Der Untergang des 3. Reichs – Teil 4 – Bewußtseinsspaltung

2

23. Januar 2014 von UBasser


Von Hans Kehrl

Der 20. Juli 1944 bedeutete für mich eine Zäsur. Auch das letzte Fünkchen Hoffnung, daß das Allerschlimmste, die Kapitulation doch noch abgewendet werden könnte, war dahin. Der Rückzug unserer Truppen aus der Weite des europäischen Raumes auf die Reichsgrenzen war überall, mit Ausnahme von Norwegen, voll im Gange. Die Luftherrschaft der Alliierten über dem europäischen Raum und dem Reichsgebiet war fast lückenlos. Die Verbündeten Finnland, Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Italien suchten sich vor dem Untergang zu retten, soweit das bei der Lage überhaupt noch möglich war. Die Zulieferungen wichtigster Metalle aus Finnland (Petsamo ), der Türkei und dem Balkan blieben ebenso aus, wie die Mineralöllieferungen aus Rumänien und Ungarn. Die Kohle- und Stahlproduktion in Belgien und Frankreich, die ein Teil unserer europäischen Planung gewesen waren, litten zunächst unter erheblichen Transportbehinderungen. Wenig später fielen sie ganz weg, da die Produktion entweder zum Erliegen kam, oder die Betriebe von vorrückenden Feindkräften besetzt wurden. Mit industriellen Lieferungen aus Frankreich konnten wir schon bald gar nicht mehr rechnen. Die Zeit war abzusehen, daß Belgien und Holland ebenso ausfallen würden wie der oberitalienische Raum.

Allen Planungen war die Basis entzogen. Hinzu kam das lähmende Gefühl, daß Hitler gar nicht mehr regierungsfähig war, ja, daß wir überhaupt keine Führung mehr hatten, die die Realitäten sah oder sehen wollte. Es war, als würden Schauspieler ein Drama unbeirrt zu Ende spielen, obgleich der Hintergrund, das Szenarium, vor dem das Drama abläuft, schon längst nicht mehr vorhanden ist. Es war eine unwirkliche Philosophie des „als-ob“. Alles schien wie durch einen Nebelschleier verhüllt. Jeder der bisherigen Akteure mußte seine Rolle weiterspielen, weil er bei der Kompliziertheit der Gesamtverstrickung nicht die leiseste Vorstellung davon haben konnte, was sein Versagen oder Verzagen für Hunderttausende von Menschen irgendwo bedeuten könnte. Es gab kein Machtzentrum und keine Basis für ein Machtzentrum außer dem überkommenen. Der extrem dilettantische Versuch, ein neues Befehls- und Machtzentrum zu bilden, war am 20. Juli 1944 kläglich gescheitert. Es war wirklich so, wie Hitler auf dem Platter-Hof gesagt hatte:

Wir sitzen allein einem Boot, keiner konnte aussteigen, keiner konnte sich distanzieren, auch wenn er wollte.“

„The point of no retum“ lag längst hinter uns. Wir waren wie die Mannschaft in einer Raumrakete. Wir waren auf einen vorprogrammierten Kurs abgeschossen. Uns war nur noch die Möglichkeit kleinerer Nachsteuerungen gegeben, die vielleicht die Landung etwas weicher machen konnten. Es gab keine vertretbare Alternative. Jedem von uns an verantwortlicher Stelle blieb nur die Möglichkeit, die Tagesarbeit gewissenhaft weiterzuführen, nach Möglichkeit Einbrüche abzuriegeln und durch immer neue Improvisationen das beinahe Unmögliche möglich zu machen. Und sollte dennoch die Kapitulation unvermeidlich sein, an uns sollten jedenfalls die Anstrengungen nicht gescheitert sein. Daß dem so war, ergibt sich deutlich aus dem Rechenschaftsbericht Speers vom 27.Januar 1945, in dem er einen Gesamtüberblick über die Entwicklung der Rüstungswirtschaft seit Beginn des Krieges für alle seine Mitarbeiter aller Sparten seines Arbeitsbereiches erstellt und damals verteilt hatte. Darin findet sich der Satz:

