Morbus ignorantia – Die Krankheit Unwissen

"Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft und wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit." – George Orwell

Der Untergang des 3. Reichs – Teil 3 – Neue Weichenstellung für die Wirtschaft


Von Hans Kehrl

Neben der alles überschattenden Frage der Versorgung der Wehrmachtsteile mit dem nötigen Treibstoff, waren wir nach dem Mai 1944 natürlich auch mit dem verwickelten Problem befaßt, wie der Nah- und Fernverkehr im Reichsgebiet – soweit er durch motorisierte Fahrzeuge erfolgte – in Zukunft sichergestellt werden könnte. Diese Frage war verflochten mit dem Kraftstoffbedarf der Wehrmacht, die in der Heimat stationiert war. Denn deren Verbrauch sollte zugunsten des Frontheeres von der Wehrmacht selbst herabgedrückt werden, um die Kürzung, die sich an der Front bemerkbar machen würde, so niedrig wie möglich halten zu können.

Mitte Mai, als die Angriffe auf die Hydrierwerke begannen, waren die Treibstoffkontingente für die Wirtschaft für Juni bereits ausgegeben und über das Reichsgebiet verteilt. Das Gesamtkontingent „Wirtschaft“, wie wir in einem Sammelnamen den Verbrauch von etwa 25 Unterkontingentsträgern bezeichneten, betrug beim Vergaserkraftstoff etwa 20 % des Wehrmachtskontingents, beim Diesel hatte er bisher sogar etwas höher gelegen als das Wehrmachtskontingent. Trotz ständigen Drängens unsererseits hatte die Wehrmacht bis dahin einer fühlbaren Umstellung ihres Kraftfahrzeugparks von Benzinfahrzeugen auf Dieselfahrzeuge zähen Widerstand entgegengesetzt, von Holzgeneratoren ganz zu schweigen.

In der Wirtschaft hatten wir diese Umstellung mehr forcieren können, so daß das Schwergewicht des Flüssigtreibstoffverbrauches in der Wirtschaft beim Diesel lag. Die Vergaserkraftstoffzuteilung wurde für die Gesamtwirtschaft im III. Quartal auf 15 % der Wehrmachtszuteilung herabgedrückt. Aber irgendwie mußte hierfür ebenso wie für die Kürzung des Dieselkontingents Ersatz geschaffen werden. Die Aufrechterhaltung des Wirtschaftslebens, ja des Lebens überhaupt, war entscheidend von dem motorisierten Nah- und Fernverkehr abhängig.

Auf Veranlassung von Feldmarschall Keitel nahm ich Fühlung mit Generalmajor Koll auf, der im Auftrag des Oberkommandos der Wehrmacht eine straffe Zusammenfassung des Wehrmachtskraftwesens, das bisher auf die drei Wehrmachtsteile zersplittert war, betrieb. Wir waren auch mit dem Reichsverkehrsministerium schnell darüber einig, daß bis zu einem gewissen Grade der Transportbedarf des Heimatheeres und der Wirtschaft eine Einheit darstellte und daß umfassende organisatorische Maßnahmen getroffen werden mußten, um den Gütertransport durch LKW auf eine viel rationellere, weniger individualistische Basis zu stellen als bisher. Das konnte nur dadurch geschehen, daß in möglichst weitem Umfang regionale Transportgemeinschaften gebildet wurden, die als Güterfahrbereitschaften den Verkehr für all die wirtschaftlichen Unternehmen, öffentlichen Institutionen usw. besorgten, die vom eigenen Fahrzeugbetrieb abgeschaltet werden mußten.

Durch stete Vollauslastung der noch fahrenden LKW und Vermeidung von Leerrückfahrten sollte mit viel weniger Treibstoff die gleiche Gütermenge bewegt werden. Soweit nicht schnell genug andere praktikable Lösungen örtlich auf freiwilliger Basis gefunden werden konnten, erklärte Koll die Bereitschaft der Wehrmacht, auch Wirtschaftstransporte durch ihre zu erweiternden Fahrbereitschaften durchzuführen.

