Dresden – 6 Zeitzeugen, 6 Geschichten

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13. Februar 2014 von UBasser


Zeitzeugen:

Ruth Löwe

Ruth Löwe, Jahrgang 1921,  am 13.Februar 1945 24 Jahre alt, erlebte die Angriffe in Dresden-Mockritz.

Ich war damals 24 Jahre alt und wohnte in Dresden-Mockritz nahe der Südhöhe. Unsere Unterkunft während der Bombenangriffe war die 70.Oberschule an der Ecke Münzmeisterstraße. Dort sind wir zum ersten Angriff hingeflüchtet. Die Schwägerin, meine Schwiegermutter, meine Mutter und ich sind in die Schule gegangen, um uns beim Angriff zu schützen. Die Fenster waren mit großen Holzverschlägen, starken Holzbrettern, verkleidet. Als die Bomben fielen wurden diese großen Teile durch den Luftdruck herausgedrückt und flogen umher. Wir spürten nur einen Luftzug und ein Krachen und sahen dann das Feuer. Nach dem ersten Angriff kehrten wir zu unserer Wohnung zurück. Von der Schule bis zu unsere Wohnung war es ein Fußweg von nur 3 Minuten. Plötzlich hieß es „zweiter Angriff“. Die Sirenen funktionierten jedoch bei uns auf der Südhöhe nicht mehr. Da uns die Schule nicht mehr sicher erschien, flüchteten wir nach Mockritz auf den Dorfplatz. Dort waren Bauerngüter. Der Fußweg dorthin beträgt von der Südhöhe aus keine 5 Minuten. In einem Gutshof waren schon mehrere Leute unter einer Treppe. Auch das erschien meiner Schwägerin und mir zu unsicher, weshalb wir ein Stück weiter hinaus gelaufen sind, etwa in Richtung Dippoldiswalde. Dort befanden sich Felder. Auf einem Hang, wo Bäume die angrenzenden Felder säumten, suchten wir Deckung. Da habe ich zum zweiten Angriff gelegen. Die Flugzeuge kamen ziemlich tief geflogen und ich habe selbst gesehen, dass sie irgend etwas brennend aus den Flugzeugen geworfen haben. Uns hat es aber zum Glück nicht getroffen.

Als wir dachten, dass einigermaßen Ruhe eingezogen war, sind wir wieder nach Hause gegangen. Da kamen die Menschen über die Südhöhe. Sie liefen in Hemden, in Schlafanzügen, vollkommen schwarz verschmiert und verdreckt und manchmal noch ihre letzten Habseeligkeiten in der Hand. So zogen sie dahin. Sie wollten über die Ausfallstraße nach Dippoldiswalde oder irgendwo anders hin. Wir haben große Töpfe in der Küche aufgestellt. Wir wohnten ja direkt an der Südhöhe. In den Töpfen haben wir heißes Wasser gemacht und in der Nacht noch etwas gekocht, denn der Menschenstrom nahm kein Ende. Es war grausam das anzusehen. Es waren Verletze dabei die da humpelten und Menschen mit zerfetzten Kleidern. Jedenfalls war es unvergesslich und man konnte Gott danken, dass wir einigermaßen glimpflich davongekommen sind. Bei uns auf dem Dachboden hatte eine Brandbombe eingeschlagen, die aber nicht gezündet hatte. Das sind meine Erinnerungen zu diesem Angriff.

Ruth Löwe
erschienen im Jahr 2010 in “DRESDEN – der Menschlichkeit entgegen”

Annelies Stutzriemer

Annelies Stutzriemer, Jahrgang 1920,  erlebte die Luftangriffe in der Dresdner Neustadt.

Ich wohnte damals bei meinen Eltern auf der Talstraße Nummer 8 in der äußeren Dresdner Neustadt. Es schien, als hätten die Leute schon den ganzen Tag über eine Ahnung, dass etwas passieren könnte. Aber an so etwas hatte niemand gedacht. Es wurde gegen zehn Uhr am Abend und der Rundfunk gab regelmäßig die aktuellen Luftmeldungen durch. Plötzlich hieß es „Mehrere Bomberverbände nähern sich der Stadt“. Diese Meldung traf uns wie ein furchtbarer Schlag. Wir schnappten unsere Koffer, die wir schon dastehen hatten und einige Taschen, die wir noch mit in den Kellern nehmen konnten. Dort hockten wir dann ängstlich beieinander und es dauerte nicht lange bis Feueralarm gegeben wurde. Es krachte ununterbrochen und der Lärm kam immer näher. Die Angst wurde immer schlimmer. Und als es etwas ruhiger wurde, konnte man erst einmal rausschauen was geschehen war. Bis es jedoch soweit war dauerte es ziemlich lange. Es wurde zur Ewigkeit. Draußen haben wir dann gesehen, dass auf unserer kleinen Straße ein Haus, in welchem sich eine Bäckerei befand, getroffen war. Das Haus war nicht zertrümmert, aber es brannte langsam und niemand konnte mehr etwas herausholen. Schnell wurde eine Eimerkette gebildet und versucht noch etwas zu retten. Meine Schulfreundin Lotti, die in unmittelbarer Nähe wohnte, und ich halfen ebenfalls mit. Aber es erwies sich bald als sinnlos mit Eimern überhaupt etwas zu machen. In den nächsten Tagen haben wir das Haus dann abbrennen sehen. Jeder versuchte an seinem Haus etwas zu retten, aber es war unmöglich. Alle mussten sich erst einmal durchkämpfen. In derselben Nacht war auch der Zirkus Sarrasani, damals ein großes massives Gebäude auf der König-Albert-Straße, zerstört worden. Noch am Tage hatte es eine Vorstellung gegeben. Bei Alarm sind die Künstler und Mitarbeiter in den Keller des Gebäudes und nachdem es vorbei zu sein schien an die Elbwiesen geflüchtet. Auch die 43.Volksschule wurde zerstört.