„Die Rüstungsleistung des Jahres 1944 für das Heer hätte dazu ausgereicht, um 225 Infanteriedivisionen auszustatten und 45 Panzerdivisionen neu aufzustellen. „

Über die Lage und ihre Konsequenzen brauchte ich mit meinen Mitarbeitern nicht zu sprechen. Die Tatsachen sprachen für sich selbst. Im Ministerium wurden auch nicht viele Worte gemacht. Auf einem schwer angeschlagenen Schiff, in dem das Wasser steigt, hört das Reden auf. Aber niemand konnte verhindern, daß sich jeder seine eigenen Gedanken machte, die naturgemäß auch über die Routine der täglichen Arbeit hinausgingen. Der Prozeß einer Bewußtseinsspaltung hatte eingesetzt, bei dem einen weniger, bei dem anderen mehr, bei dem einen zeitiger, bei dem anderen später.

Aus dem folgenden wird klar, was damit gemeint ist. Es war immer wieder verblüffend zu sehen, welches Beharrungsvermögen eine im vollen Lauf befindliche große Organisation aufbringt und beinahe automatisch erledigt, was der Alltag erfordert, während das Unterbewußtsein schon ganz anderen Gedanken nachgeht, Gedanken, die von Tag zu Tag, von Woche zu Woche und Monat zu Monat immer mehr an die Oberfläche drängen.

Speer glaubte noch immer, sich gegen die Forderung der Freigabe von Arbeitskräften der Rüstung an das Heer wehren zu müssen. Produktionsstörungen durch stockenden Zufluß an Material und Produktionshemmungen durch die Transportlage begannen, Arbeitskräfte freizusetzen, ohne daß irgend jemand es befohlen hatte. Im Protokoll der Amtschefsitzung vom 9.8.1944 heißt es verblüffender weise:

„Im Einvernehmen mit dem Reichswirtschaftsminister regelt Speer die Bearbeitung von Vorschlägen der Landwirtschaftsämter von Wehrwirtschaftsführern aus dem Bereich der von ihm verantwortlich geführten kriegswirtschaftlichen Produktionen. „(!)

Das Leben ging weiter; auch das bürokratische! Wer wollte wohl zu diesem Zeitpunkt noch „Wehrwirtschaftsführer“ werden? Ich blättere weiter in der Speer-Chronik :

„Speer bei der Sitzung des Hauptausschusses Waffen:

‚Zum Schluß, so sagt der Minister, bitte ich Sie, daß von Ihnen eine Welle des Optimismus ausgeht. Gewiß sind die Ereignisse an den Fronten für uns zum Teil bedrückend. …. „

Auf der folgenden Seite wird der sich unverwüstlich gebärdende Saur zitiert:

„Selbst wenn wir geglaubt haben, schon jetzt deutlich Großes und Anerkennungswertes geleistet zu haben, so ist das für uns die harte Verpflichtung, noch mehr und noch Besseres und noch rascher das zu erfüllen, was der Führer von uns verlangt, um dem deutschen Volk um uns allen den Endsieg endgültig sicherzustellen. „

Das war weit mehr als Pflichtübung, das war neurotische Euphorie! Dazwischen finden sich aber, manchmal am gleichen Tage, in der Chronik Notizen wie diese:

„Der Minister erhält beim Vortrag beim Führer die Ermächtigung, den Ausbau der Industrie, so weit er nicht in neun Monaten beendet ist, stillzulegen zugunsten der laufenden Fertigung.“

Doch wohl ein deutlicher Hinweis darauf, daß danach alles zwecklos ist! Und in dieser Lage entstanden noch Gedanken wie die:

„Die Aufgabengebiete zwischen Rüstungslieferungsamt (Schieber), dem Technischen Amt (Saur) und dem Rohstoffamt (Kehrl) zu verschieben. Die Chemie soll von Kehrl zu Schieber kommen, um diesen für die Abgabe anderer Bereiche an Saur zu entschädigen.“

