Morbus ignorantia – Die Krankheit Unwissen

“Wenn die Deutschen zusammenhalten, so schlagen sie den Teufel aus der Hölle!” Otto von Bismarck

Der Untergang des 3. Reichs – Teil 6 – Das Schlußwort von Hans Kehrl


Von Hans Kehrl

„Hohes Gericht, ich bin mir bewußt, daß ich in diesem Prozeß das bin, was die Anklage als kleinen uninteressanten Fall bezeichnet. Ich erbitte aber Verständnis dafür, daß wie jedem, so auch mir, mein eigener Fall als bedeutungsvoll erscheint und erscheinen muß. Meinem Namen, meiner Familie, meinen vielen treuen Mitarbeitern und auch dem deutschen Volke gegenüber, dem nach bestem Gewissen gedient zu haben, mein Verbrechen sein soll , bin ich es schuldig, daß ich mein Wollen und mein Tun so gründlich und umfassend verteidige, als ob es ein großer Fall wäre.

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Die kluge, gründliche und gewissenhafte Arbeit meines Verteidigers, dem ich dafür von Herzen dankbar bin, hat eine Fülle von Beweismaterial zusammengetragen. Meine Bitte an Sie, meine Herren Richter, geht vor allem dahin, daß Sie das Material mit derselben Geduld und Gründlichkeit studieren mögen, mit der Sie dem Prozeß bisher gefolgt sind. Ich hätte vielleicht dem Hohen Gericht, meinem Verteidiger und auch mir weniger Arbeit zu machen brauchen; denn daß die Beschuldigungen der Anklage gegen mich unbegründet sind – sogar nach der unhaltbaren rechtlichen Theorie der Anklage selbst; das hätte ich aus deren eigenen Dokumenten allein beweisen können, besonders, wenn die von ihr nicht eingebrachten Teile dieser Dokumente mit berücksichtigt worden wären. Nachdem ich aber nun einmal nach dem Willen der Anklage zur Verteidigung gezwungen bin, habe ich auch den Wunsch, freigesprochen zu werden; nicht, weil die Anklage ihre Behauptungen nicht beweisen konnte, sondern klar und eindeutig wegen erwiesener Unschuld selbst nach der rechtlichen Theorie der Anklage, wie sie von ihr im Schlußplädoyer entwickelt wurde.

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Nur das ist der Grund, warum wir so reiches Material beigebracht haben. Neben den Bekundungen zahlreicher Zeugen war es uns auch möglich, viele Dokumente aus der Zeit meiner Arbeit selbst vorzulegen, bei denen selbst die Anklage mit ihrer lebhaften Fantasie nicht schwarz aus weiß zu machen vermag. Daß das Gericht keinen meiner drei Zeugen selbst gehört hat, ist mir natürlich schmerzlich, aber gerade in ihrem Fall wird noch der tote Buchstabe des Protokolls vom lebendigen Menschen zeugen. Ich darf dabei ganz besonders auf das Kreuzverhör dieser Zeugen durch die Anklage hinweisen.

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Ich bin der Anklagebehörde zu Dank verpflichtet, daß sie z .B. in viel stündigem Kreuzverhör der Zeugen Dr. Köster und Dr. Voss wenigstens die Umrisse des wahren Bildes des Protektorates hat erstehen lassen. Seine Kenntnis macht es verständlich, warum jetzt im Jahre 1948 das deutsche Protektorat im Volksmund der Tschechei allgemein mit dem vielsagenden Wort „slata Protektorata“, das“goldene Protektorat „, das wehmütig in nachträglicher Erkenntnis bezeichnet wird.

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Die Anklagebehörde hat auch durch den Mund des völlig neutralen Letten Dambergs in dessen Kreuzverhör die Arbeit der Ost-Faser auf dem Hintergrund der bolschewistischen Vergangenheit der Jahre 1940/41 in das rechte Licht gerückt und geradezu plastisch beleuchtet. Das Ergebnis spricht für sich selbst . Im „brief“ hat sich mein Anwalt mit Erfolg bemüht, dem Gericht einen objektiven Wegweiser durch die Fülle des Materials zu verschaffen . Insbesondere hat er auch zu Punkt 8 der Anklage alles Material, das in den 11 Monaten des Prozesses irgendwo Bruchstückweise angefallen ist, zu einem Bild vereinigt und den Nebel zerrissen, den die Anklage gerade um dieses Problem rechtlich und tatsächlich zu hüllen, bemüht war. Denn gerade hier versucht die Anklage dem Urteil

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des IMT Gewalt anzutun, während sie sonst krampfhaft bestrebt ist, dieses Hohe Gericht an jeden Buchstaben des IMT zu binden. Wenn ich die Hoffnung haben kann, daß das Gericht auch dieses Material liest, dann sehe ich getrost auch dem Spruch darüber entgegen, ob ich ein Kriegsverbrecher als Mitwirkender einer verbrecherischen Organisation war.

