Morbus ignorantia – Die Krankheit Unwissen

“Wenn die Deutschen zusammenhalten, so schlagen sie den Teufel aus der Hölle!” Otto von Bismarck

2. Fortsetzung: Ein Besuch in Syrien


Letzter Absatz des vorhergehenden Berichtes:

Nach einem Kaffee im Sekretariat und einem Gruppenfoto verlassen wir Homs und fahren zu unserem Nachtquartier ins christliche Tal. Die Region ist sehr grün und im Gegensatz zu Damaskus mit einer reichen Flora & Fauna gesegnet. So recht will ich aber nicht einschlafen, zu stark kreisen meine Gedanken über die bitteren Eindrücke des Tages. Ein Anschlag auf eine Schule: Wie feige müssen diese Rebellen eigentlich sein!

Die „Stadt der Märtyrer“

Am fünften Tag der Reise geht es nun zur Burg Krak des Chevaliers. Hierbei handelt es sich um eine mittelalterliche Burg. Diese wurde 1031 als Hisn-al-Akrad (Burg der Kurden) vom Emir von Homs errichtet. 1099 wurde sie vom Heer des ersten Kreuzzuges von Raimund von Saint-Gilles besetzt, allerdings nur als Zwischenstation auf dem Weg nach Jerusalem genutzt.  Im Jahr 1110 wurde die Burg dann durch Tankred von Tiberias dauerhaft erobert. Bis 1267 wurde die Burg zunächst von den Kreuzrittern, dann vom Johanniterorden genutzt. Dann wurde sie zwischen 1267 und 1271 durch Sultan Baibar genutzt. In der französischen Kolonialzeit wurde die Burg schließlich renoviert. Welch Anziehungskraft die internationale Touristenattraktion besaß, zeigte die Tatsache, dass am 20. September 2009 über 9.000 Besucher die Burg besichtigten.

Gruppenfoto vor der Burg Krak des Chevaliers

Gruppenfoto vor der Burg Krak des Chevaliers

Die Burg Krak des Chevaliers wurde von Terroristen besetzt

2011/2012 kamen Islamisten der Gruppe Jaish-al-Fetah – die der sogenannten „Freien Syrischen Armee“ zugerechnet wird – über den Libanon in das anliegende Dorf al-Hosn, eingeladen vom regionalen Imam. Zu diesem Zeitpunkt hielten sich nur wenige Regierungssoldaten in der Festung auf. Mit den Rebellen wurde daher ein friedlicher Abzug der syrischen Soldaten vereinbart. Doch als die Soldaten die Burg verließen, wurden diese kaltblütig und unehrenhaft erschossen. Von diesem Zeitpunkt, so schilderte man uns, wusste die Bevölkerung, mit was für Rebellen sie es zu tun hatten. Noch heute konnten wir in persönlichen Gesprächen den Groll auf die angeblichen Freiheitskämpfer heraus hören. Diese hätten sich respektlos verhalten, hätten gestohlen und den Bewohnern des Ortes, die vielfach auf der Burg groß geworden sind, den Zutritt zu dieser verwehrt. Etwa 1.000 Rebellen hielten sich zu Hochzeiten hier auf. Trotz dieser Anzahl gab es Widerstand aus der Bevölkerung gegen die als Besatzer empfundenen Terroristen. Einer ihrer Anführer, Sheik Majoub, wurde von den Einheimischen in eine Falle gelockt und getötet. Am 20. März 2014 konnte die Burg zurückerobert werden.

Aussicht von der Burg Krak des Chevaliers

Aussicht von der Burg Krak des Chevaliers

Latakia und Tartus: Syrische Flüchtlingsstädte

Die letzte Station unserer Reise ist Latakia, in das wir über Tartus reisen. In beide Städte fliehen sehr viele Menschen aus diversen umkämpften Regionen Syriens. In Latakia sehen wir sogar zahlreiche Neubauten, beziehungsweise im Aufbau befindliche Wohnviertel, die – wie man uns sagt – insbesondere für junge Leute sind. In Latakia gibt es ein großes Universitätsgelände. In beiden Städten wohnen sehr viele Alawiten.