Diese organisatorische Weichenstellung erschien mir noch aus einem anderen Grunde notwendig. Wir verfügten über einen Treibstoff, dessen Möglichkeiten bisher nicht annähernd ausgeschöpft waren: Das Holz.

Es waren brauchbare Typen von fahrbaren Holzgeneratoren entwickelt worden, die seit Jahren in kleinerem Umfang im Einsatz waren und sowohl für Gütertransporte als auch Busse und Personenwagen benutzt werden konnten. Aber die Generatoren waren nicht weit genug verbreitet. Der Generator war unbeliebt, weil er mühselig war. Das Gas konnte nicht gespeichert werden. Es mußte erst der Verbrennungsvorgang im Generator in Gang gesetzt und etwas gewartet werden, bis das Fahrzeug abfahren konnte. Während der Fahrt mußte das Fahrzeug von Zeit zu Zeit angehalten werden, um im Generator zu stökern und den Verbrennungsvorgang in der richtigen Form aufrechtzuerhalten. Der Fahrer war also gleichzeitig eine Art Heizer. Ich kannte das Problem genau, weil ich mir seit längerer Zeit für weitere Fahrten einen Wagen mit großem Hubraum (bei kleinem Hubraum funktionierte das Holzgas ziemlich schlecht), einen alten Horch, auf Generator hatte umbauen lassen. Die Konzentrierung des Transportwesens gab nun eine willkommene Gelegenheit, die Umstellung auf Generatoren zwangsweise durchzuführen.

Der schnelleren Ausdehnung des Holzgasgenerators im motorisierten Verkehr hatte auch bisher immer im Wege gestanden, daß das Tankholz durchaus nicht immer zur Verfügung gestanden hatte. Es fehlte also an „Holztankstellen“ und an gut aufbereitetem Tankholz. Ich maß der Forcierung dieser Entwicklung große Bedeutung bei. Denn ich war davon überzeugt, daß wir in der Kriegszeit und auch in den ersten Jahren nach einem verlorenen Krieg ständig unter Treibstoffmangel leiden würden.

Es mußte also zu diesem Zweck eine Organisation geschaffen und noch vor Kriegsende konsolidiert werden. Daher sollte die Festkraftstofferzeugung und Verteilung jetzt schon im organisatorischen und Weisungsmäßigen Zusammenhang mit Flüssigtreibstoff stehen. Letztlich lief es ja doch darauf hinaus, daß den Verkehrsberechtigten die Berechtigung, Flüssigtreibstoff zu verwenden, entzogen und als Ersatz Festtreibstoffversorgung angeboten werden sollte. Diese Überlegungen wurden in den ersten drei Wochen des Juni (1944) zum Abschluß gebracht und die Anordnungsmäßigen Folgerungen daraus gezogen. Bei dem Umfang der Auswirkungen hielt ich es für notwendig, das neue System von der Zentralen Planung sanktionieren zu lassen. Speer sollte persönlich die notwendigen Weisungen mit seiner Autorität decken.

Am 30.6.1944 erläuterte ich gemeinsam mit Koll diese Ideen. Die Zentrale Planung sanktionierte die Absichten, die von mir zum Teil in „Führererlasse“ gegossen wurden. Eine Umstellung auf Generatoren auf breiter Basis war ja auch davon abhängig, daß nicht nur genügend Holz eingeschlagen, sondern auch aus dem Walde gebracht und von entsprechenden Produktionsstätten auf Tankholz umgearbeitet und regional ausreichend gestreut angeboten wurde. Die ins Stocken geratene „Holzbringung“ aus dem Wald an die Bedarfsstellen wurde durch den Einsatz eines „Reichsbevollmächtigten für die Holzbringung“ wieder flottgemacht. Durch Erlaß von Speer als GB Rüst wurde mir unter dem 30.6.1944 die Lenkung der gesamten „Festkraftstoffwirtschaft“ übertragen. Nachdem ich für die Durchführung des Problems genügend Kenntnis gesammelt hatte, erließ Speer unter dem 10. August 44 eine Durchführungsanordnung, die das Aufgabengebiet im einzelnen klarlegte. Bis der Holzeinschlag und die Bringungsaktionen im Gang waren, hatte ich mit den Herren meiner Ämter in allen Einzelheiten ein Schema besprochen, wie die Tankholzaktion ablaufen sollte.