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Daß die Anklage in ihrem Schlußplädoyer den Versuch macht, meine Glaubwürdigkeit anzugreifen, kann mich nicht treffen. Diese Behauptung hält dem klaren Ergebnis der Beweisaufnahme ebensowenig stand, wie die meisten sonstigen Behauptungen der Anklage. In dem angezogenen Fall versucht sie den bekannten Trick, erfolgreich eine Behauptung zu bekämpfen, die gar nicht aufgestellt worden ist. Daß mein Wollen nicht nur von der großen Schar treuer, pflichtbewußter und selbstloser Mitarbeiter verstanden worden ist, für deren Arbeit mit zu zeugen, mir eine gern und dankbar erfüllte Pflicht ist, sondern auch von Wirtschaft und Wirtschaftlern der besetzten Gebiete selbst, ist mir eine tiefinnere Befriedigung.

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Opportunismus, Haß, Propaganda und Hysterie der Kriegs- und Siegespsychose haben es nicht fertiggebracht, daß auch nur ein einziger Franzose, Belgier, Balte oder Ukrainer, oder auch nur eine verantwortliche Dienststelle dieser Länder sich der Anklage gegen mich zur Verfügung gestellt hat . Und der von der Anklage vorgelegte Bericht der französischen Gutachterkommission zur Reparationsfrage ist eines meiner wichtigsten Verteidigungsdokumente und die Hauptquelle und Grundlage der Widerlegung der Behauptung der Anklage. Von Herzen will ich jedem Gebiet, das in Zukunft das Unglück haben sollte, von feindlichen Armeen besetzt zu werden, wünschen, daß sich Männer fänden, die ihm die Gesinnung entgegenbringen, die mich in Wort und Tat geleitet hat und die praktisch zur Geltung zu bringen, ich auch außerhalb meines eigenen Tätigkeitsbereiches stets bemüht war.

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Noch vor Jahresfrist hat die Anklage und die von ihr gesteuerte Propaganda immer wieder betont, daß die meisten der hier in Nürnberg Angeklagten als Symbole angeklagt sind. Jetzt will sie es nicht mehr wahrhaben, zumal auch ihr vielleicht mindestens in dem einen oder anderen Fall dämmert, daß sie mit untrüglichem Instinkt bei der Auswahl der Symbole danebengegriffen hat . Aber ohne diese Symboltheorie ist dieser Prozeß , seine propagandistische Steuerung durch die Anklage und die Auswahl der Angeklagten gar nicht verständlich. Die Basis der Symboltheorie aber ist die Behauptung von der Kollektivschuld des ganzen deutschen Volkes .

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Natürlich habe ich mir die Frage vorgelegt, für welchen Kreis deutscher Menschen ich als Symbol gedacht war. Bin ich doch erst im Schlußstadium des Krieges, zu einer Zeit, als Macht und Verantwortung nicht mehr gesucht waren, sondern von den meisten gemieden wurden, mit Aufgaben betraut worden, die in größerem Rahmen von Bedeutung waren. Vielleicht ist es daher nicht zu kühn und überheblich, wenn ich mich mitfühle als Symbol für Zehntausende von anständigen, pflichtbewußten Beamten und Wirtschaftlern, die im Kampf um Leben oder Tod ihres Volkes in der Heimat und in den besetzten Gebieten versuchten , das Rechte zu tun. Trotz unsagbaren Leidens ihres eigenen Volkes waren sie ohne Haß und Überheblichkeit zwar bemüht, dem Krieg zu geben, was des Krieges ist, dabei aber auch durchdrungen von dem Wunsch, unnötige Härten oder gar Ungerechtigkeiten zu vermeiden.

