Morbus ignorantia – Die Krankheit Unwissen

“Wenn die Deutschen zusammenhalten, so schlagen sie den Teufel aus der Hölle!” Otto von Bismarck

Der Untergang des 3. Reichs – Teil 5 – Das Volk muß weiterleben


Der Untergang des 3. Reichs – Teil 5 – Das Volk muß weiterleben

Von Hans Kehrl

Die Bildung des Volkssturmes ab Ende 1944, der „den unerbittlichen Kampf überall dort, wo der Feind den deutschen Boden betreten will, für alle waffenfähigen deutschen Männer“ proklamierte, löste gleichzeitig eine Welle der Hysterie aus. Die Parole hieß:„Sieg oder Untergang!“ Zweifel am sogenannten Endsieg war Defätismus. Defätismus war Landesverrat oder „Wehrkraftzersetzung“ und damit todeswürdig. Es sollte nicht erlaubt sein, an etwas anderes als Kampf zu denken und für etwas anderes zu arbeiten. Doch der einzelne kann freiwillig den Untergang wählen. Ein ganzes Volk kann und darf es nicht. Wollte man einen Beitrag dazu leisten, ihm eine Nachkriegsexistenz zu erleichtern und dafür zu arbeiten, so mußte man vorsichtig zu Werke gehen oder glaubhaft kriegsmäßig begründen, was für die Nachkriegsexistenz geschehen mußte und konnte.

In meinen beiden Ämtern gaben wir daher auch weiter in der qualvollen Tagesarbeit „dem Kriege, was des Krieges ist“. Umso mehr mußte ich selbst mit meinen vertrautesten Mitarbeitern Gedanken und Kraft den Maßnahmen zuwenden, die dem überleben und der Nachkriegsexistenz unseres Volkes dienen konnten.

Im November 1944 hatte mir Speer verabredungsgemäß nach Auflösung des Rüstungslieferungsamtes den Sektor Kampf- und Sprengstoff unterstellt mit der Bitte, mich gleich darum zu “ kümmern“. Die bisherigen Mitarbeiter des Rüstungsamtes traten zu meiner Amtsgruppe Chemie über. Der Leiter des Hauptausschusses Kampf- und Sprengstoffe, Herr Sarrazin, kam mit seinen wichtigsten Mitarbeitern kurz nach der Umorganisation zu mir und bat um Richtlinien für die weitere Arbeit. In diesem Endstadium des Krieges hielt ich es für sinnlos, mich in Einzelheiten der Arbeit auf diesem Sektor einzuschalten. Nur über das Problem Giftgas wollte ich unterrichtet werden. Es gab zwei Probleme: Auf unserer Seite waren in den letzten Jahren zwei außerordentlich gefährliche Nervengase unter dem Namen „Tabun“ und “ Sarin“ entwickelt worden und einsatzbereit.

In Schlesien waren an der Oder zwei Erzeugungsanlagen für Tabun und Sarin in Betrieb gekommen. Es mußte möglichst sofort entschieden werden, was mit den Werken geschehen sollte. Weite Teile des Generalgouvernements waren zu diesem Zeitpunkt bereits in die Kriegshandlungen einbezogen, und man mußte damit rechnen, daß sich bei einer neuen Offensive der Sowjets die Front sehr schnell der Oder nähern würde. Was sollte geschehen? Ich erteilte sofort die Weisung, wegen der näher kommenden Front die Produktion, die schon durch Chemikalien-Nachschubschwierigkeiten behindert war, unverzüglich einzustellen und alle Vorbereitungen für eine Sprengung zu treffen. Diese mußte so gründlich sein, daß die Sowjets nicht mehr feststellen konnten, was hier überhaupt gefertigt wurde. Die Sprengung selbst sollte ausgelöst werden, sobald die Sowjets ihre Offensivbewegung wieder aufnahmen, so konnte bei weiter Auslegung der bestehenden Vorschriften jedes besondere Aufsehen vermieden werden.

Das zweite Problem:Die Herren wollten von mir wissen, wer berechtigt und gewillt war, dem Hauptausschuß Weisungen über die übrige laufende Giftgasproduktion und die Giftgasverfüllung in Bomben und Munition zu erteilen. Ich erklärte mich für autorisiert und bereit, präzise Weisungen zu erteilen und bat um kurze Unterrichtung über die Lage. Es ergab sich, daß wohl keine der beiden Seiten, Rote Armee oder Wehrmacht, zu irgendeinem Zeitpunkt dieses Krieges ernsthaft beabsichtigt hatte, Giftgas einzusetzen. Beide glaubten aber, sich für den Fall , daß die andere Seite Giftgas einsetzte, vorbereitet sein zu müssen. Es waren auch laufend während der letzten Jahre Munition und Bomben mit Giftgas gefüllt worden, und es hatten sich daher im Laufe der Jahre beträchtliche Mengen angesammelt, die unterirdisch gelagert wurden. Irgendwelche Hinweise von Seiten Schiebers oder der Wehrmacht, daß man sich auf einen Einsatz vorbereiten sollte, waren jedoch nicht ergangen.

Im September 1944 wurde ich erstmalig mit Giftgasschutzmaßnahmen befaßt. Dr. Karl Brandt, bis Sommer 1944 Begleitarzt Hitlers und oberster Chef des Sanitätswesens, war von Hitler zum Bevollmächtigten für Giftgasschutz bestellt worden. Er legte mir ein umfassendes, sehr ins einzelne gehende Programm für eine stark erhöhte Produktion an Gasmasken vor, da die gesamte Bevölkerung geschützt werden sollte. Zusätzlich waren erstaunlich hohe Beschaffungen vorgesehen für Bettenschutz in Lazaretten und Krankenhäusern, sowie komplizierte besondere zeltartige Sondereinrichtungen zum Schutze von Kleinkindern bis zu einem Alter, in dem sie Gasmasken tragen könnten.

Die nötigen Rohstoffkontingente konnten – wegen des geringen Gewichts – unschwer freigemacht und auch Anfertigungskapazitäten für ein Programm nachgewiesen werden, das etwa sechs Monate mit Hochdruck laufen sollte. Zur Begründung des Programms gab Brandt an, daß die Bevölkerung für alle Fälle nicht ungeschützt bleiben sollte, wenn der Krieg sich den Reichsgrenzen nähere oder auf das Reichsgebiet übergreife. Ich wies zunächst darauf hin, man dürfe aus der Tatsache, daß in der Vergangenheit keine Absichten auf Einsatz von Giftgas erkennbar geworden seien, nicht ohne weiteres darauf schließen, daß das auch für das Endstadium des Krieges gelten müsse. Ein selbstmörderischer Einsatz im Inferno des Schlußkampfes könnte nicht ausgeschlossen werden. Das mußte aber unter allen Umständen verhindert werden. Ich verbot daher strikt, irgendwelche Stellen außerhalb unseres Kreises in diese Überlegungen einzubeziehen oder auch nur Rückfragen zu stellen. Sonst würden möglicherweise schlafende Hunde geweckt.