Bereits jetzt sind uns zahlreiche Bilder von teilweise sehr jungen Soldaten aufgefallen. Uns wird erklärt, dass diese Soldatenporträts angefertigt werden, bevor diese in den Krieg gegen die Rebellen ziehen. Anschließend werden sie dann an deren Eltern oder Bekannte geschickt. Wenn ein Soldat fällt, werden zum Dank an das selbstlose Opfer Plakate angefertigt und in der Stadt aufgehangen. Häufig werden diese Plakate noch mit Baschar al-Assad, Bassil-al-Assad oder Hafiz al-Assad versehen. Die syrische Flagge darf darauf freilich nicht fehlen. Gelegentlich sieht man auch Bilder, auf denen auch Suheil al-Hassan zusehen ist. Er ist der Anführer der Tiger Forces, einer Eliteeinheit der syrischen Armee.

In Tartus lebten vor dem Krieg etwa 115.000 Einwohner. Alleine aus dieser Stadt sind bereits 15.000 Soldaten gefallen. So stellen die Märtyrerplakate ein eindrucksvolles Zeugnis der Opferbereitschaft des syrischen Volkes dar. Nicht umsonst trägt Tartus auch den Beinamen „Stadt der Märtyrer“. In Latakia lebten zu Kriegsbeginn etwa 400.000 Einwohner und auch diese Stadt hat bereits 20.000 Gefallene zu verzeichnen. Durch die Flüchtlinge hat sich die Einwohnerzahl beider Städte etwa verdreifacht.

Plakate zu Ehren der zahllosen Märtyrer prägen das Stadtbild

Plakate zu Ehren der zahllosen Märtyrer prägen das Stadtbild

Damit ein Ernährer in den Familien verbleibt, muss den Wehrdienst in Syrien prinzipiell erst das zweite Kind einer Familie antreten. Auch Studenten sind vom Wehrdienst befreit. Zudem gibt es die Möglichkeit, sich vom militärischen Dienst freizukaufen, was allerdings umgerechnet fünf bis achttausend Dollar kostet. Auch bis jetzt gibt es noch keine Generalmobilmachung. Familien von Märtyrern werden von der Regierung im Rahmen der Möglichkeiten unterstützt. Zunächst gibt es eine grundsätzliche Unterstützung in Höhe von einer Million syrischen Pounds (600 syrische Pounds entsprechen etwa einem Euro). Kinder werden in besonders guten Märtyrer-Schulen unterrichtet und genießen auch ansonsten eine Bevorzugung. Dortigen Schülern wird auch mit schlechteren Noten im Anschluss der Studienwunsch erfüllt.

Interessante Informationen, über welche ich noch beim Bezug unseres Hotels in Latakia nachdenke. Wunderbar am Mittelmeer gelegen, könnte dies auch gut ein europäischer Ferienresort sein.

Paradiesische Aussicht vom Hotelfenster zum Mittelmeer

Paradiesische Aussicht vom Hotelfenster zum Mittelmeer

Treffen mit einem Vertreter der Baath-Partei

Nach einer ausgeschlafenen Nacht im Hotel treffen wir am vorletzten Tag den Vorsitzenden der Baath-Partei in der Region Latakia. Er ist der Ansicht, dass es geheime Mächte gibt, die hinter den handelnden gegnerischen Parteien im syrischen Krieg wirken. Außerdem erzählt er uns, dass es unter den vermeintlichen syrischen Flüchtlingen, die nach Europa fliehen, sehr viele Schläfer gibt. Diese sollen einerseits neue Kräfte für den Kampf gegen Syrien rekrutieren und andererseits den Konflikt ausweiten.

Hier will ich nun einige Auszüge aus dem Parteiprogramm der Baath-Partei dokumentieren, damit man eine grobe Einschätzung der Stoßrichtung dieser Regierungspartei erhält:

Entnommen und frei ins deutsche übersetzt: The Constitution Of The Baath Arab Socialist Party – Approved By The First Congress Of The Party In 1947

Fundamentale Prinzipien

Erstes Prinzip: Der Arabischen Nation Einheit und Freiheit.
1) Das Arabische Heimatland ist ein unteilbares politisches und ökonomisches Wesen und keine arabische Region kann sich für die Bedingungen seiner Existenz von den anderen arabischen Regionen trennen.
3) Das Arabische Heimatland gehört den Arabern. Sie allein haben das Recht ihre Angelegenheiten, ihren Reichtum und ihre potentielle Entwicklung zu verwalten.