Dazu wurde von mir schließlich am 1. September 44 eine eingehende Weisung erlassen. Mit dem Erlaß übertrug ich meinem langjährigen bewährten Mitarbeiter, meinem Generalreferenten für Sonderaufgaben Dr. Dorn, der in organisatorischen Fragen besonders begabt war, die gesamte Planung auf diesem Gebiet und übertrug ihm auch die Verantwortung für das Verteilungswesen der Festkraftstoffe. Es kam vor allem darauf an, möglichst schnell regional funktionierende Organisationen ins Leben zu rufen, da vorauszusehen war, daß sehr bald eine zentrale Steuerung nicht mehr möglich sein würde.

Einzelne Gebiete entwickelten sich zu einer Art Verkehrswüste. Die normalen Kommunikationen funktionierten nur noch schleppend. Die Auflösung des Reichsgebietes in auf sich selbst angewiesene Teilgebiete war nur noch eine Frage der Zeit. Wieder gelang es Dr. Dorn noch in diesem Stadium des Krieges, brauchbare, tatkräftige Männer für die Organisation zu finden, zum Teil aus den Reihen derer, die in der Ostfaser inzwischen frei geworden waren. Im Oktober 1944 waren circa 112. 000 mit Generatoren ausgerüstete Fahrzeuge im Einsatz und die Zahl stieg noch bis in das erste Quartal 1945 laufend an.

Seit Beginn des zweiten Quartals 1944 hatten das Kriegsgeschehen und die erfolgreichen Angriffe auf die Treibstoffindustrie die gesamte Lage völlig verändert. An der Ostfront hatte die sowjetische Sommeroffensive gegen die Heeresgruppe Mitte und gegen Finnland die deutsche Front in schwerste Bedrängnis gebracht und Finnland in den ersten Septembertagen zum Abschluß eines Waffenstillstandes gezwungen. Auch Rumänien führte einen Frontwechsel durch. Die sowjetische Offensive gegen Südpolen war ebenfalls erfolgreich.Am 6. Juni hatte die alliierte Invasion in der Normandie begonnen. Anfang Juli befand sich schon beinahe eine Million Mann in dem ständig sich erweiternden Brückenkopf, von dem aus schließlich Ende Juli der Ausbruch in das französische Gebiet und damit der Bewegungskrieg in Frankreich erzwungen wurde.

Durch das Schrumpfen des von uns beherrschten Raumes und die Treibstoffmisere hatte ein Teil der bisherigen Rüstungsziele seinen Sinn verloren. Und gerade im Juni und Juli 1944 hatten fast alle Zweige der Rüstung ihre höchsten Ausstoßzahlen seit Beginn des Krieges erreicht. Aber was sollte es für einen Zweck haben, die Produktion zum Beispiel der Flugzeuge und Panzer noch weiter zu steigern, wenn kein ausreichender Treibstoff zur Verfügung stand. Es hatte auch keinen Zweck, die Munitionserzeugung weiter vorwärtszutreiben, wenn der Sprengstoff nicht ausreichte. Bei der Kriegslage war das stürmische Drängen der Wehrmacht auf Freigabe der uk-gestellten jüngeren Jahrgänge auch aus der Rüstungsindustrie nur allzu verständlich. Schon im Jahre 1943 hatte ich selbst ein ganzes Bouquet von Maßnahmen zur Freisetzung von Reserven in der Rüstungswirtschaft ausgearbeitet. Teils konnte ich mich damals noch nicht damit durchsetzen, teils blieben die akzeptierten Anregungen wegen der Erkrankung Speers liegen. Einige zog ich jetzt aus der Schublade.