Meine Meinung lautete: Die ganze Giftgasangelegenheit muß so schnell wie möglich sang- und klanglos liquidiert werden. Giftgaserzeugungsstätten sollten daher sofort die Produktion einstellen. Bei etwaigen Rückfragen, wo her auch immer, sollte als Begründung angegeben werden, daß verkehrs- und energiemäßig sowie chemikalienmäßig die Produktionsvoraussetzungen eben nicht mehr gegeben seien. Ich ließ mich dann wegen meiner völligen Unkenntnis der Materie darüber unterrichten, ob – laienhaft ausgedrückt – eine Umfüllung von Giftgasmunition auf normale Munition möglich wäre. Es erwies sich, daß eine „Delaborierung“, wie das genannt wurde, in größerem Umfange durchführbar war. Ich wies darauf hin, daß die Anforderungen der Wehrmacht in bezug auf „Hüllen“ für die Munition gegenwärtig nicht annähernd zu befriedigen seien. Ich könnte es daher nicht verantworten, Bestände an Hüllen, die falsch gefüllt wären, ungenutzt zu lassen. Wir verabredeten daher, daß alle in Frage kommenden Munis, Ausschüsse und Dienststellen die „Delaborierung“ und Neuftüllung sofort aufzunehmen hätten, um so möglicherweise große Mengen von normaler Munition zu erhalten.

Dies sollten sie als offizielle Weisung ansehen, die ich im Namen und in Vollmacht von Minister Speer erteilte. Ich würde den Minister selbst unterrichten. Wir könnten uns im übrigen bei diesem Vorgehen auf einen Führererlaß berufen; die Produktion gewisser Munitionsarten „mit allen Mitteln“ zu steigern, und die Umfüllung wäre ja ein solches „Mittel“. Da – wie schon erwähnt – unnötiges Aufsehen vermieden werden sollte, wollte ich von schriftlichen Weisungen absehen, die erfahrungsgemäß in zu viele Hände kommen. Ich war aber bereit, im Einzelfalle auf Wunsch eine entsprechende schriftliche Weisung an mir aufgegebene Einzelpersonen auszustellen, damit über die Verantwortlichkeit in dieser Sache Klarheit bestand. Die Herren verließen mich sehr erleichtert.

Beide Aktionen gingen über die Bühne, ohne Aufsehen zu erregen. Im Rahmen der Maßnahmen beim Rückzug aus dem besetzten Westgebiet angesichts des Anbrandens der Fronten an das Reichsgebiet gewann alles, was mit dem Stichwort „verbrannte Erde“ ausgedrückt wurde, hinsichtlich der tatsächlichen Verfügungsmöglichkeiten über Sprengstoff erhöhte Bedeutung. Die überall in Zwischenlagern deponierten Bestände mußten so gesichert werden, daß sie außerhalb der Reichweite befehlstreuer Nihilisten blieben. Aus Verkehrs- und Risikoverteilungsgründen waren die Bestände bisher weit verteilt gelagert. Das war jetzt zu gefährlich. Ich veranlaßte daher, daß die Zwischenlager nicht mehr automatisch aufgefüllt wurden. Unsere Aufmerksamkeit mußte vornehmlich den Steinkohlengruben zugewandt werden, weil jedermann im Ruhrgebiet wußte, daß die Gruben für ihren Betrieb regelmäßig Sprengstoff benötigten und daher auch lagerten. Pleiger, der Leiter der Reichsvereinigung Kohle, war an der von Speer inaugurierten (vorgesehenen) Aktion gegen eine sinnlose Zerstörung aktiv beteiligt. Ich verabredete mit ihm, zunächst einmal weitere Belieferungen der Gruben mit Sprengstoff zu stoppen, bis der Bestand ein Minimum erreicht hatte. Anstelle dieser unübersichtlichen, viel zu zahlreichen Depots wollten wir nun von den Sprengstofferzeugern durch bewaffneten Werkschutz gesicherte und unter strengem Verschluß gehaltene Zwischenlager errichten. Von dort aus sollten den Gruben bei dringendem Bedarf schnell die nötigen Mengen geliefert werden. So gesteuert, konnte Sprengstoff kaum in unrechte Hände kommen.

Mit allen dem Rohstoffamt zugeordneten Industriesparten und Hauptausschüssen besprach ich die Möglichkeiten, die sinnlose Zerstörung von Industriewerken narrensicher zu verhindern und verpflichtete sie, ihrerseits mit allen Ausschuß- und Unterausschußleitern diese Frage persönlich klarzustellen. Eine so wichtige Sache durfte nicht dem Zufall, Einzelentscheidungen oder menschlicher Unzulänglichkeit überlassen werden. Ich hatte schon immer der Wirksamkeit genereller Weisungen von höchster Hand sehr mißtraut. Jetzt dürften wir keineswegs riskieren, daß durch Befehle oder Eingreifen von Außenstehenden – möge es sich um Partei, Wehrmacht, Polizei oder wen immer handeln – diese wichtige Angelegenheit manipuliert oder beeinflußt wurde. Meine generelle Weisung war daher, bei Unternehmungen, die dem Rohstoffamt unterstanden, keine Sprengungen und keine Zerstörungen vorzunehmen, ganz gleich, was von dritter Seite regional angeordnet wurde. Alle für die Produktion verantwortlichen Leiter von Organisationen, die dem Rohstoffamt zugeordnet waren, sollten die Verantwortung dafür tragen, daß alle wichtigen Persönlichkeiten und die einzelnen Unternehmen und Betriebe selbst über diese Richtlinie eindeutig und unwiderruflich „von Mund zu Mund“ unterrichtet wurden.

Hierbei konnte sich jeder Unternehmer und Betriebsleiter auf Weisungen des Ministeriums berufen. Für den Fall, daß Schwierigkeiten mit unberufenen regionalen Dienststellen – sei es aus dem militärischen, sei es dem zivilen Bereich – entstehen sollten, war das Rohstoffamt sofort zu informieren, um eingreifen zu können. Zu meiner Genugtuung kann ich sagen, daß ich bei allen Persönlichkeiten unseres Bereiches auf volles Verständnis und auf engagierte Mitarbeit stieß. Zuwiderhandlungen gegen diese Weisung aus meinem Bereich in der damaligen Zeit sind mir nicht zur Kenntnis gekommen.