Dann kam der zweite Angriff und die Angst wurde noch größer. Jeder dachte „Jetzt haben sie schon so viel weggebombt, da werden sie unsere paar Häuser die noch stehen auch bald sehen“. Wir fürchteten, dass am Ende nicht mehr viel übrig bleibt. Am nächsten Tag kam der Mittagsangriff. Von der Elbe her flogen die Bomber heran. Bei diesem Angriff wurden mehrere Häuser in unserer Straße getroffen. Ich erinnere mich, dass die Nummern 11 und 12 durch Sprengbomben vollkommen zerstört waren, sowohl das Vorder- als auch das Hinterhaus. Die Straße war vollkommen verschüttet, keiner konnte mehr durchlaufen. Meine Schwester, die damals im Teilewerk arbeitete, hatte man nach Hause geschickt. Als sie ankam, kam sie erst einmal gar nicht auf die Straße, denn an ein Durchkommen war nicht zu denken. Mit der Angst, nicht zu wissen welche Häuser getroffen waren, musste sie über die Kamenzer Straße wieder zurücklaufen. Wir haben uns dann später wieder gefunden. Das Erlebte haben wir nie vergessen.

Annelies Stutzriemer
erschienen im Jahr 2010 in “DRESDEN – der Menschlichkeit entgegen”

Heinz Kockel

Heinz Kockel, Jahrgang 1930, erlebte die Angriffe direkt im Stadtzentrum. Zu diesem Zeitpunkt war er Luftschutzmelder der Hitlerjugend.

Ich bin Jahrgang 1930, geboren im Mai. Ich bin groß geworden als Arbeitersohn. Mein Vater war Kraftfahrer in Dresden. Ich bin also gebürtiger Dresdner, mit Leib und Seele meiner Heimatstadt verbunden. 1937 kam ich in die erste katholische Volksschule auf der Grünstraße. Als die Konfessionsschulen geschlossen wurden kam ich auf die zweite Volksschule von Dresden auf der Reitbahnstraße. 1940 wurde ich in die Hitlerjugend aufgenommen. Die Vereidigung fand auf dem Adolf Hitler Platz, dem heutigen Theaterplatz, statt. Dort bekam ich auch meine erste Uniform, worauf ich sehr stolz war. Wir machten Kameradschaftsabende, wir sangen Lieder und vieles mehr. 1939 begann der Krieg. Mein Vater wurde im Zuge der Mobilmachung auf der Königsbrücker Straße mitsamt seinem Fahrzeug requiriert. Die geladene Ware durfte er noch ausliefern und kam danach nach Dresden-Übigau in die Kaserne zur Ausbildung. Da er Kraftfahrer war wurde das Fahrzeug ebenfalls konfisziert. So diente mein Vater in Polen und Frankreich.

1944 wurde ich bei der Hitlerjugend als Luftschutzmelder eingesetzt. Unser Stützpunkt befand sich auf der Schlossstraße im Keller der Nordstern-Versicherung. Wir hatten jedoch nie damit gerechnet, dass unsere Heimatstadt zerstört wird. Schließlich hieß es immer „Dresden wird verschont“, da es eine Kunst- und Kulturstadt sei. Die ganze Welt, so dachte man, würde darauf achten, dass Dresden nichts passiert.

Am 13.Februar 1945 begann bei meiner Familie und mir der Untergang. Es war Faschingsdienstag. Meine ältere Schwester und ich tobten auf den Straßen herum, woran sich aber niemand störte. Wir waren eben Kinder. Als wir am Abend wieder zuhause angekommen waren, sagte meine Mutter: „Nun aber rasch ins Bett“, worauf ich entgegnete: „Gibt es denn heute keine Pfannkuchen?“. In diesem Moment sagte meine Schwester „Na die kommen von oben“. So ein Quatsch – von oben werden wir Pfannkuchen bekommen, sagte sie. Es war als wäre es eine Voraussage gewesen. Hätten wir erahnt was uns bevorstand, hätten wir sofort unsere Sachen gepackt und die Stadt verlassen. Aber es hatte niemand gewusst – im Vertrauen darauf, dass unsere Stadt verschont bleibt.

Nachts ging es los. Wir waren kaum im Bett, als die Sirenen heulten. Wir sprangen aus den Betten und meine Mutter, meine Schwester und meine Oma sind in den Keller unseres Hauses gegangen, was sich auf der Kleinen Brüdergasse befand. Ich musste in meine Leitstelle. Ich hatte die Winterkleidung der HJ in schwarz. Die Hosen nannten wir scherzhaft „Äpfelklauhosen“ weil sie unten einen Gummizug hatten. Also zog ich die Winteruniform an und rannte in die Nordstern-Versicherung wo ich mich beim zuständigen Luftschutzwart meldete. An der Wand hing ein Rundfunkapparat. „Achtung, Achtung! Feindliche Bomberverbände sind im Anflug auf das Stadtgebiet, es ist mit Bombenabwürfen zu rechnen“. Noch heute packen mich diese Worte. Da waren die feindlichen Verbände vielleicht in Meissen oder Leipzig. Dann war eine kleine Weile Ruhe, bevor die Meldung erneut kam „Achtung, Achtung! …“. In meiner Erinnerung hörte ich viermal die Ansage. Dann ging es los. Mit einem Rauschen schlugen die ersten Bomben ein. Vom Zwinger herüber zur Kleinen Brüdergasse kamen sie immer näher. Die Einschläge waren im unmittelbaren Bereich. Dann rauschten die Brandbomben und Phosphorkanister. Ich habe später gesehen, wie die Sandsteinfiguren des Dresdner Zwingers vom Phosphor zerschmolzen waren.