Ich hörte mehr am Rande von diesen Absichten und arrangierte, daß mein sehr fähiger Amtsgruppenchef Chemie, Dr. Kolb, über die Fragen der Chemie erstmalig persönlich beim Minister und Milch Vortrag gehalten hatte. Alle Einbrüche auf dem Gebiet der Chemie in den letzten Wochen und ihr Ausbügeln wurden erörtert. Speer und Milch waren beeindruckt von dem präzisen, ideenreichen Referat und von der energischen Persönlichkeit Kolbs. Die Chemie schien in guten Händen zu sein. Die Umorganisationspläne waren insoweit vom Tisch. Laut Chronik sollte auch die Eisenverteilung für das vierte Quartal 1944 im „engsten Kreise besprochen werden.“ „Die Zentrale Planung soll damit nicht befaßt werden. Die Zahlen über die mögliche Produktion im vierten Quartal sind zu schlecht, als daß sie zur Kenntnis eines größeren Kreises(!)·kommen sollen.“ (Es waren nur noch ganz wenige Hochgestellte!) Und weiter:

„Mit Goebbels als ‚Beauftragten für den totalen Kriegseinsatz‘ und den Gauleitern wird über Einziehungen aus der Rüstung zur Wehrmacht und bald auch zu Schanzarbeiten und Volkssturm in der Zentrale leidenschaftlich gestritten.“

Aber wir wissen nicht, ob die Leute unentbehrlich sind und die anderen wissen nicht, ob sie wirklich bei Schanzarbeiten und Volkssturm gebraucht werden. Neurotische Hektik überall. Daneben gibt es offenbar auch Oasen völliger Unberührtheit:

„Hayler und Ohlendorf vom RWM wollten mit Unterstützung der Parteikanzlei die Mittelinstanz zusammenfassen und sich diese unterstellen! Speers Leute sind strikt dagegen. Über die eigenartige Doppelunterstellung des Heereswaffenamtes unter dem Chef H. Rüst, jetzt Himmler, und Speer wird nach langer Waffenruhe, die mit Generaloberst Fromm vereinbart war, erneut gestritten.“

Das Leben geht weiter, auch das bürokratische, als ob nichts geschehen wäre. Jeder kämpft an seiner „Front“. Die Nachric hten von einer der beiden wirklichen Fronten, der Westfront, waren im August und September erschütternd genug. Am 20. August 44 erreichten die Amerikaner die Seine beiderseits von Paris, das nach den Befehlen Hitlers vor der Räumung völlig zerstört werden sollte.

Am 19. August 44 hatten sich Kräfte der Widerstandsbewegung in Paris erhoben, als das Herannahen der amerikanischen Panzer erwartet wurde. Entgegen dem Führerbefehl hatte General von Choltitz , der Stadtkommandant von Paris, auf eigene Verantwortung den aussichtslosen Widerstand aufgegeben und die vorgesehenen Zerstörungsmaßnahmen verboten und Paris zur freien Stadt erklärt. Die sehr geringen Kräfte des Heeres und der Polizei, die in Paris stationiert waren, sollten die Stadt verlassen, ebenso alle deutschen Dienststellen, insbesondere die des Militärbefehlshabers in Frankreich. Einer unserer Leute aus dem Stab des Militärbefehlshabers schilderte mir wenige Tage später das bewegende Schauspiel kurz vor dem bevorstehenden Eindringen der Alliierten in die Stadt.

Eine geschlossene Fahrzeugkolonne aller Angehörigen der Dienststellen des Militärbefehlshabers zog aus Paris ab. In dichten Reihen stand die Bevölkerung in den Straßen, durch die sich der motorisierte Zug bewegte oder voraussichtlich bewegen würde. Es herrschte tiefes Schweigen. Kein Zuruf, fast kein Laut kam aus den Reihen der Pariser Bevölkerung, noch nicht einmal von Seiten der Widerstandsbewegung, die bis dahin in Paris auch kaum eine sehr aktive Rolle gespielt hatte.