Ende November 1944 suchte mich eines Abends Backe auf, um mit mir über die Lebensmittelverteilung zu sprechen, die ihm große Sorge machte. Im Vordergrund aller seiner Überlegungen stand das Problem Berlin’s. Backe nannte mir die Zahlen des Lebensmittelverbrauchs von Groß – Berlin, die übliche Lagervorräte in Groß- und Einzelhandel und die notwendige wöchentliche Zufuhr. Schon die Aufrechterhaltung des Status quo war seiner Meinung nach gegenwärtig durch Verkehrsschwierigkeiten ernstlich behindert. Darüber hinaus fühlte er sich verpflichtet, die Stadt weit über das normale Maß hinaus zu bevorraten; denn es müßte damit gerechnet werden, daß Berlin über kurz oder lang in die Kampfhandlungen einbezogen würde, mindestens aber die Zufahrtswege abgeschnitten oder stark behindert würden, die eine normale, laufende Zufuhr von Lebensmitteln nach Berlin unter Umständen wochenlang ausschlösse. Die Zuführung bedeutender Lebensmittelmengen über den normalen Verbrauch hinaus erschiene ihm daher dringend erforderlich. Die nötigen Lebensmittel standen ihm dispositiv zur Verfügung.

Da aber schon die Normalversorgung transportmäßig nur stockend vor sich ging, sah er keine Möglichkeit, diese gesteigerte Zufuhr verkehrsmäßig zu bewältigen. Das Verkehrsministerium wollte so weitgehende Dispositionsänderungen zu Lasten anderer Bedarfsträger, vor allem der Wehrmacht, nicht aus eigenem Ermessen treffen. Backe scheute sich aber, eine Entscheidung darüber von hoher Hand, schon gar nicht des Führers, herbeizuführen, da ihm seine Überlegungen möglicherweise als Defätismus ausgelegt und bestimmt nicht durchschlagen würden. Ich konnte Backe beruhigen. Auf Grund von Überlegungen zwischen Speer und mir sollten demnächst die Vollmachten für Verkehrsdispositionen neu geordnet und kraft der Vierjahresplanvollmacht auf mich übertragen werden. Alle entsprechenden Verfügungen waren bereits von mir ausgearbeitet.

Sobald sie in Kraft traten, war es mir mit Sicherheit möglich, das Problem ohne Aufhebens in Backes Sinne zu regeln. Zusätzlich stellte ich (eigentlich ab sofort) Backe auch die Lieferung von Lastkraftwagensonderzuteilungen in Diesel für die Durchführung der Bevorratung in Aussicht. Speer hatte sich Hitlers Einverständnis gesichert, künftig die Steuerung der „Wirtschaftstransporte“ selbständig regeln zu dürfen. Ich meinerseits hatte Speer vorgeschlagen, der Einfachheit halber diese Angelegenheit aufgrund der sehr weitmaschigen Verordnungen zur Durchführung des Vierjahresplanes selbst in die Hand zu nehmen und nicht auf einen „Führerbefehl“ zu gründen.

Unter dem 6. Dezember 1944 unterzeichnete mir Speer eine „Anordnung über Maßnahmen zur Sicherung kriegswirtschaftlicher Transporte“, die er als Generalbevollmächtigter für Rüstungsaufgaben im Vierjahresplan unterschrieb. Der Erlaß erging im Einvernehmen mit dem Reichsverkehrsministerund bestimmte im wesentlichen, daß für den Bereich jeder Bezirk und Gebietsverkehrsleitung der Reichsbahn Gebietsbevollmächtigte für „Wirtschafttransporte“ zu bestellen seien. Diese sollten Mitglieder der für ihren Bereich zuständigen Verkehrsleitungen sein.

Der Erlaß bestimmte weiter, daß für die Behandlung aller Fragen der Verkehrssteuerung innerhalb des gesamten Reichsgebietes „nach den Weisungen des Planungsamtes“ ein Bevollmächtigter für Wirtschaftstansporte des Generalbevollmächtigten für Rüstung aufgaben einzusetzen war, der in dieser Eigenschaft gleich Mitglied der Zentralen Verkehrsleitstelle beim RVM sein sollte mit der Berechtigung, den Bezirk und Gebietsbevollmächtigten Weisungen direkt zu erteilen. Zum Bevollmächtigten für Wirtschaftstransporte bestellte Speer auf meinen Vorschlag Dr. Rudorf, Vorstandsmitglied der Bank der Deutschen Luftfahrt.

Rudorf hatte sich mir im Planungsamt schon für mehrere wichtige Sonderaufgaben zur Verfügung gestellt. Die Klarheit und Präzision seines Denkens befähigten ihn besonders für seine neue Aufgabe. Meinen langjährigen und bewährten Mitarbeiter Dr. Saager gab ich Rudorf als Vertreter bei. (Rudorf erlebte und erlitt das Ende in Berlin. Als er nach langjähriger schwerer Gefangenschaft aus der Sowjetunion in die Bundesrepublik zurückkehrte, wurde er alsbald in den Vorstand der Dresdner Bank berufen.) Ich weihte Rudorf in das Hauptziel der Aktion ein, den Vorrang der Versorgung der Bevölkerung für jetzt und die „Zeit danach“ sicherzustellen nach der Devise:“Das Leben geht vor“. Mein Erlaß war so abgefaßt, daß mit seiner Vollmacht und seiner Handhabung verkehrsmäßig praktisch alles erreicht werden konnte. Natürlich war die ursprüngliche Idee und Absicherung nach außen, daß die dringendsten Transportbedürfnisse der vom Speer-Ministerium betreuten Betriebe zum Zuge kamen.