General-Prinzipien – Artikel 3
Die Baath Arabisch Sozialistische Partei ist eine Pan-Arabische National Partei die glaubt, dass Nationalismus ein lebendiger, unsterblicher Fakt ist und dass das bewusst Pan-Arabische Nationalgefühl, welches das Individuum nah an seine Nation bindet, ein heiliges Gefühl ist, voller kreativer Kraft, Opferbereitschaft, Verantwortungsbewusstsein und Ansporn. Es ist praktisch und effektiv und lenkt den Humanismus des Individuums.
Die Panarabische Nationalidee ist der Wille der arabischen Menschen sich zu befreien und zu vereinigen. (…)

Artikel 4

Die Baath Arabisch Sozialistische Partei (BASP) ist sozialistisch und sie glaubt das Sozialismus eine Notwendigkeit ist, die emaniert ist vom Kern des arabischen Nationalismus, weil er das idealste System ist, welches den arabischen Menschen erlaubt, ihre Potentiale zu materialisieren und die Reifung ihres Genius in der besten Weise umzusetzen. (…)

Artikel 6

Die BASP ist revolutionär und glaubt, dass ihre Hauptziele in der Wiederauferstehung des Pan-Arabischen Nationalismus und der Etablierung des Sozialismus nicht vollendet werden können, außer durch den Weg der Revolution und des Kampfes. Abhängigkeit von langsamer Entwicklung und Zufriedenheit mit oberflächlichen, teilweisen Reformen bedrohen das Ziel. Daher entscheidet die Partei:
a) zu kämpfen gegen ausländischen Kolonialismus im Auftrag der Befreiung des ganzen arabischen Heimatland
b) zu kämpfen für die Etablierung der Solidarität aller Araber in einem unabhängigen Staat.
Zu revoltieren gegen die korrupte Realität in allen intellektuellen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Aspekten des Lebens

Artikel 7

Das arabische Heimatland ist das Land, in dem die arabische Nation lebt. Zwischen dem Taurusgebirge und dem Bishtekwih Gebirge, Golf von Aden, dem arabischen Meer, äthiopischen Bergen, der großen Sahara, dem atlantischen Ozean und dem Mittelmeer.

Die ökonomische Politik der BASP

Artikel 35

Wucher unter Bürgern soll verhindert werden. Eine Regierungsbank soll gegründet werden, um das Auskommen sicherzustellen, welches garantiert wird vom Nationaleinkommen. Es soll notwendige landwirtschaftliche und industrielle Projekte finanzieren.

Anmerkung des Artikelautors: Die arabische Nation ist für die Partei ein Ideal und deshalb de facto schwer umsetzbar. Der Nationalismus definiert sich hier nicht über eine syrische Nation, sondern über die Araber im Allgemeinen. Das hängt auch damit zusammen, dass es ein klassisches syrisches Volk in Abgrenzung zu anderen Ländern nicht gibt. Die Grenzen zwischen den Arabern wurden erst durch die westlichen Kolonialisten gezogen, daher auch die Betonung dieser speziellen arabischen Einheit.

Die Baath-Partei regiert seit 1963 in Syrien. Davor gab es einen ständigen Wechsel der Machthaber, die jeweils meist nur in die eigene Tasche wirtschafteten und es nicht schafften, das syrische Land mit seiner sehr unterschiedlichen Bevölkerung zu einen und langfristig hinter sich zu bringen. Bei der diesjährigen Parlamentswahl erzielte sie 80% der Stimmen, die auf die „Nationale Einheitsliste“ fielen (ein Zusammenschluss mehrerer syrischer Parteien, unter anderem auch kommunistische Parteien). Damit gewann sie 134 der 168 Sitze dieses Bündnis. Im syrischen Parlament sitzen des Weiteren 5 Abgeordnete der Volksfront für Wandel und Freiheit, davon 4 auf die SSNP (Syrian Socialist and Nationalist Party). 77 Abgeordnete sind in keiner der beiden Fraktionen.

Märtyrergeschichten am Friedhof

Nach dem Besuch der Baath-Partei geht es für uns zu einem Märtyrerfriedhof. Heute ist Märtyrer-Tag, an welchem die Familienangehörigen zu den Gräbern ihrer Gefallenen gehen. Auch wir zeigen unseren Respekt vor den Gefallenen und Ehren die Kämpfer, in dem wir Zweige und einen Kranz an ihren Gräbern niederlegen. Zwei Mütter berichten uns von ihren Söhnen, die bei der Verteidigung eines Kontrollpostens gefallen sind. Eindrucksvoll trug uns dort ein kleines Mädchen auch ein Gedicht vor. In diesem betont sie stolz und ausdrucksstark, dass sie die Tochter eines Märtyrers ist. Ihre Mutter erzählt uns, dass ihr Vater noch kurz vor seinem Tod angerufen hat. Die letzten Worte zu seiner Tochter beinhalteten die Botschaft, dass sie eine gute Tochter werden und das kommende Syrien starkmachen soll. Wir treffen auch einen Kämpfer, der ein Bein verlor und sich, seitdem er nicht mehr kämpfen kann, im Jugendhilfswerk engagiert. Dieses kümmert sich vor allem um Veteranen, Alte und Kranke.