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Und auch sie wieder sind nur Repräsentanten von Millionen, ja -zig Millionen Deutscher, deren Aufgaben- und Pflichtenkreis sie nur einen ganz kleinen Ausschnitt des geschichtlichen Geschehens überblicken ließ. Sie alle waren von dem Streben erfüllt, an dem Posten, an den sie sich vom Schicksal gestellt glaubten, ihre Pflicht zu tun, wie sie sie verstanden bis zum letzten, treu ihrem Volk und getreu dem Eid, den sie in gutem Glauben geschworen hatten. Sie waren aber auch in ihrer überwältigenden Mehrheit von dem Willen beseelt, menschliches und göttliches Recht zu achten. Wenn ich zum Verständnis und zur Verteidigung all dieser Menschen, mit denen ich mich unlöslich verbunden fühle, auch nur ein wenig habe beitragen können oder jetzt beitrage so will ich ohne Bedauern und Murren auf die 3 1/2 Jahre Haft zurückblicken, die hinter mir liegen.

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Ich empfinde es auch als Verpflichtung und Schicksal, daß mein Wort die letzte deutsche Stimme ist, die hier in Nürnberg für sie sprechen kann, für ihre Arbeit, ihr Wollen, ihr Hoffen, ihren Glauben.

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Meine Herren Richter, vor Ihnen aufgetürmt liegt ein gewaltiger Haufen Papier, Tausende von Dokumenten, sogenannten und wirklichen. Nicht sie durchzuarbeiten ist Ihre schwerste Aufgabe, sondern hinter ihnen das wirkliche Leben und Geschehen, sei es auch nur in nebelhaften Umrissen, zu erkennen, das ist das wahrhaft Schwere, das wirkliche Problem. Wir können kaum hoffen, daß Sie uns verstehen, Sie kommen aus einem vielleicht glücklicheren, weiten und reichen Land. Sie kennen keine Enge des Raumes, keinen Standesdünkel, keine Klassenhetze, keinen Klassenhaß. Sie kennen nicht die völkischen und nationalen Vorurteile, die eine mehr als tausendjährige Geschichte und Tradition in den Völkern Europas hat, entstehen lassen, und die wie ein suggestiver Zauberbann auch jetzt noch auf ihnen lasten. Und doch hat sich ein jeder von uns bemüht, Ihnen einen kleinen Einblick in eine Welt zu geben, die sich nicht in Ihr primitives Bild der Verzerrung und des Hasses pressen läßt, das die Anklage zu malen versucht.

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Ich will auch der Anklage nicht auf ihrem Wege folgen, Geschichte durch Schlagwörter zu schreiben oder die Weltgeschichte Gottes als einen Tummelplatz von Verbrechern und Wahnsinnigen anzusehen. Für objektive Geschichtsschreibung ist es noch viel zu früh. Hier kommt es auch nur darauf an zu zeigen, wie Millionen und Abermillionen von Deutschen das Geschehen dama1s subjektiv empfanden, mag ihr Empfinden nun richtig oder falsch gewesen sein, von welchen Motiven sie sich dama1s leiten ließen, welchen Zielen sie zu dienen glaubten. Und das auch nur zu ahnen, ist für den schwer, der diese Jahrzehnte nicht unter uns gelebt hat, der nicht den Pulsschlag der Zeit fühlen konnte, der oft die Geschichte mehr bestimmt als Tatsachen und Personen. Selbst die Anklage hat das in etwa gespürt, wenn sie immer wieder vom „background“ spricht, den sie angeblich zu schildern sich bemühen will und zu dessen Klärung sie doch in ihrer Übertreibung, Einseitigkeit und Entstellung gar nicht oder wenig der Wirklichkeit tatsächlich Entsprechendes beigetragen hat. Denn es sind geistige Kräfte und Ideen, die die Weltgeschichte bewegen. Wir lernen sie nicht verstehen, wenn wir nur pathologische Entartungen betrachten, die aus ihnen entstanden, sondern wenn wir versuchen, ihren Quellen nachzuspüren. Die große französische Revolution Ende des 18. Jahrhunderts hat ihre geschichtliche Bedeutung auch nicht in der Guillotine und den mörderischen Verbrechen, in denen sie endete, sondern in den Idealen der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit , unter denen sie antrat. Wie aber sollen Sie das Geschehen, die Menschen, ihre Handlungen und Motive verstehen, ohne einen Einblick in diese Gedanken- und Gefühlswelt zu haben?