Rudorf gab ich aber die Weisung, daß in diesem Stadium des Krieges weder Wehrmacht noch Rüstung uneingeschränkten Vorrang haben dürften, sondern daß die gegenwärtige und zukünftige Versorgung der Zivilbevölkerung mindestens gleich wichtig sei, und daß vor allem gewisse Sonderaktionen auf dem Ernährungssektor (Bevorratung Berlin und Ruhrgebiet) unter allen Umständen sofort bevorzugt durchgesetzt werden sollten. Für die zentrale oberste Steuerung des Verkehrsbestand im Reichsverkehrsministerium die sogenannte Zentral- Verkehrsleitstelle, in der schon bisher die Verkehrsbedarfsträger täglich zusammenkamen, um die Verteilung von Waggons zu besprechen, die die Reichsbahn glaubte am nächsten Tage zur Verfügung stellen zu können. Zu dem Begriff „Wirtschaftstransporte“, den wir gefunden hatten, sollte alles gehören, was nicht ausgemachter Wehrmachtsbedarf war. Die Waggons brauchten daher nur zwischen Wehrmacht, dem Eigenbedarf des RVM und Wirtschaftstransporten aufgeteilt zu werden. Es wurde nun so gearbeitet: Der Reichsverkehrsminister teilte in jeder Sitzung mit, wie viele Waggons er in den folgenden Tagen in etwa stellen konnte. Von ihnen beanspruchte bisher jeweils die Wehrmacht den Löwenanteil. Ich hielt es aber für abwegig, die notwendige Aufteilung ständig im Nahkampf mit der Wehrmacht auszutragen. Staatssekretär Ganzenmüller vom Verkehrsministerium, Backe und Riecke, Rudorf und ich hatten daher einen Ausweg gefunden, der uns dieses Streites enthob. Der Verkehrsminister sollte jeweils täglich eine geringere Waggonanzahl nennen, als er wirklich glaubte zur Verfügung stellen zu können. Hiervon würden wir dann der Wehrmacht einen angemessenen, auch ihr billig erscheinenden Anteil zusprechen und die Differenz zwischen den angegebenen Waggons und der tatsächlich möglichen Gestellung würde dann die Reserve sein, mit deren Hilfe Rudorf für uns die notwendigen Sonderaktionen durchführen konnte.

Auf diese Weise konnten Berlin und bald anschließend aus gleichen Erwägungen das Ruhrgebiet zusätzlich mit Lebensmitteln versehen werden. Beide Aktionen konnten zwar nicht in dem angestrebten, aber doch in einem ganz erheblichen Umfang durchgeführt werden, noch ehe im Februar/März das Kriegsgeschehen unmittelbar an diese beiden Bevölkerungszentren heranrückte. Nach dem, was wir über den Morgenthau- Plan und seine Ziele gehört hatten, konnten wir nicht damit rechnen, daß von Seiten der Alliierten bald nach Beendigung des Krieges für die Ernährung unseres Volkes gesorgt würde. Einfuhrmöglichkeiten würden·im günstigsten Falle äußerst beschränkt vorhanden sein, und wir würden im wesentlichen neben den nicht ganz unbedeutenden Vorräten, die die Hauptvereinigungen des Reichsnährstandes mit in die Zukunft übernehmen konnten, auf die Ernte des Jahres 1945 angewiesen sein. Für diese Ernte wiederum standen drei Dinge im Vordergrund der Überlegungen: Düngemittelversorgung, Sicherstellung von Erntebindegarn für die Mähbinder und Deckung des Bedarfs an Landmaschinen, Ersatzteilen dafür, landwirtschaftliche Fahrzeuge und Landwerkzeuge aller Art.Ich ermunterte Riecke schon im Dezember, beschleunigt ein Programm für die Landmaschinen sowie entsprechende Werkzeuge und Ersatzteile aufzustellen. Selbst ein größeres Programm konnten wir in der auslaufenden Kriegsproduktion noch mit durchziehen.

Ich sagte damals zu Riecke:

„Bei unserer Organisation und unsere n Möglichkeiten können wir jetzt mit unserer angeschlagenen Industrie in vier Wochen mehr für die Landwirtschaft der Zukunft erzeugen, als es uns nach der Kapitulation in einem halben oder ganzen Jahr möglich sein wird. Denn ob und was wir dann produzieren könnten, steht ganz dahin. Kapazitäts-, Rohstoff-, und Arbeitseinsatzmäßig würde selbst ein größeres Programm jetzt noch immer schnell über die Bühne zu bringen sein.“

Backe und Riecke legten mit Recht auch auf überhöhte Produktion von Ersatzteilen und Landwerkzeugen wert und ebenso auf die Aufrechterhaltung von landwirtschaftlichen Reparaturwerkstätten. Die Produktion sollte auch sofort dezentral auf die landwirtschaftlichen Genossenschaften aufgeteilt werden, da die Verbindung von der Landwirtschaft zur erzeugenden Industrie sicher für Monate, wenn nicht länger, gestört sein könnte. Mit dem Programm fingen wir um die Jahreswende 1944-45 an. Es wurde in den nächsten Monaten dann laufend erweitert und ergänzt. Ein Erlaß, den ich herausgab, enthielt, was alles „unter Landwerkzeugen“ zu verstehen war, zum Teil Sachen, von denen ich noch nie gehört hatte. Die Landwerkzeuge, Landmaschinen und Ersatzteile wurden pauschal an festgelegte Betriebe vergeben, und der Reichsnährstand beziehungsweise das REM übernahm es, für Absatz, Verteilung und Bezahlung Sorge zu tragen.

Wir wußten damals noch nicht, daß wir noch weitere vier bis sechs Wochen Produktion in eigener Regie im größten Teil des Reichsgebietes vor uns hatten. Die Fertigung in den ausgewählten Betrieben, die mit Material bevorratet wurden, konnte sogar vielfach auch nach der „Überrollung“ fortgesetzt werden. Wir verfuhren pragmatisch:Wenn in den Werken für stickstoffhaltige Pulver- und Sprengstoffvorprodukte Stickstoff eingespart werden konnte oder die erzeugte Pulver- und Sprengstoffmenge den Bedarf der noch produzierbaren Artilleriehüllen überstieg, wurde automatisch der dadurch freiwerdende Stickstoff der Düngemittelproduktion zusätzlich zugeführt.

Eine zusätzliche Möglichkeit, der akuten Gefahr einer kommenden Hungersnot auf einem Spezialgebiet zu begegnen, hatte ich ab Herbst 1944 eingeleitet. Es handelte sich um die Produktion von sogenannten Wuchshefen aus Nährhefe im groß industriellen Umfange. Wuchshefen gedeihen auf HolzzuckerSulfit-Lauge, Melasse und Molke und wachsen sehr rasch. Die Nährhefe ist außerordentlich reich an Eiweiß, an Vitamin B- Komplex, an dem gerade die zukünftige Nahrung verhältnismäßig arm sein würde, ferner an Vitamin H, an Enzymen und Phosphatiden. Die Sulfitlaugen der meinem Rohstoffamt unterstehenden Zellstoffindustrie sollten für die Hefeproduktion die Ausgangsbasis darstellen. Die bisherige Vergärung auf Alkohol sollte insoweit von der gesamten Zellstoffindustrie auf Hefe umgestellt werden, und es wurde darüber hinaus durch eine Kommission untersucht, inwieweit dazu auch Molkereien eingespannt werden könnten. In meinen Handakten befindet sich ein Bericht über den Stand der Hefebauvorhaben, der vom 19. April 1945 (!) datiert und fast fünfzig verschiedene Werke aufführt, die damals teils in Produktion und teils im fortgeschrittenen Ausbau waren. In einem der größten Werke war eine Gesamtjahreskapazität von 20.000 Tonnen erreicht. Die Aktion wurde auch nach Kriegsende fortgesetzt und erreichte einen nicht unbedeutenden Umfang. Bei der starken Knappheit an eiweißhaltiger Nahrung und Vitaminen war die Nährhefe sehr gesucht und ihre Produktion wurde auch in den ersten Jahren nach 1945 überall begünstigt.