Keine Belästigung! In Anerkennung der Haltung des Generals von Choltitz gewährte die Bevölkerung von Paris spontan dem Militärbefehlshaber freies Geleit. Wenige Tage später war Paris ein Hexenkessel der Verfolgung der Franzosen, die aus Pflichterfüllung oder Gewissenszwang schwere Bürde auf sich geladen hatten, um in einem besetzten Gebiet – ohne Führung und Macht – das Zusammenleben mit der Besatzungsmacht für Bevölkerung und Wirtschaft erträglich zu gestalten. Ohne eine Spur von Anbiederei, mit nie erlahmender menschlicher Würde und größter Geschicklichkeit hatten viele die Interessen ihrer Bevölkerung und ihrer Wirtschaft bis zu dem Tag der Räumung verfochten, den herbeizuführen nicht in ihrer Macht gelegen hatte. Jetzt wurden sie als Kollaborateure verfolgt.

Es bedurfte längerer und ruhigerer Zeiten, ehe ihnen in gewissem Maße Gerechtigkeit widerfuhr, sofern sie diesen Zeitpunkt erlebten und nicht zu den Tausenden gehörten, die damals umkamen, einfach ermordet wurden.

Beim Herannahen der Front hatte Hitler außer der Zerstörung von Paris auch für die Wirtschaft des gesamten Westens einen Befehl der „verbrannten Erde“ gegeben. Bergwerksgruben sollten gesprengt werden oder man sollte die Schächte durch Abstellen der Pumpwerke ersaufen lassen. Die eisenschaffende Industrie, die Großchemie, alles, was von wirtschaftlichem Wert wäre, sollte gesprengt werden. Über diese Situation hatte Speer mit mir etwa Mitte August 44 gesprochen und wir waren uns sofort einig, daß weder wir uns dazu hergeben noch andere in Versuchung bringen wollten, diese Befehle auszuführen. Speer wollte sich bei diesem Anlaß auf eine Diskussion mit mir darüber, ob Hitler im medizinischen Sinne noch Herr seiner Entschlüsse und Weisungen sei, nicht einlassen.

Die später gewonnenen Erkenntnisse bestätigten eindeutig, daß das nicht der Fall war. Aber er sagte voller Empörung: „Schließlich sind wir doch keine Hunnen!“ Wir waren uns einig: Das wollten wir nicht auf uns laden, weder für Frankreich noch für Belgien und schon gar nicht für unser Heimatgebiet. Speer wolle aber die Befehle auch nicht ausdrücklich ablehnen. Abgesehen von der Gefahr, die damit möglicherweise verbunden gewesen wäre, hätten vielleicht andere Persönlichkeiten oder Formationen die gleiche Weisung erhalten und womöglich ausgeführt. Der Führerbefehl sollte daher unterlaufen werden durch Weisungen, daß die Betriebe bis zum allerletzten Augenblick aufrechterhalten bleiben und arbeiten müßten, da wir keine Tonne Kohle und keine Tonne Stahl und keine sonstige Produktion entbehren könnten. Es sollten nur sogenannte „Lähmungsvorbereitungen“ getroffen werden, die darin bestanden, daß im letzten Augenblick durch Entfernung von Aggregaten, die zum Gesamtbetrieb wichtig waren, ein sofortiges Wiederbetreiben der Werke hinter der Front für die kämpfende Truppe der Alliierten nicht möglich wäre.