Aus den Erzählungen meiner Mutter weiß ich, dass sie noch auf den Dachboden rennen wollte, um die Brandbomben zu löschen. Sie hatte in unserem Haus den Posten des Luftschutzwartes übernommen. Heute ist das sicher unvorstellbar. Meine Großmutter sagte zu ihr „Anna“ – meine Mutter hieß Anna – „Anna bleib hier“. Denn wer wusste schon was oben auf dem Dachboden passieren würde? Unser Haus brannte noch nicht. Aber die Nebengebäude, in den Gründerjahren umgebaute Klostergemäuer, standen lichterloh in Flammen. Sie dienten ehemals zur Aufnahme der im Zuge der Industrialisierung nach Dresden ziehenden Landbevölkerung.

Ich selbst sollte eine Meldung zur Schlosswache überbringen, wie weiter zu verfahren wäre. Denn in unserer Leitstelle war bereits der gesamte Funk ausgefallen. Ich wollte gerade die Leitstelle verlassen, als gegenüber in einem Haus eine schwere Bombe einschlug. Die rückwärtige Notausgangstür aus Stahlbeton wurde herausgerissen und Staub, Dreck und Mörtel in die Leitstelle geschleudert. Der Druck schleuderte mich bis fast auf die Straße. Es entstand eine Panik. Meine Meldung hatte ich schon vergessen und machte mich auf den Weg, meine Familie zu finden. Der Weg von der Schlossstraße zur Kleinen Brüdergasse war ja nicht weit. Ich rannte zu unserem Haus, es stand noch. Im Hausflur stand eine alte Frau im Rollstuhl. Sie war gelähmt und beim Alarm konnte sich niemand mehr um sie kümmern. Jeder versuchte sein eigenes Leben zu schützen. Ich rannte in den Keller hinunter, wo meine Mutter und alle anderen verängstigt, mit tränenverschmierten Gesichtern saßen. Aber niemand schrie. Ich ging zu meiner Mutter, Oma und Schwester und sagte „Raus hier, kommt, wir müssen hier raus“. Glücklicherweise war dies gerade das Ende des ersten Luftangriffes. So sind wir die Treppe herauf gestiegen und aus dem Haus. Die Frau im Rollstuhl stand noch immer im Hausflur. „Nehmt mich mit, nehmt mich mit“ bat sie, aber wir konnten ihr nicht helfen. In der Aufregung hatten wir nicht einmal mehr an das Gepäck gedacht, worin sich hauptsächlich die wichtigsten Dokumente wie Ausweispapiere usw. befanden. Wir haben an nichts weiter gedacht als: „Weg hier, an die Luft“. Wir bewegten uns in Richtung Taschenberg. Auf dem Weg dorthin sah ich schreckliche Dinge. Zwei Frauen rannten brennend über die Straße. Sie hatten scheinbar Phosphor abbekommen. Aber auch ihnen konnten wir nicht helfen. Als wir ein Stück weit gekommen waren, bemerkte meine Mutter, dass wir sämtliches Gepäck vergessen hatten. Ich überlegte nicht lange und sagte „Mache Dir keine Sorgen, wir treffen uns an der Brühlschen Terrasse wieder“. Instinktiv rannte ich zurück, die zwei Frauen waren in der Zwischenzeit schon tot. Am Haus angekommen – die Frau im Hausflur war auch bereits tot – rannte ich in den Keller. Ich konnte nur noch den Rucksack meiner Großmutter finden, nahm ihn und rannte wieder aus dem Haus heraus. Als ich auf Höhe des Schlosses war, hörte ich aus der Ferne immer wieder die Explosionen der Zeitzünder. Es war ein mächtiges Getöse und der Feuersturm tobte. Auf dem Taschenberg, wo etwas Platz war, hockten die Menschen um ein ehemaliges Denkmal von dem nur noch der Sockel stand. Sie hockten da, nur das was sie am Leibe trugen und hatten sich aufgegeben. Da ich zur Brühlschen Terrasse wollte rannte ich weiter und sah, als ich an der Hofkirche war, wie die Feuerwehr noch versuchte die Semperoper zu retten. Das Fahrzeug steckte aber schon im Asphalt fest. Ich rannte weiter in Richtung der Brühlschen Terrasse, wo mir eine Nachbarin entgegen kam. Diese gab mir zu verstehen, dass meine Mutter sich am ersten Durchgang der Terrasse aufhielt, wo sich auch die Sächsisch-Böhmische Dampfschifffahrtsgesellschaft befand. Dort fand ich sie auch tatsächlich wohlbehalten wieder.