Sie wurden nun sofort ohne viel Diskussion und Widerstände in die Tat umgesetzt. Zum Beispiel wird am 25.Mai 1944 in der Speer-Chronik berichtet:

„Im Anschluß an die Sitzung legte Präsident Kehrl dem Minister ein e Ausarbeitung über noch vorhandene Reserven in der Industrie vor, die vor allem dadurch mobilisiert werden könnten, daß durch Verbot von Waffenänderungen und überflüssigen Entwicklungen Arbeitsstunden produktiv in der Fertigung eingesetzt werden könnten. Der Kampf gegen die unausrottbaren Änderungen soll durch einen Führererlaß neu aufgenommen werden. „

Am 18. Juni legte Speer Hitler den „Erlaß über die Konzentration der Rüstungs- und Kriegsproduktion“ vor, den Hitler am 19.Juni 1944 unterschrieb. Trotz der Hoffnungslosigkeit in Bezug auf den endgültigen Ausgang des Krieges, war ich der Meinung, daß wir in unseren Rüstungsanstrengungen mit veränderter Zielsetzung auf Verteidigung nicht nachlassen dürften. Wir konnten keinesfalls die Millionen Soldaten, die in den Weiten des östlichen Raumes, in Rumänien, Griechenland, Jugoslawien und Italien standen, den Nachschub an Waffen und Munition verweigern, den sie zur Verteidigung so bitter nötig hatten. Es war nicht an uns, in der Heimat aufzugeben, denn das konnte bedeuten, daß wir unsere Jungs damit in Bedrängnis brachten und sie den nicht absehbaren Folgen einer langen Gefangenschaft überantworteten.

Alles, was wir in diesem Stadium des Kriegs Rüstungsmäßig noch tun konnten, hatte natürlich nur Zweck, wenn es gelang, in der Heimat eine Wende in der Luftbeherrschung herbeizuführen. Speer unterrichtete mich von Zeit zu Zeit über den zähen Kampf, den er selbst, Feldmarschall Milch, Fliegergeneral Galland und andere führten, um den theoretisch gebilligten Plan der Ansammlung einer Jägerflotte zum Heimatschutz durchzusetzen. Der laufende Einsatz einer geringen Zahl von Normaljägern und hin und wieder einige Me 262 in der Heimatverteidigung war eine viel zu schwache Abwehr, als daß davon ins Gewicht fallende Wirkung hätten erwartet werden können.

Aufgrund einer neuen Hiobsbotschaft machte ich Mitte August 1944 einen letzten Versuch, mich in das· Geschehen, das eigentlich außerhalb meiner Einflußsphäre lag, einzuschalten. Ich berichte im folgenden darüber, weil damit dokumentarisch belegt wird, worum es bei dem ganzen Problem ging:

Von meinem Verbindungsmann zum Amt Saur hatte ich am 15. August 1944 zu meinem Entsetzen gehört, daß von Hitler eine Entscheidung getroffen worden war, unter dem Stichwort „Aktion 88“, das Flak-Programm zu Lasten der Erzeugung von Jägern zu forcieren. Ich beschloß des größeren Nachdrucks halber, mich in einem schriftlichen Vermerk an Speer ganz entschieden gegen diese Entscheidung zu wenden. Gleichzeitig wollte ich verhindern, daß er dort versandete und schickte daher eine Kopie an Feldmarschall Milch, Staatssekretär Körner, meinem Amtschefkollegen Saur und über meinen Verbindungsoffizier zu Keitel an diesen. Vielleicht habe ich auch noch den einen oder anderen vergessen. Jedenfalls habe ich das Memorandum in acht Ausfertigungen machen lassen. Ich war mir bewußt, daß es sich bei der „Aktion 88“ nicht um Überlegungen, sondern um einen ergangenen Führerbefehl handelte, kleidete aber meine Darlegungen in eine Einleitung, die es so erscheinen lassen sollte, als ob es sich nur um Erwägungen handele und es noch Zeit sei, Argumente vorzubringen. Das Memorandum trägt das Datum des 18.August 1944 und betrifft die „Aktion 88“. Ich nahm mit Schärfe gegen die angeordnete Drosselung der Jäger-Produktion zugunsten der Flak-Produktion Stellung. In dem Memorandum hieß es u.a.:

„Der gegenwärtige hohe Verlust an Jagdfliegern und die schlechte Lage der Flugtreibstoffversorgung sind nicht zwangsläufig, sondern durch die gegenwärtige Taktik des Einsatzes der Jagdwaffe bedingt. Das Entgegenstellen einer jeweils kleinen Anzahl Jäger in Front und Heimat gegenüber einer großen Obermacht der Gegner verursacht in gleicher Weise die hohen Verluste wie die Unmöglichkeit eines hohen Schutzes für die Flugtreibstoffwerke. Ein Übergang zu einem gesteigerten Flak-Programm,wie vorgesehen, bedeutet bis zum Herankommen der Strahljäger einen weitgehenden Verzicht auf den Einsatz von Jagdfliegern zum Schutze der Heimat und Einsatz an der Front in gleicher Weise. Wenn ein solcher Verzicht auf Monate durch Verzicht auf den Bau der entsprechenden Jäger-Typen möglich erscheint, so können durch eine entsprechende sofortige Entscheidung über den Einsatz der vorhandenen Jagdwaffe die Gründe sehr viel schneller beseitigt werden.

Durch einen zwei bis vierwöchigen Nichteinsatz der Jagdwaffe und damit Ansammlung einer entsprechend hohen Zahl von Jägern und ihren Einsatz zur Heimatverteidigung nach starker Auffüllung würden die hohen Verluste der Jagdflieger ebenso vermieden werden können, wie durch ihren massierten Einsatz nach diesem Zeitraum ein ausreichender Schutz der wichtigsten Flugtreibstoffwerke ermöglicht werden könnte. Bei einer Konzentration des Einsatzes in dieser Form wäre auch der Anschluß an Neu- und Mehrproduktion von Flugtreibstoff im Oktober und November mit den vorhandenen Beständen zu erreichen … „

Die Eingabe schloß wie folgt :

„Abschließend muß darauf hingewiesen werden, daß meines Erachtens der Entschluß zur Speicherung von Jagdmaschinen und Jagdfliegern zum massierten Einsatz der Verteidigung der Heimat sich zwangsläufig aus der ungeheuren Gefährdung der Sprengstofferzeugung und ihrer Vorprodukte ergibt. Wenn sie in demselben Umfang, wie gegenwärtig die Flugbenzinerzeugung, ausgeschaltet werden würde, würden die Folgen noch viel tragischer sein, als die des Einbruchs in die Flugbenzinerzeugung, da der Einsatz aller Waffen zu Lande, zu Wasser und in der Luft in gleicher Weise gefährdet wäre. Alle hier in Frage stehenden Produktionsstätten durch Flakschutz rechtzeitig sichern zu wollen, wäre ein hoffnungsloses Beginnen. Meines Erachtens verlangt gerade der Schutz dieser wichtigen Grundlagen unserer Kampfkraft eine schnelle Entscheidung in dem oben geschilderten Sinne.“

Ich ließ die acht Exemplare durch unseren Kurierdienst zustellen. In der Nacht rief mich Speer sehr aufgeregt an und sagte, ob ich von allen guten Geistern verlassen sei. Es handele sich bei der „Aktion 88“ um einen bereits erlassenen Führerbefehl, den ich mit dürren Worten als unsinnig bezeichnet hätte. Außerdem läge das außerhalb meiner Zuständigkeiten. Für den strategischen oder taktischen Einsatz der Luftwaffe sei ich nun aber wirklich nicht zuständig, auch wenn ich meine Pflichten noch so extensiv auslegte. Er sei selbst im Hauptquartier gewesen und hätte gegen den Befehl angekämpft, ohne etwas auszurichten.