Als Vorwand wurde, wie dann auch später für die westlichen Gebiete des Reiches selbst, von uns angeführt, daß bei einer Wiedereroberung dieser Gebiete uns diese Produktionen sofort wieder nutzbar gemacht werden könnten. Meine Gesprächspartner bei den verschiedensten Stäben unserer Dienststellen in Paris und Brüssel sowie Den Haag wurden durch mich mündlich von dieser, unserer Auffassung unterrichtet. Sie wurde von allen geteilt. Zwar hatten die militärischen Befehlshaber die gleichen Zerstörungsbefehle erhalten wie wir. Aber sie hatten Wichtigeres zu tun als zu zerstören. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Ereignisse überschlugen, machte es möglich, daß im großen und ganzen nach unserer Devise verfahren wurde. Das französische und belgische Industriegebiet fiel fast unbeschädigt in die Hände der Alliierten, soweit nicht an örtlichen Schwerpunkten der Industriestädte Kampfhandlungen stattfanden. Eine Ausnahme machten später Teilgebiete der Niederlande infolge der Alliierten Luftlandung bei Arnheim und Nijmwegen Mitte September 1944. Da diese Aktion militärisch nur zum Teil erfolgreich war, entwickelten sich in diesem Raum schwere Kämpfe, die von Mitte September bis Mitte November 1944 andauerten.

Erst im November 44 gelang es den Alliierten, die Scheldemündung freizukämpfen. Das kaleidoskopartige Bild, das einige Kurzzitate aus den Tagebuchnotizen des Chronisten der Speer-Chronik geben, beleuchtet natürlich nur einen ganz kleinen Teil des Geschehens in unserem Ministerium und unserer Arbeit zur damaligen Zeit. Es wurde weiter gearbeitet, als ob sich draußen und an den Fronten nichts geändert hätte. Aber die Fronten kamen näher und die Luftangriffe wurden häufiger, die Zerstörungen größer, der Verkehr schleppender, Treibstoffe wurden knapper, die Kohleproduktion und die Stahlproduktion gingen zurück. Und doch wurden wesentlich mehr Rüstungsgüter erzeugt als in den Jahren 1940, 1941, 1942, 1943, als wir noch im Vollbesitz unserer wirtschaftlichen Kraft waren!

Trotz aller quälenden Schwierigkeiten des Alltags waren die Bremswirkungen am Schwungrad der Wirtschaft noch nicht in dem Umfang wahrnehmbar, wie man hätte erwarten können. Auch Dr. Wagenführ in meinem Amt lieferte, als sei nichts geschehen, die Schnellberichte für Rüstung und Kriegsproduktion jeweils umgestellt auf den verringerten Raum weiter und noch am 20.Februar 1945 lagen die Zahlen für den Januar 1945 fast komplett vor mir. Ich war mir allerdings klar darüber, daß gerade bei den Zahlen der Rüstungsendfertigung diese die tatsächliche Wirtschaftskraft nicht richtig wiedergaben. Wir lebten zum Teil von dem, was in den ersten vier bis fünf Monaten dieses Jahres unter günstigeren Verhältnissen produziert worden war und zum Teil erst jetzt seiner Komplettierung entgegenging.

Das Zusammendrängen der Fronten auf das eigentliche Reichsgebiet änderte auch die Bedürfnisse der Truppe in mannigfaltiger Hinsicht. Die Behinderungen der Mobilität durch Treibstoffmangel führten zu einer Verstärkung der Ausrüstung der Infanteristen mit Nahkampfwaffen. Die sogenannte Panzerfaust hatte sich im Nahkampf zur Panzerabwehr außerordentlich bewährt und es wurde aus einer anfänglich kleinen Produktion eine Riesenproduktion noch spät im Jahre 44 aus dem Boden gestampft. Diese Waffe hatte ja den Vorzug, daß sie wenig material- und arbeitsintensiv war. Im Monat November wurden nicht weniger als etwa eine Million Stück Panzerfäuste einsatzbereit abgeliefert.

Nach der Betäubung durch den Dammbruch im Mai/Juni 1944 hatte ich mich auf die veränderten Funktionen einzustellen, die es bei der veränderten Lage auszuüben galt. Die dem Rohstoffamt unterstehenden Industriegruppen stellten die Hauptgefahrenzone dar. Solange die Produktion einwandfrei lief, also etwa bis Mai 1944, hatte ich wenig Veranlassung, mich intensiv und häufig um diesen Sektor zu kümmern. Denn die Amtsgruppenchefs, die die eigentlichen Befehlsstellen leiteten, waren mit Dr. Kolb für Chemie, mit Dr. Fischer für den Mineralölsektor, Oberregierungsrat Sennekamp für die Metalle erstklassig besetzt. Mein treuer Dr. Stoltze sorgte für die Koordinierung dieser und der übrigen drei Gruppen des Rohstoffamtes, aber auch dafür, daß sie zum Chef gingen, wenn wichtige Entscheidungen anstanden.