Da ich bis 1951 interniert war und meine Familie auf dem Lande lebte, ist es mir erst vor kurzem gelungen, etwas Zuverlässiges über die Rolle zu hören, die die Nährhefe nach Kriegsende tatsächlich gespielt hat.

Im Justizpalast in Nürnberg hatte mir allerdings 1948 mein Mitinternierter, Max H. Schmidt, damals Vorsitzender des Vorstandes von Zellstoff-Waldhof, berichtet, daß sich bei Waldhof die von mir veranlaßte Nährhefeproduktion von einem Nebenprodukt beinahe zum Hauptprodukt entwickelt hatte und ihnen aus den Händen gerissen wurde. Erst im April 1973 hörte ich ganz zufällig bei einer Konsultation Zuverlässiges von Professor Dr. J. Nöcker, Chefarzt der Medizinischen Klinik im Städtischen Krankenhaus in Leverkusen und Chef der deutschen Olympia-Mannschaft in Mexiko und München. Er war nach dem Kriege als Arzt an der Medizinischen Universitätsklinik in Leipzig tätig und hatte dort viele Jahre in großem Umfang Nährhefe als „hochwertige Eiweißquelle“ und „hervorragend wirkende Heilnahrung gegen in Massen auftretende Hunger-Ödem-Erkrankungen“ eingesetzt.“ Wir konnten Tausenden von Abertausenden damit das Leben retten.“

1949 schrieb Professor Dr. Nöcker eine wissenschaftliche Broschüre: „Die Nährhefe als Heil- und Zusatznahrung“. Sie liegt mir vor. Die Breitenwirkung der von uns erreichten Kapazitäten von mehr als 120 Millionen Kilo Jahresausstoß war erheblich. Von dem hohen Vitamingehalt abgesehen, war die Produktionskapazität ausreichend, um den vollen Eiweißnormalbedarf von circa 70 Gramm pro Tag für circa 3.240.000 Erwachsene oder 10.000.000 Kinder zu decken.

Ich selbst rangierte zwar in vielen Internierungslagern nach dem Kriege bei Rote-Kreuz- und anderen Kontrollen als Renommier-„Hungerödemer“, wurde aber leider keines Gramms „meiner“ Nährhefe teilhaftig. Dafür hatte ich aber immerhin die Genugtuung, daß ich in einem Lager bei Ludwigsburg in wochenlanger Arbeit mit einem Stab von mindestens zwanzig Mitinternierten agrarwirtschaftlichen, medizinischen und technologischen Sachverständigen eine Ernährungsbilanz für Westdeutschlands Zukunft aufstellen konnte. Sie ergab, daß bei starker Steigerung der Fischerei, Großeinsatz von Nährhefe, Abschlachten von über 20 Millionen Pferden und ihren Ersatz durch Traktoren und eine Fülle von Initiativen zur Produktionssteigerung der Landwirtschaft eine ausgeglichenere Ernährungsbilanz bei Zugrundelegung eines Mindestbedarfes aus eigener Kraft möglich sein würde. An Devisenüberschüsse zur Bezahlung landwirtschaftlicher Importe (nach Deckung eines Mindestbedarfs für Rohstoffe ) vermochten wir damals noch nicht zu glauben.

Für die notdürftige Weiterexistenz der Bevölkerung hatte die Ernährung und alles, was ihr diente, zwar eindeutig den Vorrang. Nach menschlichem Ermessen sah unser Volk aber auch sonst einer Art Primitivexistenz nach dem Ende des Krieges entgegen. Dafür galt es, auch alle noch möglichen Erleichterungen zu schaffen. Im Endstadium bedrängte ich das Reichswirtschaftsministerium, die Landeswirtschaftsämter und Wirtschaftsämter anzuweisen, zeitig, das heißt bestimmt vor Feindbesetzung, für die Auflösung der Lager Sorge zu tragen, auch wenn das nicht in geordneter Weise möglich sein sollte. Dabei sollten sie versuchen, gleichzeitig mit militärischen Dienststellen die Auflösung der Wehrmachtslager zu veranlassen, da der Inhalt ja sonst nur Kriegsbeute der Gegner sein würde.

Sollte eine gesteuerte Aktion dieser Art nicht möglich sein, so sollte wenigstens dafür gesorgt werden, daß die Bevölkerung an einer „spontanen Selbsteindeckung“ aus diesen Lagern in keiner Weise gehindert würde. Als sich gegen Ende des dritten Quartals und besonders im vierten Quartal 1944 eindeutig zeigte, daß wir mit den Wiederherstellungsarbeiten der Hydrierwerke in ein Faß ohne Boden schöpften, verabredeten ohne viel Aufhebens Krauch, Geilenberg und ich, daß nunmehr die weit auseinanderliegenden Kleinanlagen, deren Bau nach dem Mineralöl- Sicherungsplan im August begonnen worden war, mit aller Macht vorrangig forciert werden sollten. So wäre wenigstens durch diese kleinen Destillationen, die durch Bombenangriffe kaum gestört werden konnten, eine bescheidene, über das ganze Reichsgebiet verteilte Versorgung mit Treibstoffen auch im Endstadium des Krieges gewährleistet.

Der Arbeits- und Materialaufwand für die Erstellung dieser Kleinanlagen belief sich natürlich nur auf einen Bruchteil des Bedarfs der großen Werke. Der Ausbau im kleinen konnte daher auch jetzt noch recht zügig vorangehen. Ende Februar 1945 lag mir eine Gesamtaufstellung aller Ausweichanlagen mit Stand vom 15. des Monats vor. Sie enthielt 109 solcher Anlagen im gesamten Reichsgebiet, einschließlich Österreichs und des Protektorates. Davon waren bereits etwa 40 in Betrieb, 15 sollten bis 1. März anlaufen und wiederum 15 weitere bis zum 1. April, so daß bis dahin circa 60% des Planes erflüllt sein würden. Besondere Sorgfalt wurde der Planung der Schmierölerzeugung zugewandt, weil ein Weiterlaufen oder Wiederanlaufen ziviler Fertigungen aller Art durch das Fehlen eines so scheinbar unbedeutenden Hilfsstoffes praktisch blockiert werden könnte. Dabei war die Schmierölherstellung sehr differenziert. Es gab nicht weniger als zwölf qualitativ verschiedene Arten von Öl, die alle geplant werden mußten, da alle benötigt wurden. Je nach den regionalen Verbrauchsnotwendigkeiten wurde eine bescheidene regionale Vorratshaltung eingeleitet.

Ein Teil des Schmieröls sollte auch in Ausweichanlagen hergestellt werden. Sie liefen im April mit einer Produktion von 2.000 t an und sollten sich bis Juli auf 14.000 t allein aus diesen Anlagen steigern. Immerhin wären dann aus diesen Ausweichanlagen etwa die Hälfte eines geschätzten Normalschmierölbedarfs (bei voller Produktion!) zusammengekommen. Schüchterne Versuche einer dezentralen Bevorratung an Dieselkraftstoff wurden durch Sofortanforderungen immer wieder unterbrochen. So wurden zum Beispiel im März für Transporte über die Ostsee, die die Marine für Hunderttausende von Flüchtlingen aus Ostpreußen und Pommern nach Schleswig-Holstein in Gang gesetzt hatte, 8.000 t aus den verschiedensten Lagern zusammengekratzt. Rettung von Menschen ging allem vor.

Weiter erwies sich die Mitte 1944 begonnene Aktion „Umschaltung auf Holzgasgeneratoren“ in der Schlußphase des Krieges als bescheidene Stütze für eine besondere Art von Personen- und Lastkraftverkehr, den die Wirtschaftsämter mit Flüssigtreibstoff niemals hätten bedienen können und dürfen. Ab Ende 1944 waren wir im privaten Bereich ein Volk auf der Wanderschaft. Kinder waren in großem Umfang in entfernte, durch Luftangriffe weniger gefährdete Gebiete evakuiert. Väter und Mütter wollten sie besuchen und mit dringendstem Bedarf zusätzlich versorgen. In großem Umfang zogen auch Mütter mit Kindern unter Aufgabe des Haushalts aus den am meisten bombardierten oder durch Feindannäherung gefährdeten Großstädten in kleinere Orte oder aufs Land zu Verwandten, Freunden oder Bekannten oder auch einfach ins Blaue. Sie wollten natürlich wenigstens das Nötigste an „Kleidung und Haushaltsgut“ mitnehmen. Väter, die bei ihrer Arbeitsstätte bleiben mußten, wollten ihre Familien besuchen und ihnen Haushaltsgut und Kleinmöbel nachbringen, wenn sie Unterkunft gefunden hatten. Vor allem aus den bedrohten Ostgebieten begann ein Strom von Flüchtlingen nach Westen zu ziehen, und es wurden vorsorglich, wenn auch meist zu spät, von den Behörden Gebiete geräumt, die durch sowjetische Truppen unmittelbar bedroht waren. All diese völkerwanderungsähnlichen Vorgänge erforderten Transportraum, wobei sich besagte Holzgeneratoren als höchst willkommen erwiesen. Nächst dem Fahrrad schufen sie eine gewisse individuelle Beweglichkeit, die weder zu „planen“ war, noch mit Flüssigtreibstoff hätte bedient werden können.

Was immer die Nachteile der Holzgeneratoren waren, so stellten sie eben einen „fahrbaren Untersatz“ dar, der notfalls in Selbsthilfe betrieben werden konnte, auch wenn reguläres Tankholz nicht zur Verfügung stand. Und bei alledem war auch nicht in diesem Stadium des Krieges unsere einstige Hoffnung, die Me 262, vergessen! Der Treibstoff wartete auf seine Strahljäger. Noch am 28. Februar 1945 waren 30.000 t für sie bereit bei einem geschätzten (und nachträglich nicht erreichten) Monatsbedarf von 12.000 t! In den skizzierten Aktionen, die natürlich nur einen kleinen Ausschnitt des riesigen Arbeitspensums darstellten, das zu bewältigen war, hatten sich im Monat Januar und Februar eine Unsumme von Planungsimprovisationen ergeben, um augenblickliche Schwierigkeiten mindestens vorübergehend zu überwinden.

Der Krieg war in seiner letzten Phase. Die Westalliierten hatten begonnen, den Rhein zu überschreiten, die Sowjets waren im Besitz von Schlesien und leiteten den Angriff auf Berlin ein. Gegen den 10. März hatte ich Speer auf seinen Wunsch für seine beabsichtigte Denkschrift über die Wirtschaftslage März/April Unterlagen geliefert und traf ihn noch kurz zwischen Tür und Angel, als er dabei war, Hitler diese Denkschrift in den Bunker der Reichskanzlei zu überbringen. Darin hatte er zum ersten Mal mit schonungsloser Deutlichkeit den sich abzeichnenden Zusammenbruch scharf von der Weiterexistenz des deutschen Volkes getrennt.

Am 18. März hatte Keitel auf Veranlassung Hitlers die Weisung gegeben, den Kampfraum westlich des Rheins von der Bevölkerung zu räumen. Selbst die kampfgefährdeten Gebiete sollten, so war die Meinung, durch totale Evakuierung in die Mitte des Reiches geräumt und die verlassenen Gebiete verwüstet werden. Das völlig Unsinnige dieses Befehls erhellt allein schon daraus, daß sich der größte Teil des linksrheinischen Gebietes, für den der Erlaß galt, zu diesem Zeitpunkt bereits in Feindeshand befand und die Bevölkerung „überrollt“ war, wie das damals hieß.

Am 17. März unterzeichnete Hitler den Befehl „Verbrannte Erde“, der am gleichen Tag allen militärischen und zivilen Dienststellen zuging. Über das gleiche Thema der Räumung und Zerstörung sind nach der Darstellung von Speer innerhalb der nächsten 14 Tage zwölf weitere, sich widersprechende, korrigierende und einander aufhebende Befehle ergangen. Seit ich Hitler auf dem Plattner-Hof im Juni 1944 gesehen und gehört hatte, wußte ich, daß er nicht mehr regierungsfähig war. Im März 1945 aber war er nach allen Augenzeugenberichten von Leuten, die nicht durch den

täglichen Umgang an ihn gewöhnt waren, physisch, psychisch und geistig ein völliges Wrack.

Ein Augenzeuge schreibt:

„Er bot körperlich ein furchtbares Bild. Er schleppte sich mühsam und schwerfällig, den Oberkörper vorwärts werfend, die Beine nachziehend, von seinem Wohnraum in den Besprechungsraum des Bunkers. Ihm fehlte das Gleichgewichtsgefühl. Wurde er auf dem kurzen Weg von 20 bis 30 Metern aufgehalten, mußte er sich auf eine der hierfür an beiden Seiten bereitstehenden Bänke setzen oder sich an seinem Gesprächspartner festhalten. Er hatte die Gewalt über den rechten Arm verloren, die rechte Hand zitterte ständig; er bot ein Bild des Jammers und des Grauens.“

Diese Schilderung stimmt weitgehend überein mit der, die der Gauleiter der Steiermark, Überreiter, dem Verfasser 1945/46 in der Gefangenschaft im Justizpalast in Nürnberg machte. Er war in den letzten Apriltagen 1945 in Berlin gewesen, „um sich vom Führer und die Steiermark vom Reich abzumelden“ , wie er sich ausdrückte. Selbst Speer, der ihn häufig gesehen hatte und daher vielleicht nicht so objektiv sein konnte wie andere, schreibt: „Ein Greis, ein Nervenbündel, das seine Reaktionen nicht mehr verbergen konnte.“ Weswegen in diesem Stadium die ihn umgebenden Männer, wenn sie nicht selbst unter geistiger Verwirrung oder Bewußtseinstrübung litten, noch Befehle von ihm annahmen und vor allem weitergaben, ohne aus ihrer Unsinnigkeit, Zwecklosigkeit und Undurchführbarkeit Folgerungen zu ziehen, die einfach auf der Hand lagen, wird wohl immer ein Rätsel bleiben.

Das nach außen dringend e Kennzeichen der Lage war jedenfalls eine vollständige Verwirrung. Verwirrung über die tatsächliche Lage, Verwirrung über oder wegen der Befehlsgebung, Verwirrung darüber, welche Befehle galten oder welche man befolgen sollte, dazu Führerbefehle, die sich gegenseitig widersprachen, Befehle des Oberkommandos der Wehrmacht, Weisungen und Befehle Speers, Weisungen der Gauleiter beziehungsweise Reichsverteidigungskommissare, Weisungen der örtlich zuständigen Heeresbefehlshaber, dazu offenbar unzutreffende oder in ihrem Sinn oder Inhalt

verzerrte Nachrichten durch Rundfunk oder Zeitungen und Gerüchte von allen Seiten und aus allen Quellen.

Der offensichtliche Grad völliger Verwirrung hatte nur einen Vorteil: Da kaum noch erkennbar war, welche Weisungen galten, sofern überhaupt welche vorhanden waren, fühlte sich jeder mehr oder weniger auf sich gestellt, und man folgte daher seinem eigenen Gefühl, seiner persönlichen Pflicht, seiner Verantwortung für die Unterstellten und Nahestehenden und für unser Volk. Mein Verbindungsoffizier zu Keitel unterrichtete mich mehrmals täglich über die Lage. Die letzte Information am 21. April, drei Uhr morgens, war: „Durch Führer-Anweisung Tusnelda“ ausgelöst. (Stichwort für Anweisung, daß alle Führungsstäbe der Ministerien Berlin zu verlassen hätten.) Keitel ließ mir bestellen, „er lege großen Wert darauf, daß ich Dönitz, der in der Nacht nach Norden führe, zur Besprechung und Beratung in allen Fragen zur Verfügungstände.“ Für den 22. morgens 3 Uhr 30 setzte ich für die vierzehn Mann meiner “ Marschbelegschaft“ Abfahrt mit sechs PKW nach Hamburg an. Als mehrere Telefonate mit dem Dönitz-Adjutanten Lüdde-Neurath in Plön meine Annahme bestätigten, daß „es nichts mehr zu regieren gäbe“ und außerdem Speer selbst erwartet würde, meldete ich mich ab und löste am 28. in Harnburg den „Führungsstab“ auf, das heißt, ich beurlaubte alle bis Kriegsende. Jeder konnte und mußte nach Jahren als Glied unserer Arbeitsgemeinschaft wieder nach eigenem Ermessen ein neues Leben beginnen.
In diesen letzten Tagen traf ich mich noch mit mehreren Wirtschaftlern in Harnburg zu Besprechungen. Wir vermochten aber die Zukunft nicht mehr zu erforschen. Wir waren im Niemandsland zwischen den Zeiten. Am 2. Mai vormittags wurde Hitlers Tod durch Extrablätter verbreitet.

Der Untergang des „Dritten Reiches“ war besiegelt.

In meiner völligen Erschöpfung, beinahe Apathie, wünschte ich, ich hätte auch erst alles für immer hinter mir. An einen neuen Anfang für mich vermochte ich nicht zu glauben. Meine Familie, meine getreuen Mitarbeiter, viele Freunde und auch die Alliierten sorgten dafür, daß es anders kam.

Im Wilhelm-Straßen-Prozeß in Nürnberg wurde ich 1949 zu einer Gefängnisstrafe von 15 Jahren verurteilt. Die Untersuchungshaft und die Haft während des Prozesses seit dem 8. Juni 1945 wurden angerechnet. Im Januar 1951 wurde das Strafmaß von den Amerikanern auf die „abgebüßte Zeit“ herabgesetzt und ich sofort entlassen. Der „Deutsche Entnazifizierungsausschuß für das Land Nordrhein-Westfalen“ in Düsseldorf stufte mich in Gruppe 5 als „entlastet“ ein.

Ein zweites Leben konnte beginnen.

..

Ubasser

11 Antworten zu “Der Untergang des 3. Reichs – Teil 5 – Das Volk muß weiterleben

  1. Pingback: Der Untergang des 3. Reichs – Teil 5 – Das Volk muß weiterleben « lupo cattivo – gegen die Weltherrschaft

  2. Waffenstudent 12. Februar 2014 um 22:37

    Wurde Herr Hitler ab März 1945 von einem Doppelgänger inszeniert? Wenn man hört, was dieser Mann, welcher einst geniale Ideen umsetzte, ab März 1945 alles gesagt haben soll, dann halte ich meine Frage durchaus für berechtigt!

    • Skeptiker 12. Februar 2014 um 23:29

      @Waffenstudent
      ?
      Das nennt sich Hitlers letzte Rede.

      Adolf Hitler – Letzte Ansprache am 30. Januar ’45

      Aber ich habe keine Ahnung ob er danach noch Reden gehalten hat, gibt es da eine Quelle, was er danach noch gesagt hat?

      Gruß Skeptiker

    • Fine 15. September 2014 um 20:29

      A. H. wurde sehr wahrscheinlich nach seiner Rede an den JUDEN Rosenfeld – das ist der Jude, der gemeinsam mit dem JUDEN Eisenhauer 6 Mio. ermordete Wehrmachtssoldaten und deutsche Zivilisten in den Rheinwiesenlagern zu verantworten hat – im Dez. 1941 vom Reichstag durch unterirdische Gänge ins heutige Kleisthaus verschleppt.
      Alsdann wurde er durch verschiedene Doppelgänger ersetzt – das sind nach wie vor auserwählte Spezialitäten!
      Erkennbar ist der Vorgang daran, dass es mit einemmal viele „Selbstmorde“ (Flugzeugabstürze) und gravierende Fehlentscheidungen innerhalb der WM usw. gab.
      Weiterhin war auffällig, dass „Hitler“ auf einmal zum hysterischen Schreihals wurde.

      Am Ende beging er auch noch „Selbstmord“, nachdem er diesen angekündigt hatte, vorher flugs auf der Schreibmaschine ein Testament verfasste, in dem selbst Dönitz noch zum Reichspräsident gekürt wurde. Dann war Adolf doht – und Dönitz begann sein Amt mit einer Rundfunkrede – lachhaft. Das geht nicht.

      Charlie Chaplin führte in seinem Film (Titel vergessen) gut vor, dass A. H. made in Hollywood war – ab 1942. Das wird vielen Leuten nicht gefallen, aber da müssen und mußten wir alle durch. Der Betrug und die Lügen sind noch viel gigantischer als sich das erträumen läßt.

      • Dr.No 15. September 2014 um 22:13

        Das kann man nicht einfach so dahin sagen Fine. Da mußt Du schon ein wenig Hintergrund einfügen und sagen zu welchem Zweck er durch einen Doppelgänger ersetzt wurde und ob dieser Zweck erfüllt wurde.

        Ob es nun das weitere jahrelange Anhalten des Krieges war, oder welchen Zweck dann bestimmte Aktionen der nächsten Jahre hatten. Nach Deiner quergekotzten Variante machen viele Ereignisse absolut keinen Sinn.

        Du solltest vorsichtig sein nicht als „Verschwörungstheoretikerin“ unter „Verschwörungstheoretikern“ bezeichnet zu werden 😉

      • Fragender 15. September 2014 um 22:23

        Geschätzte Fine,

        die Sache ist interessant. Worauf stützt Du Deine Vermutung?

        • Fine 17. September 2014 um 15:33

          Die meisten Fans von A. H. hyperventilieren, wenn jemand sich erlaubt zu sagen,
          dass nicht alles um Hitler „Gold war“. Wobei sie übersehen, dass es nicht gegen
          A. H. geht, sondern um die üblichen Drahtzieher, die auch damals im Hintergrund
          wühlten (seit 1919). Hitler selbst war auf dem richtigen Weg; vermutlich mußte er
          deshalb weg – die Wirkkraft auf das Deutsche Volk wurde zu stark. Mit diesem Volk
          hatten die Verbrecher andere Pläne – wie heute zu sehen ist. Leider wurden die
          Drahtzieher und Verräter damals entweder unterschätzt oder übersehen.

          http:/de,wikipedia.org/wiki/Aschkenas

          http://en.wikipedia.org/wiki/Gustav_Weler

          http://de.scribd.com/doc/180155280/Louis-Nizer-Band-7-BRD-Luge

          • Skeptiker 17. September 2014 um 22:49

            @Fine

            Genau!
            Ab der 2 Minute….=>Unvorstellbar.

            Erst durch den Film kann man sich die Schweinerei doch erst richtig vorstellen.
            (Geht mir jedenfalls so)

            Und wie Immer! 117 Juden waren auch dabei.
            Benjamin Freedman: Ein Insider wart Amerika.

            ……………Die USA traten in den Krieg ein, was bekanntlich zur Niederlage Deutschlands führte. Was danach passierte, wissen Sie ja.
            Nach Kriegsende kam es 1919 zur Versailler Friedenskonferenz. Auf dieser Konferenz nahm auch eine Delegation von insgesamt 117 Juden teil, welche von Bernard Baruch angeführt wurde. Woher ich das weiß? Nun, ich sollte es wissen, denn ich war damals auch in Versailles.
            Als man auf dieser Konferenz gerade dabei war, Deutschland zu zerstückeln und Europa neu aufzuteilen, sagten die Juden: “Wir wollen Palästina für uns.” Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, zeigten sie den Teilnehmern die Balfour-Erklärung.
            Die Deutschen erfuhren erst hier in Versailles von der Abmachung zwischen den Zionisten und den Engländern. Erst in Versailles erfuhren die Deutschen, warum Amerika in den Krieg eingetreten war. Die Deutschen erkannten, daß sie den Krieg nur deshalb verloren hatten, weil die Zionisten Palästina um jeden Preis für sich haben wollten. Zu allem Überfluß wurden die Deutschen auch noch mit irrsinnigen Reparationsforderungen konfrontiert. Als sie diese Zusammenhänge erkannten, nahmen sie es den Juden verständlicherweise sehr übel.

            Hier alles:
            http://lichtinsdunkel.blogspot.de/2008/10/benjamin-freedman-ein-insider-wart.html

            Er war auch dabei:
            =>
            Zitat der Woche – Teil 25, Georges Clemenceau über die Vernichtung des deutschen Volkes!
            “Der Krieg war nur die Vorbereitung, die Vernichtung des deutschen Volkes fängt jetzt erst an.”
            “Es gibt zwanzig Millionen Deutsche in Europa zu viel.”

            Hier alles:
            Georges Clemenceau
            http://deinweckruf.wordpress.com/2011/06/01/zitat-der-woche-teil-25-georges-clemenceau-uber-die-vernichtung-des-deutschen-volkes/
            ==============================
            Ab der 20 Sekunde spricht Hitler das ja an, sie geben offen zu das es 20 Millionen Deutsche zu viel gibt.

            Gruß Skeptiker

    • Dr.No 15. September 2014 um 22:29

      „Wurde Herr Hitler ab März 1945 von einem Doppelgänger inszeniert? Wenn man hört, was dieser Mann, welcher einst geniale Ideen umsetzte, ab März 1945 alles gesagt haben soll, dann halte ich meine Frage durchaus für berechtigt!“

      Was genau meinst Du denn? Was hat er gesagt das nicht zu seiner genialen Person paßte?

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