Dann hörten wir aus Dresden-Neustadt wieder die Sirenen und suchten Schutz unter dem Bogen des Durchganges. Im Durchgang selbst befand sich eine kleine Eisentür, welche offen stand. In dem Raum befanden sich Menschen. Da wir so ziemlich die Letzten waren und nach uns nur noch zwei Soldaten kamen, begaben wir uns auch in diesen Raum und die Soldaten schlossen sofort die Tür. Dann kam der zweite Angriff. Bei jedem Bombeneinschlag riss es den Soldaten die Tür aus der Hand und sie hatten alle Mühe sie jedes mal wieder zu schließen. Ich erinnere mich noch genau wie, als die Türe wieder aufflog, ein Phosphorkanister die Straße herunter gerutscht kam und dabei seinen todbringenden Inhalt verspritzte. Der Behälter hatte in etwa die Größe eines Benzin- oder Ölkanisters, allerdings viereckig. Durch die Decke in der sich Gullydeckel befanden kam der Funkenflug und am anderen Ende des Raumes brannte das Gebäude der Dampfschifffahrtsgesellschaft. Ich sah eine Frau die nichts weiter hatte als ihren Kanarienvogel, der aufgeregt in seinem Käfig umherflatterte. Aus dem hinteren Teil des Raumes, wo bereits das Feuer eintrat, schrieen die Menschen. Ansonsten herrschte eine gespenstische Stille. Die Menschen standen unter Schock, waren verängstigt. Es waren vielleicht nur Minuten aber es kam uns vor wie ein ganzes Menschenleben. Als es ruhiger wurde konnten wir den Raum verlassen, denn glücklicherweise saßen wir nahe am Ausgang. Nur wenige Meter weiter suchten wir erneut Unterschlupf in einem Bierkeller wo wir dann einige Stunden abwarteten bis wir uns in Sicherheit glaubten.

Als wir den Keller verließen, bewegten sich schon Tausende Menschen die Elbe entlang, strömten aus der Stadt. Obwohl die Augustbrücke bereits gesperrt worden war sickerten noch einige Menschen links und rechts durch. Wir aber bewegten uns die Elbe entlang in Richtung Blasewitz zum Blauen Wunder. Es bot sich ein entsetzliches Bild. Überall lagen die Leichen. Hier ein Körper ohne Kopf, da nur ein abgerissener Finger mit Ehering. Andere lagen da, als würden sie nur schlafen. Wir überquerten das Blaue Wunder, wo auf der anderen Elbseite bereits eine Auffangstelle eingerichtet war. Über diese organisatorische Leistung und die Zusammenarbeit der SA, der Bevölkerung, des Luftschutzes und der Wehrmacht staune ich noch heute. Überall waren Schilder mit der Aufschrift „Auffangstelle“ angebracht. Dort wurden wir zunächst registriert und die Verwundeten vor Ort notdürftig versorgt. Es gab auch einen großen Tisch mit geschmierten Broten, wobei die Organisation so eingerichtet war, dass wirklich jeder etwas Verpflegung erhielt. Meine Großmutter bekam bei dieser Gelegenheit das erste Mal seit langem wieder richtigen Bohnenkaffee. In einer vollkommen zerstörten Stadt vorbereitet zu sein um die Menschen aufzufangen und erste Hilfe zu leisten – diese Leistung beeindruckt mich bis heute. Nachdem wir in der Auffangstelle alles erledigt hatten, bewegten wir uns über die Grundstraße in Richtung Bühlau. Dort wurden wir auf der Ullersdorfer Straße von einer Anwohnerin angehalten, die uns Hilfe anbot. So bekamen wir noch einmal etwas Verpflegung und die Möglichkeit, vor allem für meine Mutter und meine Großmutter, uns ein wenig frisch zu machen. Dort erlebten wir auch den Mittagsangriff, wo man mit Bordwaffen auf wehrlose Menschen geschossen hat. Eine wehrlose Stadt anzugreifen, in der die Menschen nur noch ihr Leben retten wollen, die nichts weiter haben als ihr Leben, das war Mord. Davon können sich die Alliierten nicht freisprechen. Wir kamen dann bei Verwandten in Höflein bei Crostwitz unter. So hatten wir erst einmal wieder ein Dach über dem Kopf.

Heinz Kockel
erschienen im Jahr 2010 in “DRESDEN – der Menschlichkeit entgegen

Ursula und Heinz Wünsche

Ursula und Heinz Wünsche, Jahrgang 1920 / 1921, erlebten die Angriffe im Stadtteil Dresden-Plauen.

Ursula Wünsche

Wenn ich zum Angriff auf Dresden berichte, so muss ich ein bisschen vorher anfangen. Die Schwester meiner Mutter wurde in Bayern komplett ausgebombt und kam 1944 mit zwei Söhnen nach Dresden zu ihrer Schwester. Unsere Wohnung hatte also schon „drei plus“. Damit nicht genug. Breslau wurde geräumt und die Cousinen meiner Mutter kamen mit einem Kind zu uns. Es waren also allerhand Menschen in unserer Wohnung versammelt. Ich war kurz vorher ausgeflogen worden und lag in Dresden in einem Krankenhaus. Mein Bruder war in Itzehoe auf der Kadettenanstalt. Mein Vater war noch an der Front.

Der Abend war an und für sich wie immer. Wir saßen am Abendbrottisch und dann kam die Meldung. „Achtung, Achtung! Bomberanflug auf Dresden, es muss mit einem Angriff gerechnet werden. Die Bevölkerung wird gebeten sofort die Luftschutzräume aufzusuchen“. Da Plauen ein Außenbezirk von Dresden ist, haben wir uns an und für sich in Sicherheit gewogen. Das war verkehrt. Den ersten Angriff verbrachten wir dicht gedrängt im Luftschutzkeller. Ich muss dazu sagen, wir hatten ein großes Geschäft und die beiden großen Schaufenster waren nach dem Angriff natürlich eingedrückt, die Rollläden verbogen, der ganze Boden voll Glassplitter. Und der deutsche Hausfrauenwahnsinn zwang uns, das alles erst einmal wieder in Ordnung zu bringen. Es war ja vorbei, so dachten wir. Aber nichts war vorbei. Der zweite Angriff erfolgte in einer Weise, die man heute nicht mehr nachvollziehen kann. Es gab keine Sirenen, es gab keine Warnungen. Die Bomber waren da. Die Christbäume standen am Himmel, taghell. Es war alles erleuchtet. Und dann folgten die Bomben. Das Schlimme war, dass meine Tante mit ihren Kindern und die beiden Cousinen mit dem Kind losrasten. Sie rasten hinaus, wollten draußen verrecken aber nicht unter Trümmern verschüttet sein. Und meine Mutter ging auch. Ich war ganz allein. Ich habe den Angriff zusammengeduckt an der Mauer der Weißeritz erlebt. Eingekuschelt, ganz eng an die Mauer gedrückt habe ich alles gesehen. Wie der Feuersturm kam, wie die Funken waagerecht flogen, wie die Häuser abbrannten. Bebauung gab es bei uns jeweils nur auf einer Seite, dazwischen war das Wasser. Als ich wieder hochkam hatten wir nichts mehr. Das was wir gerade gemacht hatten war sinnlos gewesen, denn das Haus stand nicht mehr. Es brannte von oben nach unten durch in einer Geschwindigkeit, die man sich nicht vorstellen kann. Ich galt also als total ausgebombt.

Das was ich auf dem Leib hatte konnte ich nicht mehr verwenden. Mein Mantel war voller Brandlöcher, Schuhe und Strümpfe waren weg. Ich hatte nur noch mich, so wie ich war. Ich habe dann später vom Hilfszug Dr.Goebbels eine Männerturnhose und ein Männerturnhemd bekommen als notdürftige Bekleidung. Und wir haben zu Essen bekommen. Wir bekamen wirklich gut geschmierte Brote, damit wir überleben konnten. Ich habe mich dann bei meiner Tante und bei meinem Onkel auf der Reckestrasse in Dresden-Plauen in Sicherheit gebracht. Meine Tante hatte ihre Mutter aus Köln in Dresden untergebracht weil Dresden ja als sichere Stadt galt, die nicht angegriffen wird. Wir hatten kaum Splittergräben, wir hatten keine offiziellen Bombenkeller. Es gab nichts wo sich Menschen hätten in Sicherheit bringen können. Garnichts. Und meine Tante bat mich nach ihrer Mutter zu sehen. Ich hatte einen Morgenmantel von meinem Onkel an. Mit dem bin ich durch die Stadt gelaufen. Am Hauptbahnhof waren links und rechts die Leichenberge aufgetürmt. Ich bin nicht groß, etwa 1,60 Meter, aber ich konnte gerade so hochlangen. Links und rechts lagen nun die Toten und es verbreitete sich ein unbeschreiblicher Geruch. Ein fürchterlicher Geruch, der mich wochenlang verfolgt hat. Süßlich, faulig – es war furchtbar. Ich bin weiter gegangen und kam dann tatsächlich an. Inmitten der Trümmer fand ich einen kleinen Trampelpfad, Menschen waren vor mir gegangen, gekrochen, geklettert – ich auch. Auf der rechten Seite kniete ein Mann, die Hände vorm Gesicht, das linke Bein ausgestreckt. „Oh Gott“, dachte ich, „Der hat jemanden gefunden, da musst du hin“. Nein, er war tot! Und die Luftmine – es muss eine Luftmine gewesen sein – hatte den gesamten Darmsack aus dem After getrieben, er hing wie eine riesengroße grünlich-bläulich schimmernde Beule hinter ihm. Es war furchtbar, es war ganz furchtbar. Ich habe Tote gesehen, dass man es gar nicht mehr erfassen kann. Später waren sie auf dem Altmarkt dabei, mit Flammenwerfern die Leichen zu verbrennen. Aber was bis jetzt niemand gesagt hat, die Soldaten bzw. Angehörige des Militärs waren dabei den Toten zur Identifikation die letzten Dinge abzunehmen, die noch vorhanden waren. Ohrringe, Ketten, Ringe, Uhren. Es war ein Wassereimer der voll war. Das sind meine Erlebnisse an den Krieg und ich vergesse nichts. Wir sind nach 1945 jeden 13.Februar schweigend zur Ruine der Frauenkirche gelaufen. Wir haben dort gestanden, das Wetter mochte sein wie es wollte, still – haben unsere Kerzen entzündet und auf das Läuten der letzten Glocken gewartet. Das war eine Sache die sehr unter die Haut ging und ich hoffe, dass es auch weiterhin ein würdevolles Erinnern bleibt, ein würdevolles das wir den Toten schuldig sind!

Heinz Wünsche

Ich wohnte ebenfalls in Dresden-Plauen und war 1945 als Kriegsbeschädigter bereits in der Heimat. Ich habe die Bombenangriffe, wie hier in Dresden, vorher schon in Hamburg und Braunschweig miterlebt. Da ich bei der kämpfenden Truppe gedient hatte, konnte ich die Angriffe anders erwarten und sehen als die Zivilbevölkerung. Als die Meldung kam, dass Dresden angeflogen wird, habe ich meine Mutter und meine Geschwister geweckt und ihnen gesagt, sie sollten in den Luftschutzkeller gehen. Ich habe alle Bewohner in den Luftschutzkeller geschickt und obwohl schon die Christbäume gesetzt waren und man die ersten Anflüge der Bomber hörte, konnte ich sie einigermaßen beruhigen. In der Tharandter Straße, vielleicht 200 Meter entfernt, war eine Luftmine detoniert und hatte einen Teil der Häuser beschädigt. Unser Haus war an einem Block von vier Gebäuden direkt an der Weißeritz und der erste Angriff hatte bei uns lediglich die Scheiben zerborsten, was mich zu der Meinung veranlasste, es sei so schlimm nicht gewesen. Doch dann kam der zweite Angriff.

Während des Angriffes – die Bomben flogen schon und das Haus meiner Frau war schon getroffen – holte ich noch viel für meine Schwester aus den Schränken, was sie sich mit ihrem kargen Lohn als Aussteuer angeschafft hatte. Da sah ich nun die Bomber am Himmel ziehen und war außer mir, dass wir dem nun gar nichts entgegen zu setzen hatten, weder Flak noch Jagdflugzeuge. Ich habe es nicht erlebt, dass irgendwo einmal die Flak einen Schuss abgegeben hätte. Es war kein Widerstand festzustellen. In unseren Block mit den Nummern 2, 3, 4 und 5 war Phosphor gefallen und jetzt brannten von dieser Seite die Häuser aus. Wir hatten in jeder Etage unseres Hauses eine Wanne mit Wasser stehen. So habe ich eine Decke in das Wasser gestülpt, habe sie mir über Mantel und Hut gezogen und bin so durch die horizontal fliegenden Funken des Brandes gelaufen. Nachdem die Leute, die Hausbewohner im Keller, alles das über sich ergehen ließen, stieß ein Mann zu uns der von der Nachtschicht kam. Er sagte „Um Gottes Willen, ihr seid noch hier drin? Ringsum brennt es!“. In diesem Moment war es natürlich mit der Ruhe vorbei. Die Kinder fingen an zu weinen und die Menschen wurden unruhig. Nachdem ich zuvor jemanden gesucht hatte der mir helfen könnte, hatte ich diesen jetzt gefunden – den Mann von der Nachtschicht! Zu ihm sagte ich „Komm wir müssen sehen, dass wir oben auf dem Boden die Brandmauer nass spritzen“. Das haben wir dann auch getan weil zu erwarten war, dass der Brand auf unser Haus übergreift. Die nicht gezündeten Brandbomben habe ich zum Dachfenster heraus geworfen und in den Wohnungen die Gardinen herunter gerissen. Korbmöbel, die noch in den Wohnungen standen, habe ich zum Fenster hinaus geworfen. Scheiben und Türfüllungen waren keine mehr vorhanden, so dass zu erwarten war, dass auch unser Haus wegbrennen musste. Von einer Frau habe ich am übernächsten Tag gehört, ob es notwendig war die Gardinen herunter zu reißen. Aber wir haben unser Haus dadurch retten können. Es war das einzige Haus was stehen geblieben ist. Nummer 3, 4 und 5 waren ausgebrannt. Das sind meine Erlebnisse vom 13.Februar 1945.

Ursula und Heinz Wünsche
erschienen im Jahr 2010 in “DRESDEN – der Menschlichkeit entgegen”

Lothar Metzger

Dresden 1945

Es war der 13. Februar 1945 – ich lebte damals mit meiner Mutter, meiner älteren Schwester (13 Jahre), meiner jüngeren Schwester (5 Jahre) und unseren Zwillingen, zwei Mädchen, im September 1944 geboren, in Dresden und freute mich auf meinen 10. Geburtstag am 16. Februar – in drei Tagen. Von meinem Vater, Zimmermann von Beruf und 1939 zur Wehrmacht eingezogen, Dienstgrad Obergefreiter, hatten wir die letzte Post aus der damaligen Sowjetunion, im August 1944 erhalten. Meine Mutter litt furchtbar darunter, daß all ihre Briefe mit einem Vermerk „Nicht zustellbar” zurückkamen. Unsere 3-Zimmerwohnung befand sich in der 4. Etage des Hauses Dürerstraße 89, eine typische Arbeiterwohngegend im Stadtteil Johannstadt.

In meinen Erinnerungen war der 13. Februar, es war Fasching und wir Kinder liefen mit Luftschlangen um den Hals und komischen Hüten auf dem Kopf umher, ein kalter Tag, aber ohne Schnee. Die Ostfront rückte näher. Dies zeigte sich daran, daß ständig Einheiten der Wehrmacht nach Osten und große Trecks von Flüchtlingen auf ihren Weg nach Westen durch die Stadt zogen. Häufig übernachteten letztere auf den Straßen, sowie auf dem Dürer- bzw. Zöllnerplatz, ganz in unserer Nähe, auch in der Nacht vom 13. auf 14. Februar.

Der Fliegeralarm gegen 21.30 Uhr war für uns Kinder eine Angelegenheit, die wir kannten. Das Heulen der Sirenen auf dem Nachbarhaus, schnelles Aufstehen nachts, anziehen und in den Keller rennen waren wir gewöhnt. Meine große Schwester und ich trugen je eine unserer Zwillingsschwestern. Unsere Mutter betrat kurz nach uns den Keller des Hauses. Sie trug einen Notkoffer und Milchflaschen für die Kleinen. Ein Hausbewohner hatte ein Radio im Keller und mit Entsetzen hörten wir die Meldung: „Achtung, starke feindliche Bomberverbände befinden sich im Anflug auf das Stadtgebiet“. Diese Radiomeldung ist nahezu wörtlich, für mich unvergeßlich.
Kurze Zeit später hörten wir ein schreckliches, nie gehörtes lautes Brummen, die Motorengeräusche der anfliegenden Bomberverbände. Unmittelbar danach begann das Inferno der pausenlosen Explosionen und Detonationen. Unser Keller begann zu brennen und an einem Ende war er offensichtlich eingestürzt. Das Licht erlosch und verletzte Hausbewohner schrieen furchtbar. Es entstand Panik und alle Hausbewohner versuchten den Keller zu verlassen. Uns gelang es. Meine Mutter und meine große Schwester trugen einen Wäschekorb, darin befanden sich unsere Zwillinge. Ich hielt meine kleine Schwester an der Hand, mit der anderen Hand hielt ich mich an Mutters Mantel fest. Als wir die Straße betraten, erkannte ich diese nicht mehr. Von unserem Haus war unsere 4. Etage, damit unsere Wohnung, nicht mehr vorhanden, der Rest des Hauses brannte. Ebenso standen die anderen Häuser unserer Straße in hellen Flammen. Immer wieder begleitet von heftigen Explosionen und einstürzenden Häusern. Brennende Flüchtlingswagen, Menschen und Pferde die im Todeskampf schrecklich schrieen, verletzte Frauen, Kinder und alte Menschen, scheinbar ziellos umherlaufende Menschen, die sich einen Weg durch die Trümmer und Flammen suchten, sah ich.

Wir flüchteten in den Keller eines Hauses, welches offensichtlich unbeschädigt war, in der Nähe des Zöllnerplatzes. Dieser Keller war übervoll mit verstörten Menschen, teilweise mit schrecklichen Brandverletzungen und anderen Wunden. Der Keller war erfüllt von Wehklagen der verletzten Menschen und Rufen nach Familienangehörigen. Das Licht war ausgefallen, nur spärliche Beleuchtung durch einige Taschenlampen gab es. Viele Menschen weinten und beteten. Plötzlich hörten wir erneut diese schrecklichen, sich nähernden Geräusche anfliegender Bomberverbände und wieder begannen schreckliche Explosionen in unserer unmittelbaren Nähe. Der zweite Nachtangriff hatte begonnen. Auch dieses Haus wurde getroffen und der Keller begann zu brennen. In unbeschreiblicher Panik zog ein zunehmender Menschenstrom durch die Kellerdurchbrüche von Haus zu Haus. Wir befanden uns gerade in der Nähe eines Kelleraufganges, als uns eine große Anzahl von Menschen entgegenkam. Im Keller herrschte ein unbeschreiblicher Zustand. Die Seitenkeller brannten teilweise, immer wieder kam es zu Explosionen von Gasleitungen, anderen explosiven Materialien oder verursacht durch weitere Bombenabwürfe. Viele Menschen erlitten dadurch schreckliche Verletzungen. Die Luft zum Atmen wurde immer weniger, der Qualm der Brände aber immer mehr. Alles versuchte in fast völliger Dunkelheit in unvorstellbarer Panik, den Keller über die genannte Kellertreppe zu verlassen.

Menschen wurden niedergetreten, Gepäck aus den Händen gerissen oder liegengelassen, verzweifelt kämpfte meine Mutter um den mit nassen Windeln zugedeckten Korb mit unseren Zwillingen. Er wurde ihr aus den Händen gerissen und wir wurden die Treppe empor geschoben.

In einem großen Hausflur, gemeinsam mit anderen Menschen aus dem Keller, sahen wir die brennende Straße, die Trümmer der einstürzenden brennenden Häuser und den unbeschreiblichen Feuersturm. Ein Soldat versuchte die Menschen am Verlassen des Hauses zu hindern, da dies den sofortigen Tod bedeuten würde. Meine Mutter jedoch bedeckte uns mit Decken und Mänteln, die sie in einer Wanne mit Wasser gefunden hatte und zog uns auf die Straße. Schreckliche, unbeschreibliche Bilder zeigten sich.

Völlig verbrannte zur Kindergröße gewordene Menschen, abgerissene Gliederteile, Arme, Beine, Tote, ganze Familien im Todeskampf erstarrt, brennende Menschen liefen umher. Brennende Flüchtlingswagen, Wehrmachtsautos mit toten Soldaten, umherlaufende, ihre Angehörigen suchende Menschen. Zusammenstürzende Häuser und überall Feuer. Ein unbeschreiblicher Feuersturm warf die Menschen zu Boden und ich sah wie der Sog dieses Feuersturmes Menschen in die brennenden Häuser zog. All diese schrecklichen Details kann ich bis in die Gegenwart nicht vergessen. Auf der Gerokstraße gingen wir Richtung Trinitatisfriedhof. Meine Mutter hatte eine kleine Tasche mit Papieren bei sich, den Rest unserer Habe, an der einen Hand mich, an der anderen Hand meine kleine Schwester. Meine große Schwester, die sich stets neben uns befand, war plötzlich nicht mehr bei uns. Meine Mutter lief sofort zurück, fand sie aber nicht. Den Rest der Nacht verbrachten wir im Keller des Johannstädter Krankenhauses. Umgeben vom schrecklichen Wehklagen und Geschrei verletzter und sterbender Menschen.

Am zeitigen Morgen des 14. Februars 1945, gingen wir zurück, um meine große Schwester zu suchen und die Zwillinge, wenn möglich, zu holen. Es war ergebnislos. Unser Haus in der Dürerstraße war nur noch eine brennende Ruine. Das Haus in dem unsere Zwillinge lagen, war unbetretbar. Soldaten sagten uns, daß im Keller eine große Anzahl Menschen verbrannt – und die Keller eingestürzt sind.

Total übermüdet, mit verbrannten Haaren und Brandwunden, liefen wir dann am Vormittag des 14. Februar auf der Loschwitzerstraße Richtung Loschwitzer Brücke. In deren Nähe konnten wir uns in einem Haus waschen, etwas essen und endlich schlafen. Aber nur kurze Zeit, denn es begann der Tagesangriff vom 14. Februar auf die brennende Stadt Dresden. Auch dieses Haus wurde getroffen, brannte und die letzten Papiere meiner Mutter blieben in den Flammen. Völlig verstört und am Ende unserer Kräfte liefen wir über die beschädigte Loschwitzer Brücke, das „Blaue Wunder”, mit uns noch viele ausgebombte Dresdner, Richtung Grundstraße. Hilfsbereite Menschen nahmen uns auf, den Rest unserer Familie. Wir waren nur noch Drei.

Zu meinem 10. Geburtstag am 16. Februar, ich hatte ihn vergessen, überraschte mich meine Mutter mit einem kleinen Stück Wurst, welches sie von einer Verpflegungsstelle des Roten Kreuzes zusätzlich erbettelt hatte.

Die Suche nach meiner großen Schwester in den folgenden Tagen und Wochen blieb ohne Ergebnis. An die letzten Wände unseres zerstörten Hauses in der Dürerstraße schrieben wir unsere zeitweilige Anschrift in der Grundstraße.

Mitte März 1945 wurden wir in ein kleines Dorf in der Nähe von Oschatz evakuiert. Am 31. März 1945, den 34. Geburtstag meiner Mutter, erhielt sie einen Brief von meiner großen Schwester, sie lebte. In dieser verhängnisvollen Nacht im Feuersturm hatte sie uns verloren und sich verirrt. Mit anderen elternlosen Kindern wurde sie nach Bad Schandau gebracht. Später fand sie an den Trümmern unseres alten Hauses die Adresse der Grundstraße. Anfang April holte meine Mutter meine Schwester dann zu uns.

Diese schrecklichen Erlebnisse der Bombennacht von Dresden haben jahrelang zu wirren Träumen und Schlaflosigkeit, zu psychischen Störungen bei mir und dem Rest meiner Familie geführt. Mit den Ursachen und politischen Zusammenhängen dieser Nacht habe ich mich in späteren Jahren intensiv beschäftigt. Davon wurden mein weiteres Leben, sowie persönliche Entscheidungen maßgeblich bestimmt.

Nachsatz:

Im August 1991 verstarb meine Mutter in Berlin. In ihrem Nachlaß fand ich keine Sterbeurkunden über meine zwei Schwestern, die Zwillinge. Da ich diese benötigte, schrieb ich an das Standesamt/Urkundenstelle der Landeshauptstadt Dresden mit der Bitte, mir diese Sterbeurkunden zu übersenden. Mit Datum 08.02.1993, Aktenzeichen Fri 34.3. wurde mir mitgeteilt: „…daß die gewünschten Sterbeurkunden nicht ausgestellt werden. Da die Fälle in der Luftangriffskartei nicht vermerkt sind.“ Dadurch ergibt sich bei mir die Frage, in welcher Höhe die ohnehin umstrittenen Zahlen der Todesopfer vom 13./14. Februar 1945 in Dresden, nach oben korrigiert werden müßten, wenn es möglich wäre, alle Fälle zu klären.

Lothar Metzger
erschienen im Jahr 2005 in “Der Freiwillige”

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Ubasser

3 Kommentare zu “Dresden – 6 Zeitzeugen, 6 Geschichten

  1. neuesdeutschesreich sagt:

    Hat dies auf neuesdeutschesreich rebloggt.

  2. OstPreussen sagt:

    Zeitzeugen…
    Die letzten echten Zeitzeugen sind gestorben, sterben in den nächsten Jahren.
    Insgesamt sage ich:
    Sie haben insgesamt VIEL zu WENIG geredet, und erst recht Wahrheit geredet mit Ihren Kindern, Enkeln usw. über diese Zeit!
    Viele derer, die überhaupt redeten, ließen sich dabei mißbrauchen-im Bezug des Kontextes der Themen-wohlfeil der Siegermachtpropaganda.
    Die meisten schwiegen sich LEIDER aus-es war ja so einfach und bequem.
    Dabei hätten Sie sehr viel dafür tun können, Ihre eigenen Kinder, Enkel nicht un-und desinformiert durchs Leben gehen zu lassen-WÄRE es dann überhaupt soweit gekommen, WIE es jetzt der Fall ist?
    Mein eigener Opa väterlicherseits war so eine miese DRECKSAU!
    Wahrheiten über die 12 Jahre-FEHLANZEIGE-ABER, mit 27 Jahren (geb. 1911) konnte ER sich ein Grundstück kaufen und Einfamilienhaus bauen lassen. Meine Oma hatte Zeit und Muße die Kinder zu kriegen, zu erziehen.
    Auch während seiner Dienstzeit war dem Opa das Glück hold-auf eine zufällige Frage vo mir zu dieser Zeit antwortete er mir mal (so Anfang der 90er Jahre), das er gerne mal noch die italienischen Städte bereisen würde, in denen er mal stationiert war (rückwärtige Dienste).
    Den einzigen Respekt, der mir ist, den hab ich geschäftlich vor ihm. Auch in der guten DDR kam er bestens klar, selbst die Verstaatlichungswelle 1970/71 überlebte seine Privatschlosserei.
    Ansonsten scheiSS ich ihm auf’s Grab-in seiner eigenen Familie, 3 Söhne, der Älteste, dann zweieiige Zwillinge-sääte er nur Ungleichbehandlung, Mißgunst, Neid und Streit.
    Den bitteren Nadelstich vor seinem Tode mag ihm die Pleite der Schlosserei versetzt haben, die er damals aufgebaut hatte-GOTTSEIDANK muSSte er dies wenigstens NOCH erleben!
    Die Großeltern mütterlicherseits bieten bei mir auch kein glorreiches Bild-deshalb erspar ich es.
    Dies ist sehr persönlich, sicher sehr kontrovers und knochenhart, aber die ScheiSSWahrheit!
    Nun mögen einige, oder auch alle auf mich einschlagen-ES IST MIR EGAL-weil, es ist die WAHRHEIT, und ich kann und muSS sie SAGEN.

    Im Gedenken an alle ungesühnten unschuldigen Opfer des Bombenterrors

    OstPreussen

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