Dr. Stoltze sorgte auch dafür, daß ich immer wieder die wichtigsten fliegergeschädigten Betriebe meines Verantwortungsbereiches besuchte, wenn es auch noch so schwer war, sich von der Kommandostelle in Berlin loszureißen. So fuhren wir zusammen ins Ruhrgebiet zu Stickstoff-, Buna- und Treibstoffwerken. Gerade in den Zeiten einer überraschenden und unverständlichen Erstarrung der Kämpfe und Fronten an der Rheinlinie waren wir beim IG-Werk Leverkusen, das eigentlich in der Frontlinie lag, ohne daß schwere Beschädigungen aufgetreten waren, oder in Ludwigshafen und Oppau, deren Stickstoffanlage noch immer lief. Für das, was uns bevorstand, war Dr. Stoltze auch gerade der richtige Mann. Auf ihn konnte ich mich verlassen, auch im Angesicht des Untergangs. Unter dem 21. August verzeichnet die Speer-Chronik:

„Mit Präsident Kehrl hatte der Minister eine längere Unterhaltung über die Arbeitsweise des Planungsamtes, das leicht ein zu selbständiges Leben führt. Dagegen fühlte sich Kehrl persönlich schlecht behandelt, da er weniger oft als früher zum Vortrag beim Minister gelangt. „

Diese Notiz gibt den Kern der Unterhaltung, die unter vier Augen stattfand, sehr unvollkommen und auch unrichtig wieder. Das Gespräch mit mir beruhte zum Teil auf Beschwerden meiner Amtschefkollegen. Der Kern unserer Aussprache enthüllte auch in plastischer Form die Tatsache, daß die Kriegsentwicklung immer mehr und mehr zur Folge hatte, daß eine zentrale, straffe Leitung erst fachlich und später auch regional einfach gar nicht mehr möglich war. Es ging nicht mehr um prinzipielle Fragen, es ging nicht mehr um Rang ordnende Entscheidungen. Es ging darum, für jede Notlage eine angemessene und noch durchführbare Lösung zu finden. Meist handelte es sich natürlich darum, daß Kohle, Energie, Stahl Buna und zahllose andere Rohstoffe im Aufkommen hinter den Planungen zurückblieben, aber auch daß Zuteilungen infolge von Zerstörungen nicht im erwarteten Umfang benötigt wurden. Fortdauernde Umverteilungen, meist Kürzungen, waren die Konsequenz.

Was als selbständiges Leben des Planungsamtes bezeichnet wurde, bestand darin, wie ich ganz offen zugab, daß ich bei der Zahl der Entscheidungen, die täglich getroffen werden mußten, unmöglich jeweils Fühlung mit anderen Ämtern oder Amtschefs aufnehmen konnte, die von den Entscheidungen betroffen waren. Dazu fehlte einfach mir und ihnen Arbeitszeit und Arbeitskraft. Ebensowenig aber war es mir möglich, diese vielen Entscheidungen, auch wenn sie von weittragender Bedeutung wären, Speer zur Entscheidung vorzulegen. Auch dazu gab es weder Zeit noch Gelegenheit. Speer war viel zu selten im Ministerium anwesend, und die einzelnen Sachgebiete waren so kompliziert, daß sachlich nur Schaden entstehen konnte, wenn ein Dritter, weniger orientierter, als ich es zwangsweise durch die Pflichten meines Amtes war, in Einzelentscheidungen hinein regierte, die alle doch in gewissem Zusammenhang standen und Wirkungen auf anderen Gebieten auslösten, die bei Kurzvorträgen nicht klargemacht werden konnten.