Auch ich lege Grabgaben bei den syrischen Märtyrern nieder

Auch ich lege Grabgaben bei den syrischen Märtyrern nieder

Der Präsident vor Baschar al-Assad war sein Vater Hafiz al-Assad. Dieser einte das Land 1970 und führte es. Eigentlich sollte sein Nachfolger Basil al-Assad werden, der eine Karriere im Militär gemacht hatte und in der Bevölkerung sehr beliebt war. Jedoch starb dieser 1994 noch vor seinem Vater bei einem Autounfall. Als Hafiz im Jahr 2000 starb, musste somit Baschar al-Assad die Nachfolge antreten, obwohl er eigentlich seinen Beruf als Arzt fortführen wollte. Wir haben die große Ehre, das Mausoleum der beiden in Kardaha besuchen zu dürfen, um dort ebenfalls einen Kranz niederzulegen. In dem Mausoleum liegt auch die Frau von Hafiz al-Assad, Anisa Machluf, welche erst dieses Jahr verstorben ist.

Lebhafte und zufriedene Kinder im kriegsgebeutelten Syrien

Anschließend fahren wir zurück zum Hotel. Mit drei Kameraden flaniere ich einen kleinen Boulevard hinunter, vergleichbar mit den touristisch ausgelegten Straßen in Urlaubsorten. Wir setzen uns in ein Café und beobachten die Szenerie. Ein kleiner Bahnwagen, wie man ihn gewöhnlich aus europäischen Städten kennt, wo er eingesetzt wird, um lauffaule dicke Amerikaner mit großen Kameras an echten und vermeintlichen Sehenswürdigkeiten vorbei zu karren, versieht hier seinen Dienst. Das Kennzeichen ist noch ein holländisches, der Fahrer trägt eine gefälschte Ray-Ban-Sonnenbrille und Flip-Flops. Auf Discolautstärke wird die Straße mit den neusten arabischen Stimmungsliedern beschallt. Darin sitzt eine große Schar Kinder, völlig ausgelassen singend und tanzend. Der Bus dreht mit den Kindern eine Runde nach der anderen, den kleinen Boulevard rauf und runter. Der kuriose Anblick – irgendwie typisch syrisch – bringt uns zum Lachen. Nebenher fahren weitere Kinder mit ihren Fahrrädern, die ihre Vorderräder in die Luft reißen. Ein Junge hält bei uns und posiert stolz mit seinem Rad. Dann fährt er weiter. Dann sehen wir ein Auto vorbeifahren, in dessen Kofferraum ebenfalls etwa fünf Kinder sitzen und lachen. Lebhafte und zufriedene Kinder, die hoffentlich einmal in einer freien und friedlichen Heimat leben werden.

Kinder

Nach einer Runde Schwimmen im noch recht kühlen Mittelmeer heißt es Abschied nehmen von einem Kameraden, der schon früher abreist. Nach einem kurzen Einkaufsbummel zwecks Souvenirs für die Heimat und dem Abendbrot geht es ins Bett. Die letzte Nacht in Syrien.

Erzählungen eines syrischen Soldaten

Auch am letzten Tag ist nicht Ausruhen angesagt, da auch dieser genutzt werden will. Vor der Heimreise stehen noch einige Termine an. Zunächst will uns der Gouverneur von Latakia, Khodor al-Salem, treffen. Er vermerkt gleich zu Beginn, dass er lediglich der europäischen Bevölkerung, nicht aber den europäischen Regierungen vertraut. Er zitiert in seinem Gespräch mit uns auch Baschar al-Assad, welcher sagte: „Europa wird dafür (Anm.: Waffenlieferungen an die Rebellen) büßen … Terroristen, bewaffnet mit militärischer Ausrüstung und extremistischer Ideologie, werden nach Europa zurückkehren„. Nebenbei berichtet er auch von einem humanistischen Erfolg der syrischen Regierung: Pakistanische IS-Kämpfer hatten das Polio-Virus eingeschleppt und der Regierung ist es nun gelungen, das Virus erneut auszurotten. Schlechte Nachrichten gibt es leider von der Front, so der Gouverneur. Die syrische Armee hat die wichtigen Ölgebiete bei Palmyra an den islamischen Staat verloren und auch in Aleppo waren Verluste von drei wichtigen Stellungen an Dschabad Al-Nusra zu vermelden.