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Sie haben unser Volk nicht gesehen, wie es aus dem Ersten Weltkrieg hervorging. Seine besten Söhne gefallen, Millionen verkrüppelt, Millionen am Verhungern, alle zu Tode erschöpft und noch dazu von dem dunklen Gedanken erfüllt , dies Leid durch eigenes Versagen mitverschuldet zu haben. Sie haben nicht gesehen, wie in diesem Volk eine lang gesäte Saat von Klassenverhetzung und Klassenhaß furchtbar aufging und sich im Bürgerkrieg entlud, wie die Inflation die letzten materiellen Grundlagen der Vergangenheit zerstörte. Sie haben nicht erlebt, wie das Gift des Nihilismus alle ethischen Werte an zu fressen begann, wie ein kalter Bürgerkrieg Jahr für Jahr auch in der Zeit wirtschaftlicher Scheinblüte alle Fundamente menschlichen Zusammenlebens unterwühlte. Sie haben nicht erlebt , wie wirtschaftliche Unvernunft und politisches Versagen das wirtschaftliche Leben immer mehr dem Stillstand entgegentrieb und wie bei dieser Lage das Parlament, in zahllose Parteien gespalten, nur in einem einig schien, jede Regierung am Regieren zu hindern. Sie haben nicht gesehen, wie das wirtschaftliche Elend den kalten Bürgerkrieg Anfang der 30iger Jahre auch wieder zu heller Flamme entfachte. Allein ein Studium der gegenwärtigen Darbietungen von Presse, Radio und Reden jenseits des eisernen Vorhanges kann Ihnen eine schwache Vorstellung davon verschaffen, was in den Jahren vor 1933 an Haß, Lüge, Verhetzung im deutschen Volk sich austobte.

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Manchen schien das naturgesetzlich und unabwendbar. Andere glaubten der These, es handele sich nur um das unselige Werk kleiner Cliquen politischer Hetzer. Immer mächtiger erscholl die Parole gegen Klassenkampf und Zwietracht, der Appell zur Versöhnung aller Schichten und zu gemeinsamer Arbeit. Und diese Parole überwältigte schließlich alles. Hoffende Herzen wollten das glauben, was alle in einen Ausweg aus aussichtsloser Lage versprach. Millionen unpolitischer Menschen gaben ihre Stimme nicht der Verhetzung, sondern der Versöhnung, nicht dem tatenlosen Sich-treiben-lassen, sondern der entschlossenen Arbeit, nicht der Selbstsucht, sondern der Opferbereitschaft, nicht dem Haß, sondern der Liebe. Man fühlte sich erinnert an das Wort :

„The heart has its reasons which reason knows not of“.

Und die zwingende Kraft des Wollens und der gemeinsamen Anstrengung schien das Wunder zu vollbringen:

Die Räder begannen sich zu drehen, Arbeitslosigkeit und Not wichen. Zusammenarbeit und Verstehen begannen zu wachsen zwischen Stadt und Land, zwischen Bürger und Arbeiter, zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Der Schlüssel zur Lösung des sozialen Problems, das so schwer nicht nur auf Deutschland, sondern auf ganz Europa lastete, schien gefunden. Der deutsche Arbeiter begann das Gefühl voller Gleichberechtigung zu gewinnen, und ihn erfüllte und konnte erfüllen das Gefühl des eigenen Wertes und die Sicherheit, seinen Wert und seine Bedeutung geachtet, seine Lebensrechte und Lebensmöglichkeiten gesichert zu sehen. Manch Negatives verblaßte gegenüber der Gewalt dieser Tatsachen und schien nurSchlacke einer im übrigen fast unblutig verlaufenen Revolution, die leicht und bald abgestoßen werden konnte und würde. Ein personeller Reinigungsprozeß würde, so hoffte man, bald wieder Vieles zum Verschwinden bringen, was an Ungesundem, Krankhaftem und Unsauberem durch die Umwälzung auch mit an die Oberfläche gespült worden war. Als keimende Saat neuen Unheils wurde es nicht gewertet. Da machte der ausbrechende Krieg dem Traum einer besseren Zukunft nur durch gemeinsame friedliche Arbeit ein jähes Ende.