Ich bat daher Speer um sein Einverständnis, ihm nur Entscheidungen vorzulegen, die ich nicht allein verantworten wollte. Speer bemerkte darauf, daß anscheinend meine Verantwortungsfreudigkeit so groß sei, daß dieser Fall allzu selten eintreten würde. Jedenfalls ergäbe sich das aus der Handhabung in den letzten Wochen und Monaten. Speer beharrte, sachlich mit Recht, darauf, daß es doch nicht angängig sei, daß von mir laufend Entscheidungen getroffen würden, die in ihrer Auswirkung den betroffenen Ämtern und Amtschefs – wenn überhaupt – erst sehr viel später zum Bewußtsein kämen, meist, wenn nichts mehr zu ändern wäre. Meine Erwiderung:

„Prinzipiell ist das einleuchtend. Ändern läßt sich an der Tatsache aber nichts. Natürlich übersehen Saur und Schieber ihren Bereich bis in Einzelheiten viel besser als ich. Aber sie sind beide viel zu dynamisch und subjektiv, als daß objektive Erwägungen und gemeinsame Entscheidungen mit ihnen möglich wären. Ihre Meinung kenne ich immer schon von vornherein. Wenn ihr Sektor aus der allgemeinen Lage heraus an irgendeiner Kürzung partizipieren soll, so werden sie sich aufs heftigste dagegen wehren und sich auch weigern, Gründe zur Kenntnis zu nehmen, die Auswirkungen außerhalb ihres Arbeitsbereiches betreffen. Für richtige Entscheidungen in mehreren Bereichen ist nun ein mal ein Gesamtüberblick notwendig, den sie nicht haben. Jeden Morgen erhalte ich aber die gesamte Palette der Bombenschäden in allen Amtsbereichen. Mein Gesamtüberblick ist so vollständig, wie das unter den obwaltenden Verhältnissen nur möglich ist.“

Ich legte Speer nahe, jetzt in dieser Lage Schwerpunkte zu bilden, die häufige Reisen, Abwesenheit, Konsultationen auf anderen Ebenen erforderten. Das tägliche Hängen und Würgen sollte er mir überlassen. Die Zeit grundsätzlicher, in die Zukunft wirkender Entscheidungen war in Bezug auf die Kriegswirtschaft zu Ende. Die Weichen waren gestellt. Mehr als durch Umleitungen zu viele Entgleisungen und Zusammenstöße verhindern zu versuchen, konnten wir jetzt nicht mehr tun.

Speer vertiefte diese Gedanken und wir waren übereinstimmend der Meinung, daß die in ihren regionalen Auswirkungen unübersehbaren Konsequenzen der laufenden Luftangriffe und das Näherrücken der Fronten dazu führte, daß Teile des Reichsgebietes „rückwärtiges Heeresgebiet“ würden. Das würde es unmöglich machen, die Wirtschaft des Reichsgebietes als etwas Einheitliches, von zentraler Stelle zu Lenkendes zu behandeln. Schon durch die lückenhafte Nachrichtenübermittlung würde Berlin als Befehlszentrale auf die Dauer nicht aufrechtzuerhalten sein. Das müßte zu einem Befehls- oder Weisungsvakuum führen. Entscheidungen und Handlungen, soweit sie die Kriegswirtschaft betrafen, würden regional und fachlich immer weiter nach unten rücken müssen. Ich betrachtete es daher als meine Aufgabe, die Motive von Einzelentscheidungen gegenüber meinen Mitarbeitern so zu begründen, daß sie dann auch automatisch an gesamt wirtschaftliche Zusammenhänge dächten, wenn Weisungen von mir nicht greifbar wären.