Dankbare und bescheidene Flüchtlinge in Syrien

Nach dem Gespräch besuchen wir noch eine Flüchtlingsunterkunft für Geflüchtete aus der Kleinstadt Harim im Nordwesten Syriens. Hier leben etwa 250 Menschen, darunter 120 Kinder, die nun in der ehemaligen Schule untergebracht sind. Harim liegt in der Provinz Idlib, in der Nähe der Grenze zur Türkei und wurde von Al-Nusra erobert. Die Gegend ist landschaftlich geprägt. Allerdings waren die Einwohner durch den Pistazienanbau zu einem kleinen Wohlstand gekommen. Jedes Jahr verdienten sie durchschnittlich etwa 15 Millionen syrische Pounds, worauf sie sehr stolz waren. Al-Nusra schlachtete alle Männer ab, die nicht mit ihnen sympathisierten, obwohl die meisten im Krieg keinerlei Partei ergriffen. Aus diesem Grund sind in der Flüchtlingsunterkunft überwiegend Frauen und Kinder anzutreffen.

Eine ehemalige Schule dient als Unterkunft für die Geflüchteten

Eine ehemalige Schule dient als Unterkunft für die Geflüchteten

Es sind stolze und bescheidene Menschen, die hier leben, dies erkennt man sofort. Sie nehmen ihr Schicksal hin und wollen nur wenig annehmen. Eine Aktivistin des Jugendhilfswerkes erzählte uns folgende Erfahrung: Sie verteilte gerade Kleidung an die Bedürftigen. Ein Mann kam an, er sollte Sachen abholen. Er nahm sich lediglich eine Unterhose. Die Aktivistin sagte: „Nehmen Sie sich mehr!“ Er lehnte jedoch mit den Worten: „Geben sie es lieber den anderen Geflüchteten“ ab. Auch der Leiter der Unterbringung sagt uns, dass es den Menschen hier generell gut geht, da die Regierung sehr für sie sorgt. Das Einzige was wirklich fehlt, wären Kühlschränke, was sich bei der Hitze natürlich besonders schlecht mache.

Flüchtlingskinder in ihrer Unterrichtsklasse

Flüchtlingskinder in ihrer Unterrichtsklasse

Nach dem Besuch gehen wir noch in eine kleine Kirche aus dem ersten Jahrhundert, die unterirdisch gebaut wurde. Grund dafür war, weil sich die Christen damals noch vor der Verfolgung der Römer verstecken mussten.

Eine Soldatengeschichte aus Syrien

Als letzte Station in Syrien steht ein Treffen mit einem Aktivisten und einer Aktivistin des „Syrian Youth Council“ sowie einem ehemaligen Soldaten an. Der „Syrian Youth Council“ hat etwa 1.000 Mitglieder, davon 500 in Latakia. Er engagiert sich karitativ, organisiert allerdings auch diverse Veranstaltungen wie die „Latakia Fashion Show“, wo junge syrische Modedesigner ihre Kleidung präsentieren können, oder das „Latakia Film Festival“, in dem neue Filme von jungen Regisseuren gezeigt werden. Ihre Projekte finanzieren sie jeweils separat, häufig in Kooperation mit Institutionen wie der Universität von Latakia.

Der Soldat, welchen die Aktivisten zum Gespräch mitbrachten, verletzte sich bei einem Fronteinsatz. Durch eine weitere Vorverletzung ist es sehr unwahrscheinlich, dass er noch mal an die Front kann. Er kämpfte bei Damaskus, um das bereits erwähnte Adra. Er äußerte sich kritisch, insbesondere über die Versorgung der Truppen. Die syrische Armee war merklich schlechter ausgerüstet als beispielsweise der IS und Al-Nusra. Dies liegt zum einen an mangelnder Vorbereitung der Armee, mit dem Anlegen der entsprechenden strategischen Vorräte, andererseits aber auch am mangelhaften Nachschub durch den Boykott. Der IS erhält bekannterweise Nachschub über den Landweg aus arabischen Ländern wie Jordanien. Phasenweise mussten die Regierungssoldaten sich sogar von Gras ernähren, da die Vorräte nur einen Tag reichten. Unser Gesprächspartner verlor während des Einsatzes 35 bis 40 Kilogramm an Gewicht. Später wurde die Versorgung aus der Luft sichergestellt. Flieger konnten jedoch aufgrund von feindlichem Flakfeuer nicht landen. Daher wurden Pakete sehr ungenau abgeworfen und mussten in riskantem Einsatz von den Soldaten geborgen werden. Hierbei starben viele Soldaten und auch unser Gesprächspartner sah viele Kameraden sterben.

von Märtyrern zeugen ...von der Opferbereitschaft der syrischen Soldaten

Die Bilder von Märtyrern zeugen von der Opferbereitschaft der syrischen Soldaten

Ihnen gelang es letztlich, Adra zu erobern. Ein Kamerad von ihm konnte sogar einen Panzer des IS (erbeuteter Panzer russischer Bauart aus syrischem Armeebestand) mit einer Panzerfaust knacken. Zu Anfang war vor allem ein Problem, dass viele Soldaten aus Regionen kamen, die von Terroristen besetzt waren. Die Terroristen nahmen deren Familien oftmals als Geiseln und zwangen die Männer so zum Seitenwechsel. Wenige, die er aus Armeezeiten vor dem Krieg kannte, liefen freiwillig zum Feind über.

Ein Kamerad sagte ihm: „Ich bin aus der Stadt, die nicht vergisst“. 1982 hatten sich radikal-islamische Muslimbrüder in der Stadt verschanzt und es drohte damals bereits eine Kriegssituation wie heute. Allerdings konnte der Aufstand damals niedergeschlagen werden, da es im Gegensatz zu heute keine ausländische Intervention gab. Deswegen ist er im Gegensatz zu vielen anderen in Syrien auch eher pessimistisch, was die Zukunft des Landes angeht. Dass es eine Rückkehr zum alten Syrien gibt, glaubt er nicht, auch wenn er natürlich auf eine positive Zukunft hofft. Gerade die Kurdengebiete dürften schwer zu überzeugen zu sein, in den gemeinsamen Staat zurückzukehren.

Auch bei diesem interessanten Gespräch verstreicht die Zeit leider viel zu schnell und so hieß es allmählich Abschied nehmen von Syrien. Noch einmal besteigen wir den Bus und los ging die Fahrt zur Grenze Richtung Libanon.

An der Grenze noch einmal ein besonders schikanöses Verfahren. Die Grenzer auf syrischer Seite ließen es sich nicht nehmen, noch einmal alle Passdaten nach Damaskus zu schicken. Die Prozedur war zeitraubend, jedoch war ein Ende immerhin absehbar. Nicht so auf libanesischer Seite. Hier wurden insbesondere die Papiere unseres Fahrers, trotz gültiger Durchreiseerlaubnis, als Problem angesehen. Insgesamt kosteten uns die Kontrollen drei Stunden. Dann ging es endgültig gen Flughafen.

Der Libanon: ein politisch gescheiterter Staat

Der Libanon ist ein politisch gescheiterter Staat. Immer wieder gibt es hier Unruhen und Auseinandersetzungen, da unter anderem das Zusammenleben der Religionsgruppen nicht klappt. Zudem ist die Hisbollah sehr mächtig und vertritt häufig gänzlich andere Ansichten als die Regierung. Ebenso tragen diverse palästinensische Gruppierungen aus der großen palästinensischen Flüchtlingsgemeinde zu den Unruhen bei. Zu allem Überfluss hat der Staat seit dem 26. Mai 2014 nicht einmal ein Staatsoberhaupt, da mehrere Wahlen scheiterten.
Seit dem letzten Krieg mit Israel im Jahr 2006 hat sich das Land wirtschaftlich jedoch komplett verändert. Bei unserer Fahrt sehen wir riesige Leuchtreklamen, große Gebäude, dicke SUVs und noble Sportwagen. Amerikanische Geschäfte, von Burger King, über Mc Donalds, bis hin zu Dunkin Donuts haben Einzug gehalten. Die Währung ist an den Dollar gekoppelt und der Dollar wird als Währung beinahe häufiger genutzt als die einheimische Währung, die libanesische Lira. Der Libanon hat sich zu einem durch und durch kapitalistischen Land entwickelt. Die jungen Leute machen einen arroganten Eindruck, sprechen französisch mit imitiertem amerikanischem Akzent. Selbst das Militär fährt amerikanische Humvees. Die typischen Schattenseiten des Kapitalismus werden natürlich gut versteckt. Eine bettelnde Frau sitzt einsam vor einem Schmuckgeschäft. Unsere syrische Begleitung erzählt uns, dass der Strom in den Wohnungen der Libanesen häufig ausfällt, beziehungsweise viele Libanesen Strom schon gar nicht mehr bezahlen können.

Wandmalereien in Syrien bekunden einen patriotischen Geist

Wandmalereien in Syrien bekunden einen patriotischen Geist

Was für ein Gegensatz zum unweit entfernten Nachbarland Syrien. Und während Beirut an mir vorbeizieht, und eine riesige Reklametafel für ein Auto mit den Worten: „Heute fahren – in einem Jahr mit Zinsen abzahlen“ wirbt, kehren meine Gedanken zurück nach Syrien. Ich erinnere mich an den gestrigen Nachmittag, an die unbeschwerten Straßenszenen. In Syrien glänzt nichts. In Syrien gibt es keine Fast-Food-Läden. Keine teuren Wagen. Keine grellen Lichter. Aber Syrien hat eine Identität. Diese Identität ist der Stolz der Syrer. Für die Freiheit dieses Land sind viele bereit zu kämpfen. Und gerade jetzt wird mir bewusst, warum mir dieses Land so sympathisch ist. Meine Gedanken kreisen sich – es bleibt zu hoffen, dass die Syrer an ihrer Nation festhalten und den Kampf gewinnen, um frei in die Zukunft schreiten zu können!

Ein solidarisches Fazit

Ich habe ein Land kennengelernt, was sich von klassisch kapitalistischen Ländern, wie wir sie kennen, stark unterscheidet. Das Land ist nationalistisch (im Glauben an die arabische Nation) und sozialistisch geprägt. Hier ist man Stolz auf die Verwandten, die an der Front kämpfen. Hier ist man Stolz auf seine Führer. Das „hast du was, bist du was“-Denken ist hier gänzlich unbekannt. Und genau damit eckt Syrien an. Letztlich ist die komplette Umgebung – also alle Nachbarländer – feindlich gesinnt.

Im Norden die Türkei, welche sich zum einen immer mehr in eine islamistische Gesellschaft entwickelt und daher immer intoleranter gegenüber einem liberalen Land mit vielschichtiger Bevölkerungsstruktur wird. Zudem wird die Türkei von einem imperialistischen Herrscher regiert, der sich ganze Regionen in Syrien unter den Nagel krallen will. Im Nordosten kämpfen die Kurden für ihre Unabhängigkeit. Im Osten liegt der Irak, dessen Gedeih und Verderb nur von amerikanischer Intervention abhängt und dazu noch ein relativ sicheres Biotop für den Islamischen Staat darstellt. Im Süden der Wüstenstaat Jordanien, welcher wirtschaftlich bereitwillig mit den Vereinigten Staaten von Amerika zusammenarbeitet, aber politisch eine islamistische Monarchie darstellt und denen böse Zungen ebenfalls Versprechungen auf Teile Syriens gaben. Im Südwesten liegt die Grenze zu Israel. Ein Staat, der bereits seit 1967 völkerrechtswidrig und ungestört die Golan-Höhen besetzt. Ein Staat, dem die Idee einer arabischen Nation wenig passt, da zu diesem Gedanken nun mal ein zionistisches Gebiet auf arabischem Boden nicht hinzu gehört. Ein Staat, der traditionell bemüht ist, bestmögliche Wirtschaftsbedingungen für kapitalistische Staaten zu schaffen. Dieses Ziel wurde in Libanon und auch der Türkei bereits in die Tat umgesetzt. In Syrien hingegen haben Israelis immer noch Einreiseverbot. Im Westen liegt dann noch der gescheiterte Libanon. Dessen Einwohner im Krieg gegen Israel durch Syrien unterstützt wurden, woran sich aber nur noch die Hisbollah zu erinnern scheint. Der Rest lebt den „amerikanischen Traum“ und schaut verächtlich auf die vermeintlich armen Syrer. Islamistische Rebellen können hier frei durchziehen.