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Meine Herren Richter,

Sie haben nicht den Schmerz und die tiefe Resignation erlebt, mit der fast das ganze deutsche Volk den Krieg aufnahm, der alle Hoffnungen zerstörte. Er wurde als eine schwere Schicksalsfügung aufgenommen, die denen, die an die Führung glaubten, unabwendbar erschien. Kein Sieg und kein Triumph vermochte die Freude oder den Jubel auszulösen, den Siegesnachrichten noch im vorigen Weltkrieg hervorriefen. Das Empfinden der Regierten war, wie so oft, unbeirrbarer als das der Regierenden. Die schwere Wetterwolke im Osten lag wie ein Albdruck auf jedem Herzen. Nur in einem waren sich fast alle einig: Ihre Pflicht zu tun an dem Platze, an den sie gestellt waren. Sie hatten im Laufe ihres bisherigen Lebens ein so wildbewegtes Stück Weltgeschichte durchlebt, daß sie die Sokratische Weisheit akzeptiert hatten:Ich weiß, daß ich nichts weiß.

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Die Wenigsten erfüllte die überhebliche Überzeugung, daß sie selbst aus ihrer Froschperspektive Einblick in den Sinn des Weltgeschehens haben könnten. Sie folgten der Führung, der sie vertrauten, und waren gerade in der Erinnerung an den letzten Weltkrieg entschlossen, daß es an ihnen diesmal nicht fehlen sollte.

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Sie, meine Herren Richter,

haben auch nicht erlebt, wie Monat um Monat, Jahr um Jahr die Bomberverbände ungehindert über unsere Heimat einflogen und Stadt um Stadt in Trümmer und Asche legten. Sie haben nicht erlebt , wie Millionen von Menschen, ja man kann sagen, fast ein ganzes Volk Tag um Tag nach den immer häufiger werdenden Bombennächten morgens müde aus den Kellern krochen und über Trümmer vorbei an den zahllosen Toten der Nacht ihren Arbeitsplätzen zustrebten, und das gerade in der Zeit, als das Volk nach Meinung der Anklage hätte lauschen und forschen sollen nach Gerüchten, die aus dem Osten, aus mehr als 1 .000 km Entfernung, über die furchtbaren dort begangenen Verbrechen gerade damals angefangen haben soIlten zu entstehen. Aber auch damals erfüllte kein Haß den einzelnen Deutschen z.B. gegenüber den ausländischen Arbeitern, die Seite an Seite mit ihnen arbeiteten. Die Bombentage und Bombennächte machten vielmehr alle zu Schicksalsgenossen und Kameraden. In Frankreich kann man noch jetzt täglich hören, daß die aus Deutschland zurückgekehrten französischen Arbeiter die wirkungsvollsten Apostel der Völkerversöhnung und des Friedens gerade mit uns Deutschen sind .

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Meine Herren Richter,

Sie haben auch nicht erlebt , wie durch die Zerstörung aller Verkehrswege, durch die Häufung der durch Bombenangriffe Gemordeten, durch den nicht endenden Millionenstrom von Flüchtlingen aus Ost und West jede Möglichkeit geregelten Lebens und Arbeitens im Chaos unterging. Sie haben nicht erlebt, wie sich eine Weltuntergangsstimmung ausbreitete, wie ein Massenwahn, und das durch die Gewalt der Tatsachen geschaffene Chaos durch schreckliche pathologische Verirrungen zu einem wahren Inferno werden ließ. Die Millionen unbekannter namenloser Deutscher in Armee und Heimat aber von denen ich spreche, fuhren fort, ihre Pflicht zu tun:

Ihre Pflicht, wie sie sie sahen, so lange auch nur noch der Schimmer einer Hoffnung zu bestehen schien, getreu ihrem Volke und ihrem Eid.

Denn sie glaubten, daß Gehorsam und Treue genauso notwendige Fundamente des Lebens sind, wie Recht und Gerechtigkeit. Sie ahnten damals noch nichts davon, daß der Mann, in dessen Händen das Geschick des Reiches und des Volkes ruhte, seine schwere Krankheit seit Jahren mit unvorstellbaren Mengen von Tabletten bekämpfte und dadurch physisch und psychisch aus dem Gleichgewicht gebracht, kaum noch eine Ähnlichkeit hatte mit dem Mann, dem sie ihren Eid geleistet hatten.