Soweit bestand zwischen uns volle Übereinstimmung. Dann fragte mich Speer, ob das von mir immer wieder benutzte Wort „Kriegswirtschaft“ eine Abgrenzung gegenüber „Friedenswirtschaft“ bedeute. „Bedeutet das eine Ausdehnung von Überlegungen über das Kriegsende hinaus?“

Aufgrund von Speers wiederholten Äußerungen in Amtschefsitzungen, daß wir uns auf unsere eigene augenblickliche Arbeit konzentrieren sollten, zögerte ich etwas, Farbe zu bekennen, weil ich nicht wußte, wieweit meine Ideen, die die weitere Zukunft betrafen, seine Zustimmung finden würden. Ich sagte daher vorsichtig, daß doch wohl jeder an leitender Stelle und also auch wir beide uns Gedanken machen müßten über „die Zeit danach“. Wir wenigstens! müßten versuchen, das Undenkbare zu denken und zu prüfen, ob wir irgend etwas tun könnten, um den Übergang in das Niemandsland der Geschichte nach dem Tage X zu erleichtern. Speer nickte lebhaft und ermutigte mich weiterzusprechen. Bei aller Vorsicht von beiden Seiten bei der Wahl unserer Worte zeigte sich sehr schnell vollkommene Übereinstimmung darin, daß wir nichts tun und nichts zulassen dürften, was das Weiterleben unseres Volkes und unserer Industrie als Lebensbasis des Volkes über die Feindwirkung hinaus schädigte. Wir müßten vielmehr alles ins Werk setzen, was den Übergang erleichterte und die Zukunftsmöglichkeiten verbesserte.

Ich hatte mich in der Wortwahl vorsichtig ausgedrückt, da ich zu beidem fest entschlossen war und mich auch von Speer nicht behindern lassen wollte. Aber meine Besorgnis war unbegründet. Es war offenbar, daß Speer sich mit diesen Gedanken schon eingehend beschäftigt hatte und daß er zu den gleichen Schlüssen gekommen war. Es war gut, dies zu wissen. Der Ausgangspunkt des Gesprächs hatte sich durch die Aussprache von selbst erledigt. Die Chronik notiert am 18. Oktober:

„Amtschefsitzung mit dem Minister (siehe Protokoll). Der Minister ordnet an, daß eine laufende Unterrichtung der Rüstungskommissionsvorsitzer und Gauleiter über die Produktionsvoraussetzungen durch das Planungsamt erfolgt.“

Der erste Bericht des Planungsamtes ging am 12 .11.1944 als Informationsdienst hinaus. An den wichtigsten Stellen des Fernsprechnetzes wurden Fernmeldespezialisten des Reichspostministeriums eingesetzt und ein umfangreicher Kurierdienst eingerichtet. Wir, oder doch die meisten von uns, wußten, daß nur ein Wunder das Schlimmste verhüten konnte, und es war fast unmöglich, an Wunder zu glauben. Ich war erfüllt von dem Gefühl der Ohnmacht, an dem Lauf der Dinge kaum etwas ändern zu können. Wir standen mit dem Rücken gegen die Wand und hatten keine Alternative. Wir mußten ausharren auf dem Posten, auf dem wir standen, bis zum bitteren Ende. Die meisten hatten in ihrem Pflichtenkreis noch nicht einmal die Möglichkeit, etwas ins Gewicht Fallendes zu tun, um den Übergang für unser Volk erträglicher zu gestalten und Grundlagen für eine Nachkriegsexistenz zu erhalten oder gar zu schaffen. Ich sah für mich diese Möglichkeit in bescheidenem Rahmen und wollte sie nutzen.

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

..

Ubasser

2 Kommentare zu “Der Untergang des 3. Reichs – Teil 4 – Bewußtseinsspaltung

  1. […] viel Erkenntnis bei dieser kleinen Serie! Mein Dank an UBasser von morbusignorantia, sagt Maria […]

  2. neuesdeutschesreich sagt:

    Hat dies auf neuesdeutschesreich rebloggt.

Kommentare werden moderiert. Freischaltung erfolgt unregelmäßig, jedoch mindestestens 2 Mal täglich.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Archive

Zugriffe gesamt

  • 2,889,609 Zugriffe
%d Bloggern gefällt das: