstöße mit ihm gehabt. Er habe es wohl nicht sehr gern gesehen, daß ich in so vielen Aufsichtsräten der Reichswerke Hermann Göring tätig sei, obwohl er der Berufung jeweils zugestimmt hätte. Vor allem aber befürchtete ich, daß er aus zahlreichen Telefonaten, über die er sicher aus den „braunen Blättern“ seines Forschungsamtes unterrichtet war, wissen könnte, daß ich ziemlich unverblümt lästerliche Bemerkungen über ihn zu machen pflegte. „Sie wissen ja aus unseren Gesprächen, warum…“ Speer meinte ziemlich unbekümmert: „Na, wir werden ja sehen.“

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Am nächsten Tag berichtete er mir, Göring habe den Erlaß gutgeheißen und auch ohne Zögern den Erlaß meiner Ernennung zum Leiter des Planungsamtes unterschrieben. Speer hatte ihm in seiner saloppen Art gesagt: „Kehrl meint allerdings, Sie hielten nicht viel von ihm“, worauf Göring ihm trocken erwidert habe: „Ach, ich halte schon etwas von Kehrl, aber er hält nichts von mir.“ Speer meinte, das bestätige offensichtlich meine Theorie von der Lektüre der „braunen Blätter.“

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Auf Grund dieser Vorgänge legte ich mir ohne weitere Formalien einen Briefkopf zu, der lautete: „Der Beauftragte für den Vierjahresplan“, darunter „Der Generalbevollmächtigte für Rüstungsaufgaben“ (nämlich Speer), darunter „i.V. Der Leiter des Planungsamtes“

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Unter diesem Briefkopf vermochte ich im letzten Stadium des Krieges Vollmachten und Weisungen verschiedenster Art an alle nur erdenklichen Behörden – auch Reichsministerien – zu erteilen und organisatorische Änderungen einzuführen, die reichsweite Gültigkeit besaßen, und Behörden regionale Vollmachten zu verleihen, die auszuüben sie sich sonst nicht getraut hätten.

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Aber diese Gedanken behielt ich zu diesem Zeitpunkt noch für mich, als Speer daran ging, mit mir nach langer Aussprache einen „vorläufigen Pakt“ abzuschließen, wie er das nannte. Ich erkannte an, daß die Konzentration der Kriegswirtschaft bei der damaligen Kriegslage nicht nur zweckmäßig, sondern wohl auch notwendig war, und daß alle anderen Erwägungen dahinter zurückzutreten hatten. Ich verpflichtete mich daher, trotz meiner Bedenken und der Skepsis, die ich nicht unterdrücken konnte, die mir zugedachten Aufgaben im Rahmen des Möglichen zu erfüllen. Denn ich war wie Speer davon überzeugt, daß eine weitere Steigerung der Rüstungsanstrengungen unbedingt notwendig wäre, wenn ein Sonderfrieden mit Rußland überhaupt eine Chance haben sollte. Speer wiederum stimmte mir zu, daß ein Sonderfrieden äußerst erwünscht, wenn nicht zwingend notwendig sei, und versprach, sein Bestes zu tun, um Hitler davon zu überzeugen.

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Ich habe allerdings nie Klarheit darüber erhalten, was Speer insoweit bei Hitler durchsetzte. Schließlich erklärte ich mich auf Speers Wunsch auch noch bereit, Funk für die notwendige Amputation seines Ministeriums zu gewinnen. Ein erstes Gespräch hatte Speer mit Funk bereits geführt. Funk war zunächst schockiert, und Staatssekretär Dr. Landfried war außer sich. Meine Unterhaltungen mit Funk in dieser Sache waren menschlich und sachlich gleich schwierig. Es war völlig klar, daß nach Herausoperieren des Kerns des Ministeriums, der Hauptabteilung II mit ihren wichtigen Aufgaben, aus dem Reichswirtschaftsministerium dieses nur noch ein Rumpfministerium sein würde. Aber es gelang mir schließlich, Funk zu überzeugen, da es keine Alternative gab. Es wurde abgesprochen, daß die Konzentration natürlich durch einen Erlaß Hitlers zustande kommen müßte. Daraufhin machte Speer einen skizzenhaften Vorschlag zunächst für den Führererlaß. Eine Durchführungsverordnung zu ihm sollte von Speer und Funk gemeinsam erlassen werden. Lammers mit seiner bewährten Formulierungskunst goß den Führererlaß in die richtige Form und am 26.August 1943 fand unter seinem Vorsitz im Kabinettsaal der Reichskanzlei (seit langer Zeit zum ersten Mal wieder) eine Chefbesprechung statt. Hierüber heißt es in der Speer-Chronik:

„Mit diesem Erlaß konnte der Reichsminister für Bewaffnung und Munition in den Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion verwandelt werden. Er erhielt aus dem Bereich des Reichswirtschaftsministeriums den gesamten Sektor der gewerblichen Kriegswirtschaft. Reichsminister Funk, der die Bahn für den neuen Kurs großzügigerweise freigegeben hatte, hielt mit Geist und Humor seine eigene „Grabrede“, wie er selbst sagte.“

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Am 2. September unterzeichnete Hitler den „Erlaß über die Konzentration der Kriegswirtschaft.“

Teil2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

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Ubasser

4 Antworten zu “Der Untergang des 3. Reichs – Teil 1 – Der Chef des Planungsamtes

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  3. neuesdeutschesreich 23. Januar 2014 um 21:35

    Hat dies auf neuesdeutschesreich rebloggt.

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