Speer wollte wissen, an wen weitere Ausfertigungen gegangen seien. Speer wies mich an, sofort mit allen Empfängern zu telefonieren und die Exemplare zurückzufordern. Niemand sollte von ihrer Existenz etwas verlauten lassen. Ich weigerte mich entschieden, Saur anzurufen, da ich ihn in dem (diesmal allerdings nicht zutreffenden Verdacht hatte, daß er an dem Erlaß nicht unschuldig sei). Speer bemerkte daraufhin, er würde das selber übernehmen, wenn die Ausarbeitung nicht schon von Saur ins Führerhauptquartier weitergegeben worden wäre. Körner und Milch rief ich an: Beide hatten das Memorandum gelesen und Milch sagte, er fände es ausgezeichnet und sei völlig meiner Meinung. Von Keitel forderte ich es nicht zurück, sondern ließ den Adjutanten Keitels bitten, sicherzustellen, daß Keitel das Memorandum gegenüber Hitler nicht erwähnte. Speer legte darauf den allergrößten Wert. Am nächsten Tag sagte mir Speer, er könne mich über die Besprechung im Führerhauptquartier in dieser Sache nicht unterrichten. Der Fall sei aber hoffnungslos.

Es war mein letzter Versuch, Einfluß auf Entscheidungen der Führung zu nehmen. Wie Speer gesagt hatte – es war hoffnungslos. Ich zog für mich die Schlußfolgerung, in Zukunft noch mehr alle Überlegungen und Entscheidungen meines Einflußbereiches bis zum bitteren Ende nach eigenem Ermessen und ohne Konsultationen mit irgend jemandem zu treffen.

Sinnvolle Entscheidungen von Hitler waren offenbar nicht mehr zu erwarten, und das Speer-Ministerium war Standort- und Führungsmäßig in Auflösung begriffen. Am 13.Juli 1944 hatte ein Führererlaß das Licht der Welt erblickt, den ich nach Rücksprache mit Speer schon um die Jahreswende 1943/44 wenige Wochen nach der Übernahme des Planungsamtes entworfen hatte. Hierüber heißt es in der Speer-Chronik:

„Am gleichen Tage wird vom Minister ein angeregter Führererlaß über die Erfassung und Verwendung von Lagerbeständen für die Rüstungs- und Kriegsproduktion im Reichsgesetzblatt bekannt gegeben. Es hat durch die verlangte Einschaltung der Reichskanzlei fünf Monate gedauert, bis der Erlaß herausgekommen ist.“

Durch meine Erfahrungen mit den Kontingentsträgern im Reichswirtschaftsministerium anhand einer Fülle bekannt gewordener Einzelfälle und durch Stichprobenweise Untersuchungen hatte ich schon vor Eintritt in das Speer-Ministerium festgestellt, daß sich in der Wirtschaft auf zahlreichen Gebieten beachtliche Reserven dadurch angesammelt hatten, daß Anforderungen in einem nicht notwendigen Umfange befriedigt worden waren. Der Erlaß gab gegenüber den Wehrmachtsteilen, aber auch allen sonstigen Kontingentsträgern weitgehende Vollmachten, Feststellungen über Bestände dieser Art zu treffen. Speer beauftragte die regionalen Rüstungsinspektionen mit einer entsprechenden Aktion, und ich ließ mir die Vollmachten aus dem Erlaß von Speer auf das Planungsamt delegieren, da wir ja schließlich für die Gesamtverteilung verantwortlich waren und die Erfassung von Lagern natürlich auch dazu gehörte.

Schlagartig setzte ich eine größere Anzahl von Leuten mit dem Auftrag ein, anhand einer Fotokopie der Vollmacht Zugang zu besonders bezeichneten oder von ihnen ausfindig gemachten großen Lagerverwaltungen zu verschaffen und zügig Meldungen an mich zu erstatten. Zum Teil kamen geradezu sagenhafte Dinge dabei heraus. Nach ersten Lagererhebungen bei der Luftwaffe über Ausrüstungsgegenstände, die zum Teil völlig unverständliche Größenordnungen hatten, wurde ein Parlamentär mit dem Vorschlag zu mir entsandt, die Luftwaffe wäre bereit, für eine Million Mann Uniformen und sonstige Mannschaftsausrüstungsgegenstände sofort freizugeben, wenn die Untersuchungen eingestellt würden. Darauf einigten wir uns unter gleichzeitiger Aussetzung entsprechender Zuteilungen und Kontingente auf diesen Gebieten für das nächste Halbjahr. Die Marine hatte nicht weniger als 60.000 komplette Ausstattungen für U-Bootfahrer auf Lager ! Die Aktion verschaffte uns bei den Kontingentzuteilungen für die nächsten beiden Quartale nicht nur durch Einsatz dieser Lager entsprechend Luft, sondern vor allem dadurch, daß aufgrund der Lagerermittlungen neu angeforderter Bedarf nicht mehr befriedigt zu werden brauchte und die Zuteilungspläne daher entsprechend entlastet wurden.

Bei parallel laufenden Erhebungen konnte das Planungsamt feststellen, daß auf sehr vielen Gebieten sowohl die Ersatzteilforderungen, als auch die Reparaturen stiefmütterlich bedacht wurden. Der Jägerstab hatte bereits erkannt, daß sich mit einem verhältnismäßig geringen Aufwand an Arbeitskräften und Material hohe Auslieferungen an Flugzeugen an die Luftwaffe hatten ermöglichen lassen, wenn die Reparaturen vor der eigentlichen Neuproduktion rangierten. Das selbe galt auch zum Beispiel für Panzer, für Lokomotiven, für Kraftfahrzeuge aller Art. Auf den verschiedensten Gebieten wurde daher eine erhöhte Ersatzteilfertigung angekurbelt, die es im Zusammenhang mit dem forcierten Reparaturprogramm ermöglichte, der Wehrmacht große Stückzahlen an Waffen und Gerät mit einem weit geringeren Aufwand an Arbeitsstunden und Material zur Verfügung zu stellen, als das bei völliger Neuanfertigung möglich gewesen wäre.

Die Lagerüberprüfungen auch von Seiten der Rüstungsinspektionen ergaben ferner, daß erhebliche Bestände an Wehrmachtsgerät und auch Waffen und Kraftfahrzeugen vorhanden waren, denen nur gewisse Teile oder Zulieferungen zu ihrer Vervollständigung fehlten. Es handelte sich allerdings auch dabei zum Teil um Typen, die inzwischen durch neuere ersetzt waren. Bei den großen Verlusten insbesondere des Heeres während der Rückzüge aus dem Osten waren jetzt naturgemäß auch zur Vervollständigung der Ausrüstung und Bewaffnung frühere Typen willkommen. Jedenfalls waren sie immer noch besser als gar nichts. Alle Ausschüsse wurden daher angewiesen, daß Reparatur und Komplettierung vor Neuanfertigung Vorrang hatte. Vor allem dieser Umschaltung war es zu verdanken, daß die Rüstungsproduktion und auch die Herstellung von allgemeinem Heeresgerät nicht annähernd so absanken, wie es der Fall gewesen wäre, wenn die Endfertigung allein auf neue Rohstoffkontingente angewiesen gewesen wäre.

Not lehrt Nachdenken.

Teil 1

Teil 2

Teil 4

Teil 5

Teil 6

..

Ubasser

2 Antworten zu “Der Untergang des 3. Reichs – Teil 3 – Neue Weichenstellung für die Wirtschaft

  1. neuesdeutschesreich 23. Januar 2014 um 23:44

    Hat dies auf neuesdeutschesreich rebloggt.

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