Das Bizarre daran ist, dass zwar offensichtlich jeder dieser Staaten Assad lieber heute als morgen fallen sehen will, jedoch bisweilen keiner militärisch direkt eingreift. Stattdessen steht die syrische Armee, laut westlicher Schreibung, in einem „Bürgerkrieg“ an vielen Fronten. Politische Ziele sind bei vielen Rebellen hingegen nicht wirklich formuliert. Es geht hierbei oftmals nicht über „Assad muss weg“ hinaus. Bei anderen träumt man von Scharia und einer Vernichtung aller Andersgläubigen. Wieder andere plündern, was man eben findet, um sich kostenfrei das gute Leben finanzieren zu können. Im Nordwesten stehen die offen durch den Westen geforderten Gruppen der „Freien Syrischen Armee“. In unmittelbarer Nähe stehen auch die Al-Nusra Brigaden, deren Ziele deutlich unverhohlener formuliert sind, die aber ebenfalls Unterstützung aus dem Westen bekommen. Die Kurden kämpfen im Nordosten. Der Islamische Staat hält flächenmäßig weiterhin große Gebiete, auch wenn dies häufig nur menschenleere Wüstengebiete sind. Gerade der IS lebt aber auch von seinen zahlreichen ausländischen Kämpfern.

Unterstützt wird die syrische Armee an ihren zahlreichen Fronten lediglich durch iranische Revolutionsgardisten, russische Luftwaffe und die Hisbollah. Was Syrien jetzt braucht, ist ein Ende der Sanktionen gegen die syrische Regierung, um insbesondere die Bevölkerung weiter versorgen zu können.

Auch unsere Länder sollten endlich mit der syrischen Regierung sprechen, damit dieser Krieg endlich ein Ende finden kann. So kann auch die vermeintliche Flüchtlingskrise gelöst werden und nicht durch Verhandlungen mit dem Türken Erdogan. Ein starkes Syrien wird niemand mehr verlassen müssen. Die syrische Regierung reicht seiner geflohenen Bevölkerung die offene Hand. Bezüglich der vielen „angeblichen Syrer“, die jetzt nach Europa strömen, kann gerade die syrische Regierung helfen, um festzustellen, wer denn eigentlich Syrer ist und wer nicht. Schlechte Zeiten für Asylbetrüger würden anbrechen!

Wir als volksbewusste Europäer sollten mit Syrien gerade deshalb solidarisch sein, da hier gelebt wird, wovon bei uns oftmals nur gesprochen wird. Man kämpft gegen den Einzug des Kapitalismus und Zionismus, für Freiheit und den eigenen Sozialismus. Somit sehen wir hier in Syrien Menschen, die uns weltanschaulich näher stehen, als man häufig denkt.

Was können wir tun, um Syrien zu unterstützen? Macht auf die Wahrheit aufmerksam! Gerade hier und jetzt zeigt sich der Kapitalismus von seiner wahren und hässlichen Fratze. Zeigt sie unseren Mitmenschen! Lasst uns Syrien aber auch humanitär unterstützen. Auch Deutschland konnte im Zweiten Weltkrieg auf die Unterstützung freier Menschen aus aller Welt bauen. Wer von Weltanschauung spricht, sollte die Scheuklappen nicht nach dem Motto aufsetzen, „wo der Kapitalismus mir nicht schadet, ist er mir egal“. Unsere Feinde agieren international. Daher sollten wir uns solidarisch mit allen Völkern zeigen, die im Kampf gegen ihn stehen. Letztlich ist der Feind derselbe.

Bereits jetzt steht für mich fest, dass ich nach Syrien wiederkehren werde. Jedem Leser lege ich wärmstens ans Herz, sich ebenfalls immer und überall selbst ein Bild zu machen und nicht blind und taub den Medien zu glauben. Wer weiß, vielleicht schließen sich bei der nächsten Reise einige Interessierte an!?

Quelle: Der Dritte Weg

Bemerkung: Dieser Reisebericht nimmt mit diesem Artikel ein Ende. Jeder weiß nun, wie es um Syrien bestellt ist. Ich bedanke mich beim Internetportal „Der Dritte Weg“ über diese aufschlußreiche Dokumentation und selbstverständlich möchte ich dazu beitragen, daß die Wahrheit noch mehr an Öffentlichkeit gewinnt. Mein Dank auch an den nicht namentlich genannten Patrioten, der diese Reise unternahm und uns letztendlich seine Erlebnisse und Eindrücke schilderte!

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Ubasser

2 Antworten zu “2. Fortsetzung: Ein Besuch in Syrien

  1. Andrea 14. Juni 2016 um 12:38

    Ich möchte auch einmal nach Syrien reisen. Das ist mein Wunsch noch bevor im Nahen Osten alles auseinanderfiel.
    Es ist so schade. Wir bekommen dieses Affenvolk ab (nicht nur aus Syrien, weiß ich schon) und eventuell sind die „drüben“ auch froh, wenn sie die endlich los haben.

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