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Und nun sind Sie, meine Herren Richter, übers Meer zu uns gekommen, um die Wahrheit zu suchen Gerechtigkeit zu üben, soweit die Bindung an das IMT-Urteil und das Kontrollratsgesetz das gestatten, sicher eine Aufgabe, die menschliche Kraft beinah übersteigt. Sie haben vom ersten Tage des Prozesses an, konsequent jeden Versuch unterdrückt, aus diesem Prozeß einen sensationellen Schauprozeß werden zu lassen, und ich habe das volle Vertrauen, daß es Ihr Wille ist, volle Objektivität und Gerechtigkeit walten zu lassen. Was aber soll der Maßstab der Gerechtigkeit sein? Können Sie ihn finden in Beispielen der Vergangenheit, können Sie ihn finden an dem Geschehen Ihres glücklichen Landes, dem Krieg und Bürgerkrieg im eigenen Lande seit beinahe einem Jahrhundert erspart blieb? Oder soll der Maßstab der Gerechtigkeit der Wunsch nach Sühne sein oder gar nach hemmungsloser Rache, wie ihn die Anklage unter Mißbrauch selbst des Kontrollratsgesetzes sucht?

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Gerechtigkeit ist nichts Abstraktes, Absolutes. Sie darf und kann nicht entstehen aus theoretischer, lebensfremder Konstruktion. Sie muß dem Leben und der Wirklichkeit, in der jeder von uns stand, gerecht zu werden versuchen. Gegenüber dem unsagbaren Leid, das so viele Völker und unser deutsches Volk besonders betroffen hat, gegenüber den Hunderttausenden, ja Millionen völlig Unschuldiger, die noch nach dem Kriegsende sterben mußten, nur weil sie Deutsche waren, mag das Schicksal, das Sie über uns 21 verhängen, belanglos erscheinen; es ist nur ein Tröpfchen in einem Meer des Leidens! Und doch, ob Sie es wollen oder wir es wollen: Ihr Urteilsspruch ist auch ein Symbol. Auf Ihre Schultern ist eine Verantwortung gelegt, die weit über das Schicksal von uns 21 Menschen hinausgeht. Gerade in diesen Wochen bewegt Millionen das Geschick von Menschen, die von den viel zu weit gespannten Netzen eines Rachefeldzuges – zum Teil sicher ganz zu Unrecht – erfaßt, noch nicht einmal die uns gewährte Chance eines „fair trial“ erhielten und erhalten sollen.

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Diese Anteilnahme und Erschütterung gilt sicher nur zum Teil den Betroffenen selbst. Sie ist darüber hinaus die bange Frage nach dem Willen zu Recht und Gerechtigkeit von Seiten Ihres Landes, das im Begriff ist, das Schicksal der Welt in seine Hände zu nehmen. So wird auch Ihr Urteilsspruch und seine Begründung von Millionen draußen im Lande als Zeichen gewertet werden, für den Willen und die Fähigkeit, fremdes Schicksal und Schicksalsverflechtung des Lebens zu verstehen, Vaterlandsliebe und Opferbereitschaft und Treue zum Eid zu achten.

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Sie, meine Herren Richter, tragen mit eine Verantwortung dafür, ob der Weg zu Verständigung und Versöhnung frei wird, oder ob weiter von Haß diktierte Vergeltung, Intoleranz, Hochmut und Selbstgerechtigkeit herrschen sollen. Sie vermögen einen Beitrag dazu zu leisten, daß Millionen Schwankender und Entwurzelter geholfen wird, in ihrem bangen Wunsch noch einmal wieder an den Sieg des Guten und der Gerechtigkeit in der Welt zu glauben. Sie können ihnen helfen, die schicksalhafte Kette des Hassens und Vergeltens zu zerreißen und sich noch einmal einzusetzen für das, was sie einst im Herzen trugen, und neu zu beginnen mit reinen Händen, mit kühlem Verstand, mit verzeihendem Herzen. So ruht eine Verantwortung auf Ihnen, wie sie Richter nur selten zu tragen haben. Möge der Segen des Allmächtigen auf Ihren Beschlüssen ruhen. Unsern Anklägern aber möge der Allgütige verzeihen, denn es ist ihnen nicht gegeben, die Wahrheit zu sehen.

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Hans Kehrl

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*** Ende ***

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Ubasser

3 Antworten zu “Der Untergang des 3. Reichs – Teil 6 – Das Schlußwort von Hans Kehrl

  1. Kint 26. Februar 2014 um 21:43

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